Demokratie in der Schule – Lehrstoff oder Praxisfeld?

3. Februar 2009
Kongress: Demokratie wagen!
Workshops „Orte der Demokratie“
Workshop B1
Samstag, 7. Februar 2009
10.00 – 12.00 Uhr

Demokratische Gemeinschaften sind durch Unterschiedlichkeit gekennzeichnet, durch ständiges Aushandeln und Verständigen. Das sollte auch für die Schule gelten.

Aber dafür muss dort neben das traditionelle Lernen über Demokratie das Lernen für Demokratie und das Lernen durch Demokratie treten. In den Schulen benötigen wir institutionalisierte Orte des Aushandelns wie Klassenräte oder Schulkonferenzen. Vor allem braucht es partizipative Lernformen, wie sie „Projekte“ bieten. Sie fördern sowohl eine forschende Einstellung zum Lernen als auch die Übernahme von Verantwortung für andere. Der Workshop diskutiert wie eine demokratische Schulkultur befördert werden kann und wie sich die Erfahrung von Demokratie durch Handeln in der Schule verankern lässt.

Hans-Wolfram SteinSchulzentrum Walliser Straße, Regionalberater „Demokratisch Handeln“, Bremen
Korbinian Deuchler – ehem. Mitglied im Bundesvorstand der Grünen Jugend

Moderation:
Stephan Ertner – Referent, Heinrich-Böll-Stiftung

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Reaktionen (1)

1_ Nino
10. Februar 2009, 04:58 Uhr

Protokoll des Workshops "Demokratie in der Schule - Lehrstoff oder Praxisfeld?"
Samstag, 7. Februar 2009
Hans-Wolfram Stein, Korbinian Deuchler
Moderation: Stephan Ertner
Protokollant: Nino David Jordan

Zur Einführung betonte Stephan Ertner den Rückbezug zur Aushöhlung der Demokratie, auf welche von Claus Offe bei der Debatte am Vortag hingewiesen worden war. John Dewey hatte die Demokratie bereits in der "ersten Moderne" gefährdet gesehen, und meinte, man müsse diesen Tendenzen schon in der Erziehung begegnen. Die Demokratie sei mithin nicht nur als Herrschafts-- sondern auch als Lebensform zu sehen. Weiterhin werde man nicht als Demokrat geboren, sondern erst zu einem sozialisiert. Problematisch erweise stehe aber die Schule eben erst einmal nicht für demokratische Strukturen.

Wolfgang Stein berichtete von vielen interessanten Projekten, bei denen Demokratie lebendig in der Schule verwirklicht wurde. Einleitend fragte er: Was ist eigentlich die Schule der Demokratie? Und: Dies sei eben die Schule!
Hier wies er auf den professional-didaktischen Diskurs hin, in der Demokratie in der Schule auf drei Ebenen diskutiert wird:
1. Demokratie als Lebensform, worunter konkret-demokratisches Verhalten, z.B. durch Klassenräte gehört, wobei LehrerInnen die Führungsrolle soweit wie möglich an SchülerInnen abgeben. Hierbei geht es um das Einüben von deliberativen Verhaltensformen, wie etwa dem aktiven Zuhören sowie dem damit verbundenen Verständnis von anderen Positionen. Eine Zeit lang gab es eine Debatte um die Frage, ob dies eher soziales Verhalten oder schon Demokratie sei. Wolfgang Stein meint jedoch, dies sei bereits Demokratie als Lebensform.
2. Demokratie als Gesellschaftsform: Hier geht es um das Behandeln von gesellschaftlichen Problemen. "Service learning" wäre ein Beispiel hierfür: Dabei gehen Schüler los und schauen, wo in der Gemeinde die Probleme sind, z.B. Internetzugang für Rentner. Ein schönes Beispiel aus Bremen wäre die Aktion Straßenkind. Hier gehen Fünftklässler für einen Tag Schuhe putzen, um die Rolle von Straßenkindern nachzuvollziehen. Es herrscht in der Didaktik anscheinend Konsens darüber, dass Demokratie als Gesellschaftsform eine wichtige Rolle spielt, z.B. da wo sich Schüler vor Ort für ihre eigenen Interessen einsetzen
3. Demokratie als Herrschaftsform: Hier wird es schwierig, wenn es um die „große Politik“ und die Auseinandersetzung mit staatlichen Konzepten geht. Stein schwebt hier so etwas vor, wie ein Schulprojekt zur Rentenpolitik zu machen. Die Schule von Stein liegt im Bremer Stadtteil Tenever. Dort liegt der Anteil von Kindern, deren Familien Hartz IV beziehen, bei 60%. Nachdem im Januar 2005 Harz IV eingeführt wurde, hat Stein ein Schulprojekt gemacht und mit seinen SchülerInnen zu Regelsätzen und Armutsdefinitionen gearbeitet. Die Ergebnisse wurden Politikern überaus anschaulich vorgetragen und die Presse ist darauf sehr gut angesprungen.
Ein paar Monate später wurde das gleiche Thema im Rahmen der Nacht der Jugend in Bremen präsentiert. Hier präsentierten Schüler konkrete Zahlen, und es stellte sich heraus, dass die Kinder besser Bescheid wussten als die Politiker.
Zwar hatten die Schüler großen medialen Erfolg, jedoch waren sie von der eigentlichen Wirkung enttäuscht. In der Folge berief sich allerdings selbst eine CDU-Politikerin auf die in einer Broschüre gedruckten Ergebnisse der SchülerInnen. Die SchülerInnen wurden auch zur SPD eingeladen. Danach beschloss der betreffende Ortsverband die Notwendigkeit eines Armutsberichts für Bremen. Der Bremer Bürgermeister Böhrnsen lud die Kinder später ins Rathaus ein, erklärte ihnen was eine Bundesratsinitiative ist und sagte ihnen, dass Bremen sich mit einer solchen für höhere Regelsätze für Kinder einsetzen will.

Im Anschluss daran wurde der Einwand erhoben, dass die Schule selbst aber trotzdem oft undemokratisch bleibe. Oft gebe es nur eine Pseudo-Partizipation durch die Schülervertretung, welche verpuffe, wenn die Lehrer damit nicht einverstanden seien.

Mit Bezug auf Beobachtungen von deutsch-polnischen Schüleraustauschen wurde angemerkt, dass es wichtig sei, dass Demokratie in der Schule nicht nur der Kitsch des Dialogs ist, sondern auch wirklich als Demokratie wahrgenommen wird. Auch sei in den Schulprojekten eine unheimliche Kraft und demokratische Vitalität zu finden.

Kritisch wurde angemerkt, dass man aber nicht immer in Projektform arbeiten könne. Auch blieben Projekte der Reformpädagogik, wie das von Hans, leider immer Einzelfälle.
Auch hätten Schulen wie Summerhill keine Chance, Verbreitung als Regelschulen zu finden.
Es wurde weiter gefragt, was denn Demokratie in der Schule jenseits der Projektform bedeute. Man könne sich während der Schulzeit schließlich so gut wie nie entscheiden, danach werde einem aber plötzlich abverlangt, sich für eine Laufbahn zu entscheiden.
Später wurde dann noch einmal gesagt, dass die Verantwortungsübernahme für eigene Entscheidungen auch zur Demokratie gehöre.

Allgemein wurde festgestellt, dass es eine bessere Motivation für politisches Lernen gibt, wenn Leute das Gefühl haben, dass es auch wirklich um etwas geht.

Es wurde auch darauf hingewiesen, dass politisches Verhalten von den Rankinglisten gestrichen wurde. Hier scheine der Markt klar den Vorrang zu genießen. Weiterhin gebe es auch unter LehrerInnen kaum Bereitschaft, sich politisch zu engagieren.
Es wurde festgestellt, dass in Deutschland die Schulen demokratischer als in Frankreich sind, es
dort jedoch eine größere Bereitschaft gibt, auf die Straße zu gehen.
Es wurde bedauert, dass Schüler- oder Jugendparlamente leider oft nur Spielbühne für diejenigen seien, die ohnehin aktiv sind.
Auch wurde wiederkehrend bekräftigt, dass es immer auf die Alterskohorte ankomme, wenn es um die Verwirklichung von Demokratie in der Schule geht.
Mit Bezug auf die schulische Binnenstruktur erschien es TeilnehmerInnen wichtig, dass Partizipieren allein noch nicht Demokratie bedeute. Vielmehr hieße Demokratie auch Entscheiden. Es sei fraglich, ob Demokratie in diesem Sinne auch in allen Altersstufen Sinn mache. Allgemein wird ein starker Differenzierungsbedarf gesehen, was die Freiheit von Entscheidungen von SchülerInnen angeht.
Es wurde angeregt, dass man auch wirklich einmal empirisch herausfinden müsse, wie viel Freiheit das Lernen verbessert.
Hierzu wurde entgegnet, dass problematischerweise der Grad der für das Lernen empirisch "optimalen" Freiheit wohl je nach Schule und Milieu, aus welchem die SchülerInnen stammen, variieren würde. Dies komme daher, weil der Grad der Gewährung von Freiheit in der Schule auch immer von der jeweiligen Idee vom "guten Leben" sowie der Vorstellung von Autonomie abhänge. Weiterhin sei es problematisch, Schüler schon vor Markteintritt so zu responsibilisieren, dass sie vielleicht selbst ihren Lebensplan schon Marktkonform ausrichten.
Hierauf wurde entgegnet, dass man den Utilitarismus weder verabsolutieren noch ganz weglassen dürfe, denn sonst würde das Konzept nicht überzeugen. Mit Bezug auf den Punkt, dass Freiheit unterschiedlich genutzt wird, wurden Analogien zum Grundeinkommen gezogen, und zu der Tatsache, dass noch gar nicht empirisch klar sei, wie diese Freiheiten eigentlich genutzt würden, und ob sie im Endeffekt nur denen nutzen würden, welchen jetzt die Fähigkeit unterstellt wird, sich produktiv selbst zu beschäftigen.
Zudem sei noch einmal klarzustellen, dass Reformschulen wie Summerhill nicht untergegangen sind, sondern oft noch erfolgreich operieren.

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