Zwischen den Stühlen. Zur Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Freizeit

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Performance des Duos Fräulein Bernd zur Rushhour des Lebens. Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Schlagzeilen wie „Mit 35 ist der Stress besonders groß“ oder „Zwischen 30 und 40 muss alles passieren“ zeigen schnell: Die „Sandwich-Generation“ hat es nicht leicht. Aber woran liegt das? Warum ist das Thema aktuell so relevant? Einer Mehrfachbelastung aus Hausarbeit, Erwerbstätigkeit, Kindererziehung, Elternpflege und Freizeit sind junge Männer und Frauen doch nicht erst seit gestern ausgesetzt. Um ein besseres Verständnis dafür zu bekommen, wie sich das Heute vom Gestern unterscheidet, müssen wir uns bestimmte Veränderungen vor Augen führen: Wie hat sich die Bevölkerungsstruktur über die vergangenen Jahrzehnte gewandelt? Welche Veränderungen gibt es im Bereich der Erwerbstätigkeit?

Wir altern von oben und unten

Das alte Europa wird immer älter und mittendrin Deutschland, das Land mit dem höchsten Altersquotienten. Schon heute kommt auf jede/n dritte/n Erwerbstätige/n ein/e Rentnerin. Und dieses Verhältnis wird sich in naher Zukunft drastisch zu Lasten der Jüngeren verschieben. Schon 2030 wird auf weniger als zwei Erwerbstätige ein/e Rentner/in kommen. Diese Veränderungen erklären sich einerseits durch den Geburtenrückgang (Altern der Bevölkerung von unten) und andererseits durch das Altern der Bevölkerung von oben: Seit 160 Jahren steigt die Lebenserwartung durchschnittlich um drei Monate pro Jahr bzw. sechs Stunden täglich. Ein Abflachen dieses Anstiegs ist nicht zu erwarten. Allerdings leben wir nicht nur länger, sondern auch länger in guter Gesundheit. Darüber hinaus lassen sich in den hohen Altersgruppen deutliche Geschlechterunterschiede feststellen: Frauen werden deutlich älter als Männer.

Doch was bedeutet es, länger zu leben und gesünder zu altern? Durch den Anstieg der Lebenserwartung und die Tatsache, dass aktuell immer größere Altersgruppen (die sogenannte Babyboomer-Generation) altern, wird eine längere Dauer der Erwerbstätigkeit erforderlich. Menschen werden in Zukunft jedoch nicht nur länger, sondern auch anders arbeiten. Wenn Menschen über 60 produktiv sind, dann weniger auf dem Arbeitsmarkt, sondern eher als Ehrenamtliche, politisch Engagierte, als Großmutter oder Großvater. Aktuell wird gutes Potential auf dem Arbeitsmarkt nicht genutzt.

Die Teilzeit ist weiblich

Die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist allerdings nicht nur durch demografische Veränderungen geprägt. Auch die alters- und geschlechtsspezifischen Erwerbsquoten haben sich über die Zeit deutlich gewandelt. Waren 1961 nur rund drei von zehn Erwerbstätigen weiblich, ist 2012 bereits fast jede zweite erwerbstätige Person eine Frau. Über jedes Alter hinweg hat sich die Erwerbsbeteiligung von Frauen und Männern in den vergangenen 50 Jahren deutlich angeglichen. Eigentlich eine erfreuliche Nachricht, aber auch nur eigentlich. Denn eine Quote alleine sagt noch lange nichts über die tatsächliche Art der Arbeit aus. Der Anstieg der Erwerbstätigkeit von Frauen geht insbesondere auf die gestiegene Teilzeitbeschäftigung zurück. Ein deutlicher Rückgang der Vollzeitbeschäftigung von Frauen zeigt sich vor allem ab dem 30. Lebensjahr. Eine Erklärung hierfür findet sich in der Mehrfachbelastung von Fürsorge- und Erwerbsarbeit.

Kinder, Pflege und Karriere

Noch immer steht der tatsächlichen Geschlechtergerechtigkeit die ungleiche Aufteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung zwischen den Partnern im Weg. In zwei von drei Paarbeziehungen wird in Westdeutschland Hausarbeit und Kinderbetreuung von Frauen alleine übernommen. Ein Hauptgrund hierfür ist u.a. in der geringen Unterstützung durch öffentliche Einrichtungen zu sehen. Zwar gibt es inzwischen einen rechtlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz, allerdings ist dieser vor allem im Westen noch lange nicht eingelöst. Kinder und Karriere gelten in Deutschland nach wie vor als nahezu unvereinbar. Mütter, die nach einer kinderbedingten Erwerbsunterbrechung zurück auf den Arbeitsmarkt wollen, werden mit geringeren Aufstiegschancen und niedrigen Löhnen abgestraft. Das bedeutet gleichermaßen ein höheres Armutsrisiko im Alter.

In diesem Kontext darf auch ein weiterer Aspekt, der mit dem demografischen Wandel Hand in Hand geht, nicht außer Acht gelassen werden: die Elternpflege. Schon heute sind 2,5 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig. Davon werden 70 Prozent zu Hause versorgt. Noch immer pflegen insbesondere Ehefrauen, Töchter, gar Schwiegertöchter eher als Söhne. Für die meisten von ihnen ist eine Vollzeiterwerbstätigkeit ab dem Zeitpunkt der Pflege nicht mehr möglich. Frauenförderung muss deshalb gleichzeitig auch Fürsorgeförderung sein. Kinder, Pflege und Karriere dürfen sich in unserer Gesellschaft nicht mehr als ein Entweder-oder ausschließen.

Besonders in der „Sandwich-Generation“ verschwimmen für Frauen oft die Grenzen zwischen bezahlter und unbezahlter Zeit. Zwar wird die Vereinbarkeit von Familienzeit mit Erwerbsarbeit vorausgesetzt, allerdings gilt das nicht im umgekehrten Fall. Durch die genannten Gründe werden besonders Frauen oft von den unterschiedlichen Anforderungen und Zeittakten zerrissen und brauchen dringend bessere Rahmenbedingungen. Für Männer ist hingegen eine Trennung von Erwerbs- und Familienarbeit möglich: Sie haben deutlich längere Erwerbsarbeitszeiten und investieren weniger in unbezahlte Haus- und Fürsorgearbeit. Ein Blick auf die Verteilung der bezahlten und unbezahlten Arbeit innerhalb der Partnerschaften zeigt deutlich, dass das traditionelle Male-Breadwinner Modell noch immer in Deutschland dominiert. Das Ein-Verdiener-Modell (Mann Vollzeit erwerbstätig, Frau nicht erwerbstätig) kommt allerdings in Westdeutschland nur noch in jeder vierten Familie vor – 1991 war es noch fast jede zweite Familie.

Heiratsmarkt lukrativer als Arbeitsmarkt

Aus all diesen Faktoren ergeben sich enorme Einkommensunterschiede. Ein Blick auf die altersbedingten Renten zeigt schnell: Frauen verdienen im Laufe ihres Lebens im Vergleich zu Männern fast halb so viel: 493 Euro (Frauen) zu 898 Euro (Männer) (Stand: alte Bundesländer, 2012). Überspitzt gesagt: Trotz im Schnitt höherer Bildung ist für westdeutsche Frauen der Heiratsmarkt lukrativer als der Arbeitsmarkt. So liegen hier die Witwenrenten (574 Euro) deutlich über den Renten aus selbst erbrachter Leistung. Allerdings ist es nicht ratsam, sich auf diese Ansprüche zu verlassen, denn aktuell wird in Deutschland jede dritte Ehe geschieden.

Quote vertuscht Fakten

Eine Reduktion der Einkommensunterschiede, sei es stündlich (Gender Pay Gap), monatlich, jährlich oder über das ganze Leben, lässt sich nur dann erreichen und zu einer größeren Gleichstellung von Frauen und Männern führen, wenn auch Männer zukünftig in größerem Umfang in unbezahlte Arbeit investieren. Gleichermaßen gilt es, Arbeitsgerechtigkeit zu fördern, um eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit, Kindererziehung und Elternpflege zu ermöglichen. Frauen bedürfen nicht nur gleichen Karrierechancen, sondern auch der Möglichkeit, mehr Stunden im Beruf arbeiten zu können. Mit anderen Worten: Erwerbs-, Haus- und Fürsorgearbeit müssen fairer geteilt und das Angebot dringend benötigter Betreuungsplätze weiter ausgebaut werden. Um eine egalitärere Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit innerhalb von Haushalten zu gewähren, gibt es seit 2007 Elterngeld für Väter, das an die Elternzeit gekoppelt ist. Von den im Jahr 2007 geborenen Kindern hat rund jeder sechste Vater Elternzeit genommen, von den 2011 geborenen Kindern bereits mehr als jeder vierte Vater. Allerdings gilt auch hier: Eine Quote vertuscht Fakten. Durchschnittlich nahmen Väter von in 2011 geborenen Kindern nur rund drei Monate lang Elternzeit, Mütter hingegen ein ganzes Jahr.

Um die Herausforderungen der Mehrfachbelastungen in der „Sandwich Generation“ zu meistern, müssen die Erwerbsarbeitszeiten und die Zeiten unbezahlter Arbeit zwischen Männern und Frauen angeglichen werden. Allerdings sind dabei Schwankungen der Arbeitszeit über den Lebensverlauf zu berücksichtigen, die sich durch Zeiten der Fürsorgearbeit und Weiterbildung ergeben. Ein weitsichtiger Umgang mit demografischen Veränderungen zeigt, dass sich eine Verringerung der wöchentlichen Arbeitszeit auch dadurch umsetzen lässt, wenn länger über den Lebensverlauf gearbeitet wird. Wie eingangs dargestellt, steigt die Lebenserwartung kontinuierlich an. Warum also nicht die Potentiale nutzen? Somit könnte ein Schritt in die Richtung getan werden, dass sich Fürsorgearbeit und Karriere nicht ausschließen, sondern zu einem Sowohl-als-auch verbinden.

 

 

Fotos vom Thementisch-Abend "Zwischen den Stühlen. Zur Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Freizeit" am 29. April 2014

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