Folgeschäden

Rauchsäulen, Resistenzen und Ruinen

Es ist überfällig, dass Länder, die Rohstoffe abbauen oder importieren, klare Standards und Verantwortlichkeiten festlegen, um für die Folgen des Bergbaus geradezustehen. Im Interesse der Nachhaltigkeit dürften die meisten dieser Schäden überhaupt nicht mehr geduldet werden.

Ein Auto liegt auf der Seite in einer riesigen Schlammlawine nach dem Bruch des BrumadWinho-Damms im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais im Jahr 2019
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Nach dem Bruch des Brumadinho-Damms im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais im Jahr 2019.

An Beispielen, welche dauerhaften Schäden der Bergbau anrichtet, fehlt es wahrlich nicht: Im kanadischen Nova Scotia wird aus einem einzigen Geröllhaufen eines Bergbauprojektes voraussichtlich 9.229 ­Jahre lang saures Wasser austreten. Nach dem Bruch des ­Brumadinho-Damms im Jahr 2019 stellten Forscher*innen in Brasilien Veränderungen im Mikro­biom des Paraopeba-Flusses fest, darunter auch eine neu entwickelte Resistenz gegen Anti­biotika. Seit 2011 brennen in einer stillgelegten Mine unter ­Wesselton in Südafrika unkontrolliert ­Kohleflöze, hinter­lassen Risse in der Landschaft und lassen Rauchsäulen aufsteigen. In Pilbara in Westaustralien zerstörte Rio Tinto beim Ausbau einer Mine eine 46.000 Jahre alte historische Stätte der Aborigines. Einige Gebiete des Ruhrgebiets in Deutschland werden für immer auf Wasseraufbereitung und ständigen Pumpenbetrieb angewiesen sein.

Jedes Jahr werden neue Einrichtungen geschaffen, um Standards für den Umgang mit den langfristigen Folgen des Bergbaus weiterzuentwickeln, wie zum Beispiel das Global Tailings Management Institute in London, das vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen und Unternehmen, die sich für verantwortungsbewusste Investitionen einsetzen, vorangetrieben wurde. Doch diese Einrichtungen können stillgelegte Bergbauinfrastrukturen nicht selbst verwalten – das ist und bleibt die Aufgabe der einzelnen betroffenen Länder. Ein weiteres Beispiel dafür, wie langwierig und kostspielig das dauerhafte Management der Folgen des Bergbaus für die Umwelt sein kann, lieferte der Direktor für Umweltpolitik im südafrikanischen Ministerium für Bodenschätze und Energie. Er schätzte im Jahr 2007, dass die Sanierung der 6.100 stillgelegten und herrenlosen Minen im Land etwa 800 Jahre dauern und rund 6,87 Milliarden US-Dollar kosten würde. Zur Veranschaulichung sei hier angemerkt: Südafrika ist erst seit 61 Jahren eine Republik und der geschätzte Betrag entspricht 1,64 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes im Jahr 2021.

Rohstoffbeschaffung auf Kosten der Nachhaltigkeit in Entwicklungsländern

Die Regulierung der Folgeschäden des Rohstoffabbaus vor Ort wurde ­lange Zeit vernachlässigt und ist nun dringender denn je, insbesondere im Hinblick auf eine globale, gerechte Energiewende und die Eindämmung der Klima­erhitzung. Dass wir fossile Brennstoffe ersetzen müssen, darf kein Vorwand sein, um die dafür benötigten Rohstoffe nun auf Kosten der Nachhaltigkeit in Entwicklungsländern zu beschaffen.

In vielen Ländern, vor allem im Globalen Süden, gibt es nicht einmal eine Definition für die Erfassung von dauerhaften Folgeschäden des Bergbaus und die Bewertung der Kosten, geschweige denn Vorschriften, Strategien oder Bestimmungen für den Umgang damit. Überwachung und Schadensbegrenzung sind sehr kostspielig. Das ist äußerst besorgniserregend, da diese Folgeschäden nicht nur ein Umweltproblem darstellen, sondern auch enorme wirtschaftliche und gesundheitliche Risiken für die umliegenden Gemeinden darstellen.

Leider ignorieren einige Interessengruppen ­dieses Problem oder sie wehren sich aktiv gegen alle Versuche, Bergbau zu regulieren oder das Thema überhaupt auf die öffentliche Tagesordnung zu setzen. Im Zuge der öffentlichen Diskussion über das neue ecuadorianische Wassergesetz (2021) erging ein ­Schreiben der Bergbaukammer an den Präsidenten des Kongresses und die Kommission für natürliche Ressourcen. Darin argumentierte die Kammer, es verstoße gegen die Unschuldsvermutung, die Beweislast mit Blick auf Folgeschäden den Unternehmen aufzuerlegen. Das Konzept der Folgeschäden sei im ecuadori­anischen Recht nicht definiert (was eben genau der Zweck dieser neuen Verordnung war) und es sei diskriminierend, den Metallbergbau speziell ins Visier zu nehmen. In Kolumbien haben einige Unternehmen, Universitäten und sogar öffentliche Einrichtungen ähnliche Propagandamaßnahmen ergriffen, um das Konzept von Folgeschäden an sich zu diskreditieren und trotz der überwältigenden Beweislage zu verleugnen, dass es sie gibt.

Ökologische und soziokulturelle Auswirkungen werden verschleiert

Diese Unternehmen empfinden es offensichtlich als subversiv, wenn die Öffentlichkeit über die vollen Kosten des Bergbaus informiert wird. Sie fühlen sich diskriminiert, wenn strenge rechtliche Rahmenbedingungen gefordert werden, und bewerten die Anwendung des Verursacher- und des Vorsorgeprinzips als technikfeindlich. Sie würden die dauerhaften ökologischen und soziokulturellen Auswirkungen lieber weiter verschleiern und ungeregelt lassen und die Kosten für die Überwachung und Schadensbegrenzung nach Abschluss der Projekte auf die Öffentlichkeit abwälzen.

All dies legt nahe, dass zum einen die Liefer­länder dringend zwei Forderungen zu erfüllen haben: Sie müssen, erstens, klare Bewertungsstandards und ­-methoden für die dauerhaften Auswirkungen des Bergbaus auf die Wasserqualität und andere ­natürliche Lebensgrundlagen festlegen, einschließlich parti­zipativer Entscheidungsprozesse. Sie müssen, zweitens, dauerhafte Folgeschäden in beiden Bereichen ­explizit verbieten. Zum anderen sind die Abnehmerländer zu einer angemessenen Due-Diligence-­Prüfung zu verpflichten, auch dazu, sich kontinuierlich für Vorschriften vor Ort einzusetzen, die mindestens so streng sind wie die in ihren Ländern.

Nur wenn wir diese notwendigen und ­dringenden Änderungen umsetzen, können wir Bergbauprojekte besser gestalten und solche verhindern, die diese Auflagen nicht erfüllen, und unserem Ziel der Umweltgerechtigkeit näherkommen. 


Andrés Ángel ist Geologe (Kolumbien) und verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung in der Bewertung der sozio-ökologischen Auswirkungen von Extraktionsprojekten, insbesondere im Bergbau. Er war als Berater im zivilgesellschaftlichen Bereich und in der Wissenschaft in Lateinamerika und Europa tätig. 

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