Gesundheit

Der Fall Espinar – Cusco, Peru

Tote Tiere und kranke Menschen, Brunnen, die kein oder nur noch verseuchtes Wasser spenden: Die Erfahrung von Espinar zeigt, dass die nationalen Institutionen die Folgen des industriellen Bergbaus nicht in den Griff bekommen. Er gefährdet das Leben von Hunderten von Kindern, Männern und Frauen.

Ein Fluss fließt durch eine bergige Landschaft in der Provinz Espinar, Peru

Señora Agripina muss jeden Morgen früh aufstehen, um ihr Vieh auf die Weide zu treiben. Dank einer einfachen Anlage hat sie in ihrem Haus Wasser, das direkt von einer kleinen Quelle in der Nähe kommt. Allerdings ist dieses Wasser so mit Schwermetallen verseucht, dass es der Gesundheit schadet. Señora Agripina und die Menschen, die wie sie in den indigenen Gemeinschaften der Provinz Espinar leben – sie gehören zum Einflussbereich des Bergbauunter­nehmens in Antapaccay –, konsumieren dieses Wasser seit Jahren.

Von den Anden in unsere Autos: Kupferabbau in Espinar

Die Provinz Espinar liegt im Süden der Region Cusco auf einer Höhe von fast 4.000 Metern über dem Meeresspiegel. Die Gebiete in der Hochebene der Anden gehören den indigenen Gemeinschaften des Quechua-Volkes der K‘ana, die hauptsächlich von der Weide- und Landwirtschaft sowie dem Handel leben.

Der Kupferabbau in Espinar begann in den 1980er Jahren mit der Tintaya-Mine, die von einem staatlichen Unternehmen betrieben wurde. Nach der Privatisierung der Mine in den 1990er Jahren begannen multinationale Unternehmen wie BHP Billiton, Xstrata und schließlich Glencore, das im Jahr 2013 Xstrata übernahm, in Tintaya und Antapaccay im großen Stil abzubauen. 2019 konnte Glencore mit Sitz in der Schweiz seinen Betrieb aufgrund von Umweltstudien um weitere 20 Jahre verlängern. Derzeit ist diese Kupfer­mine eine der größten in der Region. Aktuell ist Peru der drittgrößte Exporteur von Kupfer­konzentraten weltweit. Deutschland importiert Kupfer aus Peru als Werkstoff unter ­anderem für die Auto­industrie und jetzt zunehmend auch für die Energieinfrastruktur.

Der Kupferabbau, der sich an nur minimale Umwelt- und Sozialstandards hält, hat schwerwiegende Auswirkungen auf die Ökosysteme und Gemeinschaften, insbesondere auf die Gesundheit der lokalen Bevölkerung. Um die weltweit steigende Nachfrage zu befriedigen, wurde die Mine in den vergangenen 30 Jahren noch erweitert. Glencore ist Ziel zahlreicher Beschwerden und steht im Mittelpunkt anhaltender Konflikte und schwerer sozialer Krisen in Espinar. Die Beschwerden wiederholen sich nicht nur in Peru, sondern in der gesamten Region.

Die Folgen des Kupferabbaus: Hohe Werte giftiger Metalle in Blut und Urin

Zahlreiche amtliche Untersuchungen und Beobachtungsstudien der einheimischen Gemeinschaften kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Die Bevölkerung weist in Blut und Urin hohe Werte giftiger Metalle wie Arsen, Kadmium und Blei auf. Das Nationale Gesundheitsinstitut stellte zum Beispiel fest, dass bei mehreren Einwohner*innen der 13 Gemeinden, die im Einflussbereich des Bergwerks liegen, verschiedene giftige Metalle im Körper nachgewiesen werden konnten. 97,3 Prozent der getesteten Personen hatten Blei im Blut. 2018 führte Amnesty International eine unabhängige Untersuchung durch, die ergab, dass alle getesteten Personen mindestens eines der Schwermetalle Arsen, Kadmium oder Blei im Körper hatten, und zwar in Mengen, die über den von der WHO empfohlenen Werten lagen. Bei 58 Prozent der getesteten Personen wurden beispielsweise mehr als die zulässigen Grenzwerte für Arsen nachgewiesen.

Örtliche Wasserquellen verschwinden oder sind verseucht

Ein Dorf in einer bergigen Landschaft in Peru

Weitere Studien, die das Umweltministerium, die Gemeinde Espinar 2013 und Amnesty International 2018 durchführten, ergaben zudem, dass das Wasser in Espinar weder sauber noch für den menschlichen Konsum geeignet ist. Die Brunnen in den Gemeinschaften, die im Einflussbereich des Bergbaus liegen, sind mit Schwermetallen und anderen Stoffen verseucht. Es handelt sich dabei um die einzige Wasserquelle, die der Bevölkerung für den direkten Verbrauch und ihre wirtschaftlichen Aktivitäten zur Verfügung steht. Mehrere Wasserquellen verschwanden oder wurden unbrauchbar durch die Ableitung von Wasser infolge des Tagebaus und der Bergbauinfrastruktur. Die Menschen sind auf die Lieferung von Wasser in Tankwagen angewiesen, die in den Händen des Bergbauunternehmens sind. Offizielle Studien bringen die Bergbautätigkeit mit der Verschmutzung der örtlichen Wasserquellen in Verbindung. Aufgrund des Drucks mächtiger Konzerne und des Mangels an Techno­logie und Kapazitäten in Peru konnten jedoch keine Kausalitätsstudien durchgeführt werden, die Aufschluss gegeben hätten, inwieweit die Tintaya-Antapaccay-Mine des Unternehmens Glencore diese Folgen verursacht hat.

Angesichts dieser ernsten Situation und der Forderungen der Bevölkerung hat die ­peruanische Regierung in den vergangenen zehn Jahren Anstrengungen unternommen, um die Schäden zu beheben. Das Umweltministerium fasste Pläne und ergriff Maßnahmen, um die betroffenen Menschen medizinisch zu behandeln und die Wasserquellen zu sanieren. Das Gesundheitsministerium und die lokalen Regierungen entwickelten weitere Strategien (2016, 2019) und riefen in der Provinz sogar den Gesundheitsnotstand aus (2019). Dennoch ist bis heute wenig bis nichts passiert. Die lokalen Wasserquellen wurden nicht saniert und die betroffene Bevölkerung wird nur sporadisch und zusammenhanglos medizinisch betreut. Die Gesundheitseinrichtungen in dem betroffenen Gebiet verfügen weder über die personellen Ressourcen noch über die Kapazitäten, um ein Problem dieses Ausmaßes zu bewältigen.

Bergbautätigkeit wird ausgeweitet – ohne vorherige Konsultation

Trotz des Gesundheitsnotstandes und der schweren Menschenrechtsverletzungen wird der Bergbau fortgesetzt und auf neue Gebiete ausgedehnt. Im Rahmen seiner Expansionspläne hat Glencore das neue Projekt Coroccohuayco gestartet. Mit dieser Erweiterung hätte die Mine ein Abbaurecht auf mehr als 23.000 Hektar auf dem Gebiet von 13 bäuerlichen Gemeinschaften des indigenen Volkes der K‘ana, die von der Landwirtschaft leben. Eine Fläche, die fast dem Gebiet der Stadt Frankfurt a. M. von 24.000 Hektar entspricht.

Die Ausweitung dieser Bergbauaktivitäten erfordert noch den Kauf von Land von den lokalen Gemeinschaften. So würde beispielsweise die Gemeinde Pacopata 86 Prozent ­ihres Territoriums verlieren. Trotzdem weigert sich Glencore, eine Analyse über die Auswirkungen auf die kollektiven Rechte der indigenen Gemeinschaften durchzuführen und einen Umsiedlungsplan zu erstellen, der dem Übereinkommen über indigene Völker (ILO-Konvention 169) gerecht wird. Danach muss die Bevölkerung vorher befragt und darf nur umgesiedelt werden, wenn sie freiwillig und in voller Kenntnis der Sachlage zugestimmt hat.

Weder Staat noch Unternehmen stellen sich der Verantwortung

Die Erfahrung von Espinar zeigt, dass die nationalen Institutionen in den Bergbaugebieten nicht in der Lage sind, die Auswirkungen in den Griff zu bekommen, die der industrielle Großbergbau auf Umwelt und Menschenrechte hat. Und so dehnt sich der Bergbau weiter aus, um die weltweite Nachfrage zu befriedigen, ohne dass der Staat oder das Bergbauunter­nehmen Verantwortung übernehmen und ausreichend Vorsorge für die gesundheitlichen Folgen treffen. Die negativen Auswirkungen auf lokaler Ebene in Espinar überwiegen eindeutig die Vorteile und gefährden das Leben von Hunderten von Kindern, Männern und Frauen wie Señora Agripina. Vor dem Hintergrund der wachsenden Nachfrage und des weltweiten Wettlaufs um kritische Metalle an der Schwelle zu einer lang erwarteten Energie­wende dürften die Herausforderungen noch größer werden. Es wird mehr Bergbauprojekte geben, auch sie werden Auswirkungen haben und Konflikte nach sich ziehen. Auf europäischer Ebene werden gerade neue Regeln für Unternehmen entlang ihrer Lieferketten verhandelt. Ein europäisches Lieferkettengesetz könnte die Gelegenheit sein, diesen Heraus­forderungen regulierend zu begegnen, soziale und ökologische Auswirkungen zu reduzieren sowie den Betroffenen mehr Rechtszugang zu gewähren. Die globale Nachfrage muss den Schutz der Menschenrechte und die Einhaltung hoher Sozial- und Umweltstandards in den Vordergrund stellen. Nur so werden wir einen wirklich nachhaltigen und gerechten Übergang für alle erreichen.


Vanessa Schaeffer Manrique ist Umweltanwältin und gehört zum Team von CooperAccion und Red Muqui in Peru. Seit 2022 arbeitet sie als Süd-Nord- Fachkraft in der Erzdiözese Freiburg und ist Referentin für Bergbau, Governance und Menschenrechte.

Mattes Tempelmann ist Geograph und hat von 2014 bis 2021 in Peru gelebt und als Comundo-/Agiamondo-­Fachkraft für das Red-Muqui-Netzwerk gearbeitet. Seit 2021 berät er für Misereor Partnerorganisationen in Lateinamerika zum Thema Bergbau, Ökologie und Menschenrechte. 


Weitere Informationen zur Situation von Señora Agripina und der Lage in den Gemeinschaften in Espinar finden Sie hier: Testimonials / Espinar kann nicht warten: Für ein wirksames Europäisches Liefer­ketten­gesetz 

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