Ich bin gläubiger Christ. Mit großer Familie. Mir sind Sicherheit und Ordnung wichtig. Ich glaube an das Aufstiegsversprechen und das Leistungsprinzip. Ich mag die schönen Dinge des Lebens und kann nachvollziehen, dass nicht alles, was früher gut war, heute schlecht sein muss.
Ich habe ein Buch geschrieben über die Sehnsucht vieler Migranten, in Deutschland anzukommen und die Bundesrepublik zu ihrer Heimat zu machen. Die erste Kapitelüberschrift und der letzte Satz in meinem Buch lauten: »Ich liebe dieses Land« und »Man kann dieses Land nur mit gebrochenem Herzen lieben. Aber man kann es lieben.«
Würde man all diese Informationen nebeneinander legen, hätte man beim Konservatismus-Bingo schnell alle Felder beisammen. Das ist bemerkenswert. Nicht nur deshalb, weil ich mich selbst nicht als konservativ verstehe, sondern auch, weil sich viele Konservative schwertun würden, mit mir im selben Verein zu spielen.
Zu Recht.
Gerade das, was vielen Konservativen lieb und heilig ist – die »Liebe zur Heimat« und die »Treue zum Vaterland« –, waren lange Zeit Kategorien, die ich nicht unbedingt positiv wahrgenommen habe. Zu sehr war alles das mit den schwarz-weißen Bildern in meinem Geschichtsbuch verwoben. Deutsche Männer in Sportstadien, die sich für den »totalen Krieg« begeistern. Dazu die ungebrochenen Kontinuitäten vieler Wehrmachtsoffiziere, die nach dem Ende des »Dritten Reiches« in Bundeswehr, Polizei und Geheimdienst weitermachen konnten, ohne für ihre Menschheitsverbrechen zur Verantwortung gezogen zu werden.
Heimat. Vaterland. Treue. Ehre. Schwierig. Aber auch wenn es den Progressiven, Liberalen, Linken und Grünen nur schwer über die Lippen gehen mag … Dieses Land, unsere Heimat, ist ein schönes und lebenswertes Fleckchen Erde. Mit wunderbaren Menschen. Ein Land mit einer bemerkenswerten Geschichte, aus der Licht und Schatten in die Gegenwart hineinragen. Ich habe als Manager und Unternehmensberater nahezu jede Ecke Deutschlands besucht und kann nicht anders, als dieses Land zu lieben. Es tut mir in der Seele weh, wenn ich sehe, wie abgehängt meine Landsleute und wie perspektivlos meine Mitmenschen sind. Wie sich Rechtsextreme aufmachen, diese Unzufriedenheit in Wut und diese Wut in Hass zu übersetzen.
Die inneren Gefahren sind derart groß, dass man darüber nicht der Versuchung erliegen darf, die äußeren Bedrohungen aus den Augen zu verlieren. Russische, chinesische, US-amerikanische oder sonstige Despoten machen sich auf, die Welt, und damit auch Europa, neu aufzuteilen.
Wir alle, Einheimische und Einwanderer, Deutsche mit und ohne Migrationshintergrund, Konservative und Progressive, werden uns zusammenreißen und die gesellschaftlichen Gräben überwinden müssen, wenn dieses Land, unsere Heimat, eine Zukunft haben soll.
Ich wünschte, es wäre anders. Ich wünschte, ich könnte mir selbst, meinen Kindern und meinen Kindeskindern etwas anderes erzählen. Ich wünschte, ich könnte meinen Eltern, die aus einem Kriegsgebiet geflohen sind, versprechen, dass der Krieg ihre neue deutsche Heimat nicht erreichen wird. Ich wünschte mir, wir könnten allesamt in Frieden leben, ohne uns auf den Krieg vorbereiten zu müssen.
Als Joschka Fischer im Jahr 1999 vor seine Partei tritt und den ersten Militäreinsatz der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg verkündet, wird er niedergeschrien. Ein Farbbeutel platzt neben seinem rechten Ohr. Fischer schreit zurück, plädiert für einen Bundeswehreinsatz, um den Völkermord in Jugoslawien zu beenden. Dabei sagt er etwas, was mir seit nunmehr 27 Jahren nicht mehr aus dem Kopf geht: »Ein ganzes Volk zum Kriegsziel zu nehmen, zu vertreiben durch Terror, durch Unterdrückung, durch Vergewaltigung, durch Ermordung und gleichzeitig die Nachbarstaaten zu destabilisieren, dies bezeichne ich als eine verbrecherische Politik. (...) Frieden setzt voraus, dass Menschen nicht ermordet, dass Menschen nicht vertrieben, dass Frauen nicht vergewaltigt werden. Das setzt Frieden voraus.«
Ich muss immer wieder an das Bild des farbverschmierten Joschka Fischer und an seine Worte denken. Ich muss an diese Worte denken, wenn ich die Bilder aus Mariupol, Butscha und Marjinka sehe. Wieder Krieg, wieder Völkermord im Herzen Europas. In der Mitte unseres Kontinents. In unserer direkten Nachbarschaft. Frauen werden vergewaltigt, Kinder werden verschleppt, Männer werden in Kellern gefoltert. Wenn die russischen Schergen fertig sind mit ihren Opfern, richten sie ein Blutbad an.
Ich bin nicht konservativ. Joschka Fischer war nicht konservativ. Aber gerade aus der tiefen Überzeugung heraus, dass die Schwachen Schutz und die Schutzlosen Beistand benötigen, kann niemand diesen Horror zulassen.
Ich habe nun ein zweites Buch geschrieben. Es handelt davon, warum sich ein Mensch wie ich - Migrant, Kriegsflüchtling, Zivi, Theologe, mittelkonservativ - mit Landesverteidigung, Wehrpflicht, »Kriegstauglichkeit« und »Doppel-Wumms« auseinandersetzt. Warum er darüber nachdenkt, seine Kriegsdienstverweigerung zu widerrufen. Und warum er leidenschaftlich für eine Auseinandersetzung mit Militär und Soldatentum plädiert.
Wir alle, Einheimische und Einwanderer, Deutsche mit und ohne Migrationshintergrund, Konservative und Progressive, werden uns zusammenreißen und die gesellschaftlichen Gräben überwinden müssen, wenn dieses Land, unsere Heimat, eine Zukunft haben soll.
Dazu gehört die feste Überzeugung, dass es sich für diese Heimat zu kämpfen lohnt. Dass wir die Bundeswehr dringend in einen funktionalen Zustand versetzen müssen und die Solidarität mit unseren europäischen Nachbarn nicht weniger als unsere verdammte Pflicht ist. Lassen Sie uns gemeinsam für dieses Land kämpfen, seine Menschen verteidigen und unseren europäischen Nachbarn beistehen. Unabhängig davon, in welchem politischen Verein wir spielen.
Stephan Anpalagan ist Autor, Moderator, evangelischer Theologe und ehemaliger Personalmanager. Er ist Kolumnist beim Stern und schreibt für das politische Feuilleton der Zeit. Außerdem ist er Vorsitzender der Jury des Grimme Online Awards und Mitglied der Jury des Grimme-Preises. Als Lehrbeauftragter an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW bildet er Polizist:innen in den Fächern Ethik und Interkulturelle Kompetenz aus.
Zum Weiterlesen:
Stephan Anpalagan: Für den Frieden – Widerruf meiner Kriegsdienstverweigerung, Fischer 2026. Ein meinungsstarker Beitrag zu Kriegstüchtigkeit und Wehrpflicht, in dem der Autor von seiner moralischen Kehrtwende berichtet und argumentiert, dass Frieden nur gemeinsam – von Alteingesessenen wie Zugewanderten – und mit einer starken Bundeswehr erhalten werden kann.