Statement

Warum Plastik mit seinem globalen CO2-Fußabdruck die Kohle bald in den Schatten stellen wird

«Regierungen dürfen nicht nur die Kunststoffkrise betrachten. Sie müssen vor allem die Zusammenhänge zwischen Kunststoffen, Klimakatastrophe und Gesundheitsschutz für Mensch und Tier angemessen einordnen.»

Böll.Thema Umweltpolitik: Erstickt, stranguliert, verhungert: Über eine Million Tiere sterben jährlich an Plastikmüll im Meer
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Erstickt, stranguliert, verhungert: Über eine Million Tiere sterben jährlich an Plastikmüll im Meer

Kunststoffe sind giftige Schadstoffe, die aus den Abfällen und Nebenprodukten der Öl- und Gasindustrie hergestellt werden. Wie ihre fossilen Ausgangsstoffe haben auch Kunststoffe eine belastete Geschichte, die auf einem schmerzhaften Erbe von Kolonialismus, Ausbeutung und Umweltzerstörung beruht. Erst letzten Monat haben die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen einen wichtigen Schritt unternommen, um koordiniert gegen die Plastikverschmutzung vorzugehen. 

Jane Patton

Nach Jahrzehnten des Rohstoffabbaus und der Industrialisierung kam die Welt im Jahr 1972 in Stockholm und dann noch einmal 20 Jahre später in Rio zusammen, um die negativen Auswirkungen der menschlichen Entwicklung auf unsere gemeinsame Umwelt zu erörtern. Auch wenn in den Ergebnisdokumenten dieser Zusammenkünfte das Thema Plastik kaum erwähnt wird, enthielten sie doch bereits die Grundlagen für den künftigen Umgang mit dem Kunststoffproblem: Es war ein Aufruf, die grenzüberschreitenden Abfallströme zu beenden, den Gerechtigkeitsaspekt beim Kampf gegen die Verschmutzung zu beachten und den Schutz der Umwelt vor dem menschlichen Fortschritt global zu koordinieren. In der Zwischenzeit ist die jährliche weltweite Kunststoffproduktion von 50 Millionen Tonnen in den 1970er Jahren auf fast 400 Millionen Tonnen angestiegen. Fast die Hälfte dieser Produktion entfällt auf Verpackungen, ein Großteil davon für Logistik und Transport, die Verbraucher*innen nie zu Gesicht bekommen. Trotz jahrzehntelanger Marketingbemühungen der Kunststoffindustrie, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die richtige Entsorgung gebrauchter Kunststoffe zu lenken, gelingt Kunststoffrecycling nicht wirklich.

Es gibt immer mehr Nachweise für die toxischen Auswirkungen von Kunststoffen auf die menschliche Gesundheit, während sich Plastikmüll und Plastikgranulat weiterhin in der Umwelt ansammeln. Inzwischen ist bekannt, dass der globale CO₂-Fußabdruck des Lebenszyklus von Plastik den von Kohle bald in den Schatten stellen wird. Chemikalien, die das Hormonsystem schädigen, und «ewige Chemikalien» in recycelten Kunststoffen drohen den Mythos des Kreislaufwesens von Kunststoffen zu entlarven.

Doch noch ist Zeit, der Plastikverschmutzung und ihren toxischen Auswirkungen ein Ende zu setzen. Im März einigten sich Regierungen und Interessengruppen darauf, über die nächsten zwei Jahre ein neues rechtsverbindliches Abkommen über Kunststoffe auszuhandeln. In den kommenden Monaten werden hierzu wichtige Entscheidungen fallen, einschließlich einer Definition des zu lösenden Problems. Denn entscheidend ist hier, dass Regierungen nicht nur die Kunststoffkrise betrachten, sondern dass in dem neuen Vertragswerk vor allem auch die Zusammenhänge zwischen Kunststoffen, Klimakatastrophe und Gesundheitsschutz für Mensch und Tier angemessen eingeordnet werden. Aufbauend auf den Erfahrungen des Pariser Abkommens müssen wir dafür sorgen, dass die wesentlichen Bestimmungen des neuen Vertrags verbindlich sind und dass die Länder gemeinsam darauf hinarbeiten.

Denn wir haben weder Zeit noch Ressourcen zu vergeuden.


Jane Patton ist Kampagnenmanagerin für Kunststoffe und Petrochemikalien beim Center for International Environmental Law.

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