Lebensraum Wald – Feindbild der Regierung Bolsonaro

Kommentar

Brasilien hat im Amazonasgebiet Schutzgebiete geschaffen, die die Bewohner/innen nutzen dürfen und die sie als ihren Lebensraum gegen Zerstörung verteidigen. Diese Gebiete behindern jetzt Agrobusiness und Bergbau – und damit die Interessen des derzeitigen brasilianischen Machthabers.

Amazonas Regenwald

Im Sommer 2019 schockierten die Bilder von dem brennenden Amazonaswald die Welt. Und die ersten Meldungen für das Jahr 2020 sind nicht ermutigend. Vorläufige Zahlen zeigen an, dass die Entwaldung weiter voranschreitet. Im Mai 2020 hat das für die Satellitenbeobachtung zuständige Institut INPE mehr Brandherde als im Katastrophenjahr 2019 registriert. Aber die spektakulären Bilder des brennenden Waldes zeigen nur den sichtbaren Teil der Zerstörung. Denn es geht hier nicht nur eines der artenreichsten Ökosysteme der Welt in Flammen auf, es wird auch der Lebensraum indigener Völker und traditioneller Gemeinschaften zerstört. Damit ist auch ein erfolgreiches Modell der Bewahrung des Waldes zusammen mit seinen Bewohner/innen in Gefahr.

Im Amazonasbecken liegt das größte zusammengehende Gebiet tropischer Regenwälder dieser Welt. Zwar ist die Zerstörung vorangeschritten, aber etwa zwei Drittel der ursprünglichen Waldfläche sind noch erhalten. Wir wissen inzwischen, wie wichtig der tropische Regenwald für das Klima und die Bewahrung der Biodiversität ist. Wir wissen aber auch, dass dieser Wald seit Jahrhunderten von Menschen bewohnt und genutzt wird.

Bis vor etwa 60 Jahren waren die Spuren der Zerstörung dennoch minimal. Indigene Völker und traditionelle Gemeinschaften haben mit dem Wald gelebt und gewirtschaftet. Umso absurder ist es, dass auch in Brasilien Naturschutzkonzepte verfolgt wurden, die auf Waldschutz ohne Menschen aufbauen wollten. So sahen die Konzepte der „Nationalwälder“ wie zum Beispiel am Tapajos Fluss („Nationalwald Tapajos“) vor, die Bewohner/innen zu vertreiben. Aber in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begann ein Prozess, in dem sich indigene Völker und andere Bewohner/innen des Waldes organisierten. Besonders bekannt wurde der Kampf der Kautschukzapfer durch den Mord an ihrem Anführer Chico Mendes. Der Kampf um Schutz und Nutzen der Natur wurde zu einem Kampf um Anerkennung sozialer Akteur/innen und deren Rechte.

Und dieser Kampf hat zu Erfolgen geführt. Heute leben die Gemeinschaften im Flona Tapajos und sind seine Verwaltung eingebunden. Sie verteidigen ihren Nationalwald, und ihr Beispiel hat dazu geführt, dass auf der anderen Seite des Flusses ein großes Schutzgebiet eingerichtet wurde. Die Initiative ging von den Bewohner/innen selbst aus. Nach langen Auseinandersetzungen schuf die brasilianische Gesetzgebung Kategorien von Schutzgebieten,  die die Nutzung durch deren Bewohner/innen erlauben und sogar fördern. Dies kann als ein Beispiel für eine globale Perspektive des Naturschutzes dienen.

Schutzgebiete sind keine Inseln der Seligen. Sie sind Territorien voller Konflikte. Aber die Zahlen sind eindeutig. Innerhalb der Schutzgebiete ist die Entwaldung deutlich geringer als außerhalb. Die indigenen Völker und die traditionellen Gemeinschaften Amazoniens verteidigen inzwischen die Schutzgebiete als ihre Territorien. Und dabei geht es um viel Land. Mehr als 40 Prozent des brasilianischen Amazonasgebiets sind in als indigene Territorien und  Schutzgebiete demarkiert.

Damit sind sie zu einem Hindernis für die Ausbreitung von Agrobusiness und Bergbau geworden – und zu einem zentralen Feindbild der Regierung Bolsonaro. Zwar kommen Gesetzesvorhaben zur „Flexibilisierung“ nicht recht voran, aber allein die Aussicht auf Straflosigkeit hat die Entwaldung wieder ansteigen lassen. Besonders besorgniserregend ist dabei, dass die Entwaldung in indigenen Gebieten um 64 Prozent gestiegen ist. Eine große Rolle spielt dabei die illegale Goldgräberei. Die durch sie verursachte Entwaldung ist um 80 Prozent gestiegen.

Der Blick auf den brennenden Wald birgt Gefahren. Er entsozialisiert und macht nicht die Menschen sichtbar, die im Wald leben. Sie aber sind diejenigen, die für den Erhalt ihres Lebensraumes eintreten. Diese Verbindung von sozialen Akteur/innen und dem Schutz der Natur macht Mut. Und gleichzeitig ist sie in der aktuellen politischen Lage so gefährdet. 

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