Essay

Kein Mitleid für Erben

Haben Sie gewusst, dass Deutschlands Erb*innen weniger zur Staats­finanzierung beitragen als Raucher*innen? Die Autorin Julia Friedrichs erklärt, warum der Satz „Erben bedeutet Verantwortung“ zwar individuell stimmen mag, gesellschaftlich aber nicht von Bedeutung sein sollte.

„Erben bedeutet Verantwortung.“ Seit fast zehn Jahren recherchiere ich zum Thema Erben – und kaum ein Satz fiel in all den Gesprächen häufiger. Vermögensberater werben mit ihm. Erbanwältinnen. Steuerberater. Und auch die Erben großer und mittlerer Vermögen sagen ihn immer wieder.

Wenn man zuhört, aus persönlich sehr nachvollziehbaren Gründen. Viele Erb*innen fühlen eine Verpflichtung, zu erhalten, was Eltern und Großeltern aufgebaut haben. Sie erzählen von Unternehmen, die wie Familienmitglieder mit am Esstisch saßen. Von dem Aufwand, alte Immobilien zu pflegen. Vor allem aber von der Last der Verantwortung, aus den guten Startchancen auch etwas zu machen: „Man will ja seinen Eltern etwas zurückzahlen“, sagen sie. Oder: „Meine Eltern sind so erfolgreich, da will ich keine Enttäuschung sein.“ Oder auch: „Das gibt mir den Druck, zu performen. Das Erbe gibt dir mehr Chancen. Du musst aber diese Chancen nutzen, um etwas zurückzugeben.“

Es ist die Angst, ein Nachfolger Hannos aus Thomas Manns Familienroman „Buddenbrooks“ werden zu können. Dessen Geburt wurde gefeiert mit dem Ausruf: „Ein Erbe! Ein Stammhalter! Ein Buddenbrook!“ Dann aber wächst er in den Augen seines Vaters zu einer einzigen Enttäuschung heran. Hanno ist kein Kaufmann. Er ist ein schwächliches, ein scheues, ein verträumtes Kind. Am Klavier flieht er vor der Last seines Erbes. Und seinem Freund gesteht er: „Ich kann nichts werden. Ich fürchte mich vor dem Ganzen.“ Mit ihm vergeht die stolze Unternehmerdynastie. Ganz wie im Sprichwort: „Der Vater erstellt es. Der Sohn erhält. Am Enkel zerschellt es.“

Die Figur des Erben, der der Verantwortung nicht gerecht wird, hat es in vielen Sprachen zur Redewendung gebracht: „Dalle stalle alle stelle alle stalle“. Aus dem Stall hoch in die Sterne und zurück in den Stall, sagt man in Italien. Bei den Chinesen sind es die Reisfelder, auf denen man wieder landet. In den USA sitzt der versagende Erbe wieder im selben kurzärmeligen Hemd da, das seine Vorfahren loszuwerden versuchten.

Erben bedeutet also tatsächlich Verantwortung, keine Frage. Die Verantwortung, nicht diejenige zu sein, an der die Familienkette zerreißt. Verantwortung, aus den exzellenten Möglichkeiten viel zu machen. Verantwortung, das Geld nicht nur zu haben, sondern zu verdienen, wie die Jacobs-Dynastie ihren Anspruch formuliert. Das alles ist meines Erachtens aus individueller Perspektive nachvollziehbar und verständlich.

Gleichzeitig aber spürt wer sich mit Erben und Erbschaften beschäftigt auch, wie der Satz „Erben bedeutet Verantwortung“ auf gesellschaftlicher Ebene benutzt wird, um sich genau dieser an zentraler Stelle zu entziehen.

Deutschland ist, was Vermögen angeht, ein sehr ungleiches Land. Der Unterschied zwischen den sehr Reichen und dem Rest der Bevölkerung ist hier größer als in den meisten anderen Industrieländern. Die Hälfte der Menschen hat kaum Vermögen, erbt und vererbt so gut wie nichts. Das reichste Prozent der Bevölkerung aber besitzt inzwischen gut ein Drittel – und ein Großteil davon ist nicht selbst erarbeitet, sondern wird vererbt: geschätzte 300 Milliarden Euro sind es pro Jahr, rund 500 000 Euro pro Minute. „Dalle stalle alle stelle alle stalle?“ Keine Sorge, möchte man den Erbinnen großer Vermögen zurufen. Die Chance, auf ewig in den Sternen zu bleiben, ist trotz aller Buddenbrook-Paranoia größer, als wieder im Stall zu landen. Und auch, das ist wichtig, leider wesentlich größer, als es aus eigener Kraft vom Stallboden nicht gleich in die Sterne, aber zumindest bis aufs Dach zu schaffen. Die Aufstiegsmobilität, also die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der in einer armen Familie zur Welt kam, durch eigene Arbeit zu Wohlstand kommt, ist in Deutschland niedrig und in den letzten Jahrzehnten gesunken. Der Bildungserfolg ist eng an die Herkunft gekoppelt. Sprich: Was man vom Leben erhoffen und erwarten darf, hängt hierzulande sehr eng damit zusammen, was die Eltern und Großeltern gemacht haben.

Aber zurück zu den Sternen und der Verantwortung, die mit einem Platz dort oben einhergeht. Wer mit seiner Hände oder seines Kopfes Arbeit Geld verdient, der weiß, dass er auch dadurch zur Verantwortung gezogen wird, dass er einen Teil davon in die demokratisch kontrollierte Gemeinschaftskasse zahlt, den Etat von Städten, Ländern und dem Bund. Und er weiß auch, dass der Grundsatz gilt, dass im Großen und Ganzen starke Schultern mehr tragen, dass der Satz mit steigendem Einkommen also ebenfalls steigt, auf maximal 45 Prozent.

Für Erben gilt das nicht. Von den geschätzten 300 Milliarden Euro, die im Jahr vererbt werden, landet nur sehr wenig beim Staat. 8,5 Milliarden Euro Erbschafts- und Schenkungssteuer waren es zuletzt. Das entspricht einer Steuerquote von rechnerisch knapp drei Prozent. Zum Vergleich: Die Tabaksteuer brachte im selben Jahr 14,7 Milliarden. Deutschlands Erb*innen tragen damit weniger zur Staatsfinanzierung bei als die Raucher*innen. Wer sich anschaut, wie sich die Steuer auf alle Erben verteilt, erkennt ein ungewöhnliches Muster: Es ist keine aufsteigende Linie, das Symbol der starken Schultern, die größere Lasten tragen. Die Erbschaftssteuer lässt sich am ehesten mit einem umgekehrten U darstellen. Kleine und mittlere Erbschaften sind durch die hohen Freibeträge steuerfrei, dann steigt der Satz an, um bei den großen Vermögen aber wieder zu sinken. Und so zahlt, wer 300 000 Euro erbt, im Schnitt mehr als jemand, der 30 Millionen bekommt. Wer drei Wohnungen erbt, mehr als jemand, der 300 erhält.

Wie das begründet wird? Genau: Mit der großen Verantwortung, die Erben großer Vermögen, die fast immer in irgendeiner Form in Unternehmen stecken (entweder real oder auf dem Papier), tragen. Der Staat erlässt ihnen die Steuer bis zur Höhe von 26 Millionen Euro ganz. Auch für höhere Summen gibt es die Möglichkeit der Verschonung. All das, obwohl das Verfassungsgericht den Gesetzgeber in Verfahren gemahnt hat, die „Überprivilegierung“ vermögender Unternehmenserben zu beenden, obwohl Erb*innen ohnehin schon einen Vorsprung beispielsweise vor Gründern haben, die ihre unternehmerischen Ideen per Kredit finanzieren müssen. Obwohl Deutschland Arbeit vergleichsweise hoch, Vermögen und Erbschaften aber ausgesprochen niedrig besteuert. Die Lobbyorganisationen vermögender Erben haben in diesem Punkt erfolgreiche Arbeit geleistet. Und die Politik hat ihnen, egal in welcher Koalition, wenig entgegengesetzt.

Dass all die, die nichts erben, den Staat aber durch Abgaben und Steuern auf ihre Arbeit finanzieren, das so hinnehmen, mag auch daran liegen, dass Erben so oft und erfolgreich darauf hingewiesen haben, wie schwer sie ohnehin schon an der Verantwortung des Erbes tragen. Als würden sie bei jeder weiteren Last zusammenbrechen.

Eine Haltung, die zum Beispiel in den seltenen Interviews der beiden BMW-Erben Susanne Klatten und Stefan Quandt deutlich wird. Sie sprechen über ihre Investments, die Mühen, ihr Geld zu mehren, die Verantwortung für Unternehmen und über Neid und sagen schließlich den Satz: „Wer würde denn mit uns tauschen wollen?“ Spätestens hier kippt die Erzählung von der großen Last des Erbes ins Zynische. Denn viele würden angesichts des Wohlstandsniveaus der BMW-Erben sicher den Finger heben. 

Ja, Erben geht mit Verantwortung einher. Nichterben aber auch. Zum Beispiel mit der Verantwortung, allein aus Arbeit eine Familie ernähren zu müssen. Mit der Verantwortung, nicht bitter zu werden, wenn der Wunsch nach Eigentum unerreichbar bleibt, die Miete aber ständig steigt. Mit der Verantwortung, neben dem bezahlten Job noch einen unbezahlten daheim erledigen zu müssen, Hausaufgaben zu überwachen, Wäsche zu waschen, Essen zu kochen. Für eine Steuerbefreiung genügt all das nicht. 

Was also tun mit dem Satz „Erben bedeutet Verantwortung“? Vielleicht wäre es eine gute Idee, ihn individuell ernst zu nehmen, gesellschaftlich aber nicht zu machtvoll werden zu lassen. Unter Erb*innen gibt es zahlreiche, die mit ihrem Geld Gutes tun. Gute Arbeit schaffen, gute Projekte fördern, in Stiftungen wichtige Anstöße geben. Unter Erben gibt es aber auch solche, die Geld verprassen, die die Macht, die mit ihm einhergeht, missbrauchen. In Stiftungen vor allem sich selbst ein Denkmal setzen. Der Mensch, egal, ob Erbe oder Nichterbe, ist ein krummes Stück Holz. Unter Erben gibt es – wie unter allen anderen eben auch – bessere und schlechtere Exemplare.

Großes Vermögen mag eine Last sein. Es ist aber auch gleichzeitig ein Netz, das hält, das schützt. Großes Vermögen mag eine Fessel sein, die an die Erwartungen der Familie bindet. Aber gleichzeitig macht es Erben frei. Frei, ins Risiko zu gehen, frei, zu scheitern, frei, wenn man möchte, Chefin zu sein statt Angestellte, Eigentümer statt Mieter.

Der Umgang mit Erbschaften ist keine moralische Frage, sondern eine politische. Welches Maß an Ungleichheit ist gut für unser Land? Wer trägt welche Lasten? Wer hat welche Chancen? Wie verteilen sich Einfluss und Macht? Inzwischen stellen auch einige Vermögende diese Fragen neu. Das internationale Netzwerk Millionaires for Humanity zum Beispiel, zu dem auch Erbin Abigail Disney gehört, bat in einem offenen Brief Regierungen um höhere Steuern für ihresgleichen. Mit der Gruppe Tax me now bitten auch deutschsprachige Erbinnen: Nehmt uns in die Verantwortung! Besteuert uns!

Die aktuelle Regierungskoalition aus SPD, Grünen und FDP hat sich dazu nicht durchringen können.


Julia Friedrichs arbeitet als Autorin von Reportagen und Dokumentationen für den WDR und das ZDF sowie das Redaktionsteam der Bild- und Tonfabrik docupy und schreibt für die ZEIT. Sie hat mehrere Bücher verfasst, u. a. »Gestatten: Elite«, »Wir Erben«, zuletzt „Working Class“ (2021).

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