Preisträgerinnen und Preisträger des Petra-Kelly-Preis 2014

Bild der vier Menschenrechtsaktivist/innenPoster der Kampagne #4Douma zur Freilassung der vier entführten Menschenrechtsaktivist/innen. Urheber/in: Marcell Shehwaro / Global Voices / #4Douma. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Der Petra-Kelly-Preis der Heinrich-Böll-Stiftung geht in diesem Jahr an die vier Menschenrechtsaktivist/innen Razan Zeitouneh, Samira al-Khalil, Wael Hamadeh und Nazem Hammadi des Violation Documentation Centers in Damaskus. Die Preisverleihung findet am Donnerstag, den 27. November in Berlin statt.

Am 09. Dezember 2013 wurden Razan Zeitouneh, ihr Ehemann Wael Hamadeh, Samira al-Khalil und Nazem Hammadi von unbekannten Bewaffneten entführt. Mitte Dezember 2013, wenige Tage nach Razans Entführung, richtete sich ihre Familie in einem Brief an die Öffentlichkeit. Vierzig NGOS, darunter auch das Institute for War and Peace Reporting, veröffentlichten eine Petition zur Freilassung der vier in sechs Sprachen.

Die vier wurden in einer Gegend entführt, die von der aus den Golf-Staaten unterstützten Jaish al-Islam (Armee des Islam) kontrolliert wird. Anführer der Gruppe ist Zahran Alloush. Einige Jahre zuvor hatte Razan Zeitouneh in ihrer Funktion als Anwältin Familienangehörige von Zahran Alloush verteidigt, die das syrische Regime wegen Terrorismus angeklagt hatte. Da Alloush und Jaish al-Islam die Suche nach den Vieren bislang nicht unterstützten, in der Gegend jedoch weiterhin die mächtigste Kraft sind, wendet sich eine im Juni 2014 gestartete Kampagne zur Freilassung der „Douma4“ direkt an Alloush und seine Gruppe. Es ist die erste systematische Aktion in sozialen Medien, mit denen militante Gruppen der Opposition öffentlich an ihre Verantwortung in der Revolution erinnert werden.

 

Razan Zeitouneh: Rechtsanwältin, Autorin und Aktivistin. Seit 2000 setzte Razan sich für die Rechte politischer Gefangener unabhängig von deren politischer Ausrichtung ein. Dieses bedingungslose Engagement für Menschenrechte im autoritären System Syriens stand für eine neue Form des Widerstands in Syrien – ein Versuch, den Staat bei seinen eigenen Regularien zu packen und sich durch die willkürliche Auslegung der Gesetze in Syrien nicht beirren zu lassen. Im Jahr 2005 gründete Razan Zeitouneh die Menschenrechtsorganisation SHRIL (Syrian Human Rights Information Link), im Rahmen derer sie akribisch Namen und Daten Verhafteter und Verschwundener zusammentrug und Menschenrechtsverbrechen für alle öffentlich im Internet dokumentierte. Mit Beginn der syrischen Revolution setzte sie diese Arbeit im Violations Documentation Centers (VDC) fort. Razan Zeitouneh schrieb in der ZEIT das „Syrische Tagebuch“.

Samira Al-Khalil war unter Präsident Hafez al-Assad von 1987 bis 1991 in Haft. Nachdem Bashar al-Assad an die Macht gekommen war, engagierte sie sich in der Demokratiebewegung, die sich während des ersten „Damaszener Frühlings“ 2000 gründete und nach dessen Niederschlagung 2001 neu formierte. Sie beteiligte sich an den „Komitees zur Wiederbelebung der Zivilgesellschaft“ und schrieb mit an der „Damaszener Erklärung“ und der „Damaskus-Beirut-Erklärung“ – zwei Manifesten, mit denen Vertreter/innen der Zivilgesellschaft das syrische Regime zu politischen Reformen bewegen wollten. Nachdem sie in Damaskus-Stadt nicht mehr sicher war, zog sie in die Ghouta (Oasen-Umland von Damaskus) und unterstütze dort das Violations Documentation Center.

Wael Hamadeh, der Ehemann von Razan Zeitouneh, engagierte sich in den Jahren vor der Revolution in einer oppositionellen Partei und seit 2011 in den „Lokalen Koordinierungskomitees“, die sich unter anderem um die Verteilung humanitärer Hilfe kümmerten. Dabei wurde er zwei Mal verhaftet, unter Anderem auch, um die im Untergrund lebende Razan Zeitouneh zur Preisgabe ihres Aufenthaltsortes zu zwingen.

Nazem Hammadi, Rechtsanwalt und Dichter. Neben seiner Arbeit beim VDC organisierte er gemeinsam mit Wael Hamadeh Hilfslieferungen, die über das Netzwerk der Lokalen Koordinierungskomitees liefen. Zum Zeitpunkt seiner Entführung bereitete Hammadi die Veröffentlichung seines zweiten Gedichtbandes vor.

 

Das Violations Documentation Center

Das Grundanliegen des Violations Documentation Center besteht darin, Informationen über Verstöße gegen das Humanitäre Völkerrecht in Syrien öffentlich zugänglich zu machen. Die Anwältin und Menschenrechtsaktivistin Razan Zaitouneh gründete die Dokumentationsstelle im April des Jahres 2011 in Douma, einem Vorort von Damaskus und selbst Schauplatz brutaler Kampfeinsätze des Regimes und aufständischer Gruppen. Seitdem überwachen, sammeln und dokumentieren über 30 Mitglieder der unabhängigen NGO unter ständiger Gefährdung Menschenrechtsverbrechen in Syrien, von wem sie auch begangen werden. Somit werden nicht nur die Verbrechen des syrischen Regimes dokumentiert, sondern ebenso jene Vergehen, die von informellen Köperschaften oder ausländischen Kämpfern in Syrien begangen werden.

Neben ihrem Anspruch, Menschenrechtsverbrechen aller Konfliktparteien zu dokumentieren, basiert eines der Grundprinzipien des Violations Documentation Centers auf der Validität

der bereitgestellten Informationen. Grundlage ist die Überzeugung, dass eine gründliche und nachprüfbare Recherche relevanter Informationen selbst ein Menschenrecht sowie eine ethische und humanitäre Pflicht gegenüber den Opfern und deren Familien darstellt. Daher stellt das Zentrum seine Daten in einem sorgfältig angelegten, mehrstufigen Prozess zusammen – all dies inmitten der zutiefst instabilen Umstände, denen die Aktivisten während ihrer Arbeit innerhalb Syriens ausgesetzt sind.

Damit schafft die Organisation unter schwierigsten Umständen ein Gedächtnis der syrischen Zivilgesellschaft, das den Grundstein für eine kollektive Aufarbeitung von Menschenrechtsverbrechen in der Zeit nach dem Konflikt darstellt.

 

Video-Mitschnitt der Preisverleihung am 27. November 2014

 

Fotos von der Preisverleihung

 

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