«Der Staat muss die Richtung vorgeben»

Porträt

Professorin Mariana Mazzucato will den Kapitalismus umstruk­turieren. Sie sieht den öffentlichen Sektor als Treiber von nachhaltigem, inno­va­tions­basiertem Wirtschafts­wachstum.

Ein gleichzeitiger Corona-Impfstart in allen 27 EU-Staaten ist nach Mariana Mazzucatos Geschmack. Die italienisch-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin hat jahrelang den früheren EU-Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation beraten. Schon vor der Covid-19-Pandemie sagte sie in einem FAZ-Interview: «Der Staat muss die Richtung vorgeben und ambitionierte Ziele setzen.» Jetzt fordert sie, dass sich reichere Länder zur weltweiten Massenbeschaffung von Vakzinen verpflichten, um überall Impfungen zu ermöglichen. Genau das regelt die Weltgesundheitsorganisation WHO, indem sie die internationale Corona-Impfinitiative Covax koordiniert: 2021 stellen 98 wohlhabendere Länder 1,3 Milliarden Impfdosen für 98 ärmere Staaten bereit.

Mazzucato leitet bei der WHO seit November 2020 den neuen «Council on the Economics of Health for All». Dieser «Rat für die Wirtschaftlichkeit von Gesundheit für alle» will durch Investitionen in die Gesundheit ein nachhaltiges, inklusives und innovationsbasiertes Wirtschaftswachstum erreichen. Die 52-Jährige kann sich kaum etwas Spannenderes vorstellen, als Volkswirtschaften zu gestalten. Als vierfache Mutter will sie Lösungen für Wirtschafts-, Klima- und Gesundheitskrisen anbieten.

«Wenn wir fortfahren, das System jedes Mal zu flicken, werden wir immer einen Schritt hinterherhinken», warnt sie. Stattdessen sollte der öffentliche Sektor mitgestalten, insbesondere im Hinblick auf die Probleme des Klimawandels und die Umsetzung eines Green New Deal. Deshalb würde Mazzucato Zuschüsse und Kredite in der Corona-Krise an Bedingungen knüpfen: Als Gegenleistung für Rettungsaktionen sollten Fluggesellschaften zum Beispiel verpflichtet werden, ihre Kohlenstoffemissionen zu senken.

Die gebürtige Römerin kennt die Vorteile von radikalen Erneuerungen seit früher Kindheit. Einen Perspektivwechsel erlebte sie als Vierjährige, als sie mit ihren Eltern und Geschwistern aus ­Italien in die USA umzog. Nach einem Master in Volkswirtschaftslehre startete sie eine wissenschaftliche Karriere, setzte dann zur Jahr­tausendwende nochmal eine persönliche Zäsur und kehrte mit ihrem Mann, einem Filmproduzenten, und ihren Kindern nach Europa zurück. Seit 2017 hat sie eine Professur für Innovationswirtschaft und Gemeinwohlökonomie am renommierten University College ­London (UCL). Dort ist sie außerdem Direktorin des von ihr gegründeten Instituts für Innovation und Gemeinnützigkeit (IIPP).

2020 listete das Männermagazin GQ Mazzucato unter den 50 einflussreichsten Menschen in Großbritannien – als ­«entscheidende Stimme im Bereich des linken akademischen Denkens». 2019 erhielt sie in London den alternativen «Not the Nobel Prize», der engagierte wirtschaftliche Denker und Macher auszeichnet. In der angelsächsischen Welt hat sie Promistatus und meldet sich regelmäßig in der BBC oder New York Times zu Wort. In der US-Zeitung bemängelte sie kürzlich, dass die weltgrößten Unternehmen immer weiterwachsen – «vor allem im Technologiesektor, der sich selbst als Leuchtturm der Innovation versteht, aber seinen sozialen Pakt mit der Gesellschaft nicht einhält». Die Ökonomin vermisst Fairness bei Löhnen oder Steuern – und sieht Privatunternehmen nicht als Innovationstreiber.

«Ohne den Staat gäbe es das iPhone heute nicht», lautet der vielleicht bekannteste Satz von Mazzucato. In ihren Publikationen stellt sie klar, dass staatliche Finanzierung bedeutende technische Neuerungen wie das Internet erst ermöglicht hätten, ­während Privatunternehmen den Gewinn einstrichen. Jetzt in der ­Covid-19-Pandemie suchen Italiens, Südafrikas und andere Regierungen Mazzucatos Rat. Und wie ein Mantra wiederholt sie ihre These – auch in ihrem neuen Buch «Mission Economy», das Ende Januar 2021 in Großbritannien erschienen ist: «Wir können nur ­beginnen, Antworten zu finden, wenn wir den Kapitalismus grundlegend umstrukturieren.» Diesmal geht es ihr um große ökologische, gesundheitliche und soziale Herausforderungen nach Covid, wie die globale Erderwärmung, Umweltverschmutzung, auch Demenz, Fettleibigkeit oder Waffengewalt und Mobilität.

In Mazzucatos neuer Normalität werden öffentlich-private ­Kooperationen nicht vom Profit angetrieben. Für die Corona-­Impfungen heißt das, sicherzustellen, «dass Patente nicht missbraucht werden und dass die Preise von Medikamenten die zugrunde­liegende öffentliche Finanzierung widerspiegeln».


Kerstin Kloss arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

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