Rabea Haß: Herr Eckert, Herr Gärtner, wir diskutieren heute über Wehrpflicht und Gesellschaftsdienst. Was darf der Staat seinen Bürgerinnen und Bürgern eigentlich abverlangen?
Leon Eckert: Ich bin grundsätzlich gegen jegliches Pflichtelement und sehe die Wehrpflicht als ein Instrument aus einem anderen Jahrhundert. Wenn wir als Gesellschaft nicht erklären können, warum jemand bereit sein sollte, einen so hohen Preis wie sein Leben für diese Gesellschaft zu zahlen, wird jede Pflicht am Ende scheitern. Eine starke Gesellschaft bringt durch Selbstorganisation von unten solidarische Lösungen, wie ein starkes Ehrenamt, hervor. Wir sollten Menschen aus freier Überzeugung gewinnen und nicht durch zentral verordnete Maßnahmen von oben.
Quentin Gärtner: Dem muss ich widersprechen, denn für mich ist der Pflichtdienst heute vor allem ein Versuch, den Frieden aktiv zu bewahren. Mein Ansatz ist es, die Bundeswehr so stark zu machen, dass es eben gar nicht erst zu bewaffneten Konflikten kommt. Wir müssen die Abschreckung als eine Notwendigkeit begreifen, um die Freiheit, die wir in Deutschland genießen, zu verteidigen. Ohne Sicherheit ist am Ende alles nichts, und dieses sicherheitspolitische Argument sticht für mich den Wunsch nach totaler individueller Freiheit an dieser Stelle aus. Es ist besser, wenn jeder ein Jahr seines Lebens investiert, um sicherzustellen, dass wir wehrhaft sind, als am Ende unvorbereitet in einen Konflikt zu geraten.
Ein zentrales Argument in dieser Debatte ist immer wieder die soziale Durchmischung. Kann ein Dienstjahr die Risse in der Gesellschaft kitten?
Gärtner: Diese Durchmischung an sich wäre bereits wahnsinnig viel wert, da unsere Gesellschaft massiv nach sozialer Herkunft aufgeteilt ist, was schon in Kita und Schule beginnt. Unterschiedliche Milieus treffen heute kaum noch aufeinander, und auch Vereinsstrukturen brechen zunehmend weg. Ein Dienst beim Bund oder in sozialen Einrichtungen würde junge Menschen mit Personen zusammenbringen, die eine völlig andere Perspektive haben, zum Beispiel wenn man gemeinsam in einer Stube klarkommen muss. Das ist eine gewinnbringende Erfahrung, die man in der eigenen Blase niemals machen würde. Dieses Jahr sollte man dann auch für verstärkte Demokratiebildung nutzen. Das schützt uns auch gegen die Attacken von äußeren Feinden, die davon profitieren, dass wir anfällig für Fake News und Populismus sind. Ein Gesellschaftsjahr könnte genau hier ansetzen und die Resilienz von uns allen stärken.
Eckert: Wenn die Analyse ist, dass unser Schulsystem diese Trennung verfestigt, dann sollten wir das Schulsystem inklusiver und durchlässiger gestalten, anstatt im Nachgang ein Gesellschaftsjahr als »Reparaturbetrieb« obendrauf zu setzen. Mein Staatsverständnis ist, dass der Staat die Voraussetzungen schaffen muss, damit jeder sich mündig einbringen kann. Dafür müssen wir die sozialen und materialen Voraussetzungen für alle verbessern, um echtes, milieuübergreifendes Engagement zu ermöglichen. Die Gefahr besteht, dass am Ende bei Hunderttausenden zentral organisierten Stellen für Pflichtdienste die Qualität in der Breite nicht gewährleistet wird und junge Leute gezwungenermaßen stumpf ihre Zeit absitzen.
Wie steht es dabei um die Gerechtigkeit zwischen den Generationen und innerhalb der Gesellschaft?
Gärtner: Wir haben hier tatsächlich Trade-offs, da wir die Zeit nicht für alle zurückdrehen können. Es gibt jetzt einige »goldene Jahrgänge«, die das Glück hatten, in der Zwischenzeit geboren zu sein, in der es keine Pflicht gab. Ich halte es nicht für richtig, jetzt Menschen in der Mitte ihres Lebens, die vielleicht schon Väter oder Mütter sind und im Job aufgestiegen sind, plötzlich mit Anfang 30 noch für ein Jahr zum Bund zu ziehen. Das ist keine Lösung. Wir müssen uns auf die jungen Leute konzentrieren, auch wenn ein Wandel bedeutet, dass manche begünstigt sind und andere Nachteile haben. Am Ende ist es eine Abwägung: Auf der einen Seite stehen das Leben und die Selbstbestimmung des Einzelnen, auf der anderen Seite das Überleben der Gesamtbevölkerung und der Erhalt unserer Freiheit. Ich wäre an dieser Stelle bereit, Gerechtigkeitslücken hinzunehmen, um die Verteidigungsfähigkeit unserer Demokratie sicherzustellen.
Eckert: Jede Pflicht hat Gerechtigkeitslücken. Wir dürfen uns da nichts vormachen: Je mehr Kapital, Verbindungen oder Bildung jemand hat, desto leichter ist es, eine solche Pflicht zu umgehen. In Kriegsgebieten sieht man oft, dass die Reichsten als Erste weg sind, weil sie am mobilsten sind. Das ist ein furchtbarer Effekt. Wir müssen uns klarmachen, dass wir mit einer Wehrpflicht am Ende auch massiv Eigentum von wenigen verteidigen. Ich möchte diese Gerechtigkeitsfragen erst beantwortet haben, bevor ich junge Menschen dazu bringe, das Eigentum von Leuten zu beschützen, die ihre eigenen Kinder im Zweifel außer Landes bringen. Wenn es um Leben und Tod geht, stellt sich die Frage nach der Gerechtigkeit viel verschärfter als in jedem anderen Politikfeld. Eine Pflicht als Abkürzung zu nutzen, ohne diese tiefen sozialen Ungerechtigkeiten zu adressieren, halte ich für gefährlich.
Trotzdem bleibt das Problem der personellen Unterbesetzung bei der Bundeswehr bestehen. Kommen wir hier mit Freiwilligkeit weiter?
Gärtner: Man hat es über ein Jahrzehnt mit Freiwilligkeit versucht und die Ziele nie erreicht. Selbst mit hoher Vergütung und Boni schaffen wir es nicht, die notwendige Truppenstärke für eine effektive Landesverteidigung aufzubauen. Freiwilligkeit ist ein schöner Wunsch, aber sie stößt an ihre Grenzen, wenn es um die nationale Sicherheit geht. Wir brauchen eine große Anzahl an Reservisten, die eine Grundausbildung durchlaufen haben, um im Ernstfall mobilisierungsfähig zu sein. Nur so können wir glaubhaft abschrecken und verhindern, dass ein Angreifer denkt, wir seien ein leichtes Ziel.
Eckert: Das Problem ist eher, dass die Bundeswehr als Organisation zu starr und hierarchisch ist. In für die Mitgliedergewinnung dezentralen Strukturen wie der Feuerwehr oder dem THW sehen wir, wie kreativ und erfolgreich Menschen für die Sicherheit gewonnen werden können. Bei der Feuerwehr engagieren sich Leute ehrenamtlich und setzen zum Beispiel in ihrer Freizeit komplexe IT-Lösungen für die Alarmierung per Handy um, weil sie den Sinn dieses Ehrenamtes unmittelbar sehen. Die Bundeswehr hingegen bremst durch ihre starren Strukturen oft genau diesen Gestaltungswillen aus. Es braucht auch mehr Beteiligung, Transparenz und die Stärkung von individuellen Kompetenzen. Eine Pflicht darf keine Abkürzung für politisches Versagen sein, die Bundeswehr neu aufzustellen.
Was wäre denn die wichtigste Zutat für einen Dienst, den junge Menschen gerne leisten, sodass sich die Frage nach Pflicht oder Freiwilligkeit gar nicht mehr stellt?
Eckert: Sinnhaftigkeit und die Abwechslung vom Alltag sind entscheidend. Man muss etwas lernen, was man im normalen Leben nicht erfährt. Das Schöne am Ehrenamt, beispielsweise bei der Feuerwehr, ist, dass man sich auf die Leute neben sich blind verlassen kann, egal woher sie kommen. Diese Sichtbarkeit und Wertschätzung des Einsatzes für die Gemeinschaft müssen wir viel stärker betonen.
Gärtner: Ein Dienst muss eine echte Perspektive bieten und darf sich nicht wie eine lästige Unterbrechung der Biografie anfühlen. Wenn junge Menschen dort Orientierung finden, Demokratiekompetenzen erwerben oder Qualifikationen wie einen Tauchschein oder Sanitätsausbildungen mitnehmen können, steigt die Akzeptanz automatisch. Wenn die ersten Berichte kommen, dass die Zeit dort einen wirklich weitergebracht hat, dann brauchen wir vielleicht gar nicht mehr so intensiv über den Zwang zu streiten, weil die Attraktivität des Dienstes für sich selbst spricht.
Was braucht es aus eurer Sicht, damit wir auch in zehn Jahren noch in einer wehrhaften und sicheren Demokratie leben können?
Eckert: Wir müssen anerkennen, dass wir in einer postheroischen Gesellschaft leben, in der die persönliche Entfaltung des Individuums und dessen Leben viel mehr zählen als die Bereitschaft, für einen Staat oder eine nationale Idee im Kampf zu sterben. In dieser Zeit funktioniert das alte Modell »Pflicht gegen Orden« nicht mehr. Ich warne deshalb davor, eine Pflicht als politische Umgehung zu nutzen, anstatt den harten Weg der Erklärung zu gehen. Wenn Menschen in einem Konflikt sterben, ohne dass wir vorher gesellschaftlich ausgehandelt haben, warum dieser Preis gezahlt werden muss, wird der Grundkonsens zerbrechen. Schon eine kleine Zahl an Menschen, die eine Pflicht nicht verstehen oder ablehnen, reicht aus, um den gesellschaftlichen Frieden massiv ins Wanken zu bringen. Das ist der leichteste Gewinn für unsere Gegner: Sie müssen keinen Schuss abfeuern, wenn sie unsere Gesellschaft über Desinformation und hybride Attacken an genau diesen Spaltungslinien treffen. Wir können uns nicht vorstellen, wie der Verlust von Angehörigen oder eigenen Kindern eine Gesellschaft ins Wanken bringen kann. Wir brauchen also keine Pflicht von oben, sondern die Ermächtigung der mündigen Bürgerinnen und Bürger von unten.
Gärtner: Ich glaube nicht, dass wir in einer postheroischen Gesellschaft angekommen sind, sondern eher in einer Gesellschaft, die nach Jahren der Sorglosigkeit jetzt massive Angst vor der Zukunft hat. Diese Angst führt zu einem neuen Verantwortungsgefühl. Wir sehen bei der Klimathematik, dass Individualismus allein nicht ausreicht – man kann nicht darauf hoffen, dass jeder von selbst das Richtige tut, während der Nachbar weiter SUV fährt. Wir brauchen einen »Policy-Mix« aus Eigenverantwortung und kollektiver Inpflichtnahme. Nur auf den Einzelnen zu setzen, wird bei existenziellen Fragen wie der nationalen Sicherheit scheitern, genau wie es beim Klimaschutz scheitert. Wir müssen die Bundeswehr so attraktiv machen, wie es geht, aber am Ende ist die Sicherheit die Grundlage für alles andere. Wenn wir die Freiheit verteidigen wollen, müssen wir bereit sein, als Kollektiv einen Beitrag zu leisten. Das ist der Preis für eine wehrhafte Demokratie.
Leon Eckert, Jahrgang 1995, ist seit 2021 Mitglied des Deutschen Bundestags (Bündnis 90/Die Grünen). Er bearbeitet u. a. die Themen Gesamtverteidigung und Bevölkerungsschutz im Innenausschuss. Er vertritt den Wahlkreis Freising, Pfaffenhofen, Schrobenhausen und ist bis heute ehrenamtlich aktiv, u. a. bei der Feuerwehr Eching, als Vorsitzender des Deutschen Komitees Katastrophenvorsorge e. V. (DKKV) und als Mitglied des Kreistages des Landkreises Freising.
Quentin Gärtner, Jahrgang 2007, vertrat bis November 2025 als Generalsekretär der Bundesschüler—konferenz die Interessen von über 7,5 Millionen Schüler:innen gegenüber Politik und Öffentlichkeit, u. a. als geladener Sachverständiger im Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages zur Beratung des Wehrdienstmodernisierungsgesetzes. Seit Oktober 2025 studiert er Molekulare Biotechnologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Er ist Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen und u. a. im Kreisvorstand der Grünen Rems-Murr ehrenamtlich engagiert.
Dr. Rabea Haß promovierte am Institut für Soziologie der Goethe-Universität in Frankfurt am Main zum Freiwilligen Wehrdienst. Zudem forschte sie von 2011 bis 2014 an der Hertie School of Governance zu nationalen und internationalen Freiwilligendiensten. Sie ist Co-Autorin zweier Studien zur Machbarkeit eines Gesellschaftsdienstes in Deutschland und Europa, die sie im Auftrag der gemeinnützigen Hertie-Stiftung von 2021 bis 2024 verfasste.
Beratung und Diskussion nach der Zeitenwende
Mach, was wirklich zählt. Unter diesem Motto wirbt und berät die Bundeswehr junge Menschen zu Karrierewegen und Berufsperspektiven, in Uniform oder in Zivil: www.bundeswehrkarriere.de
Wehrdienst oder Kriegsdienstverweigerung? Es gibt ein breites Beratungsangebot, das jungen Menschen bei dieser lebensprägenden Entscheidung zur Seite steht, etwa im Rahmen der Friedensarbeit der Evangelischen Kirche: www.eak-online.de
Ein Gesellschaftsdienst für alle. Die Debatte um die Einführung eines Gesellschaftsdienstes bewegt das Land schon länger. Zwei wissenschaftliche Studien der Hertie-Stiftung, erarbeitet von Rabea Haß und Grzegorz Nocko, zeigen konkrete Umsetzungsmöglichkeiten und offene Fragen auf: www.ghst.de/gesellschaftsdienst