Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Wirklich?

Sind Frauen gleichberechtigte Bürgerinnen der Republik? Die Politikwissenschaftlerin Juliane Lang über den Handlungsauftrag des Staates, sexualisierte Gewalt und Tradwives.

Drei Fragen an Juliane Lang

böll.thema: Das Grundgesetz ist klar in seinen Worten, aber wie sieht die Realität aus? Sind Frauen ein gleichberechtigter, voll anerkannter Teil unserer Republik? 

Die Mütter des Grundgesetzes haben hart darum gerungen, die Gleichberechtigung der Geschlechter in Artikel 3 GG zu verankern. Dieser Artikel enthält auch den Auftrag an den Staat, die Gleichberechtigung tatsächlich durchzusetzen. Dieser Auftrag hat sich auch im Jahre 2026 nicht erledigt! Die Zahl der Gewalttaten gegen Frauen ist weiterhin sehr hoch. Maßnahmen zur Gleichstellung, die Frauen stärker in von Männern dominierte Bereiche wie Politik und Wirtschaft bringen sollen, kommen nur schleppend voran. Viel dramatischer finde ich jedoch die Schieflage in der öffentlichen Daseinsvorsorge: Alleinerziehende Mütter sind am häufigsten von Armut und Altersarmut betroffen. Kernbereiche der Medizin entwickeln ihre Behandlungsmethoden nach wie vor am männlichen Körper – und das hat Folgen: Frauen werden oft weniger angemessen behandelt und sterben etwa bei Schlaganfällen häufiger. 

In den letzten Monaten wurde – wieder – über sexualisierte Gewalt gesprochen, und es beschleicht einen das Gefühl: Diese Debatten kennen wir, bewegt hat sich wenig. Was muss passieren, damit sich wirklich etwas ändert? 

Geändert hat sich vor allem, wie über sexualisierte Gewalt gesprochen wird: Immer mehr betroffene Frauen gehen allen Widrigkeiten zum Trotz an die Öffentlichkeit und benennen dabei nicht nur Einzelfälle, sondern auch die strukturelle Dimension von Gewalt gegen Frauen. Sie fordern die Gesellschaft zum Umdenken und die Politik zum Umlenken auf. Der Satz »Es sind nicht alle Männer, aber es ist immer ein Mann« bringt auf den Punkt, dass eine Gesellschaft versagt, wenn sie junge Mädchen dazu erzieht, sich vor Männern zu fürchten – anstatt jungen Männern beizubringen, gleichberechtigt und gewaltfrei mit Frauen zu leben. Unter dem Eindruck der #MeToo-Bewegung hat die Politik den Schutz von Frauen vor sexualisierter Gewalt gestärkt. Jüngere Fälle zeigen jedoch deutlich, dass dies nicht ausreicht und Gesetzeslücken weit über digitale Gewalt hinaus bestehen. 

In den sozialen Medien hat ein extrem traditioneller Hausfrauen-Lebensstil der 1950er-Jahre Konjunktur: Tradwives. Was ist da los? 

Der Trend kommt aus dem englischsprachigen Raum und hat dort zur Popularisierung etwa der MAGA-Bewegung beigetragen. In Deutschland sind es vorwiegend extrem rechte Frauen, die diesen Trend aufgreifen und sich ein eigenes Betätigungsfeld schaffen, politisch wie wirtschaftlich. Ihre Selbstinszenierung als traditionelle Hausfrau kombiniert gängige Schönheitsideale mit politischer Botschaft. Ziel ist es, in den sozialen Medien Klicks zu generieren und der extremen Rechten ein weibliches Antlitz zu geben. Das Engagement extrem rechter Frauen im vorpolitischen Raum ist nicht neu: Schon früher brachten sie sich etwa im Kitabeirat oder bei Gemeindefesten ein. Mal offen, mal subtil vertraten sie rassistische oder queerfeindliche Positionen und suchten den Kontakt zu Menschen jenseits der Parteipolitik. Das ist heute gefährlicher als damals, weil die Ansprache in den sozialen Medien niedrigschwelliger ist als im lokalen Kitabeirat und mehr Menschen erreicht. 


Dr. Juliane Lang arbeitet wissenschaftlich und in der politischen Bildung zu Themen rund um die extreme Rechte und Geschlecht. Seit Februar 2023 forscht sie als Principal Investigator und Projektleiterin zu Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen und der zeitgenössischen extremen Rechten (siehe www.projekt-gerdea.de).

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