Dossier

Zeit der internationalen Umweltpolitik

Artenschwund, Erderhitzung, Ozonloch – in den vergangenen 50 Jahren hat die Menschheit große Probleme in Angriff genommen. Nur wie?

1972

In der schwedischen Hauptstadt, in Stockholm, treffen sich vom 5. bis zum 16. Juni mehr als 1200 Vertreter:innen aus 113 Staaten – es war die Zeit des Kalten Krieges, die meisten Ostblockländer waren bei dem ersten Umweltgipfel der Vereinten Nationen nicht dabei.

Böll.Thema Umweltpolitik: 1972

Die UN-Konferenz über die menschliche Umwelt, Motto: «Nur eine Erde», gilt als Start der internationalen Umweltpolitik. Nur wenige Wochen zuvor, am 2. März 1972, hatte der Club of Rome, ein weltweiter Verbund von Expert:innen verschiedener Disziplinen, die sich um den Zustand des Planeten sorgten, «The Limits To Growth» veröffentlicht, also «Die Grenzen des Wachstums». Es war ein unscheinbares Taschenbuch, keine 200 Seiten, hatte es aber in sich. Rasches Handeln sei erforderlich, mahnten die Autor:innen. Denn wenn, so stand darin, «die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Ressourcen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.» Das rüttelte viele auf. In Stockholm verabschiedete die Konferenz 26 Prinzipien für Umwelt und Entwicklung. Viele Länder gründeten in der Folge Umweltbehörden. Und in Kenia, in der Hauptstadt 
Nairobi, wurde das UN-Umweltprogramm, kurz: UNEP, geschaffen. Der Grundstein für eine aktive UNO-Rolle auch im globalen Umweltschutz war gelegt.

1973

Das «Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen» (CITES) wird beschlossen, im Deutschen auch Washingtoner Artenschutzübereinkommen genannt.

Ging es anfangs viel um Tiger, Elefanten, Nashörner, die vor Trophäenjäger:innen und Wilderern geschützt werden müssen, werden durch CITES, dem 95 Prozent aller Staaten der Welt angehören, mittlerweile 37 000 Tier- und Pflanzenarten durch Handelskontrollen und -beschränkungen vor Übernutzung geschützt. Der Artenschwund, der viel mit dem Verlust von Lebensräumen zu tun hat, ist dadurch zwar nicht gestoppt. Immerhin gibt es aber ein sehr wirksames internationales Instrument gegen die kommerzielle Nutzung geschützter Arten.

1973

Das teure Öl setzt die Industrieländer unter Schock. 

Böll.Thema Umweltpolitik: 1973

Nach dem Jom-Kippur-Krieg gegen Israel drosseln die arabischen Erdölexporteure ihre Lieferungen und setzen die Industrieländer unter Schock, die gewöhnt waren, dass das Öl billig und scheinbar unbegrenzt aus dem Mittleren Osten fließt. Die Preise schnellen nach oben. Der Lerneffekt? Die Suche nach Alternativen beginnt, die nach Solar- und Windkraft zaghaft, zunächst vor allem nach Atomkraft und neuen Öl-, Gas- und Kohlequellen andernorts.

1977

Wangari Maathai gründet in Kenia die Green-Belt-Bewegung. 

Böll.Thema Umweltpolitik: 1977

Der Grüne Gürtel ist die erste grüne, überwiegend von Frauen getragene NGO in Afrika – und eine Massenkampagne zum Pflanzen von Bäumen, für besseren Umweltschutz und mehr Rechte für Bäuerinnen. Maathai ist Petra-Kelly-Preisträgerin der Heinrich-Böll-Stiftung und hat 2004 den Friedensnobelpreis bekommen, sie sagte: «Man kann die Umwelt nur schützen, wenn man den Menschen Macht gibt, wenn man sie informiert, wenn man ihnen hilft, zu verstehen, dass diese Ressourcen die ihren sind und dass sie sie schützen müssen.»

1979

Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) lädt zur ersten Weltklimakonferenz nach Genf.

Es kommen Wissenschaftler:innen, Politiker:innnen und Behördenvertreter:innen aus 53 Nationen. In ihrer Erklärung heißt es: «Die fortdauernde Ausrichtung der Menschheit auf fossile Brennstoffe als wichtigster Energiequelle wird wahrscheinlich zusammen mit der fortgesetzten Waldvernichtung in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten zu einem massiven Anstieg der atmosphärischen Kohlendioxid-Konzentration führen (...) Unser gegenwärtiges Verständnis klimatischer Vorgänge lässt es durchaus als möglich erscheinen, dass diese Kohlendioxid-Zunahme bedeutende, eventuell auch gravierende langfristige Veränderungen des globalen Klimas verursacht.» Das Heute gibt ihnen recht.

1982

Die internationale Walfangkommission verbietet den kommerziellen Walfang. 

Böll.Thema Umweltpolitik: 1982

Der Schutz der Wale ist eine der großen Erfolgsgeschichten von Tier- und Artenschützer*innen weltweit. Allerdings wird er von Ländern wie Japan immer wieder unterlaufen.

1983

Die «Weltkommission für Umwelt und Entwicklung» wird ins Leben gerufen.

Die Vereinten Nationen rufen die «Weltkommission für Umwelt und Entwicklung» ins Leben. Den Vorsitz hat die damalige norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland. Der Auftrag lautet, zu erarbeiten, wie eine langfristig tragfähige weltweite Entwicklung aussehen kann. Vier Jahre später, 1987, liegt der Bericht «Our Common Future» (Unsere gemeinsame Zukunft) vor. Die erste Botschaft ist, dass die globale Umweltkrise eine Bedrohung für die gesamte Menschheit ist. Die zweite: Eine neue Qualität von Wachstum sei vonnöten, die die Grenzen des Planeten anerkennt. Es gelte, «die Bedürfnisse der Gegenwart zu befriedigen, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können». «Nachhaltige Entwicklung» als Schlüsselbegriff wurde aber leider nicht prägnanter definiert, der Begriff wurde zum «Alleskleber» für ganz verschiedene Ziele.

1986 

Böll.Thema Umweltpolitik: 1986

Der vierte Reaktor des Atomkraftwerks in Tschernobyl explodiert.

Die Welt schaut auf den bis dahin größten atomaren Unfall. Die radioaktive Strahlung zeigt eindrücklich: Umweltbelastungen kennen keine Grenzen. In Deutschland führt dies zur Gründung des Umweltministeriums.

1987

Ozonkiller wie FCKW werden verboten.

Die Ozonschicht ist für Menschen überlebenswichtig, weil sie vor schädigender Sonnenstrahlung schützt. Als Wissenschaftler:innen über der Antarktis dort ein gigantisches Loch entdeckten und ihre Ergebnisse im Mai 1985 veröffentlichten, erschrak die Welt. Es zeigte sich, was möglich ist, wenn die Weltgemeinschaft eine Gefahr erkennt und gemeinsam reagiert: Sie beschloss – mit dem Wiener Übereinkommen zum Schutz der Ozonschicht, aus dem zwei Jahre später das Montrealer Protokoll hervorging – Fluorchlorkohlenwasserstoffe, FCKW, und andere Ozon zerstörende Stoffe in den meisten Industrieländern zu verbieten. Seitdem ist FCKW so gut wie aus allen Kühlschränken, Schaumstoffen und Spraydosen verschwunden. Die Ozonschicht erholt sich, auch wenn es Rückschläge gibt. So erfolgreich war kein anderes Umweltabkommen bisher.

1988

Der Weltklimarat (IPCC) entsteht.

«Die Erderwärmung hat begonnen» titelt die New York Times. Die Klimaerwärmung wird in den Medien zum Thema, die Wissenschaft warnt. Im November 1988 gründen das Umweltprogramm der Vereinten Nationen und die Weltorganisation für Meteorologie den Weltklimarat IPCC, das Intergovernmental Panel on Climate Change. Für ihn arbeiten Hunderte Wissenschaftler:innen. In Teams beugen sie sich über Studien aus ganz verschiedenen Fachgebieten, fassen immer wieder den aktuellen Wissensstand über die Erderhitzung und ihre Ursachen, die Folgen wie Hitzewellen, Dürren, Starkregen, Eisschmelze, Krankheiten zusammen, analysieren akribisch neue Forschungsergebnisse, wie sich an welcher Stelle bremsen lässt, wo es ohne Anpassung nicht mehr gehen wird. Die Ergebnisse stellen sie in Sachstands- und Sonderberichten zusammen, um Regierungsvertreter:innen Klarheit zu verschaffen. 2007 erhielt der IPCC dafür zusammen mit dem ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore den Friedensnobelpreis. Doch die Treibhausgasemissionen nehmen nicht ab. 2022 stellt der IPCC in seinem sechsten Report unmissverständlich klar, dass nur ein schneller und vollständiger Ausstieg aus allen fossilen Rohstoffen (Kohle, Öl und Gas) das totale Klimachaos verhindern kann. Allerdings halten die dem IPCC-Bericht zugrunde liegenden Szenarien an hohen ökonomischen Wachstumsraten fest und befördern die Hoffnung auf unerprobte Technologien.

1991

Ein globaler Finanzmechanismus (GEF) wird entwickelt.

Die Industrieländer, die den Klimawandel, den Verlust der Biodiversität, die Belastung von Gewässern, den Verlust an fruchtbaren Böden verantworten, geben Geld, um Entwicklungsländer dabei zu unterstützen, Umweltprobleme zu lösen. Diese Idee von Umwelt- und Klimagerechtigkeit steckt hinter dem bei der Weltbank angesiedelten internationalen Finanzierungsmechanismus, der sich Global Environment Facility nennt (GEF). Er wurde 1991 ins Leben gerufen, heute sind 179 Staaten dabei.

1991

Antarktis-Vertragsstaaten beschließen Abkommen zum Schutz vor Ausbeutung.

Noch nie zuvor wurde international ein so umfangreiches Regelwerk für eine Region der Erde erarbeitet: Die Antarktis-Vertragsstaaten beschließen das Umweltschutzabkommen zum Antarktis-Vertrag, mit dem der kommerzielle Abbau von Rohstoffen für mindestens 50 Jahre verboten wird. Allerdings haben auch heute einige Regierungen ein Auge auf die Rohstoffe der Antarktis geworfen, deren Ausbeutung für sie mit abschmelzendem Eis immer attraktiver erscheint.

1992

Auf dem «Erdgipfel», auch «Rio-Konferenz» genannt, treffen sich 10 000 Delegierte aus 178 Ländern und so viele nichtstaatliche Akteur*innen wie nie zuvor in der UN-Geschichte. 

Böll.Thema Umweltpolitik: 1992

Der Zustand der Erde stand noch nie so im Mittelpunkt der Weltpolitik wie in jenem Juni: Bei der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro, Brasilien, streiten 178 Staaten darüber, wie sich Hunger, Armut, Umweltzerstörung oder die wachsende soziale Kluft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern bekämpfen lassen. Verabschiedet wird die Rio-Deklaration, die erstmals das Recht auf nachhaltige Entwicklung weltweit verankert. Sie bekennen sich auch zum Vorsorgeprinzip, nach dem frühzeitig und vorausschauend zu handeln ist, um Umweltbelastungen gar nicht erst entstehen zu lassen. Sie vereinbaren Konventionen zum Klimaschutz, zur biologischen Vielfalt (CBD) und zur Bekämpfung von Wüstenbildung. Und sie verabschieden den «Aktionsplan 21. Jahrhundert» – die Agenda 21, mit der etwa der nachhaltige Konsum als Ziel festgelegt wird. Der Folgeprozess zur Agenda 21 versandet nach Jahren. Die Konventionen zu Klima und Biodiversität sind die wirkungsmächtigsten Ergebnisse.

1994

Der ökologische Fußabdruck wird vermessen. Er zeigt: Der Mensch überlastet den Planeten enorm.

Das Global Footprint Network berechnet jedes Jahr den ökologischen Fußabdruck. Dafür werfen die Wissenschaftler:innen alles zusammen, was der Mensch zum Leben braucht: Fleisch und Meeresfrüchte, Holz und Textilien, Energieträger und Infrastruktur. Sie berechnen, wie er durch den Verbrauch dieser Ressourcen die Erde belastet. Heraus kommt am Ende die Fläche auf der Erde, die notwendig ist, um den Lebensstil der Menschen dauerhaft zu ermöglichen. Das Konzept wird 1994 von Mathis Wackernagel und William Rees entwickelt. Sie zeigen: Der Mensch überlastet den Planeten enorm. Genauer: Würden zum Beispiel die Menschen überall so leben wie in Deutschland, wären derzeit drei Erden nötig, um den Ressourcenverbrauch nachhaltig zu decken. Praktisch für die ressourcenfressenden Großkonzerne: Die Schuld wird bei den Verbraucher:innen gesucht. Klar ist: Eine Trendwende ist nötig. Deswegen ist viel von Effizienz die Rede, davon, diese mit technischen Lösungen zu steigern. Fortschritte werden aber oft dadurch zunichtegemacht, dass die Produkte größer, leistungsstärker werden wie etwa Autos. Rebound-Effekt nennen das Expert:innen. Ein entscheidender Schritt wäre indes die Suffizienz, bei der es um eine absolute Senkung des Ressourcenverbrauchs beim Wirtschaften geht. Den Begriff brachte der Kultur- und Sozialwissenschaftler Wolfgang Sachs in Deutschland 1993 erstmals ein. Einfach gesagt: Statt zum Beispiel Autos spritsparender zu machen, fährt man sie weniger oder steigt ganz auf andere Verkehrsmittel um.

Die Welthandelsorganisation (WTO) wird gegründet.

Die wird zum Sinnbild der weiteren neoliberalen Globalisierung, Liberalisierung, Privatisierung und Finanzialisierung. Die Sicherung geistiger Eigentumsrechte sind die Grundsätze, nicht die Begrenzung aller Arten von Emissionen oder des Einsatzes von Ressourcen. Marrakesch (Ort der Gründung der WTO) schlägt Rio. Umwelt-, Ressourcen- und Klimaschutz werden dem Globalisierungsdiktum untergeordnet.

1997

Das Kyoto-Protokoll zum globalen Klimaschutz wird verabschiedet. 

Böll.Thema Umweltpolitik: 1997

Es verpflichtet erstmals die für den Treibhausgasausstoß wichtigsten Industriestaaten zu absoluten Emissionsminderungen. Allerdings fehlten zum Beispiel die USA – ein großes Manko. Die Entwicklungsländer wurden zu keinerlei Reduktionen verpflichtet. Der Ausstieg bzw. der Nichteinstieg in die fossile Energie wurde nicht wirklich angegangen, stattdessen Marktmechanismen für den Handel mit Verschmutzungszertifikaten geschaffen – mit verheerenden Folgen des Anstiegs der Treibhausgase in den Folgejahren.

2000

Die neue Erdepoche: das Anthropozän.

Das Meer mit Plastik vermüllt, die Atmosphäre aufgeheizt, der Stickstoffkreislauf verändert – der Mensch hat den Planeten in kurzer Zeit gravierend verändert. Warum dann nicht auch das Zeitalter nach ihm benennen? Der niederländische Chemiker, Atmosphärenforscher und Nobelpreisträger Paul Crutzen prägt im Jahr 2002 gemeinsam mit dem amerikanischen Biologen Eugene Stoermer den Begriff Anthropozän, die Menschenzeit als geologische Erdepoche. 2016 ruft eine Arbeitsgruppe von Wissenschaftler:innen auf einem Internationalen Geologischen Kongress im südafrikanischen Kapstadt diese auch aus. Das letzte Wort hat nun die International Union of Geological Sciences, IUGS. Ihre Entscheidung steht noch aus. Kritiker:innen des Anthropozän-Begriffs prangern an, dass er die Ungleichheit zwischen Menschen und Staaten sowie das kapitalistische Wirtschaftssystem als Ursache der Umweltkrisen verschleiert.

2001

DDT wird verboten.

Auf der Stockholm-Konferenz über das Verbot langlebiger Giftstoffe unterzeichnen Vertreter:innen von mehr als 120 UN-Mitgliedstaaten eine Konvention zum Verbot der als «dreckiges Dutzend» bezeichneten Substanzen, darunter Pflanzenschutzmittel wie DDT.

Im brasilianischen Porto Alegre findet das erste Weltsozialforum statt.

Motto: «Eine andere Welt ist möglich», 12 000 Menschen aus 1000 Organisationen nehmen teil. Es wird zum Symbol für die globalisierungskritische Bewegung.

Internationale Organisationen des fairen Handels einigen sich auf eine Definition.

«Der Faire Handel ist eine Handelspartnerschaft, die auf Dialog, Transparenz und Respekt beruht und nach mehr Gerechtigkeit im internationalen Handel strebt. Durch bessere Handelsbedingungen und die Sicherung sozialer Rechte für benachteiligte Produzent*innen und Arbeiter*innen – insbesondere in den Ländern des Südens – leistet der Faire Handel einen Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung. Fair-Handels-Organisationen engagieren sich (gemeinsam mit Verbraucher*innen) für die Unterstützung der Produzent*innen, die Bewusstseinsbildung sowie die Kampagnenarbeit zur Veränderung der Regeln und der Praxis des konventionellen Welthandels.»

2002

Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung tagt im südafrikanischen Johannesburg.

191 Staats- und Regierungschef:innen verpflichten sich unter anderem dazu, die Zahl der Menschen ohne Zugang zu Trink- und Abwasser bis 2015 zu halbieren.

2005

Millennium Ecosystem Account entdeckt, dass 15 von 24 untersuchten Schlüssel-Ökosystemleistungen nicht mehr intakt sind.

Fachleute sprechen von externalisiert. Damit rücken z. B. das Bienensterben und damit verbundene Ernteverluste auch in die Debatte um den Erhalt von Biodiversität und damit ins öffentliche Licht und auf die politische Agenda.

2007

Die Bepreisung von CO2 wird zum neuen Paradigma der Klima- und Naturschutzpolitik.

In Deutschland, in Heiligendamm, einigen sich die reichen Industrienationen, damals mit Russland noch G8, nicht nur auf ein Klima-Kommuniqué, mit dem sie versprechen, die Halbierung ihrer CO₂-Emissionen bis zum Jahr 2050 «ernsthaft zu erwägen». Sie beauftragen auch den indischen Ökonomen Pavan Sukhdev, früherer Deutsche-Bank-Mitarbeiter, den volkswirtschaftlichen Wert von Tieren, Pflanzen und Ökosystemen zu errechnen. Das Projekt: TEEB, «The Economics of Ecosystems and Biodiversity». Das Versagen beim Klimaschutz und beim Erhalt der biologischen Vielfalt sollte nun überwunden werden, indem CO₂ oder die Leistungen der Natur und Ökosysteme einen monetären Wert bekommen sollen. (Zur Kritik siehe Thomas Fatheuer auf S. 26.) Nicholas Stern hatte zum Klimaversagen der Politik und den damit verbundenen volkswirtschaftlichen Kosten erklärt: Klimaschutz kostet weniger als Nichtstun.

2008

Der US-amerikanische Autor und Umweltaktivist Bill McKibben gründet die weltweite Klimaschutzorganisation 350.org.

Der Name greift den Gehalt von CO₂ in der Atmosphäre auf, der nicht überschritten werden darf, soll das 2-Grad-Ziel erreicht werden. Derzeit liegt er drüber – bei 400 Teilchen CO₂ pro Millionen anderer.

2009

Der Klimagipfel in Kopenhagen scheitert. Einer der wenigen Lichtblicke: Der Green Climate Fund (GCF) wird gegründet.

Künftig soll ein «REDD+» genannter Mechanismus (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation) die Wälder besser schützen. Er steht aber von Anfang an aufgrund seiner Fixierung auf Marktmechanismen und der Nichtbeachtung von Rechten lokaler und indigener Gruppen in der Kritik. Der Klimagipfel selber brachte ansonsten nur vage Vereinbarungen und ein Versprechen, das bis heute nicht eingelöst wurde: Damit auch ärmere Staaten Klimaschutz, Anpassung und Waldschutz betreiben können, sagen die Industriestaaten den Entwicklungsländern zu, sie finanziell mit immer größeren Beträgen zu unterstützen, ab 2020 dann jedes Jahr mit 100 Milliarden Dollar. So kam es nicht. Das 100-Milliarden-Ziel wird frühestens 2023 eingehalten und vor allem immer wieder durch die Einbeziehung privater Gelder schöngerechnet. Einer der wenigen Lichtblicke des Weltklimagipfels von Kopenhagen 2009 war allerdings der Beschluss, den Green Climate Fund (GCF) zu gründen. Als multilateraler Fonds ist er ein zentraler Baustein in der internationalen Klimafinanzierungsarchitektur und für die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens essentiell.

2010

Bei der Weltnaturschutzkonferenz im japanischen Nagoya wird ein globales Abkommen gegen Biopiraterie verabschiedet.

Unternehmen, die sich Heil- und Nutzpflanzen aus Entwicklungsländern holen, auch traditionelles Wissen nutzen, um dann Heilmittel oder andere Produkte herzustellen, die sie weltweit verkaufen, sollen ihren Profit mit den Heimatländern der profitablen Pflanzen künftig «fair» teilen. Ein Beispiel ist der Rooibostee aus Südafrika. Ob es funktioniert? Unklar. Es kommt auf die nationale Umsetzung an. Und oft werden die entsprechenden Verträge nicht öffentlich gemacht. Das größere Problem: Heute wird dieses Wissen als «digital sequence information» geteilt und unterläuft damit das Nagoya-Protokoll – das ganze System wurde also durch die Digitalisierung überholt. Verhandlungen um Access and Benefit Sharing genetischer Information in digitaler Form (DSI) sind einer der Knackpunkte, die die Verhandlungen um ein Global Biodiversity Framework in Kunming 2022 noch scheitern lassen könnten.

2011

Der atomare GAU in Fukushima. 

Böll.Thema Umweltpolitik: 2011

Im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi in Japan schmilzt am 11. März in drei Reaktoren Kernmaterial nach einem Erdbeben und Tsunami. Deutschland steigt endgültig aus der Atomenergie aus – andere Länder nicht.

2012

Der Umweltgipfel Rio+20 soll eine weltweite Agenda für Nachhaltigkeit entwickeln.

«Die Zukunft, die wir wollen» lautet der Titel des rund 50-seitigen Abschlussdokuments des Nachhaltigkeitsgipfels «Rio+20», der UN Conference on Sustainable Development, die wieder in Rio stattfindet und von der ein Auftrag ausgeht: eine weltweite Agenda für Nachhaltigkeit zu entwickeln. Fortan soll die «Green Economy» als ein Baustein gelten, eine grüne Wirtschaft, bei der über wirtschaftliche Wachstumsbemühungen nicht die ökologischen Gefahren vergessen werden. Eine Frage seither: Ist es wirklich möglich, das Wirtschaftswachstum von Ressourcenverbrauch und Treibhausgasausstoß zu entkoppeln? Oder muss, wer beides ernsthaft stoppen will, das Wirtschaften des «Immer mehr» infrage stellen?

2013

Die Minamata-Konvention will den Ausstoß von Quecksilber eindämmen.

Quecksilber ist hochgiftig, kann zu Lähmungen, Missbildungen, Nervenschäden, auch zum Tod führen. 140 Staaten einigen sich auf die Minamata-Konvention, mit der der Ausstoß des Schwermetalls eingedämmt werden soll.

2015

193 Staaten beschließen auf dem UN-Gipfel die Agenda 2030 und die 17 Entwicklungsziele (SDGs).

Es ist ein Fahrplan für eine friedliche Welt, in der extreme Armut und Hunger beendet, Umweltprobleme gelöst, Ungleichheit und Ungerechtigkeit bekämpft und der Klimawandel gestoppt sind. Sie setzen sich dafür 17 Entwicklungsziele, die Sustainable Development Goals, SDGs. Diese lösten die «Millennium Development Goals» ab, die sich die Vereinten Nationen schon im Jahr 2000 gaben. Die SDGs setzen bisher heute einen Maßstab, sind aber nicht verpflichtend und nicht rechtlich durchsetzbar.

Das Pariser Abkommen steht. Alle Staaten setzen sich eigene Klimaziele, die völkerrechtlich verpflichtend werden.

Im Konferenzgebäude auf dem Pariser Flughafen Le Bourget einigen sich 195 Staaten, die Erderwärmung bis 2100 auf deutlich unter zwei Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, besser noch auf 1,5 Grad. Alle Staaten setzen sich dafür eigene, nationale Klimaziele, die «National Determined Contributions», NDCs. Sie werden für jedes Land völkerrechtlich verpflichtend. Wie groß die Zusagen sind, ist aber Sache jeden Staates selbst, sonst hätten sich Länder wie China oder die USA nicht darauf eingelassen. Und: In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts soll die Summe der Treibhausgasemissionen nicht mehr ansteigen, die Staaten wollen gemeinsam nicht mehr produzieren, als das Ökosystem aufnehmen kann, also «Net-Zero-Emissions», auch «Treibhausgasneutralität» genannt. Weniger Öl, Gas, Kohle verfeuern, weniger Rinder halten, weniger Moore trockenlegen. Wälder sollen aufgeforstet und Moore renaturiert werden. Solche «Nature Based Solutions» sind in der Theorie eine gute Sache, werden aber leider zu häufig mit Kompensationsleistungen und technischen Lösungen kombiniert. Die Idee von «Netto-null-Emissionen» beflügelt auch diejenigen, die das Klimaproblem mit riskanten und unerprobten Technologien des Geoengineering in den Griff bekommen wollen.

2017

Der Gender-Aktionsplan wird beschlossen.

Frauen essen weniger Fleisch als Männer. Sie fliegen seltener auf Dienstreisen. Sie fahren weniger und seltener protzige Autos. Frauen tragen weniger zu den Treibhausgasen bei. Die Arbeit von Frauen wird schwerer, etwa wenn durch Dürren die Wege zum Wasserholen länger werden. Frauen sind oft stärker auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen, die Verkehrswende weg vom Auto hin zu Bus und Bahn kommt aber wenig voran. Männer und Frauen sind nicht gleichberechtigt, in der Klimapolitik schon gar nicht. Klimapläne werden nicht daraufhin abgeklopft, wer profitiert. Frauen haben bei den internationalen Verhandlungen weniger zu sagen als Männer. Darauf weist das internationale Frauennetzwerk Gender CC – Women für Climate Justice immer wieder hin. 2017 wird dann ein Gender-Aktionsplan zu der Konvention zum Klima, auf die sich der Erdgipfel 1992 geeinigt hatte, verabschiedet. Auch nach dem Pariser Klimaabkommen sollen die «Gleichstellung der Geschlechter, die Stärkung der Rolle der Frau und die Gerechtigkeit zwischen den Generationen» geachtet werden. Frauenanteil in den Gremien zum Beispiel auf der Weltklimakonferenz 2019: im Schnitt 33 Prozent und damit sogar unter dem Niveau der Verhandlungen ein Jahr zuvor.

2018

Greta Thunberg beginnt ihren Streik. 

Böll.Thema Umweltpolitik: 2018

Die Schwedin – sie ist 15 Jahre alt – setzt sich vor den Reichstag in Stockholm, allein mit einem Schild: «Skolstrejk för klimatet». Aus ihrem «Schulstreik für das Klima» entsteht Fridays for Future: Weltweit lassen Schüler:innen freitags die Schule ausfallen, um mehr Klimaschutz einzufordern. Der Druck auf Regierungen nimmt zu.

2021

Klimaklagen haben Erfolg.

Der Ölkonzern Shell wird in Den Haag dazu verurteilt, seinen CO₂-Ausstoß bis 2030 im Vergleich zu 2019 um 45 Prozent zu verringern. Geklagt hatten Umweltschützer:innen. Sechs Jahre zuvor hatte ein Gericht erstmals mehr Engagement für Klimaschutz per Urteil verlangt – von der niederländischen Regierung. Damals hatte die Umweltinitiative Urgenda geklagt.

2022

Vertreter:innen aus aller Welt einigen sich im März bei einer UN-Umweltkonferenz im kenianischen Nairobi, den Plastikmüll an Land und in den Meeren zu bekämpfen.

Innerhalb der nächsten zwei Jahre soll dazu ein rechtsverbindliches internationales Abkommen ausgehandelt werden – ähnlich dem Pariser Klimaabkommen mit nationalen Aktionsplänen und einem Mechanismus zur finanziellen Unterstützung von Staaten, die Hilfe bei der Eindämmung der Plastikverschmutzung brauchen. Das Problem hat Gewicht. 35 000 Eiffeltürme würden genauso viel wiegen wie aller Plastikmüll, der allein 2019 in der Welt produziert wurde, rechnet die Industrieländerorganisation OECD vor – 353 Millionen Tonnen. Damit hat sich der Plastikmüll innerhalb von nur 20 Jahren verdoppelt. Und nur der geringste Teil des Plastikmülls wird recycelt: 9 Prozent. Der Rest kommt auf Deponien, wird verbrannt oder landet irgendwo und treibt über Flüsse in die Meere.

Die Weltgemeinschaft will ein neues globales Abkommen zum Schutz von Biodiversität verabschieden.

Das sogenannte Global Biodiversity Framework (GBF) soll die Aichi-Ziele ablösen und bei der COP 15 in Kunming beschlossen werden. Aufgrund der Pandemie wurde die Konferenz aber schon mehrere Male verschoben. Der Auftakt fand im Oktober 2021 in Kunming statt – aber unter Ausschluss der breiteren internationalen Öffentlichkeit. Seit März 2021 laufen die Verhandlungen um das GBF wieder mit physischen Treffen. Der Ausgang ist ungewiss. 

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