Die United Progressive Alliance II: Rückblick und Ausblick

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Kurz vor Sommerbeginn 2014 finden in Indien die sechzehnten Parlamentswahlen statt.  Der Kampf zwischen den zwei größten nationalen politischen Parteien, dem Indian National Congress (INC - Indischer Nationalkongress, auch Kongress-Partei genannt) und der Bharatiya Janata Party (BJP - Indische Volkspartei) hat begonnen. Der Kongress hat alle seine Karten auf Rahul Gandhi gesetzt, den Spross der Nehru-Gandhi-Familie, der trotz begrenzter politischer Erfahrungen die Führung der Partei übernehmen soll. Die Abhängigkeit der Kongress-Partei von Rahul Gandhi spiegelt in beträchtlichem Umfang  den Mangel an Führungsalternativen in ihren eigenen Reihen wider. Die BJP hat alles auf Narendra Modi gesetzt, den charismatischen, wenn auch umstrittenen Ministerpräsidenten des westindischen Bundesstaates Gujarat.

Mit Ausnahme dieser Persönlichkeiten gestaltete sich der Wahlkampf bislang alles andere als aufregend und beschränkte sich auf gegenseitige Anschuldigungen. Ganz abgesehen von Rahul Gandhis vorteilhafter Position als Sprössling der Nehru-Gandhi-Familie, baut die Kongress-Partei darauf, durch eine Reihe gigantischer, während ihrer Regierungsperiode verabschiedeter Sozialprogramme die Gunst eines großen Teils der indischen Wählerschaft zu gewinnen, die nach wie vor in tiefster Armut lebt. Die BJP dagegen griff die Kongress-Partei aufgrund hochkarätiger Korruptionsskandale an wie auch dafür, dass sie Indiens altem Widersacher Pakistan gegenüber eine viel zu nachsichtige Haltung an den Tag lege und unfähig sei, eine konsequente Landespolitik zu betreiben, um die regelmäßig von Maoisten verübte Gewalt konsequent zu bekämpfen, die in mehreren indischen Bundesstaaten immer wieder für Chaos sorgt.

Außer diesen Problemen, bei denen sich keine der beiden Parteien einer Erfolgsbilanz rühmen kann, übt die Kongress-Partei und einige ihrer Parteiveteranen regelmäßig scharfe Kritik an der BJP aufgrund ihrer anti-säkularen Haltung und Vergangenheit aus. Die BJP dagegen weist immer wieder in unmissverständlichen Worten darauf hin, dass es der  Kongress-Partei lediglich darauf ankomme, sich bei Indiens größter religiöser Minderheit, den Muslimen, beliebt zu machen. Bedauerlicherweise gelang es in einer Zeit, in der Indien von wirtschaftlichen Problemen befallen ist und die Sicherheit des Landes von innen wie außen bedroht ist, keiner der beiden Parteien, eine gut artikulierte politische Plattform für die bevorstehenden Wahlen zu schaffen.   

Hintergrund: Versprechungen und Schwierigkeiten

Als die Koalitionsregierung der United Progressive Alliance (UPA) 2009 unter der Führung der Kongress-Partei ihre zweite Regierungsperiode antrat, konnte sie auf eine Reihe von Erfolgen zurückblicken. So war es ihr 2005 gelungen, ein bedeutendes Sozialprogramm zu verabschieden, das Mahatma Gandhi National Rural Guarantee Act, ihre Beziehungen zu den USA durch die erfolgreiche Verhandlung eines zivilen Nuklearprogramms noch im gleichen Jahr zu stärken [1] und 2009 durch ein erneutes Wachstum der Wirtschaft, das im Jahr zuvor leicht ins Stocken geraten war, mit respektablen 7,4 Prozent  Indien zur Stellung als Land mit der weltweit zweithöchsten Wachstumsrate zu verhelfen [2].  

Auch auf politischer Ebene schien der indische Ministerpräsident Manmohan Singh nach den Vereinbarung mit den USA über das zivile Nuklearprogramm fest im Sattel zu sitzen, ungeachtet der Tatsache, dass ihn seine kommunistischen Koalitionspartner aufgrund dieses Deals verlassen hatten. Darüber hinaus hatte die indische Wählerschaft ihr Vertrauen in die Kongress-Partei, die größte der Koalitionsparteien, mit 206 von insgesamt 545 Parlamentssitzen erneut bekräftigt. Und so war es der Kongress-Partei, wenn auch wie zuvor in einer Koalitionsregierung, erneut gelungen, ihre Stellung zu festigen.  

Die Hoffnungen, die die indische Wählerschaft in die UPA II gesetzt hatte, waren schnell verflogen, als die Koalitionsregierung zu einer Reihe von Korruptionsvorwürfen Stellung nehmen musste. 2010, als man sich in Neu Delhi auf die neunzehnten Commonwealth-Spiele (CWG) vorzubereiten begann, wurde von unterschiedlichsten Seiten scharfe Kritik an der Regierung geübt, insbesondere von Mitgliedern der indischen Zivilgesellschaft. Die Vorwürfe bezogen sich auf Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Verträgen für Leistungen, Produkte und Infrastrukturen im Zuge der Commonwealth-Spiele [3].

Kurz vor Bekanntwerden des CWG-Skandals war die Regierung bereits für einen anderen Fall von Aktivisten aus der Zivilgesellschaft scharf verurteilt worden. Hierbei ging es um die offensichtliche Verwicklung von Mitgliedern der Kongressregierung im Bundesstaat Maharaschtra in der korrupten Vergabe von Land an einflussreiche Bürokraten und hochrangige Politiker, das für den Bau von Wohnungen für Witwen der indischen Streitkräfte vorgesehen war [4].

Noch bevor sich die Regierung von diesen Korruptionsvorwürfen erholen konnte, kam es  zur Aufdeckung eines noch größeren Skandals. Einer Untersuchung des indischen Rechnungshofes zufolge war es zu schwerwiegendem Missbrauch bei der Versteigerung von Lizenzen für die zweite Generation von Mobilfunklizenzen an private Telekomanbieter gekommen. In dem Bericht hieß es, dass aufgrund mangelnder Transparenz und fairer Spielregeln bei der Vergabe [5] dem Fiskus Gelder in Höhe von 38 Milliarden US $ verlorengegangen seien. Die Reaktion der Regierung war vorhersehbar; ihre Mitglieder argumentierten, dass die vom Rechnungshof angewandten Methoden mit Fehlern behaftet seien und die Verluste, wenn überhaupt, nur sehr gering seien.

Trotz der Bemühungen der Regierung, die Angelegenheit unter den Tisch zu kehren und weitere Untersuchungen zu blockieren, einschließlich der Einberufung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses, wurde der damalige Telekommunikationsminister, Andimuthu Raja zum Rücktritt gezwungen und vor Gericht der Korruption angeklagt.

2012 wurde ein erneuter Missbrauch öffentlicher Ressourcen zugunsten des Privatsektors aufgedeckt. Dieses Mal ging es um die Vergabe großer Kohlereserven an Privatunternehmen ohne öffentliche Ausschreibungen, wodurch dem indischen Fiskus Verluste in Höhe von 160 Milliarden US Dollar entstanden. Maßgeblich dabei war, dass  sich diese Korruptionsaffäre in einer Zeit ereignete, in der der für seine Integrität bekannte Premierminister Singh kurze Zeit das Amt des Kohleministers bekleidete [6].

Diese Welle an Korruptionsskandalen, von denen die UPA-Regierung heimgesucht wurde, ganz zu schweigen von den anderen Skandalen, die schon bald ans Tageslicht dringen sollten, mutete angesichts der Tatsache, dass die Parteichefin Sonia Gandhi auf der 83. Plenarsitzung der Kongress-Partei im Dezember 2010 den Kampf gegen Korruption zum Kernstück ihrer Agenda gemacht hatte, befremdlich an. Zu diesem Zweck hatte sie dem Kongress-Veteranen Pranab Mukherjee den Vorsitz über ein Komitee aus einer Gruppe mit Ministern übertragen, die diese Initiative implementieren sollten. Hier stellt sich allerdings die Frage, wie ernst diese Bemühungen an erster Stelle gemeint waren, nachdem nach einer ersten Sitzung nichts weiter geschah [7].

Ob es der Kongress-Partei mit dem Ergreifen von Maßnahmen zur  Korruptionsbekämpfung jemals ernst war, ist fraglich. Daran aber, dass dieses Problem im Sommer 2011 große Teile der indischen Mittelschicht in Aufruhr versetzte, besteht wenig oder kein Zweifel. Katalysator für die Mobilisierung des Mittelstands war der soziale Aktivist Kisan Baburao Hazare, kurz Anna genannt (“älterer Bruder“), der eine Protestbewegung gegen einen Antikorruptionsgesetzentwurf ins Leben rief. Seiner Meinung nach war die zu verabschiedende Gesetzgebung zu saft- und kraftlos, weshalb er beschloss, in den Hungerstreik zu treten, um die Regierung dazu zu bringen, die erforderlichen Änderungen vorzunehmen. Zum Schluss, nach langwierigen Auseinandersetzungen und einer kurzen Inhaftierung von Hazare, wurde der Gesetzesentwurf im Dezember 2011 verabschiedet, allerdings ohne die weitreichenden Änderungen, um die Hazare und seine Mitstreiter gekämpft hatten.

Ganz abgesehen von der grassierenden Korruption geriet die Regierung nach einem massiven Stromausfall im Sommer 2012, von dem zwischen 600 und 700 Millionen Menschen betroffen waren, unter scharfe Kritik [8]. Der damalige Energieminister Sushil Kumar Shinde wies jedoch jegliche Kritik zurück [9]. Shindes offensichtlich gleichgültige Einstellung angesichts der Misere von fast der Hälfte der Bevölkerung dieses Landes schien typisch für das mangelnde Verständnis der Regierung angesichts des Versagens öffentlicher Einrichtungen. Noch wichtiger: es hob hervor, dass die Regierung, obwohl sie sich der Tatsache bewusst war, dass es wachstumskritische und infrastrukturelle Engpässe zu adressieren galt, ganz offensichtlich unfähig und nicht bereit war, diese zu priorisieren.

Begrenzte Erfolge

Korruptionsprobleme, vor allem auf höchster Regierungsebene, waren ständiger Begleiter der UPA-Regierung in ihrer zweiten Amtszeit. Zugespitzt wurde die Lage weiter durch die unnachgiebige Haltung der Opposition, insbesondere der Bharatiya Janata Party (BJP), die die Regierung darin hinderte, eine Reihe dringlicher, innenpolitischer Entscheidungen zu treffen. Einige Bereiche gab es allerdings, in denen Fortschritte erzielt werden konnten.

Einige davon betrafen den sozialen Sektor und Infrastruktur, während es bei anderen um die Fortführung der Liberalisierung der indischen Wirtschaft ging. Zwei Gesetze, deren Auswirkungen jedoch noch ungewiss sind, verdienen hier Erwähnung.  Das erste ist das 2010 verabschiedete Gesetz, das die Schulpflicht für Kinder und  kostenlose Bildung vorsieht. Das Ziel dieses Gesetzes ist mehr als ehrgeizig; In ihm wird jedem Kind im Alter zwischen sechs und vierzehn Jahren kostenlose Schulbildung verbürgt. 25 Prozent aller Plätze in Privatschulen müssen für Kinder aus benachteiligten Bevölkerungsschichten reserviert werden und Schulen, die sich nicht an diese Verordnung halten, müssen mit der Auferlegung eines Bußgeldes rechnen [10]. Wie diese Gesetzgebung allerdings in allen indischen Bundesstaaten implementiert werden soll, die über unterschiedliche institutionelle Kapazitäten verfügen, ist abzuwarten. 

Die andere wichtige Errungenschaft dieser Regierung war 2013 die Verabschiedung des Gesetzes zur Ernährungssicherung. Diese Gesetzgebung ist deshalb von großer Bedeutung, weil ihre ordnungsgemäße Implementierung bedeutet,  dass zwei Drittel der indischen Bevölkerung Grundnahrungsmittel zu stark subventionierten Preisen erhalten wird. Der Zeitpunkt der Einführung dieser Gesetzgebung kurz vor den Parlamentswahlen von 2014 ist ein offensichtlich populistischer Schritt. Allerdings ist es äußerst schwierig vorherzusagen, ob die Verabschiedung dieser weitreichenden Gesetzgebung tatsächlich die Wahlaussichten der UPA verbessern kann.

Einer der Erfolge im Bereich der Wirtschaftsreformen,  wenn auch nur in begrenztem Umfang, war die Verabschiedung der Gesetzgebung, die ausländischen Einzelhändlern den Eintritt in den indischen Markt gestattet. Das war deshalb eine beachtenswerte politische Leistung, weil dieses Gesetz bei einer Vielzahl von Lagern auf heftigen Widerstand stieß.  Diesem Gesetz zufolge muss ein Unternehmen unter anderem mindestens 100 Millionen US $ in die indische Wirtschaft investieren, mindestens 30 Prozent seines Warenangebots von indischen Klein- und Kleinstunternehmen beschaffen und darf sich ausschließlich in Städten mit einer Bevölkerung von mehr als einer Million niederlassen (Die letzte Bedingung wurde später, durch eine in 2013 herausgegebene Richtlinien gelockert). Angesichts dieser  Einzelhändlern auferlegten Einschränkungen ist es allerdings fraglich, wie groß die Zahl der Mega-Ketten sein wird, die demnächst den Einstieg in den indischen Markt wagen [11].

Außer eine Lösung für dieses langwierige Problem gefunden zu haben,  gelang es der UPA-Regierung auch, endlich ein Gesetz zu verabschieden, das die komplexen Fragen des Landerwerbs für öffentliche Zwecke adressiert. Das ursprüngliche und bisher geltende Gesetz von 1894 wurde noch zur Zeit der britischen Kolonialherrschaft verabschiedet. Die neue Gesetzgebung stellt einigen sachkundigen Beobachtern zufolge eine Art Meilenstein dar und gewährleistet all jenen eine gerechtere Entschädigung, die ihr Land öffentlichen Zwecken zur Verfügung stellen. Andererseits wurde diese Gesetzgebung in Geschäftskreisen scharf kritisiert, weil sie für die Wirtschaft unzumutbar sei und die Kosten für Landerwerb sprunghaft in die Höhe treiben würde [12].

Ferner gelang es der Regierung nach fast einem Jahrzehnt heftiger Debatten im September 2013 ein Rentenreformgesetz zu verabschieden. Gemäß der Bestimmungen dieses Gesetzes sollen in diesem Sektor ausländische Direktinvestitionen in Höhe von bis 26 Prozent gestattet werden. Wie erwartet, erhoben die linken Parteien im Lok Sabha (Unterhaus) und Rajya Sabha (Oberhaus) Einspruch gegen die Verabschiedung dieses Gesetzes. Viele der linksausgerichteten in Indien betrachten ausländische Investitionen mit tiefem Misstrauen; Ihrer Auffassung nach führen ausländische Investitionen zu einer Ausbeutung der Ressourcen dieses Landes und seiner Arbeitskräfte und leisten kaum einen Beitrag zum Wohlergehen der Bevölkerung [13].

Konfrontationen mit problematischen Nachbarn

Der Ausgang von Wahlen in Indien hängt größtenteils von wirtschafts- und sozialpolitischen Entscheidungen ab. Dessen ungeachtet spielten in der Vergangenheit häufig auch die Beziehungen zu anderen Ländern Südasiens eine ausschlaggebende Rolle, die das Schicksal dieser beiden politischen Parteien wie auch von Regierungskoalitionen auf Länderebene mitbestimmten. In diesem Zusammenhang und trotz der verhältnismäßig ruhigen politischen Lage in dem von Indien kontrollierten Teil des umstrittenen Bundesstaates Jammu und Kaschmir, kam es 2013 zu einer Reihe von Zwischenfällen an der Line of Control (LoC), der de facto internationalen Grenze zu Pakistan, was angesichts der bevorstehenden Wahlen Kanonenfutter für die Opposition darstellt [14]. Die meisten indischen Beobachter behaupten, dass diese Grenzzwischenfälle von Pakistan provoziert werden. Genauer gesagt sollen diese Vorfälle ein Zeichen für die verstärkten Versuche sein, entlang der Grenze Unruhe zu stiften. Sie behaupten ferner, dass diese Zwischenfälle das Interesse des pakistanischen Militärs widerspiegeln, jede Art von Annäherungsversuchen zwischen Indien und Pakistandurch die vor kurzem demokratisch gewählte Regierung in Pakistan im Keim zu ersticken [15].

Vom  Spitzenkandidaten der BJP, Narendra Modi, der für seine kompromisslose Haltung  Pakistan gegenüber bekannt ist, ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten, dass er mit heranrückendem Wahltermin die Beziehungen zwischen Indien und Pakistan in seinen Reden aufgreifen wird. Wenn es zu wiederholten Zwischenfällen an der LoC kommt und die UPA-Regierung erneut keine entschlossene oder gar aggressive Haltung ihrem langjährigem Widersacher Pakistan gegenüber an den Tag legt, dann wird Modi diese Gelegenheit nutzen, um die Regierung als schwach und handlungsunfähig zu kritisieren.  Bei Teilen der indischen Wählerschaft, insbesondere in Nordindien, wo den Beziehungen zwischen Indien und Pakistan größere Aufmerksamkeit geschenkt wird als in anderen Landesteilen, kann eine solche Haltung durchaus negative Konsequenzen für die Kongress-Partei und ihre Alliierten haben, wenn auch nur in begrenztem Umfang.

Differenzen darüber, welche Haltung man Pakistan gegenüber angesichts seines provokativen Verhaltens einnehmen sollte, sind aber nicht die einzigen außenpolitischen  und Sicherheitsfragen, die den Ausgang der Wahlen von 2014 beeinflussen könnten. Die Behandlung der tamilischen Minderheit in Sri Lanka, insbesondere nach Beendigung des Bürgerkriegs in 2009, fand bislang beachtliche Resonanz in der Innenpolitik des südwestlichen Bundesstaates Tamil Nadu. Die ambivalente Haltung der UPA-Regierung in ihren Beziehungen zu Sri Lanka verärgerte einen großen Teil der tamilischen Bevölkerung dieses Bundesstaates. Folglich könnten von der UPA-Regierung in den nächsten Monaten zu ihren Beziehungen zu Sri Lanka getroffene Entscheidungen, vor allem, wenn die Regierung von Mahinda Rajapaksa den Belangen und Rechten der tamilischen Bevölkerung weiter keine Aufmerksamkeit schenkt, ihre in Tamil Nadu ohnehin schon geschwächte Position weiter erodieren [16].

Wirtschaftsmisere und politische Führung

Im Spätsommer 2013 geriet die indische Wirtschaft ins Trudeln. Die Ursachen der wirtschaftlichen Probleme sind offensichtlich mannigfaltig und gelegentlich auch tief verwurzelt [17]. Wie auch immer, die meisten davon scheinen auf die offensichtliche Unfähigkeit der Regierung in Delhi zurückzuführen zu sein, vernünftige Schritte zur Einführung der zweiten Stufe überfälliger Marktreformen zu ergreifen, begleitet von einem Rückgang an ausländischen Investitionen, den negativen  Auswirkungen der globalen Energiepreise und den Folgen der Verschlankungspolitik der US-Notenbank [18]. Seit Ernennung von Raghuram Rajan, eines bekannten Professors für Finanzwirtschaft von der Universität von Chicago zum Chef der indischen Zentralbank, gelang es der Rupie sich etwas zu erholen, das Investorenvertrauen wieder herzustellen und einige bescheidene Bankreformen anzukündigen. Dennoch liegt die Inflationsrate weiter bei rund sieben Prozent und das Wirtschaftswachstum wird in diesem Jahr kaum fünf Prozent überschreiten. Die anämische Wachstumsrate zerschlug auch die Hoffnungen eines großen Teils der aufstrebenden Mittelschicht, deren Kaufkraft mit schrumpfen Erwerbsmöglichkeiten im letzten Jahr drastisch zurückging [19].

Daran, dass diese Konjunkturabschwächung das politische Schicksal der UPA-Regierung mitbestimmen wird, besteht kein Zweifel. Zusammen mit den wirtschaftlichen Problemen wird sich der Mangel an politischer Führung innerhalb der Kongress-Partei ebenfalls negativ auf die Wahlaussichten auswirken. Der Spross der Nehru-Gandhi-Familie und Hoffnungsträger der Kongresspartei, Rahul Gandhi, demonstrierte während seiner Wahlkampagne bereits einen Mangel an politischem Feingefühl und Scharfsinn und schaffte es nicht, die Massen für sich zu gewinnen [20]. Obwohl ihm fähige und erfahrene Berater zur Seite stehen, scheint ihm das Verständnis für die indische Wählerschaft zu fehlen. Er ist nicht fähig in einer Sprache zu ihnen zu sprechen, die ihre Aufmerksamkeit fesselt, vor allem aber hat er keinerlei politische Reformen anzubieten, die auch nur von geringster Konsequenz sein könnten. Folglich ist kaum damit zu rechnen, dass er sich in den Monaten vor den Wahlen eine Persönlichkeit zulegen wird, die einer zunehmend anspruchsvoller werdenden Wählerschaft das Vertrauen schenken kann, dass es sich lohnt, sich erneut hinter die Kongresspartei zu stellen. Auf Meinungsumfragen ist zwar selten Verlass, aber Analysten vermuten, dass der angeschlagene Ruf des Premierministers Manmohan Singh, die ganz offensichtlich fehlende Begeisterung für Rahul Gandhi und das aufgrund der vielen Korruptionsaffären schlechte Ansehen der Partei eine dämpfende Wirkung auf die Wahlaussichten haben. Das einzige, worauf  die Kongresspartei und die UPA-Regierung zurückgreifen können, sind die gigantischen populistischen Sozialprogramme, die sie in den letzten Jahren durchsetzen konnten [21].

Außer ihrer Programme zur Armutsbekämpfung kann sich die UPA-Regierung nur noch damit trösten, dass die BJP keine grundsätzlich neuen Alternativen anzubieten hat. Narendra Modi ist zwar eine charismatische Persönlichkeit, die sich aufgrund ihrer technokratisch ausgerichteten Haltung in der Geschäftswelt einer gewissen Beliebtheit erfreut, die für andere aber schlichthin ein Politiker mit größeren Erfahrungen als Rahul Gandhi ist. Ob diese Eigenschaften angesichts einer mangelnden Alternative zu den klar ausgerichteten Sozialprogrammen der UPA ausreichen, um die komplexe, anspruchsvolle und vielseitige Wählerschaft zu überzeugen, ihre Stimme der BJP zu geben, bleibt abzuwarten.

 

Literaturverweise

[1] Sumit Ganguly und Dinshaw Mistry: “The Case for the US-India Nuclear Agreement”, World Policy Journal, 23:2, 2006, 11-19

[2] Ashok Dasgupta: “GDP growth revised upwards to 7.4 per cent for 2009-10”, The Hindu, 31. Mai 2010.

[3] Press Trust of India: “CWG scam: Delhi court frames charges against Suresh Kalmadi,” The Times of India, 4. Februar 2013.

[4] Maya Chadda: “India in 2011: The State Encounters the People”, Asian Survey, 2012, 52:1, pp.114-129.

[5] Agencies: “CAG submits 2G Spectrum scam report”, The Indian Express, 10. November 2010.

[6] Niharika Mandhana: “The Coalgate Files", The Wall Street Journal, IndiaRealTime, 6. September 2013.

[7] Chadda, 2012, Seite 117.

[8] Sunila S. Kale und Sumit Ganguly: “India’s Dark Night: The Politics Behind the Power Failure”, Foreign Affairs, 8. August 2012.

[9] Rahul Bedi: “India’s promoted power minister hails ‘excellent’ performance”, The Telegraph, 1. August 2012.

[10] Ariha Setalvad: “Is the Right to Education a reality for India’s children?”, Business Standard, 1. September 2013.

[11] Amy Kazmin: “No rush for entry as India opens retail door”, The Financial Times, 19. März 2013.

[12] Amy Kazmin: “India’s bitter land disputes set to roll on despite new law”, Financial Times, 6. November 2013.

[13] Press Trust of India: “Parliament passes key Pension Bill after 10-year delay”, The Times of India, 6. September 2013.

[14] ANI: “Assure nation on steps taken to tackle LoC violations: BJP to PM”, Business Standard, 16. Oktober 2013.

[15] Burke: “Pakistani troops crossed Kashmir line, says India”, The Guardian, 8. Januar 2013.

[16] Jerome Taylor: “As its President dines with the Queen, Sri Lanka’s torture of its Tamils is revealed”, The Independent, 7. Juni 2012.

[17] Ganguly: “Subcontinental Drift", Foreign Policy, 22. August 2013.

[18] Keith Bradsher: “Falling Economic Tide Is Exposing Its Chronic Troubles”, The New York Times, 4. September 2013.

[19] Annie Gowen: “In India, economic slowdown and inflation cause middle class to defer dreams”, The Washington Post, 5. November 2013.

[20] Sumit Ganguly: "The Grooming of Rahul Gandhi", Foreign Affairs, 10. Oktober 2011.

[21] Kartikeya Sharma and Maneesh Pandey: "Congress and BJP on mission 272: Grand Old Party to counter 'Modi-mania' with focus on pro-poor schemes", The Mail Online, 17. September 2013.

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