Illustration: Martha Burger
Räume schaffen: Der Dorfladen als neues Zentrum einer aktiven Dorfgesellschaft
»Wir haben uns zurückgeholt, was verschwunden war.«
In Linsburg, einem 1.000-Seelen-Dorf zwischen Bremen und Hannover, war Jürgen Leseberg 20 Jahre lang parteiloser Bürgermeister und hat in dieser Funktion die Gründung des Dorfladens maßgeblich vorangebracht. Inzwischen ist der 74-Jährige ehrenamtlicher Vorstand des Dorfladens, der 2025 zum deutschen Dorfladen des Jahres gekürt wurde. Der Dorfladen gehört den Bewohner:innen des Ortes – fast alle halten Anteilsscheine. Er arbeitet wirtschaftlich, in Kooperation mit einer privaten Supermarktkette. Aber ohne das kommunalpolitische und ehrenamtliche Engagement wäre er nie entstanden.
DIE MISSION: »Wir hatten in Linsburg mal 1.100 Einwohner. Wir hatten Bäcker, Schlachter, Kneipen, zwei Banken, das war ein lebendiges Dorf. Dann ging die Einwohnerzahl runter, und in den letzten zwanzig Jahren ist alles verschwunden. Auf einmal war nur noch eine Kneipe da, und die machte dann vor gut zehn Jahren auch dicht. Es gab nicht mal mehr einen Ort, an dem ma n sich nach Beerdigungen treffen konnte. Das wollten wir vom Gemeinderat nicht hinnehmen, wir konnten doch nicht zusehen, wie alles stirbt. Also haben wir einen Aufruf gemacht und gesagt: ›Mensch, lasst uns was dagegen unternehmen.‹ Wir haben uns in der alten Kneipe getroffen, und es sind so viele Leute gekommen, die schon lange gar nicht mehr ins Gespräch gekommen waren. Mit unheimlich viel ehrenamtlicher Arbeit haben wir das dann auf die Beine gestellt, die Gemeinde hat mit Fördergeldern die Gastwirtschaft gekauft, und die Einwohner haben sie alle zusammen renoviert. Heute ist der Dorfladen der soziale Treffpunkt von Linsburg. Hier kann man einkaufen, Geld abheben, die Post abgeben, Lotto spielen, Kaffee trinken – wir haben uns alles zurückgeholt, was nach und nach verschwunden war.«
DAS EHRENAMT: »Ohne Ehrenamt gäbe es den Dorfladen ja gar nicht, und auch heute haben wir noch mehrere Leute, die ehrenamtlich im Café und im Dorfladen mitarbeiten. Sie können mitgestalten und werden gebraucht. Das gilt auch für mich, so bin ich aufgewachsen: im Gefühl, mitverantwortlich zu sein für die Allgemeinheit und nicht nur für mich. Wichtig ist, dass dieses Engagement auch jemand anerkennt. Dass immer wieder jemand sagt: ›Da freuen wir uns drüber, deine Hilfe können wir richtig gut gebrauchen.‹«
DIE BEGEGNUNGEN: »Im Dorfladen kommen Jung und Alt zusammen, Alteingesessene und Neuzugezogene – inzwischen haben wir wieder viele Neubürger, wir sind ein beliebter Ort. Und wenn wir zur Dorf- und Feldpflege aufrufen, dann kommen alle. Wir haben auch keine Probleme, Kandidaten für die Kommunalwahlen zu finden, wie andere Dörfer. Weil die Linsburger einander kennen, sich verantwortlich und wertgeschätzt fühlen für das, was sie für den Ort machen. Und dann geht es noch um etwas anderes: Meine alte Nachbarin war über 90 und kam manchmal zwei Mal am Tag in den Dorfladen. Nicht weil sie vergesslich wurde, sondern weil sie ein bisschen einsam war und sich gefreut hat, wenn da einfach jemand zum Quatschen war.«
Räume überwinden: Mit den Landfrauen Distanzen überwinden
»Wir geben dem ländlichen Raum eine starke Stimme.«
Auch die Lebensrealität von Familien in ländlichen Räumen ist vielfältig, viele Klischees von »Landleben« sind überholt. Eines aber bleibt: Weite Wege und ausgedünnte Infrastrukturen bringen alltägliche Herausforderung mit sich. In den Landfrauenverbänden vernetzen sich Frauen seit der Nachkriegszeit. Ihre Projekte schaffen Begegnungsorte, thematisieren Lebens- und Arbeitsbedingungen, verschaffen weiblichen Perspektiven im Alltag und in der Kommunalpolitik mehr Gewicht. Auch die Förderung der politischen Repräsentation von Frauen steht mittlerweile auf der Agenda. Inzwischen gibt es auch eine jüngere Generation, die sich zusammentut. Caroline Stegelmann, 45, ist eine von ihnen und Teil der »Jungen Landfrauen östliches Vorpommern«.
DIE MISSION: »Bei den Landfrauen geht es darum, die ländliche Region mitzugestalten und sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen. Ich bin vor 13 Jahren auf einen Hof in Mecklenburg-Vorpommern gezogen und gerade, wenn man neu irgendwo ist: Da wartet keiner auf einen und sagt, ›Schön, dass du jetzt da bist‹. Da muss man sich engagieren, sozusagen einen Kuchen mehr backen. Mit dem Kuchenstand beim Dorffest verbinden viele die Landfrauen, und das ist tatsächlich ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Das Leben auf dem Land ist traditioneller, aber auch uns beschäftigen progressivere Themen. Als ich hier bei den Landfrauen dazukam, war ich eine der Jüngsten und habe mit ein paar Gleichgesinnten die ›Jungen Landfrauen östliches MV‹ gegründet. Wir vernetzen uns über die sozialen Medien, treffen uns regelmäßig, organisieren Veranstaltungen wie Frauenflohmärkte oder Workshops zum Thema Altersvorsorge – das ist gerade für die Frauen von Landwirten ein großes Thema. Aber wir sind auch nach wie vor bei den Veranstaltungen der erfahrenen Landfrauen dabei – zum Beispiel als Decken genäht wurden für Frauen in Frauenhäusern. Wir stehen füreinander ein, und im Verbund sind wir Frauen auch sichtbarer, sprechen mit stärkerer Stimme.«
DAS EHRENAMT: »Viele sagen heute, sie haben keine Zeit und es ist alles so schwierig, aber uns geht es doch gut! Wenn ich an das Leben meiner Oma denke, das war noch viel härter, und trotzdem haben sich die Frauen und die verschiedenen Generationen füreinander engagiert. Meine beiden Großmütter waren bei den Landfrauen, meine Mutter ist es immer noch. Wir arbeiten fast alle ehrenamtlich, und es ist auch wichtig, das den Kindern mitzugeben. Hier gilt es auch eine Vorbildfunktion zu leben und etwas für die Gesellschaft zu tun.«
DIE BEGEGNUNGEN: »Bei uns auf dem Land gibt es nicht wie in der Stadt Kultureinrichtungen, die Begegnungsorte schaffen, zu denen man einfach nur hingehen braucht. Wir müssen selbst was bewegen, sonst sitzt jede nur auf ihrem Hof. Dafür ist das Miteinander auch individueller, von uns selbst gestaltet. Bei den Landfrauen begegnen sich junge und alte Frauen, aus der Landwirtschaft und ganz anderen Berufen, Zugezogene und Alteingesessene, aus dem Osten und dem Westen. Was am Ende zählt, ist nicht, woher du kommst, sondern, dass du dich einbringen willst für die Gemeinschaft. Die Landfrauen geben dem ländlichen Raum eine starke Stimme, das ist unser Anspruch.«
Haare schneiden: Respekt macht den Unterschied
»Du bekommst das ehrlichste Lächeln der Welt als Lohn.«
Seit 7 Jahren schneidet Friseurmeisterin Andrea Bug als Teil der »Barber Angels« Menschen ohne Geld und Obdach die Haare. Einmal im Monat verlässt sie dafür ihr beschauliches Bad Homburg, zieht eine Weste an, die an Motorradkutten erinnert, und begegnet im Bahnhofsviertel von Frankfurt, in Offenbach oder Gießen den Außenseitern der Gesellschaft. Es sind Begegnungen, die über die Wirkung staatlicher Sozialleistungen hinausgehen – und durch unmittelbare Wertschätzung und Respekt den Unterschied machen.
DIE MISSION: »Die Barber Angels schneiden Menschen die Haare, die sich das sonst nicht leisten könnten. Wir gehen in karitative Einrichtungen, in meinem Fall im Raum Frankfurt am Main, meist sonntags, ungefähr einmal im Monat. Unsere Gäste sind Drogenabhängige, Menschen ohne Wohnung oder Obdach. Von ganz jung bis alt, Männer und Frauen, unterschiedlichste Nationalitäten. Oft kommen sie mit gesenktem Kopf rein in den Frisierstuhl und kommen ins Gespräch, mit uns und miteinander. Wir schneiden ›nur‹ Haare, aber das macht so viel – mit dem Selbstwertgefühl, wie du dich siehst und wie du von anderen gesehen wirst. Am Ende schauen die Gäste in den Spiegel, und auch die, die sich auf der Straße vielleicht spinnefeind sind, sagen einander: ›Ey, du siehst aber toll aus.‹«
DAS EHRENAMT: »Warum ich an meinen freien Sonntagen auch noch ehrenamtlich Haare schneide? Ich schaue in diese Gesichter und höre die Geschichten von Kampf, Hoffnung, Enttäuschung und Verlust. Das erdet mich unheimlich und erinnert mich immer wieder daran, dass ich diesen Job nicht nur wegen dem Handwerk oder dem Geld mache, sondern vor allem wegen den Menschen. Ich liebe auch meine Kunden im Salon, aber das hier ist was ganz Besonderes: Was ich als Lohn bekomme, ist das ehrlichste Lächeln der Welt.«
DIE BEGEGNUNGEN: »Berührungsängste hatte ich nie. Mensch bleibt Mensch, alles andere sind Vorurteile. Neulich hatte ich einen Gast, der mir erzählt hat, wie er auf den Drogen gelandet ist. Und der hat mich in seiner ganzen Art und mit seinem Charisma so sehr an einen Salonkunden von mir erinnert – einer mit einem guten Leben, mit Haus und allem Drum und Dran. Das berührt mich. Viele wollen da nicht hinsehen. Aber ich glaube, dass auch deshalb so viel falsch läuft in der Welt, weil wir die Augen verschließen.«
Gekonnt streiten: Ein Raum für gewinnbringende Kontroverse
»Damit auch die Leisen zu Wort kommen.«
Ulrich Post ist Experte für Entwicklungspolitik, er war lange im südlichen Afrika und in der Welthungerhilfe aktiv. Aber was tun, wenn vor der eigenen Haustür die Dinge schieflaufen? Wenn in der Gesellschaft die Räume immer rarer werden, in denen respektvoll diskutiert wird? Zusammen mit einer Schauspieldirektorin und einem Ex-Biotech-Unternehmer hat Post das Konzept für den »Respektraum« entwickelt – einen republikanischen Begegnungsort mit Spielregeln. Die kostenlosen Respekträume finden inzwischen in ganz Deutschland statt.
DIE MISSION: »Das Projekt Respektraum haben wir gegründet, weil wir es unerträglich fanden, wie die Leute einander vor allem in den sozialen Medien beschimpfen und runtermachen. Im vergangenen Jahr haben wir 34 Respekträume mit ganz unterschiedlichen Partnern in verschiedenen Städten veranstaltet. Man muss sich das so vorstellen: In einem Raum hängen verschiedene Thesen zu Migration, Menschenrechten, Religion, Respekt – zu den Grundwerten des Zusammenlebens. So eine These schnappst du dir und setzt dich an einen Tisch und dann setzt sich ein anderer dazu und ihr diskutiert miteinander. Das Ganze wird moderiert, es gibt Spielregeln, die dafür sorgen, dass ein echtes Gespräch entsteht, dass Meinungen begründet werden müssen und dass auch die Leisen zu Wort kommen. Später können eigene Thesen formuliert werden. Wir kooperieren mit Museen, Theaterfestivals, Cafés, Buchläden, Universitäten, Unternehmen und vielen anderen. An manchen Orten wird das Projekt bereits auf eigene Faust weitergeführt – wie ein gemeinnütziges Franchise-Unternehmen, das ist besonders toll. Inzwischen haben wir auch ein Paket für Schulen, das zum Selbstkostenpreis erworben werden kann.«
DAS EHRENAMT: »Ich bin seit meiner Jugend immer auch ehrenamtlich tätig gewesen, um etwas zu bewegen. Zuletzt habe ich hauptamtlich viele Jahre, sehr gerne und sehr viel in der Entwicklungshilfe gearbeitet. Und dann kam die Rente, und ich hatte Sorge, dass ich in ein Loch falle. Es tut mir einfach gut, zusammen mit anderen positiv denkenden Menschen etwas mit dem zu machen, was ich nicht gut finde in der Gesellschaft. Nicht zu meckern, sondern zu gestalten. Und das Gefühl zu haben, auch außerhalb der Familie gebraucht zu werden.«
DIE BEGEGNUNGEN: »Wir waren in ost-, süd-, nord- und westdeutschen Städten und haben viele Gespräche unter Studenten, Managern, Rentnern und Geflüchteten erlebt. Natürlich kommen vor allem die Aufgeschlossenen, aber gerade in Unternehmen sind das längst nicht alles Grünen-Wähler. Und was fast immer als Feedback kommt: wie wenig Gelegenheit es doch gibt, über die Dinge, die einen bewegen, respektvoll und ohne Moralisieren zu sprechen. Wie sehr das wappnet für Gespräche im Alltag und gegen das Gefühl von Ohnmacht. Das Bedürfnis danach finden wir überall, wo wir hinkommen.«
Manuela Heim ist Redakteurin bei der taz. Sie schreibt vor allem über Gesundheitspolitik und soziale (Un-)Gerechtigkeit.