Schriften zur Demokratie – Band 27

Vielfalt sucht Rat: Ratsmitglieder mit Migrationshintergrund in deutschen Großstädten

26. November 2011
Karen Schönwälder, Cihan Sinanoglu und Daniel Volkert

Deutschland ist ein Entwicklungsland, wenn es um die Repräsentanz von Migrantinnen und Migranten in der kommunalen Demokratie geht. Sie stellen nur knapp vier Prozent der Ratsmitglieder in den deutschen Großstädten. Dabei hat bereits rund ein Drittel der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Von gelungener Integration kann aber erst die Rede sein, wenn Migrantinnen und Migranten auch ganz selbstverständlich in den Parlamenten vertreten sind.

Die vorliegende Studie „Vielfalt sucht Rat. Ratsmitglieder mit Migrationshintergrund in deutschen Großstädten“, angefertigt vom Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, liefert die empirischen Grundlagen für die überfällige Debatte um die politische Teilhabe von Migrantinnen und Migranten.

Eine Studie des Max-Planck-Instituts zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung und gefördert durch die Stiftung Mercator.


Vielfalt sucht Rat: Ratsmitglieder mit Migrationshintergrund in deutschen Großstädten
   
Herausgeber/in Heinrich-Böll-Stiftung
Erscheinungsort Berlin
Erscheinungsdatum November 2011
Seiten 80
ISBN 978-3-86928-067-7
Bereitstellungs-
pauschale
kostenlos


Vorwort

Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Deutschland ist ein Entwicklungsland, wenn es um die Repräsentanz von Migrantinnen und Migranten in der kommunalen Demokratie geht. Nur etwas mehr als vier Prozent aller Ratsmitglieder in deutschen Großstädten haben einen Migrationshintergrund. Das ist ein Ergebnis der vorliegenden Studie «Vielfalt sucht Rat. Ratsmitglieder mit Migrationshintergrund in deutschen Großstädten», die das Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften durchgeführt hat. Erstmals wurde dabei die Rolle von Menschen mit Migrationshintergrund in den Räten aller deutschen Städte über 100.000 Einwohner umfassend und systematisch untersucht.

Die Studie zeigt, dass unsere Stadtparlamente noch weit davon entfernt sind, die kulturelle und ethnische Vielfalt in unserem Land widerzuspiegeln. Hier besteht dringender Nachholbedarf. Denn die Frage der Repräsentanz von Migranten wird für die Zukunftsfähigkeit unserer Demokratie von entscheidender Bedeutung sein. Bereits heute haben knapp 20% der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund. Die Legitimität der Demokratie wird in unseren ethnisch und kulturell immer vielfältigeren Gesellschaften auch davon abhängen, ob sich diese Vielfalt im demokratischen Prozess wiederfindet. Das gilt in ganz besonderer Weise für unsere Städte. Dort hat bereits heute fast ein Drittel der Bevölkerung eine eigene oder eine familiäre Migrationsgeschichte. Und die Tendenz ist steigend, wie schon ein Blick in die Klassenzimmer unserer Großstädte zeigt, wo kulturelle und ethnische Vielfalt längst zum Normalfall geworden ist. Auf diese neue Realität werden sich zukünftig auch unsere Parteien stärker einstellen müssen, wollen sie sich nicht ins gesellschaftliche Abseits manövrieren.

Der Grad an erreichter Gleichberechtigung und gesellschaftlicher Integration wird sich in Zukunft auch daran messen lassen müssen, inwieweit Einwanderer an politischen Entscheidungen teilhaben können und ob sie gleiche Chancen auf politische Gestaltungsmacht erlangen. Das schließt die Übernahme von politischen Ämtern und Mandaten ein. Sie ist ein Lackmustest für politische Teilhabechancen. Von gelungener Integration kann erst die Rede sein, wenn Migrantinnen und Migranten ganz selbstverständlich in den Parlamenten vertreten sind. Der Fokus der vorliegenden Untersuchung liegt auf der lokalen Ebene, weil vor allem hier die Interaktion zwischen Immigranten und Alteingesessenen stattfindet. Außerdem verlaufen politische Integrationsprozesse in der Regel von «unten nach oben». Nicht umsonst gilt die lokale Ebene als «Schule der demokratischen Beteiligung».

Aller ernüchternden Ausgangsbedingungen zum Trotz haben wir in Hinblick auf die Teilhabechancen von Migrantinnen und Migranten in unseren Städten Grund, optimistisch zu sein. Städte waren immer schon Laboratorien sozialer Innovation und Pioniere des Wandels – und zwar gerade aufgrund der sozialen und kulturellen Vielfalt, die sie kennzeichnet. In Städten wurde die Demokratie erdacht und gelebt, hier wurden die großen Erfindungen gemacht und neue Lebensstile erprobt. Hier wird auch die Demokratie in der multikulturellen Gesellschaft entwickelt werden müssen.

Die vorliegende Studie bestätigt, dass Bildung und Zugang zum Arbeitsmarkt die politische Partizipation von Migrantinnen und Migranten positiv beeinflussen. Es sind vor allem die akademischen Aufsteiger aus multikulturellen Milieus, die die benötigten Ressourcen für politisches Engagement mitbringen. Bemerkenswert ist auch die hohe Repräsentanz von hoch qualifizierten Frauen mit Migrationsgeschichte, die verhältnismäßig besser vertreten sind als ihre einheimischen Kolleginnen. Von einer erfolgreichen Integration über Bildung und Beruf können also auch positive Effekte für die Teilhabe am politischen Leben erwartet werden.

Zurzeit sind viele der in Deutschland lebenden Migrantinnen und Migranten vom aktiven und passiven Wahlrecht ausgeschlossen, weil sie nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Aber dieser Ausschluss von der Teilhabe an den politischen Institutionen erschwert die gesellschaftliche Integration. Abhilfe kann hier durch einen erleichterten Zugang zur Staatsbürgerschaft geschaffen werden, aber auch durch die Ausdehnung des kommunalen Wahlrechts auf Nicht-EU-Staatsbürger, die gewisse Voraussetzungen im Hinblick auf ihre Aufenthaltsdauer erfüllen. Die EU-Richtlinie zu Kommunalwahlen hat die Tür für die Ausdehnung des Wahlrechts über das Staatsvolk hinaus geöffnet – sie muss nur mutig durchschritten werden.

Die Studie «Vielfalt sucht Rat. Ratsmitglieder mit Migrationshintergrund in deutschen Großstädten» liefert empirische Grundlagen für eine überfällige Debatte um die politische Teilhabe von Migrantinnen und Migranten.

Die Heinrich-Böll-Stiftung dankt den Autoren – Prof. Dr. Karen Schönwälder, Cihan Sinanoglu und Daniel Volkert vom Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften – für diesen Anstoß sowie der Stiftung Mercator für die äußerst produktive und angenehme Zusammenarbeit.

Reaktionen (5)

1_ Ozan Erdogan
14. Dezember 2011, 18:20 Uhr


Sage mir, wie ein Land mit seinen Minderheiten umgeht, so sage ich dir
wieweit es mit der Demokratie in diesem Land ist !

Wer sich vor der Teilhabe von Migranten/innen am politischen Leben fürchtet, der hat Zweifel an der Richtigkeit seiner politischen Arbeit

2_ Franz
23. Januar 2012, 11:44 Uhr

Sage mir, welche Werte eine Religion vertritt, und ob neben deren positiven Menschenbild auch ein unterdrückendes Element enthalten ist, so sage ich dir, ob es eine Religion ist oder ein ideologisches System.

Wer sich vor der Teilhabe von Migranten/innen am politischen Leben fürchtet, der hat Zweifel an der Aufrichtigkeit deren Ideologie.

3_ Brandt
21. April 2012, 13:55 Uhr

@Franz

Ihr Kommentar verrät einen starken Kulturalismus. Uns wird das nicht weiter bringen. Islamische Religiösität ist sehr vielfältig und wandelt sich sehr stark. Lebensweltlich sind die muslimischen Immigranten in Milieus aufgefächert. Die Verbände sind in Kleinstgruppierungen organisiert. Politisch und ökonomisch macht es keinen Sinn Fronten entlang religiöser Trennlinien aufzubauen.

Es kommt mir so vor, als ob die Funktion der neuen Islam-Debatte in der Ablenkung von der Erkenntnis politischer, rechtlicher, ökonomischer und kultureller Repression gegen Einwanderer liegt. Diese Funktion erfüllte früher der Multikulturalismus. Nun haben wir die Religions-Debatten mit Fokus auf die Moslems. Denn Moslems eignen sich gut dafür, Einwanderungsfragen zu stigmatisieren im öffentlichen Diskurs.

Dabei sind die internationalen Diskurse schon viel weiter, und man versteht nun auch sehr viel mehr über den Zusammenhang von Migration, Entwicklungszusammenarbeit und Handel. Beispiele für diese neuen Geprächforen sind:

* Migration for Development ( EU und UNO)
* Global Forum on Migration and Development
* International diaspora Engagement Alliance ( US State Department)
* GTZ
* Französische und Spanische Co-Development Programme
* Weltbank

Der deutsche Diskurs organisiert von deutschen Parteien, Zeitungen, Fernsehstationen spielt sich gegenseitig die Bälle zu in einem repressiven Diskurs. Die islamischen Verbandsvertreter spielen da mit.

Es wird Zeit, dass Einwanderer selbst öffentliche Intellektuelle hervor bringen. Migration muss transnational diskutiert werden und die Gemeinsamkeiten herausgestellt werden. Denn es gibt etwa 200 Mio. internationale Migranten und etwa 700 Mio. Binnenmigranten. Die politische, ökonomische und kulturelle Repression aller dieser Gruppen ist eine wichtige soziale Frage.

Vor allem ist Migration und Binnenmigration immer mit Wirtschaftswachstum und gleichzeitiger ethnischer Schichtung des Arbeitsmarktes verbunden, ausserdem Teil eines Urbanisierungsphänomens. Hier sehe ich eine Verteilungsfrage!

4_ Deutschländer
18. Oktober 2012, 10:59 Uhr

Ich finde das Franz ein wenig übers Ziel hinausgeschossen hat. Wahlrecht hat mit Religion nicht zu tun. Es sind Christen genau so betroffen wie nicht Christen weil sie nicht EU Bürger sind. Jetzt muß eine Lösung her. Die Franzosen sind schon dabei es in ihrem Land zu lösen wir aber noch nicht.
5_ Miriam
26. Oktober 2012, 11:36 Uhr

Liebe Leute, ich finde, dass Franz schon die Wahrheit sagt. Seid doch einmal ehrlich zu euch selbst und lasst nicht immer dieses Gutmenschengetue raushängen! Multikulti ist gescheitert und von Migranten in der kommunalen Politik kann erst die Rede sein, wenn sich wirklich ALLE Menschen mit Migrationshintergrund WIRKLICH integriert haben, das fängt bei der Sprache an, geht über die Kleidung weiter und, und, und... Vor allem erfordert es RESPEKT von Seiten der Migranten für das Land, welches sie aufgenommen hat und durchfüttert. Zum größten Teil jedoch wird die Hand, die füttert jedoch gebissen! Und an dieser Stelle muss dringend angesetzt werden, dann können wir uns eventuell Gedanken über Migranten in kommunalen Organen machen! Wenn ich in ein anderes Land komme, muss ich mich auch an die dortigen Gegebenheiten anpassen, nachweisen, dass ich mich selbst ernähren kann, die Sprache in Wort und Schrift beherrsche und kann z.B. in Anatolien (um mal Atze Schröder zu zitieren)keine Imbissbude aufmachen mit Mettbrötchen in der Auslage und den ganzen Tag lautstark das "Ave Maria" dudeln. Das hat nichts, aber auch garnichts mit Ausländerhass zu tun. Wie gesagt, komme ich woanders hin, bin ICH der Ausländer und MUSS mich anpassen, sonst kann ich eben gehen! Da wählt mich auch keiner in den Stadtrat! Also bitte , lasst doch die Kirche im Dorf und denkt über Problemlösungen an der Wurzel nach! Besten Dank!
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