Der Zukunft entgegen

Dossier

Meilensteine auf dem Weg in das postfossile Zeitalter – von 1956 bis 2021

Solarenergie

1956 - Peak-Oil

Es ist eine einfache Wahrheit. Doch als Marion King Hubbert 1956 das Ende des billigen Erdöls voraussagt, da wiegt sich die westliche Konsumgesellschaft noch in der Sicherheit, dass Öl – ihre wichtigste Energieressource – wohl unendlich sein müsse. Und ewig billig. Doch Hubbert prophezeit, dass es mit der Ölförderung vom Jahr 2000 an bergab gehen wird, weil ein endlicher Planet keine unendlichen Ressourcen liefert. Irgendwann sei Schluss, und dann werde aus dem knappen Gut ein teures Gut. Hat Hubbert recht behalten? Ja – wenn man auf die Ölförderung in Ländern wie Mexiko, Norwegen oder Kolumbien blickt, wo sie ihr Maximum überschritten hat. Nein – wenn man auf das Jahr 2000 blickt. Denn vor allem durch neue Öl-Lagerstätten in Teersanden ist die weltweite Förderung seitdem weiter gewachsen und stagniert erst heute – auf hohem Niveau. Falls die Ölförderung in Zukunft deutlich zurückgeht, dann wird es wohl nicht am Mangel an Erdöl liegen, sondern an dem Willen, die Klimakrise ernsthaft anzugehen. 

Grafik: Ölfördermengen

1958 - Die Solarzelle erreicht den Weltraum

Der Anfang war Rocket-Science. Als am 17. März 1958 zum ersten Mal in der Raumfahrt Solarzellen für die Energieversorgung (mit) eingesetzt werden, da gilt die Umwandlung von Licht mit Silizium-Halbleitern in Strom noch als ein technisches Wunderwerk – als Raketenwissenschaft. Dabei wurde das Prinzip schon im 19. Jahrhundert entdeckt. Aber erst mit dem Einsatz im 1,5 Kilo leichten Satelliten «Vanguard 1» gelangte das Prinzip vom Labor in die Welt. Hans Ziegler hieß der in München geborene Ingenieur, der die Solarzelle als Standard-Stromquelle für Satelliten bei der NASA durchsetzte. Und er sagte den Skeptikern schon 1954, dass die blaue Zelle sich als «wichtige Quelle für elektrische Energie erweisen wird, da die Belegung aller Dächer der Städte und Gemeinden ausreichen würde, um den gesamten Bedarf an elektrischer Energie für das Land zu decken». Damals reine Utopie. Heute erzeugen kommerzielle Solaranlagen den Strom gerade in sonnenreichen Ländern für 1 bis 2 Euro-Cent je Kilowattstunde. Und gelten selbst in Deutschland inzwischen als die billigste Form der Stromerz. 

Solarzelle im Weltraum

1962 - «Der Stumme Frühling»

Die Welt bekam Angst. Eine «seltsame schleichende Seuche» hat ein Dorf im Herzen der USA gepackt. Die Tiere vergiftet. Kinder krank gemacht. Wo einst die Luft vom «Chor der Vogelstimmen» erfüllt war, ist jetzt kein Laut mehr. Ein stummer Frühling. Die Wissenschaftjournalistin Rachel Carson trifft die USA und Europa mit ihrer dystopischen Parabel vom Sterben der Natur ins Mark. In den 1960ern erlebt die Menschheit zum ersten Mal, dass die Natur nicht mehr übermächtig ist. Sondern ohnmächtig, angesichts einer Agrarindustrie und Chemiekonzernen, die ihr mit Giften wie DDT auf den Leib rücken. Carson deckte auf, Carson klärte auf. Und brachte die Selbstgefährdung des Menschen durch die «Verunreinigung von Luft, Erde, Flüssen und Meer mit gefährlichen, ja oft sogar tödlichen Stoffen» ins Bewusstsein. Ihr Buch hat dazu geführt, dass DDT heute weitgehend verboten ist. Sie selbst gilt als «Begründerin des modernen Umweltschutzes». 

Cover: Rachel Carson

1972 - Bericht des Club of Rome

Der Titel sagt alles. Mit ihrem Bericht «Die Grenzen des Wachstums» will das Team von Dennis Meadows am MIT in Boston der Menschheit eben jene Grenzen aufzeigen. Bevölkerungswachstum, Ressourcenverschwendung, Vernichtung von Lebensraum, Industrialisierung: Wenn das so weitergeht, dann werde es zum Kollaps kommen. Meadows weist damit als einer der ersten darauf hin, dass lokales Handeln globale Auswirkungen hat. Und er setzt für die Berechnungen verschiedener Szenarien erstmals auf Computer – auch wenn seine Rechenzentren heute von jedem PC übertroffen werden. Die Botschaft: Bei weiterem exponentiellem Wachstum wären die Ressourcen ab 2100 erschöpft. Das würde zu Nahrungsknappheit und Massensterben führen. Zu verhindern sei das vor allem durch Geburtenkontrolle, Umwelttechnik und Kreislaufführung aller Rohstoffe, sprich durch Recycling. Damit hat der Bericht bis heute die Richtung der Umweltpolitik vorgegeben.

1972 - Umweltkonferenz Stockholm

Die erste Konferenz für Umweltfragen im globalen Rahmen findet vom 5. bis 16. Juni 1972 in Stockholm statt und markiert den den Startpunkt der internationalen Umweltpolitik.

1977 Gründung Öko-Institut

In Deutschland beginnt mit dem Öko-Institut (1977) in Freiburg und dem ifeu Institut (1978) in Heidelberg eine unabhängige Umweltforschung.

Besetzung der AKW-Baustelle in Wyhl im Jahr 1975
Aus der Besetzung der AKW-Baustelle in Wyhl im Jahr 1975 ging zwei Jahre später das Freiburger Öko-Institut hervor.

1979/1980/1983 Die Grünen formieren sich 

Im März 1979 fand sich ein Wahlbündnis zusammen, das unter der Bezeichnung "Sonstige politische Vereinigung Die Grünen" als ökologische Alternative an der Wahl zum Europäischen Parlament im Juni 1979 teilnahm. Im Januar 1980 konstituierte sich dieses Wahlbündnis zur Partei. Die Grünen zogen erstmals im März 1983 in den Deutschen Bundestag ein. 

1980/1985 «Energiewende» wird prominent formuliert

Die Energiewende ist machbar. Das zeigen Wissenschaftler*innen, als das Öko-Institut Freiburg im Jahr 1980 das Buch «Energiewende – Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran» vorlegt. Der deutsche Ökonom und Hochschullehrer Peter Hennicke folgt 1985 mit dem Buch «Die Energiewende ist möglich».

1986 - Tschernobyl

Sowjetmacht plus Elektrifizierung. Das war Lenins Erfolgsformel für den Sozialismus. Die Sowjets trieben den Atomstrom wuchtig voran. Doch als der Reaktorblock des Atomkraftwerks «W.I. Lenin» bei Tschernobyl am 26. April 1986 um 1 Uhr und 24 Minuten nachts explodiert, da zerstört die Atomkatastrophe den Glauben an die Wundertechnik. Besonders in Deutschland, wo SPD, FDP und CDU vom Segen der sauberen, billigen Kernenergie lange genauso überzeugt waren wie die Männer im Kreml. Nicht nur die Anti-Atom-Bewegung erlebt 1986 ein Revival. Ebenso nimmt die Suche nach Alternativen zu den immer gigantischeren Multi-Reaktoren-Zentralkraftwerken Fahrt auf. Auch die Macher des ersten «Einspeisegesetzes» für Strom aus Wasser, Wind und Solar in Deutschland standen unter dem Eindruck der Anti-Atom-Bewegung. Energie sollte «sanft», dezentral und ungefährlich sein. Tschernobyl hat dieser Überzeugung mächtig Energie verliehen.

1987 - Brundtland-Bericht

Eine neue Welt in 19 Wörtern. Der Bericht der damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland für die UN hat der Welt ein neues Paradigma gegeben: Nachhaltigkeit: «Humankind meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.» Die heutige Generation darf die Welt den Nachgeborenen nicht schlechter hinterlassen – eine der zentralen Forderungen von Fridays for Future mehr als 30 Jahre später. Die Brundtland-Kommission reagiert auf die damals offenkundig gewordene Tatsache, dass der Mensch seinen Planeten so radikal verändert, dass manche dieser Veränderungen für ihn selbst lebensbedrohlich werden. Aber der Bericht wollte kein Untergangsszenario zeichnen: Er beschwor eine «neue Ära des Wachstums», die auf Nachhaltigkeit und neuen Ressourcen beruhen sollte.

1990 - Stromeinspeisegesetz in Deutschland

Freie Fahrt für besseren Strom. Die monopolistischen Stromkonzerne in Deutschland blockieren jeden Ansatz, dass Strom aus Wasserkraft, Wind oder gar Solarzellen sich in «ihrem» Stromnetz ausbreitet. Ein grüner und ein CSU-Abgeordneter setzen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion durch, dass Erneuerbare mit festen Einnahmen für jede Kilowattstunde rechnen können und Vorfahrt im Stromnetz bekommen. Das Modell «Einspeisegarantie mit Festvergütung» wurde zum weltweiten Erfolgsmodell: Zuerst in der EU, und dann in Dutzenden Ländern. Rund um den Globus wurde das Gesetz kopiert und regional angepasst. In Deutschland folgte im Jahr 2000 dem Einspeise- das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das – in hunderten Details weiterentwickelt – das Grundprinzip bis heute weiterleben lässt.

1992 - Umweltkonferenz Rio

Erste globale Konferenz. Angeregt durch den Brundtland-Bericht treffen sich im Juni Vertreter*innen aus 178 Ländern in Rio de Janeiro – bekannt als Erdgipfel oder Rio-Konferenz –, um über Fragen zu Umwelt und Entwicklung im 21. Jahrhundert zu beraten. Wichtige Ergebnisse sind die Agenda 21, die Rio-Erklärung über Umwelt und Entwicklung, die Klimarahmenkonvention, die «Forest Principles» und die Biodiversitätskonvention. 

Severn Suzuki
1992, 27 Jahre vor Greta Thunberg, richtete sich die damals 12-jährige Severn Suzuki mit einer emotionalen Rede an die Teilnehmer*innen der ersten globalen Klimakonferenz in Rio.

1997 - Kyoto-Protokoll

Das 2005 in Kraft getretene Kyoto-Protokoll (benannt nach dem Ort der Konferenz 1997) legt erstmals völkerrechtlich bindende Zielwerte für den Treibhausgas-Ausstoß in den Industrieländern fest.

1999 - Ökosteuer

Mehr Geld für deine Arbeit, weniger Geld für die Ölscheichs – das ist die Idee hinter der Ökosteuer. Die Steuer auf Öl, Gas und Strom aus Kohlekraftwerken soll diese Energie so teuer machen, dass der Verbrauch immer weiter zurückgeht – und damit auch die Umweltschäden vom Ressourcenabbau bis zum Klimawandel. Gleichzeitig soll das Geld, das so in den Staatshaushalt fließt, saubere Energien fördern und Arbeit billiger machen. Dazu sollte die Ökosteuer in die Rentenkassen fließen. Weniger Arbeitskosten = mehr Jobs. So die einfache Formel. Doch so gut gemeint und im Prinzip richtig die Idee ist: In der Praxis waren die Preissteigerungen für Energie viel zu zaghaft, um ein Umsteuern auszulösen. Und Steuerentlastungen kamen bei den Arbeitnehmer*innen nicht merklich an. Aber die Idee, klimaschädliche Energien teurer zu machen, hat sich im Emissionshandel und in der höheren Besteuerung von Treibstoffen und Heizöl heute fest etabliert.

2003 - CO2-Handel in Europa

Das europäische Parlament beschließt ein Handelssystem für Klimagasemissionen in Europa. Mittlerweile ist der Preis von 5 auf fast 30 Euro je Tonne CO2 angestiegen.

2006 - Tesla Roadster

Tesla stellt sein erstes Serienauto vor: einen Sportwagen, von null auf hundert in 3,9 Sekunden. Das katapultiert die Elektromobilität aus der Öko-Nische in den Massengeschmack.

2010 Alpha Ventus

In der Nordsee geht der erste Offshore-Windpark mit einer Handvoll staatlich geförderter Anlagen in Betrieb. Das Tor für die Windkraft vom Meer ist damit geöffnet. 

Alpha Ventus

2011 - Atomunfall Fukushima

Aufgrund der dramatischen Bilder aus Japan leitet Angela Merkel den endgültigen Ausstieg aus der Atomkraft ein. Und weltweit geht die Zahl der Atomkraftwerke immer weiter zurück.

2012 - 2. Umweltkonferenz Rio

Im Juni findet erneut ein Gipfeltreffen der Vereinten Nationen zu nachhaltiger Entwicklung in Brasilien statt, in Anspielung an die Konferenz 1992 auch Rio+20 genannt. Die bereits im Vorfeld veröffentlichte Abschlusserklärung brachte kaum relevante Ergebnisse.

2015 - Klimakonferenz Paris

Gekämpft bis zuletzt. Das hat vor allem die UN-Klimachefin Christiana Figueres, bevor endlich der letzte der 195 Delegierten auf der 15. Klimakonferenz in Paris den Vertrag unterschreibt. Der Inhalt: Die Welt vor gefährlichen Klimaveränderungen bewahren und dazu den Anstieg der globalen Temperatur auf 1,5 bis 2 Grad begrenzen. Es ist auch der Höhepunkt eines schier unendlichen Verhandlungsmarathons unter dem Dach der UN, der schon 1979 mit einer Konferenz in Genf begonnen hat. Zum Anfang ging es vage darum, was die Menschen grundsätzlich tun müssten, um den sich abzeichnenden Klimawandel zu begrenzen. Langsam wurden die Ziele konkreter, der Kreis der Teilnehmenden größer und die Verträge verbindlicher. Auf der Klimakonferenz in Paris wurde dann endlich ein weltweiter, rechtlich verbindlicher Vertrag geschlossen, der alle relevanten Nationen in die Pflicht nahm. Die Verhandlungen standen bis zuletzt auf der Kippe. Zum Schluss standen Christiana Figueres Tränen der Erschöpfung und Erleichterung in den Augen. 

Christiana Figueres + Laurent Fabius
UN-Klimabeauftragte Christiana Figueres gemeinsam mit dem französischen Außenminister Laurent Fabius nach dem erfolgreichen Abschluss der Konferenz in Paris.

2018 - Fridays for Future

Greta Thunberg beginnt ihre Fridays for Future Streiks. Nach ihrem Vorbild entsteht in kurzer Zeit eine globale soziale Bewegung. Beim ersten weltweit organisierten Klimastreik am 15. März 2019 nehmen bereits knapp 1,8 Mio. Menschen an den Demonstrationen teil. 

Greta Thunberg

2018 - Auch VW macht Schluss

2026 soll zum letzten Mal die Produktion eines neuen Fahrzeugtyps mit Verbrennungsmotor starten. Das Ende von Benzin und Diesel läuten VW und andere Autokonzerne mit einer wahren Flut neuer Elektromobile ein.

2019 - Kohleausstieg

In Deutschland vereinbaren Umweltverbände, Unternehmen und Regierung, den letzten Kohlemeiler bis spätestens 2038 abzuschalten. Den gesellschaftlichen Frieden lassen sich die Energieversorger mit einem Goldenen Handschlag versüßen.

2020 - Klimapaket in Deutschland

Das Klimapaket schreibt vor, dass Deutschland seine CO2-Emissionen bis 2030 um 55 Prozent senkt. Bei aller Kritik im Detail: Deutschland nimmt damit verbindlich Kurs Richtung Klimaschutz.

2020 Green New Deal

Weltmeister beim Klimaschutz. Zumindest auf dem Papier ist die EU seit dem Green New Deal weltweit wieder führend beim Klimaschutz. Als erster Kontinent wollen die Staaten der Europäischen Union bis zum Jahr 2050 alle Klimagasemissionen auf null herunterfahren. Dazu sollen CO2-Emissionen immer teurer, einige besonders von der Kohleindustrie abhängige Regionen unterstützt und grüne Techniken gefördert werden. Der Green Deal gibt die Ziele vor, die Details müssen in den nächsten Jahrzehnten in Brüssel immer weiter ausverhandelt werden. Im April 2021 wurden diese Ziele im EU-Klimagesetz festgeschrieben, das 27 Staaten zur Klimaneutralität führen soll.

2021 USA: «Saubere Stromversorgung bis 2035»

US-Präsident Joe Biden gibt das Ziel aus, die gesamte Stromversorgung der USA bis 2035 auf CO2-freie Energieträger umzustellen. Im April lädt er rund 40 Staats- und Regierungschefs zu einem virtuellen Klimagipfel ein, um auf internationaler Ebene zu konkretisieren, welche Klimaziele sich die Vereinigten Staaten geben.

2021 China will klimaneutral werden

Chinas Staatspräsident verkündet, dass das Land bis «spätestens 2060» klimaneutral werden will. Konkret wird er zunächst nicht.

2021 Urteil des Bundesverfassungsgerichts

Die Nachricht schlägt im April ein wie eine Bombe: Das oberste deutsche Gericht in Karlsruhe verpflichtet die Bundesregierung, ihre vagen Klimaschutzpläne konkret zu machen und auch langfristig verbindliche Ziele festzulegen. Klimaschutz sei ein zentrales Staatsziel, Aufwand und Kosten der Umsetzung dürfen nicht auf kommende Generationen verschoben werden – so das Urteil. Damit haben sich die Prioritäten in Deutschland dauerhaft Richtung «Nachhaltigkeit» verschoben.

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