Illustration: Straßenbahn

Ein Tag in Deutschland: Bürger:innen machen Staat

Ob beim Wasserwerk oder im Jobcenter, ob bei der Bauaufsicht oder in der Straßenbahn: Viele öffentliche Unternehmen verrichten tagtäglich fast unsichtbar ihre Dienste. Dahinter stehen Menschen, Bürgerinnen und Bürger, die damit nicht nur den Staat am Laufen halten, sondern zugleich Teil des Staates werden. Einige von ihnen haben wir in drei deutschen Städten an einem Arbeitstag begleitet. 

Illustration: Martha Burger


Neubrandenburg, 07.41 Uhr 

Hendrik Thees, Stadtwerke Neubrandenburg – Pumpwerk 

Heute stehen viele Ölwechsel an. Hendrik Thees holt zwei schwarze Kanister aus dem Transporter der Neubrandenburger Stadtwerke, öffnet die Tür eines unscheinbaren Betonwürfels und steigt die Treppe hinab in einen kargen, von Neonröhren beleuchteten Keller. Darin sitzen wie grüne Zylinder zwei Pumpen auf den Rohren, die das Abwasser aus dem benachbarten Becken in Richtung Klärwerk führen. Mit einem Ruck öffnet Thees die Sicherheitsschrauben, hält einen der Kanister unter einen Hahn an der Pumpe. Altes, durchsichtiges Öl fließt heraus, keine Frage, das muss ausgewechselt werden. Der zweite Kanister steht schon bereit. 

Illustration: Transporter vor Pumpwerk


Magdeburg, 07.56 Uhr 

Johannes Lauf, Straßenbahnfahrer – Linie 4 

Die Straßenbahn 4 erreicht die Wendeschleife. Johannes Lauf hat heute »Mitteldienst«, fährt eine Linie am Morgen und eine andere am Nachmittag. Jetzt, an der Endhaltestelle, pausiert die Straßenbahn, alle Fahrgäste sind ausgestiegen. Der 35-jährige Straßenbahnfahrer kommt aus seiner Fahrerkabine, schreitet durch die Gänge. Er öffnet an einem Sitz eine Klappe, unter der sich ein Behälter mit Bremssand befindet. »Der muss immer gut aufgefüllt sein. Ohne den Bremssand wäre eine Weiterfahrt verboten.« Er geht weiter durch den Wagen, fischt eine Pfandflasche vom Boden und stellt sie hinaus neben das Gleis. »Für unsere Pfandsammler. Die kennen diesen Ort schon, da stellen wir immer Flaschen ab«, sagt er. Weiter geht’s. Die 4 fährt wieder los Richtung Magdeburg-Cracau. 


Berlin, 08.30 Uhr 

Camilla Dalerci, Bundesdruckerei – Büro 

Während im Keller unter ihr High-Tech-Maschinen Banknoten, Reisepässe und Führerscheine drucken, beginnt Camilla Dalerci ihren Arbeitstag in der Bundesdruckerei mit einem Kaffee, Nachrichten auf Microsoft Teams und vielen Mails. Sie ist stellvertretende Projektleiterin des KI-Kompetenzzentrums der Innovationsabteilung der Bundesdruckerei. »Das ist viel Koordinierungsarbeit«, sagt sie. »Dadurch wird die Arbeit nie langweilig.« 


Magdeburg, 09.12 Uhr 

Johannes Lauf, Straßenbahn­fahrer – unterwegs auf der Linie 4

Johannes Laufs Arbeitstag verläuft bislang entspannt, doch er muss immer aufmerksam sein. Die Strecke zu überblicken, vorausschauend zu fahren, das sei das Wichtigste. Vor den Kreuzungen müsse er schauen, ob die Weichen automatisch richtig gestellt wurden. »Wenn das mal nicht funktioniert, muss ich aussteigen und sie mit dem Stelleisen selbst stellen.« 

Illustration: Straßenbahn


Berlin, 09.30 Uhr 

Camilla Dalerci, Bundesdruckerei – Telefonkabine  

Der Laptop wird in einer kleinen Kabine mitten im Büro aufgeklappt. Einmal pro Monat telefoniert die Projektleiterin dort mit einer Sicherheitsbehörde über den Fortschritt des Programms »Modelle öffentlicher Verwaltung evaluieren« – »Möve«. Sie berät mit dem Amt, welche KI-Sprachmodelle sie evaluieren wollen und wie. Ist es nachhaltig? Versteht es Behördendeutsch? »Der öffentliche Sektor war nie Vorreiter beim Einsatz von neuen Technologien«, sagt Dalerci. »Jetzt muss er es sein, um mitzuhalten.« 


Magdeburg, 10.07 Uhr 

Frau Hamann, Jobcenter – Büro  

Auf dem Bildschirm öffnet sich ein Kalender. Für 10 Uhr ist ein Gespräch mit einem Klienten notiert. Er ist noch nicht da. Frau Hamann*, 43, ist Fallmanagerin des Jobcenters Magdeburg und unterstützt Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt nur schwer Fuß fassen. »Es geht in den ersten Schritten oft darum, sie im Lebensalltag zu unterstützen«, erklärt sie. »Einige haben Schulden angehäuft, und wir vermitteln eine Schuldnerberatung. Wieder andere benötigen vielleicht zunächst eine Therapie. »All diese Voraussetzungen müssten erst mal erfüllt sein, bis man von einer Eingliederung in den Arbeitsmarkt sprechen könne. »Viele haben überhaupt keine Vorstellung davon, mit welchen Schicksalen wir es hier zu tun haben«, sagt Frau Hamann. Dass Menschen nicht arbeiten wollen, erlebe sie so gut wie nie. 

Um 10.48 Uhr ist der Klient immer noch nicht erschienen. Frau Hamann macht eine Notiz. Beim nächsten Termin wolle sie mit ihm darüber sprechen. Die Zusammenarbeit der Kund:innen mit dem Fallmanagement ist freiwillig. Sanktionen sind hier nicht die Regel. 


Berlin-Spandau, 10.50 Uhr 

René Poltier, Bauaufsicht – Tankstelle 

Im Eilschritt läuft René Poltier zu einer Tankstelle in Berlin-Spandau. Poltier arbeitet für die Bauaufsicht des Bezirks. Vor drei Wochen zogen sich an der Tankstelle plötzlich Risse durch Wände und Fugen. Grund war die Baustelle eines Mehrfamilienhauses nebenan. Die Tankstelle musste den Betrieb einstellen, die Bauarbeiter den Bau. Heute Morgen bekam Poltier dann einen Anruf von der Bauleitung des Mehrfamilienhauses, dass die Mängel behoben seien. Nun muss er nachschauen, ob das stimmt. »Da kann ich mir jetzt nicht mehr Zeit lassen als zwingend notwendig«, sagt er. »Will ich auch nicht. Wir brauchen ja Wohnraum.«  

Illustration: Jobcenter und Bauaufsicht


Neubrandenburg, 11.10 Uhr

Hendrik Thees, Stadtwerke Neubrandenburg – Außeneinsatz 

Auf dem Weg zur nächsten Pumpe wirft Hendrik Thees einen Blick aus dem Auto­fenster. Er entdeckt einen beschädigten Gulli­deckel. Sein Kollege und er holen je einen Haken aus dem Transporter, setzen sie in die Löcher des Deckels und drehen ihn routiniert um 180 Grad. Eine Befestigung am Gulli ist verbogen – gefährlich für Autofahrer. »Man hört so Sprüche wie ›ihr von den Stadtwerken fahrt doch den ganzen Tag nur herum‹«, erzählt Thees. »Dann sag ich, ›du hast Strom, Wasser, Internet und Kabelfernsehen zu Hause und es funktioniert, oder? Ja, dann machen wir doch unsere Arbeit.‹«  


Berlin-Spandau, 11.12 Uhr

René Poltier, Bauaufsicht – Baustelle

Die Baustelle ist verlassen. Logisch, schließlich ist ein Baustopp angeordnet. René Poltier steht vor dem Metallzaun. Und guckt. Wo vorher die Grube des Verbaus nicht gesichert war, stehen nun Holzzäune. Die Holzlatten und -keile zwischen den eingerüttelten Stahlträgern, die vorher fehlten, sind jetzt da. Der Bau kann weitergehen - sobald die entsprechende Anordnung geschrieben ist. 


Magdeburg, 13.03 Uhr

Johannes Lauf, Straßenbahnfahrer – Linie 9  

Johannes Lauf fährt mit der Linie 9 ein. Er befördert jetzt vor allem Schulkinder, die schon frei haben, ein dankbares Klientel. Problematischer seien aggressive Erwachsene. Er selbst habe nie etwas wirklich Schlimmes erlebt, aber »ein Kollege ist mal verprügelt worden, er hat schwer verletzt eine Woche im Krankenhaus gelegen«. 

Sein Arbeitgeber, die Magdeburger Verkehrsbetriebe, stünde für Vielfalt, sagt Lauf: »Wir sind ja auch ein Unternehmen, das für alle da ist. Vielleicht denken da auch die Mitarbeiter:innen inklusiver als in anderen Firmen.« Und wie blickt er auf eine mögliche Regierung mit AfD-Beteiligung? »Wir sind ein Unternehmen der Daseinsfürsorge. Auch eine AfD kann einen Nahverkehrsbetrieb nicht mal eben umkrempeln«, sagt er.  


Neubrandenburg, 14.14 Uhr

Hendrik Thees, Stadtwerke Neubrandenburg – Außeneinsatz 

Nächstes Pumpwerk, nächster Ölwechsel für Hendrik Thees. Als die Arbeit erledigt ist, nimmt er sich einen Berichtsbogen und füllt ihn aus. Ob er stolz auf diese unsichtbare Arbeit ist? »Stolz nicht, nein. Stolz bin ich auf meine Familie. Aber wohl fühlt man sich schon, wenn alles geklappt hat« , sagt er.  


Berlin, 14.29 Uhr 

René Poltier, Bauaufsicht – Rathaus Spandau 

Ein fettes A markiert das Exemplar der Baugenehmigung fürs Amt, ein fettes B das Exemplar für den Bauherren. René Poltier sitzt in einem Raum des Rathauses Spandau und schafft Übersicht. Ein anderer Stempel bestätigt, dass die Bauvorlage legitimer Teil der Baugenehmigung ist. 


Magdeburg, 14.34 Uhr 

Herr Malzahn, Universitätsklinikum – Patientenbegleitdienst 

Sein Dienst hat gerade begonnen. Herr Malzahn* arbeitet im Universitätsklinikum im Patientenbegleitdienst. Das heißt, er fährt die Patient:innen in ihren Betten von A nach B: von der Zentralen Notaufnahme auf die Station, von der Station zum MRT, von einem Haus zum anderen. Gerade schiebt er ein Bett mit einer Patientin – eine ältere Frau, vielleicht 90 Jahre, halb geöffnete Augen, trüber Blick – Richtung Fahrstuhl. »Jetzt ruckelt es ein bisschen«, sagt er zu ihr, während das Bett über die Schwelle in den Aufzug gleitet. Vor der Station warten Kinder und Enkelkinder auf die ältere Frau. 

Die Universitätsmedizin Magdeburg ist die größte Klinik Sachsen-Anhalts. 6.791 Mitarbeitende zählt das Unternehmen, Mitarbeiter:innen aus über 50 Nationen, sagt eine der Pressebeauftragten der Klinik.    

Illustration: Krankenhaus


Magdeburg, 16.00 Uhr 

Frau Hamann, Jobcenter – Büro 

Zwei telefonische Termine mit Bildungsträgern stehen an. »Diese Gespräche sind sehr wichtig für mich, damit ich weiß, wie meine Kundinnen und Kunden vorankommen.« Vorankommen – das ist ein Wort, das Frau Hamann oft benutzt. Wenn ihre Kund:innen vorankommen, kommt auch sie voran: »Ihre Erfolge motivieren mich«, sagt sie. Aber »natürlich kommt es auch zu Konflikten«, sagt sie. Einmal habe ein Kunde in ihrem Büro einen Tisch umgeworfen. Angst habe sie deshalb nicht bei der Arbeit. 


Magdeburg, 21.42 Uhr 

Herr Malzahn, Universitätsklinikum – Patientenbegleitdienst 

Sein Dienst geht gleich zu Ende. »Es war ein recht unauffälliger, normaler Tag«, sagt Malzahn. Den Nachmittag über hatte er mehr als 25 Transporte. Um seine Schritte-Bilanz muss er sich keine Sorgen machen. Etwa 12 Kilometer reißt er durchschnittlich während einer 8-Stunden-Schicht ab. Die körperliche Belastung ist für den Patientenbegleiter kein Problem. »Ich mag meinen Job, sonst würde ich ihn sicher auch nicht so lange machen«, sagt er. Und die psychischen Belastungen? Damit umzugehen sei zeitweise schwer. Gerade hat Malzahn noch eine Patientin auf seiner Liste. Es ist die wohl letzte für heute. 


Neubrandenburg, 23.00 Uhr 

Hendrik Thees, Stadtwerke Neubrandenburg – Außeneinsatz 

Vor einer Stunde hat Thees’ Diensthandy geklingelt: Bereitschaft. Er ist zu der Pumpe gefahren, die laut Leitstelle eine Störung anzeigt. Jetzt steht er vor dem Schaltkasten im Pumpwerk, an dem eines der beiden roten Lämpchen leuchtet. Der Motorschutz, eine Art Sicherung für die Pumpe, ist rausgeflogen. Thees drückt sie wieder rein und versucht, die Pumpe wieder anzuschalten. Statt wie früher am Tag zu surren, knurrt die Pumpe nun. »Die ist verstopft«, sagt Thees, »vielleicht ein Lappen, den jemand runtergespült hat.« Thees ruft die Leitstelle an und meldet die Verstopfung. »Aber die zweite Pumpe läuft vernünftig«, sagt er. Auch mit einer Pumpe kann das Pumpwerk arbeiten, die verstopfte wird hier aus dem Abwasser gezogen und direkt vor Ort repariert. Thees kann wieder nach Hause fahren.  


*Frau Hamann und Herr Malzahn wollten in diesem Text nur mit ihrem Nachnamen genannt werden. 

Jens Uthoff ist Redakteur des Gesellschaftsteils der wochentaz. 

Jonas Waack arbeitet als Klima-Redakteur für die taz.

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