Demokratie weltweit unter Druck
Die Welt ist demokratischer als vor 50 Jahren. Immer wieder gehen Länder den Schritt in die Demokratie oder redemokratisieren sich nach einer autokratischen Phase. Aber: Autokratisierung prägt die Gegenwart, die Zahl der Demokratien ist wieder rückläufig. 2009 gab es mit 45 »liberalen Demokratien« die historisch höchste Anzahl, nun sind es noch 31: Die aktuelle »dritte Welle der Autokratisierung« erfasst viele Demokratien, aus »liberalen Demokratien« werden »Wahldemokratien«. Das heißt, dass jenseits von Wahlen zentrale liberal-demokratische Elemente eingerissen werden: Eine wirksame Kontrolle der Exekutive, eine starke Rechtsstaatlichkeit und gleiche Bürgerrechte brechen weg, die Demokratiequalität sinkt. Besonders drastisch in Ausmaß und Geschwindigkeit ist dieser Rückbau in den USA. Immer deutlicher wird: Die liberal-demokratische Republik ist keineswegs selbstverständlich.
»Mit seinen Eichen, seinen Linden, werd ich es immer wiederfinden.«
Die Identität der Deutschen ist kompliziert, dies kommt schon in Heinrich Heines Gedicht »Denk ich an Deutschland« zum Ausdruck. Gerade heute, im Lichte einer wechselhaften Geschichte und einer veränderten Gesellschaft, wird wieder diskutiert: Wer sind wir, was eint und was unterscheidet uns? Einen wichtigen Beitrag zu dieser Debatte liefert die Studie »Deutsche Identität(en)«, die More in Common im Sommer 2025 erhoben hat. Ausgewählte Ergebnisse zeigen verbindende Motive und Ansätze zu der Frage, welche Gesellschaft wir sein wollen.
»Wo es ums nationale Selbstverständnis geht, kommt die Bundesrepublik meist verhaltener daher als manch andere westliche Demokratie. Zugleich fühlen sich die meisten hierzulande Deutschland verbunden. Stabile Demokratie, Leistungsstärke und sozialer Ausgleich sind nur drei der Motive, die Menschen für die Zukunft ihrer Republik wichtig sind.« – Jérémie Gagné, Lead Forschung, More in Common
»In vielen Köpfen hierzulande existiert das Idealbild Deutschlands als eines besonders soliden und verlässlichen Landes. Dazu gehört mehr als nur starke Wirtschaft und intakte Infrastruktur – dazu gehört gerade auch das bürgerschaftliche Engagement seiner Menschen. Eine lebendige Zivilgesellschaft und eine bewährte demokratische Kultur prägen unser Land. All dies ist das große Potenzial unserer Republik.« – Katarina Peranić, Geschäftsführerin, More in CommonAlba.
Die Republik, von den Bürger:innen getragen
Der öffentliche Sektor ist entscheidend für einen funktionierenden Staat. Zivilgesellschaftliches Engagement trägt die Gesellschaft, stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und erhöht die individuelle Lebensqualität. Es gibt aber auch ein wachsendes Problem mit der »dunklen Seite« der Zivilgesellschaft, in der sich antidemokratische Kräfte vernetzen und organisieren.
Weniger Beamte, mehr Angestellte wagen
Über 5 Millionen Menschen in Deutschland arbeiten im Staatsdienst, ganz überwiegend auf Landes- und Kommunalebene. Ein im OECD-Vergleich niedriger Anteil, wobei in Deutschland viele öffentliche Aufgaben an privatrechtlich organisierte Unternehmen ausgelagert und damit hier nicht erfasst sind. Rund ein Drittel der Beschäftigten sind Beamte, die – in der preußisch-deutschen Tradition – in einem besonderen öffentlich-rechtlichen Dienst- und Treueverhältnis stehen. So sollen Beamte die hoheitlichen Aufgaben in besonderer Verlässlichkeit erfüllen.
Ein Knackpunkt ist dabei nicht die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst, sondern der hohe Anteil an Beamt:innen außerhalb der Kernaufgaben. Die Folgen: einerseits Ungleichheiten im Vergleich mit Angestellten, etwa durch lebenslange Absicherung, durch am Alleinverdienermodell orientierte höhere Bezüge und Versorgungsansprüche oder die Befreiung vom sozialstaatlichen Sicherungssystem. Andererseits hohe Kosten und Zukunftslasten. Schon heute liegen die Ausgaben für Pensionen und Hinterbliebenenversorgung bei über 65 Milliarden Euro jährlich (ca. 1,5 Prozent des BIP). Und: Spezifische gesellschaftliche Gruppen, etwa Personen mit Migrationsgeschichte, sind im öffentlichen Dienst weiterhin unterrepräsentiert.
Das aktuelle System ist auf Dauer nach Experteneinschätzung nicht finanzierbar. Gerade weil der öffentliche Dienst systemrelevant ist, ist der Reformbedarf groß: Kosten und Ungerechtigkeiten prägen die Republik für Jahrzehnte und gefährden die Akzeptanz eines starken öffentlichen Sektors. Während in Deutschland Reformen bislang gescheitert sind, sind sie in der Schweiz und in Österreich gelungen.
Die engagierte Republik
Engagement verbindet. Das Engagement im Land ist weiterhin hoch. Fast 37 Prozent der Wohnbevölkerung Deutschlands ab 14 Jahren haben sich in den letzten 12 Monaten ehrenamtlich engagiert. Ehrenamtlich heißt: Das Engagement muss aktiv, unentgeltlich, öffentlich, gemeinschaftlich und gemeinwohlorientiert sein. Also zum Wohle anderer, nicht nur zum eigenen Vergnügen. Quasi gelebter Republikanismus.
Bemerkenswert: Zeitaufwand und Häufigkeit des Engagements sind zuletzt gestiegen. Das Engagement ist in den jüngeren Altersgruppen am höchsten, Frauen und Männer sind gleichermaßen engagiert. Bei Personen mit Migrationshintergrund und mit eigener Zuwanderungserfahrung ist das Engagement gegen den allgemeinen Trend zuletzt angestiegen. Und: Gerade bei jungen Menschen (14 bis 29 Jahre) besteht bei zwei von drei der aktuell Nicht-Engagierten die Bereitschaft, sich künftig freiwillig zu engagieren.
Generell gilt: Über die Hälfte des Engagements findet in Vereinen und Verbänden statt. Mit über 600.000 eingetragenen Vereinen, über 26.000 Stiftungen und unzähligen nicht eingetragenen Initiativen bieten sich für alle Interessen viele Angebote – zudem werden immer wieder neue Vereine und Initiativen geschaffen.
Die dunkle Seite der Zivilgesellschaft
Die Vereinslandschaft in Deutschland ist regional, vielfältig und von eher kleinen Vereinen geprägt. Vereine bringen Bürger:innen zusammen und stärken Gemeinschaft vor Ort. Sie setzen sich zunehmend auch für politische Belange ein, um über die Organisationsgrenzen hinaus zu wirken. Sie sind ein Aktivposten der demokratischen Gesellschaft. Zunehmend entstehen aber auch Vereinigungen, die sich gegen die Demokratie richten. Diese »dunkle Seite« der Zivilgesellschaft, vorrangig am rechten und rechtsextremen Rand, hat den Nutzen von Vereinen, Nachbarschaftsinitiativen, Dorfkneipen und lokalen Projekten erkannt. Ob Sportverein, Kultur- oder Musikszene, die Strategie ist klar: Niederschwellige Angebote führen dazu, dass antidemokratisches Gedankengut an Akzeptanz gewinnt. Sie tragen dieses in die gesellschaftliche Mitte, schaffen neue Zugänge und stärken rechte Netzwerke.
Dazu kommt: Prodemokratische Akteur:innen werden zunehmend zum Feindbild erklärt. Sie werden aktiv eingeschüchtert und geraten unter politischen Druck von rechts und aus der demokratischen Mitte. Wenn etwa Förderprogramme wie »Demokratie Leben!«, vor über zehn Jahren unter Angela Merkel eingeführt, kurzfristig hinterfragt und Förderungen gestrichen werden, wird deutlich: Ein falsch verstandenes Neutralitätsgebot im Zuge eines Kulturkampfs der rechten Mitte verschärft den Druck, wie jüngst das Vorgehen gegen HateAid oder die Amadeu Antonio Stiftung zeigt. In Zeiten, in denen politisch motivierte Kriminalität von rechts massiv zunimmt, ist das eine echte Gefahr für die Republik.
Zum Weiterlesen
- Amadeu Antonio Stiftung (2026), Feindbild Zivilgesellschaft: Sicherheitsreport zu Angriffen auf Demokratieprojekte
- Bundesamt für Verfassungsschutz, Verfassungsschutzbericht 2024
- Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. (Becker et al.; 2021): Rechte Einflussnahmen und Übergriffe auf die demokratische Zivilgesellschaft: Phänomene, Bedarfe und Reaktionen
Sebastian Bukow ist Politikforscher in der Heinrich-Böll-Stiftung und Professor für Politikwissenschaft an der Universität Trier, seine Forschung adressiert vorrangig das Themenfeld Parteien, Demokratie und Gesellschaft sowie politische Kommunikation.