Frauen und Ernährung

Das ist keine Hausarbeit

Die Agrarökologie hat sich als ein Konzept gegen die industrielle Landwirtschaft etabliert – auch, weil sie Gesellschaft und Machtverhältnisse stets mitdenkt: Sie bietet den Rahmen für die Gleichberechtigung von Frauen in der Landwirtschaft.

Ökologischer Kartoffelanbau
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Ökologischer Kartoffelanbau im Albulatal im Schweizer Kanton Graubünden.

Lebensmittel sind weltweit ein wichtiges Thema, das in all seinen Aspekten kritisch hinterfragt wird. Von der Erzeugung über Verarbeitung und Vertrieb bis hin zu Fragen des Zugangs. Dies liegt teils daran, dass wir Lebensmittel zunehmend als Grundrecht begreifen – also als eine Notwendigkeit des Lebens und nicht nur als Ware, mit der wir handeln und die wir immer wieder neu erfinden, ohne Rücksicht auf die damit verbundenen Auswirkungen zu nehmen. Bei der Diskussion, die wir derzeit führen, geht es allerdings hauptsächlich um den besten Ansatz für unsere Lebensmittel- und Landwirtschaftssysteme. Und um die Frage, wie Hunger und Unterernährung am besten beizukommen ist – jetzt und in Zukunft.

Die Agrarökologie hat sich als wichtiger Ansatz für die Gestaltung von Lebensmittel- und Landwirtschaftssystemen etabliert. Sie bietet Antworten auf dringende Fragen: Welche Auswirkungen haben unsere Agrarökosysteme auf unsere Gesundheit? Wie muss Lebensmittelproduktion in Zeiten des Klimawandels gestaltet werden? Agrarökologie trägt den Handelsfragen in einer globalisierten Welt Rechnung, denkt Machtverhältnisse und demokratische Standards stets mit. Dabei ist Agrarökologie weder als Begriff noch als Ansatz neu – es gibt sie schon seit vielen Jahren. In letzter Zeit aber erhält das Konzept mehr Aufmerksamkeit und Zuspruch. Denn immer mehr Menschen sind davon überzeugt, dass Agrarökologie der praktikabelste Ansatz für nachhaltige Lebensmittelsysteme ist. Der Ansatz weist über den landwirtschaftlichen Betrieb hinaus, indem er sich auch mit dem sozialen und politischen Kontext befasst, in dem die Lebensmittelwertschöpfungsketten ablaufen. Er bezieht die Gesamtgesellschaft mit ein, unabhängig von Geschlecht, sozioökonomischem Status und Alter. Sie stärkt die Widerstandsfähigkeit gegen den Klimawandel und Marktschocks. Und stärkt zugleich kleine und große Erzeuger*innen.

Die Agrarökologie hat sich als Gegenkonzept zur industriellen Landwirtschaft etabliert. Denn dort herrscht eine übermäßige Abhängigkeit von Saatgut und landwirtschaftlichen Betriebsmitteln, angeboten von nur einigen wenigen Unternehmen, die dadurch die Marktmacht innehalten und sämtliche Produktions- und Vertriebssysteme für Betriebsmittel kontrollieren. Die Folgen sind erheblich: steigende Lebensmittelkosten, mangelnde Unabhängigkeit kleiner landwirtschaftlicher Betriebe und eine Schwächung der Ernährungssouveränität von Nationen, Gemeinschaften und Haushalten. Die industrielle Landwirtschaft hat zu mehr Hunger in der Welt geführt und die Grundlage der globalen Nahrungsmittelsysteme zerstört – Böden, Saatgut und Artenvielfalt. Außerdem haben sich Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in Landwirtschaft und im Lebensmittelsektor verschärft und die Dominanz der Männer zu Lasten der Frauen verstärkt.

Frauen werden im Rahmen derzeitiger Lebensmittel- und Agrarsysteme ohnehin kaum berücksichtigt. Zusätzlich stehen Frauen in ländlichen Gebieten vor zahlreichen Herausforderungen. Sie haben zum Beispiel einen begrenzten Zugang zu Land und anderen produktiven und finanziellen Ressourcen wie Bildung und Gesundheitsversorgung, ländlichen Beratungsdiensten und Märkten. Die Anpassung an den Klimawandel fällt ihnen so ungleich schwerer und Beschäftigungsmöglichkeiten sind rar. Diese Ungleichheiten führen dazu, dass Frauen sowohl von der politischen Entscheidungsfindung als auch vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden – und stattdessen sexueller Ausbeutung und häuslicher Gewalt ausgesetzt sind.

Frauen auf dem Land sind am stärksten von Ernährungsunsicherheit betroffen. Laut dem SOFI-Bericht 2021 (State of Food Security and Nutrition) hat sich die geschlechterspezifische Diskrepanz in Bezug auf mäßige oder schwere Ernährungsunsicherheit im Jahr der Covid-19-Pandemie noch verschlimmert. Im Jahr 2020 waren zehn Prozent mehr Frauen von mäßiger oder schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen als noch 2019 (sechs Prozent). Darüber hinaus wird die meiste von Frauen in ländlichen Familien geleistete Arbeit wirtschaftlich nicht honoriert, da sie als Subsistenzarbeit angesehen wird: Im Rahmen der sozialisierten Geschlechterrollen fällt sie unter die Verantwortlichkeiten der Frauen. Ihre landwirtschaftlichen Tätigkeiten werden häufig als Hausarbeit betrachtet.

Die Agrarökologie ist eine Alternative zu den ungleichen Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern in ländlichen und städtischen Gesellschaften, denn sie bietet Instrumente und Wege zur Überwindung der Frauenunterdrückung. Durch den Ansatz der Agrarökologie werden Frauen auf dem Lande gestärkt, anerkannt und sichtbarer. Außerdem fördert Agrarökologie bessere wirtschaftliche Möglichkeiten für Frauen. Diversifizierung schützt Erzeuger*innen vor Risiken wie Wetter- und Marktschwankungen, verbessert die Lebensmittel- und Ernährungssicherheit der landwirtschaftlichen Haushalte und verringert die Abhängigkeit von gekauften Lebensmitteln. Und letztlich strebt die Agrarökologie vor allem ein gerechteres System an: Wo sie umgesetzt wird, können alle Formen von Ungerechtigkeit (nicht nur in Bezug auf Frauen) sichtbarer gemacht und so abgebaut werden. Es reicht allerdings nicht aus, Frauen einfach nur in Prozesse einzubeziehen: Tatsächliche Integration bedeutet, dass Frauen von Anfang an eingebunden sein müssen. Sie müssen die Dinge mitgestalten.

Aus all diesen Gründen gilt die Agrarökologie als eine Chance und ein Rahmenwerk, in dem Frauen das Lebensmittelsystem und die Wirtschaft von Grund auf verändern können. Zuletzt hat eine von La Vía Campesina und der Nationalen Vereinigung der Kleinbauern (ANAP) in Kuba durchgeführte Studie eindrücklich gezeigt, dass die Umstellung von monokultureller Landwirtschaft auf Agrarökologie die traditionellen Geschlechterrollen und Machtverhältnisse innerhalb von Bauernfamilien verbessert hat.

Es besteht ein immenses Potenzial, durch Förderung der Agrarökologie Frauen und feministische Stimmen in ländlichen Gesellschaften zu stärken und zu fördern. Konzept und Philosophie der Agrarökologie zielen zwar schon grundsätzlich auf eine Gleichstellung von Männern und Frauen ab, doch bedarf es eines starken feministischen Ansatzes, damit keine patriarchalisch geprägte Agrarökologie entsteht. Die Bewegung für Ernährungssouveränität und die feministische Bewegung reagieren beide auf komplexe politische Kämpfe. Da die Agrarökologie eine gerechte und faire Gesellschaft gestalten helfen kann, müssen die Akteur*innen beider Bereiche ihre Bemühungen unbedingt bündeln – für Geschlechtergerechtigkeit und ein Recht auf Nahrung für alle.

 


Felistus Mwalia arbeitet für die «Human Right to Food Initiative» der Heinrich-Böll-Stiftung im Büro Nairobi.

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