Made in Europe

Analyse

Das nachhaltige Textil-Startup «von Jungfeld» ließ seine 
Socken von Gründung an nur in Europa anstatt in Asien produzieren. Während der Corona-Pandemie war das ein entscheidender Vorteil: Die Lieferketten waren nicht unterbrochen. Ist deglobalisierte Produktion ein Modell für die Zukunft?

Made in Europe

Als Lucas Pulkert und Maria Pentschev im März des vergangenen Jahres für alle Mitarbeitenden Kurzarbeit anmeldeten, hätten sie sich das nie träumen lassen: Zwei Monate später hatte ihre Textilfirma «von Jungfeld» bereits den gesamten Umsatz des Vorjahres erwirtschaftet. Von Kurzarbeit war keine Rede mehr. Im Gegenteil: Die 15 Mitarbeitenden waren während des ersten Lockdowns in Deutschland zu 120 Prozent ausgelastet. «Maria und ich haben über Ostern quasi im Büro gelebt», erinnert sich Lucas Pulkert.

Vor gut sieben Jahren hat der 29-Jährige während seines Bachelorstudiums (Kultur und Wirtschaft in Mannheim) gemeinsam mit Pentschev die Firma gegründet. Eigentlich ist das Unternehmen auf Damen- und Herrensocken in Bioqualität spezialisiert, doch im Frühjahr stellten die beiden Gründer/innen innerhalb von nur wenigen Wochen die Produktion fast ausschließlich auf Atemschutzmasken um. Mittlerweile liegt die Zahl der verkauften ­Masken im siebenstelligen Bereich, über 55.000 von ihnen gingen in einer Spendenaktion an Bedürftige. «Wir waren einer der ersten Hersteller in Deutschland, die Masken produziert haben», sagt Pulkert, «die Nachfrage war riesig». Es habe sich zunächst um eine Art Not-Innovation gehandelt, da der Handel mit Socken fast komplett zum Erliegen gekommen war. Wie sich rasch zeigte, löste die Firma damit aber nicht nur ihr eigenes, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. Während in Deutschland noch über Sinn und Unsinn von Masken debattiert wurde, war eigentlich längst klar: Es gibt zu wenig Masken, wenn alle eine tragen sollen. Die vor allem in China produzierte Ware wurde knapp, globale Liefer- und Handelsketten waren unterbrochen. Laut Statistischem Bundesamt bezog Deutschland 2019 Textilien und Bekleidung aus China mit einem Gesamtwert von etwa 10,6 Milliarden Euro. In der Textilbranche ist China der wichtigste Handelspartner, vor Bangladesch und der Türkei.

«Von Jungfeld» aber wählte von Gründung an einen anderen Geschäftsansatz. Anstatt günstig Material zu importieren oder global produzieren zu lassen, setzen die beiden Gründer/innen auf Nachhaltigkeit. «Wir wollen für die Folgen unseres wirtschaftlichen Handelns innerhalb des kapitalistischen Systems Verantwortung übernehmen», sagt Pulkert. Daher ließen sie anfangs nur in Deutschland produzieren. «Nach ein paar Jahren haben wir aber festgestellt, dass dies keine gute Lösung für uns ist», sagt Pulkert. Es gab Qualitäts­probleme, zudem lagen die Kosten zu hoch. «Deutschland ist kein Textilindustrie-Land mehr, die Socken­strickmaschinen stammen zum Teil noch aus Beständen der DDR, sie sind langsam und damit teuer», so Pulkert.

Um den Qualitäts- und Nachhaltigkeitsstandards dennoch gerecht werden zu können, hat von Jungfeld in einem Kompromiss die Produktion an drei europäische Hauptstandorte verlagert: Türkei, Portugal und Polen. «Unser Produzent in der Türkei zum Beispiel arbeitet mit einer hochmodernen Anlage und zahlt gute Löhne – die mögen unter deutschem Niveau liegen, aber in Bezug auf die dortigen Lebenshaltungskosten sind sie fair.» Übergeordnetes Ziel sei es, die Produktionsbedingungen kontrollieren zu können und sie immer wieder zu hinterfragen. «Nur dann entsteht Vertrauen in unsere Firma», sagt Pulkert.

Von diesem Vertrauen und dem guten europäischen Netzwerk profitierte von Jungfeld bei der schnellen Produktionsumstellung im Frühjahr 2020. Als beispielsweise an einem Standort in Portugal Ohrengummis für Masken ausgingen, ließ von Jungfeld kurzerhand Nachschub aus Bulgarien liefern. «Statt auf Globalismus setzen wir auf europäischen Regionalismus», sagt Pulkert. Von einer Rückkehr zur rein nationalen Produktion hält er dagegen nichts. «Kein Land muss sich selbst versorgen können», so Pulkert.

Auch die Idee, Masken herzustellen, ist das Resultat einer europäischen Kooperation. Den Impuls dazu gab die tschechische Firma BeWooden, die Accessoires und Schmuck aus Holz herstellt – und mit deren Gründer Maria Pentschev befreundet ist. Die Produktion in Deutschland starteten sie gemeinsam, mittlerweile agieren beide Firmen wieder getrennt in ihren Heimatmärkten.

Bei der Frage, ob Corona die Textilbranche im Hinblick auf die Produktionsstrukturen nachhaltig verändern wird, ist sich Lucas Pulkert nicht sicher. «Ich würde es mir ­wünschen», sagt er. Aber die Regierung habe es bislang versäumt, Hilfen für die Textil­branche an Bedingungen zu knüpfen, die langfristig zu mehr Nachhaltigkeit führen würden. «Man hätte Unternehmen unterstützen können, die sich verpflichten, in einem bestimmten Zeitraum eine bestimmte Prozentzahl ihres Portfolios auf nachhaltige Mode umzustellen», sagt Pulkert. Zuversichtlich stimmt ihn jedoch die Verbraucherseite: «Es hat ein Umdenken in der Bevölkerung eingesetzt», sagt Pulkert. Die Vorteile lokaler oder regionaler Produktion werden wieder gesehen. Das stärkt junge Firmen wie von Jungfeld, die bereits vor Corona auf Nachhaltigkeit gesetzt haben.


Susanne Lang lebt als freie Redakteurin und Autorin in Berlin.

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