Nationalstaat ohne ethnische Einheit - Bürde und Ideal
Von Reinhart Kößler
Auf den ersten Blick
erscheinen die Probleme des Kontinents ebenso gravierend wie ihre Ursachen
evident: Gesellschaftliche Konflikte in vielen Teilen Afrikas, bis hin zum
Völkermord, werden auf die angeblich uralten Spannungen zwischen „Stämmen“ oder
feiner ausgedrückt, zwischen „Ethnien“ zurückgeführt. Derartig verkürzte
Einschätzungen nähren sich von einer Wirklichkeit, die ihnen auf den ersten
Blick Nahrung gibt: unterschiedliche Gruppen leben in Staaten zusammen, die ein
häufig buntes Gemisch von Religions- und Sprachgruppen aufweisen und zudem
Grenzen haben, die schon beim flüchtigen Betrachten der Landkarte als
unnatürlich erscheinen, da sie offenkundig mit dem Lineal gezogen wurden. So
erscheint es vielen, und so wird es meist medial vermittelt.
Die Realität und ihre Hintergründe stellen sich
deutlich anders dar. Im Folgenden sollen gegenüber der geläufigen Erzählung
einige Gesichtspunkte geltend gemacht werden, die das Bild der aktuellen Krisen
in Afrika, insbesondere vom Verhältnis von Staat und Ethnizität, wesentlich
modifizieren. Hoffentlich wird damit dem Bild Afrikas etwas von jener Exotik
genommen, die der immer noch weitverbreiteten Vorstellung von urtümlichen Stammeskonflikten
anhängt und sie für manche so glaubwürdig macht.
Ethnizität: Fiktion und Wirklichkeit
Wer sich ein wenig mit Formen ethnischer
Identifikation und Mobilisierung in Afrika und anderswo beschäftigt, stößt
recht bald auf einen Sachverhalt, der dem umrissenen Augenschein krass
zuwiderläuft: Die meisten der Ethnien, von deren Konflikten unsere Medien
berichten, blicken in Wirklichkeit auf eine recht kurze Geschichte zurück. Oft
entstanden sie erst während der Kolonialzeit. Die Berliner Afrika-Konferenz von
1884-85, auf der die Prinzipien der Aufteilung des Kontinents unter die
europäischen Kolonialmächte beschlossen wurden, hatte nämlich zunächst einmal
weniger tatsächliche Grenzen zum Ergebnis, als vor allem einen zentralen
Grundsatz: den der Kontrolle. Erhoben die verschiedentlich miteinander
konkurrierenden Mächte territoriale Ansprüche, so mussten sie dafür ihre
„effektive Kontrolle“ über die künftigen Kolonialgebiete nachweisen. Das
bedeutete, die Kolonisatoren benötigten afrikanische Partner. Mit ihnen wurden
zunächst sogenannte Schutz-Verträge geschlossen, danach agierten sie oft als
lokale Vertreter der Kolonialmacht. Dafür mussten diejenigen herhalten, die
sich gerade vorfanden. Oft wurden Männer (Frauen wurden hier eher an den Rand
gedrängt) ausgewählt, die über Reichtum oder Gefolgschaften verfügten, und die
sich eine „traditionelle“ Basis erst im Nachhinein schufen. In anderen Fällen
wurden eher unbestimmte, fließende Verhältnisse für fest und stabil erklärt, um
den Verträgen Glaubwürdigkeit zu verleihen. In diesem Prozess wurden durchaus
auch vorkoloniale Zusammenhänge durch die entstehenden Grenzen zerschnitten,
soweit es die Staatsmacht vermochte, ihnen Realität zu verleihen. Solche
Eingriffe wurden sicherlich als schmerzhaft empfunden oder gaben auch Anlass zu
häufig lukrativen Geschäften. Auch kam es in solchen Fällen zur Reorganisation
von Ethnizität innerhalb der neu geschaffenen Grenzen. Insgesamt löste die
Kolonisierung aber eine Neubestimmung von Ethnizität und allgemeiner, kollektiver
Identifikationen aus.
Die Kolonisierung und damit die Etablierung
kolonialer Staatlichkeit bedeutete massive Gewalteinwirkung, auch wenn die
Kolonialmetropolen meist nicht in der Lage waren, flächenmäßig einheitliche
Verwaltungsapparate aufzubauen. Die massivsten Eingriffe bestanden in der
Erhebung von Steuern sowie in der Rekrutierung von Arbeitskräften und auch
Soldaten. Beides erforderte die statistische Erfassung und minimale Kontrolle
der in den kolonialen Territorien lebenden Menschen. Sie waren daher immer
wieder in unterschiedlicher Form mit dem Kolonialstaat konfrontiert. Diese
Erfahrungen wirkten sich auch auf die Bestrebungen aus, die Kolonialherrschaft
zu beenden.
War der primäre
Widerstand gegen die koloniale Eroberung im Wesentlichen von bestehenden
politischen Einheiten, Königen oder Häuptlingen ausgegangen, so änderte sich
dies spätestens während der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen.
Gewerkschaften, aber auch religiöse Erweckungsbewegungen spielten eine
bedeutende Rolle. Wo immer es sich um ausdrücklich politische Bewegungen
handelte, stellte jedoch zunehmend die durch die koloniale Aufteilung des
Kontinents vorgegebene Gliederung in einzelne Territorien den Bezugsrahmen dar.
Die staatliche Unabhängigkeit im Rahmen dieser bestehenden Gliederung wurde
nach dem Zweiten Weltkrieg durchgängig zur Forderung der verstärkt auftretenden
antikolonialen Bewegungen. Auch die Vertreter einer panafrikanischen
Perspektive, die wie etwa Kwame Nkrumah (britische Kronkolonie Goldküste, das
unabhängige Ghana) längerfristig bestehende Grenzziehungen zu überwinden
suchten, verfolgten ihre praktischen politischen Projekte im Rahmen eines
antikolonialen Nationalismus.
Die antikolonialen Bewegungen in Afrika
artikulierten sich demnach ähnlich wie in anderen Teilen der kolonisierten
Welt, insbesondere in Ost- und Südostasien, während ihrer entscheidenden Phase
als nationale Bewegungen: Oberstes Ziel war die Schaffung eines unabhängigen
Nationalstaates. Das Abschütteln des kolonialen Jochs schien zunächst gleichbedeutend
zu sein mit der Einsetzung einer aus dem eigenen Land stammenden – zunächst
formal demokratisch legitimierten – Regierung, dem Einholen der Flagge der
Kolonialmacht und dem Hissen der Flagge des neu geschaffenen souveränen
Staates. Dieser wurde sogleich in den Vereinten Nationen und anderen
internationalen Organisationen willkommen geheißen und bald auch in die
Machtspiele des damals anhaltenden Kalten Krieges mit einbezogen. Die Euphorie,
der „Wind des Wandels“, den der britische Premierminister Harold Macmillan
durch Afrika wehen sah, verflog jedoch rasch. Vielen erschienen die Insignien
der Unabhängigkeit bald nicht als Garanten von „Uhuru“, der noch zu erringenden
Freiheit, sondern eher als äußerliche Symbole. Damit war im Grunde die Frage nach
dem Staat, seiner Rolle und seinem Charakter im postkolonialen Afrika
aufgeworfen. Diese Problematik hat sich ungeachtet wichtiger Verschiebungen
bisher als dauerhaft erwiesen.
Das Scheitern des Entwicklungsstaates
Eine wesentliche und
mittlerweile bitter enttäuschte, wenn auch nicht gänzlich aufgegebene Hoffnung
richtete sich auf „Entwicklung“. Im Grunde ging und geht es dabei um mehr als
um die Überwindung der Armut; die Erwartungen richteten sich auch auf ein
besseres Leben, letztlich oft entsprechend den Konsumstandards, die vom Westen
kommuniziert und früher von den Kolonialherren, heute von afrikanischen Eliten
und ausländischen Entwicklungsexperten vorgelebt wurden. Frantz Fanon, der 1961
verstorbene bedeutende Theoretiker der Folgen des Kolonialismus, beobachtete
schon früh klarsichtig, dass kein Tag vergehe, an dem der Kolonisierte sich
nicht in seiner Vorstellung an die Stelle des Kolonialherrn setzen wolle. Diese
vielschichtige Überlegung verweist besonders auf das hegemoniale Entwicklungsmodell,
dem die Regierungen der unabhängig gewordenen Staaten auf dem Anschein nach
recht unterschiedlichen, oft kontroversen Pfaden nachstrebten. Gleichviel aber,
ob wie in Tansania unter der Parole „Vertrauen auf die eigenen Kräfte“ und
unter weitgehender Abschottung vom Weltmarkt ein afrikanischer Sozialismus
geschaffen werden sollte oder wie im benachbarten Kenia oder in der
Elfenbeinküste Entwicklung durch enge Anlehnung an den Weltmarkt und den Westen
inszeniert werden sollte – dem Staat wurde die zentrale Rolle als Motor dieses
Prozesses zugewiesen. Neuere Forschungen haben gezeigt, dass die unabhängig
gewordenen afrikanischen Staaten damit einer Linie folgten, die bereits in den
letzten Jahrzehnten der Kolonialherrschaft seit 1940 vorgezeichnet war. Der mit
der Unabhängigkeit vollzogene Bruch erscheint daher noch geringer, als vielfach
angenommen.
Das Konzept des Entwicklungsstaates hatte
einschneidende politische Konsequenzen. Auf unterschiedlichen Wegen wurden in
den meisten afrikanischen Staaten bald Einparteienregime etabliert, deren
wesentliche Legitimation in dem Anspruch bestand, alle Kräfte der Nation im
Interesse der Anstrengung einer nachholenden Entwicklung zu bündeln und
hinderliche Streitigkeiten auszuschalten. Damit wurde das Bild einer nicht nur
harmonischen, sondern auch dynamischen Nation gezeichnet, die einig an dem
großen gemeinsamen, nationalen Projekt der Entwicklung arbeitet. Interne
Zwistigkeiten konnten in diesem Diskurs nur als schädlich erscheinen. Das
bedeutet, dass politische Debatten oder das Austragen gesellschaftlicher
Widersprüche bestenfalls in sehr beschränktem Maß möglich waren und geduldet
wurden. Vorausschauende und radikale Theoretiker wie Amilcar Cabral, Führer der
nationalen Befreiungsbewegung in Guiné-Bissau und Kapverde, hatten erkannt,
dass die Frontstellung gegen die Kolonialherrschaft vorhandene
gesellschaftliche Konflikte zwar suspendiert hatte, diese aber nach der Überwindung des
Kolonialismus wieder aufbrechen würden. Das Festhalten an der nationalen
Einheitsrhetorik, die auch heute noch allgegenwärtig ist, läuft darauf hinaus,
diese Unterschiede und Interessengegensätze zu leugnen. Auch in Regimen, die
nicht für krasse Menschenrechtsverletzungen bekannt waren, etwa in Julius
Nyereres Tansania oder Kenneth Kaundas Zambia, wurden Dissidenten ins Exil
gedrängt oder wurden Opfer harter Repression.
Demokratiebewegungen und ethnisch kodierte
Konflikte
Aus heutiger Sicht mutet
die Vorstellung vom Entwicklungsstaat fast ein wenig irreal an. Längst verfolgt
die Entwicklungspolitik der OECD-Staaten, inzwischen aber auch Chinas und
anderer Geber auch in offiziellen Verlautbarungen nicht (mehr) das Ziel,
Entwicklung nach westlichem Muster nachzuholen. Sie beschränkt sich auf
Armutsbekämpfung, die das bestehende internationale und nationale
Wohlstandsgefälle allenfalls erträglich machen soll. Der Entwicklungsstaat
geriet spätestens in den 1970er Jahren mit Ölpreisschock und sinkenden Erlösen
für afrikanische Rohstoffexporte in seine finale Krise. Es folgten die
Verschuldungskrise und Strukturanpassungsprogramme der 1980er Jahre sowie seit
den 1990er Jahren die Verlagerung der nun deutlich reduzierten
Entwicklungshilfe von staatlichen Instanzen auf Nicht-Regierungsorganisationen
sowie der Druck zu politischen Reformen im Rahmen einer Zusammenarbeit, die an
spezifische Bedingungen gebunden war („Konditionalität“). Aber auch die für
viele Beobachter und Analytiker mit überraschender Wucht auftretenden
Demokratiebewegungen zeigten die Unzufriedenheit breiter Schichten mit den
bestehenden Verhältnissen. Dies war gerade auch dort zu sehen, wo es wie etwa
in Zaire (heute Demokratische Republik Kongo, DRC) oder bis zur Gegenwart in
Zimbabwe diesen Bewegungen nicht gelang, einen Regimewechsel herbeizuführen.
Auch in Ländern, wo es zu Mehrparteiensystemen kam, verbanden offensichtlich
viele der zunächst begeisterten Wählerinnen und Wähler mit diesem Wechsel das
Versprechen materieller Verbesserungen, die oft genug nicht eintraten. Dies
kann als eine der Ursachen für die drastisch rückläufige Wahlbeteiligung
verstanden werden.
Ungeachtet all dieser Veränderungen hat sich am
Zustand der staatlichen Apparate und an der Orientierung der staatlichen Eliten
an Renteneinkommen aus Rohstofferlösen oder aber aus Entwicklungshilfegeldern
wenig geändert. Diese Situation hat auch dort, wo es nicht zum viel berufenen
Staatsverfall wie in Somalia oder der DRC gekommen ist, immer wieder
wesentlichen Zündstoff für massive Äußerungen des Protests und auch für
gewaltsame Konflikte geliefert. Beispiele sind die teils ethnisch, teils
religiös kodierten Auseinandersetzungen in Nigeria oder die
ethnisch-politischen Konflikte in Kenia. Gerade in diesem letzteren Fall hat
die sozial- und politikwissenschaftliche Forschung recht klar herausgearbeitet,
dass sich hier soziale Konflikte mit der Manipulation ethnischer Loyalitäten
durch die politischen Machthaber verschränkten. Zu diesen Prozessen gehören
auch die Polarisierung wichtiger ethnischer Gruppen in wenige Reiche und eine
große Anzahl Armer sowie die durch wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Veränderungen ausgelösten Migrations- und Urbanisierungsprozesse. Kenia, wo es
nach den umstrittenen Wahlen im Dezember 2007 zu erschreckenden Szenen ethnisch
artikulierter Gewalt gekommen ist, zeigt gerade nachdrücklich, dass die Ursachen
dieser Ereignisse nicht im Zusammenleben unterschiedlicher ethnischer Gruppen
liegen. Vielmehr führen schwere wirtschaftliche und gesellschaftliche
Krisenerfahrungen bis hin zur existenziellen Gefährdung dazu, dass zahlreiche
Menschen sich in die scheinbare Sicherheit des ethnischen Kollektivs flüchten.
Soziale Konflikte werden auf diese Weise ethnisch kodiert.
Das überraschende Beharrungsvermögen des
Nationalstaates
Wenn man sich die
Geschichte der afrikanischen Staaten seit der Unabhängigkeit vor Augen führt,
so sind die schweren Gewaltkonflikte und Kriege unübersehbar. Meistens handelte
es sich um innerstaatliche Konflikte. Betrachtet man dieses oft erschreckende
Geschehen genauer, so zeigt sich aber, dass in den seltensten Fällen der einmal
gegebene staatliche Zusammenhang in Frage gestellt wurde. Das einzige Beispiel,
wo dies effektiv geschehen ist, ist Somalia, bei dem es sich um einen der
wenigen afrikanischen Staaten handelt, die schon im Namen ethnische Homogenität
signalisieren. In Wirklichkeit zeigt dieser Fall, dass Identitätsprozesse zu
fast beliebigen Aufspaltungen führen können, weil Unterscheidungsmerkmale für
eine einmal aus welchen Gründen auch immer identifizierbare Feindgruppe immer
leicht auffindbar sind. Beispiele für staatliche Neubildungen sind die
Abspaltung Eritreas, eines ethnisch sehr heterogenen Gebietes, von Äthiopien
unter Berufung auf koloniale Grenzen und einen spezifischen völkerrechtlichen
Status sowie neuerdings die absehbare Selbständigkeit Südsudans unter Berufung
auf regionale und religiöse Differenzen und Konflikte, bei denen die
Ressourcenfrage unverkennbar eine zentrale Rolle spielt. Ein Fall einer durch
einen blutigen Bürgerkrieg verhinderten Sezession ebenfalls hauptsächlich auf
der Grundlage regionaler Unterschiede und teilweise ethnischer Identifikationen
war der Biafra-Krieg. Da ging es Ende der 1960er Jahre um den Versuch, die
Südost-Region Nigerias abzuspalten und zu einem eigenen Staat auszurufen. Man
könnte noch die Autonomie-Bestrebungen in der Casamance, der durch Gambia stark
vom Rest des Landes abgesetzten Südregion Senegals nennen.
Alle anderen, ungleich
zahlreicheren Konflikte haben, auch wenn sich die Parteien der Sprache der
Ethnizität bedienten, den Bezugsrahmen der bestehenden Nationalstaaten nicht in
Frage gestellt. Sezession war hier kein Thema, wie es auch der Verabredung in
der 1963 gegründeten Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) entsprach,
Forderungen nach Grenzkorrekturen spielten höchstens am Rand eine Rolle. Es
ging dann viel eher darum, wer innerhalb der bestehenden Staaten die politische
Macht erobern und sich so die Voraussetzungen dafür sichern kann „zu essen“,
wie eine vielzitierte Redewendung es formuliert. Dazu gehören sicher auch die
Prozesse einer föderalen Aufsplitterung im Innern, die in Nigeria seit der
Unabhängigkeit dazu geführt haben, dass sich die Anzahl der Gliedstaaten mehr
als verzehnfacht hat.
Zugleich ist das weltweit bekannte Phänomen der
mehrfachen, verschachtelten Identifikationen zu berücksichtigen. Wenn sich
Leute außer als Tansanier auch noch als Wachagga oder Maassai, zudem eventuell
noch als Afrikaner verstehen, so unterscheidet sich dies zunächst einmal nicht
grundsätzlich von der gleichzeitigen Identifikation als Deutsche, Hessen und
Europäer. Und auch der bei deutschen Regierungsbildungen sorgsam beachtete
Regionalproporz würde in anderen Weltregionen vielleicht als Tribalismus
angesprochen. Wesentlich ist dabei, wie genau die einzelnen Identifikationen
besetzt sind – ob Fremdwahrnehmungen und Ressentiments sich zu Feindschaften
auswachsen oder zu Scherzbeziehungen heruntergeschraubt werden können. Wie
bereits angedeutet, stehen solche Lösungsmöglichkeiten keineswegs beliebig zur
Verfügung. Ethnisch kodierte Konflikte sind als Konflikte ernst zu nehmen, auch
und gerade, wenn sie als solche auf ihren gesellschaftlichen Gehalt hin befragt
werden müssen.
Basislegitimität des staatlichen Rahmens
Man darf annehmen, dass
der nationalstaatliche Rahmen in weiten Teilen Afrikas eher aufgrund einer Art
Basislegitimität respektiert wird, d.h. aufgrund der Leistungen und der
Alltagspräsenz, mit der er sich ins Bewusstsein seiner Bürgerinnen und Bürger
einzuprägen vermag. Dazu gehört die gewöhnlich mit „Sicherheit“ bezeichnete
Garantie einer halbwegs verlässlichen Gewaltordnung ebenso wie ein nationales
Projekt, etwa „Entwicklung“. Identifikationen sind noch angesichts des
Versagens gegenüber solchen Ansprüchen und Versprechen erkennbar – etwa in dem
Satz, den ich 1984 in Dar es Salaam zu hören bekam: „Tanzania nchi shit“, „Tansania
ist ein Scheißland“. Auch dann ist „Tansania“ – das steht hier für viele Länder
Afrikas, in denen ähnliche Sätze zu hören sind - aber keineswegs irrelevant,
sondern nachdrücklich mit negativen Bewertungen aufgeladen.
Wenn der Staat oder die
Regierung sich nicht mehr legitimieren können, sind die Reaktionen keineswegs
ausgemacht. Frustrationen oder die Konkurrenz um Ressourcen können zu ethnisch
kodierten Konflikten führen; Resignation und das Verfolgen partikularer
Überlebensstrategien sind zweifellos weit verbreitet und können wiederum zur
Herausbildung oder Festigung ethnischer Gruppen führen. Die Empörung gegen
Korruption, Inkompetenz und Zynismus kann aber auch ganz andere Formen
annehmen. So artikulierte die wesentlich aus der Gewerkschaftsbewegung
hervorgegangene Movement for Democratic Change (MDC) in Zimbabwe seit 2000 eine
ausdrückliche Abkehr vom forcierten Nationalismus der aus der
Befreiungsbewegung hervorgegangenen, inzwischen diktatorisch regierenden
ZANU-PF und klagte demokratische Reformen und verantwortliche Regierungsführung
ein. Bei der auch nach Bildung einer Einheitsregierung anhaltenden
Konfrontation mit der ehemaligen Monopolpartei spielen die zuvor stark
beachteten ethnischen Gegensätze zwischen Shona und Ndebele offensichtlich
keine entscheidende Rolle mehr. Umgekehrt beruft sich das Mugabe-Regime auf die
hart erkämpfte nationale Unabhängigkeit, um internationale Kritik abzuwehren.
Bei aller Konfrontation wird der Rahmen „Zimbabwe“ nicht hinterfragt.
Vor dem Hintergrund einer deutlich von Zimbabwe
unterschiedenen Entwicklung nach der Unabhängigkeit lassen sich die Konflikte,
die seit nunmehr über einem Jahrzehnt das einstige Musterland Elfenbeinküste
erschüttern, doch ähnlich einordnen. Hier spielen Kollektividentitäten eine
wesentliche Rolle, doch beziehen diese sich weniger auf ethnische Gruppen als
dass sie gegen Migranten aus westafrikanischen Nachbarstaaten gerichtet sind
oder eine starke regionale Färbung im Gegensatz des islamischen Nordens
gegenüber dem christlichen Süden aufweisen.
Der Umgang von Nationalstaaten mit Vielfalt
Diese Schlaglichter
können vor allem darauf verweisen, dass ein genauerer und stärker
differenzierender Blick notwendig ist, wollen wir aktuelle Entwicklungen und
Probleme – auch – in Afrika verstehen. Vorschnelle Interpretationen und
Schein-Evidenzen helfen nicht weiter. Gerade angesichts des zimbabwischen
Beispiels lohnt es sich aber, noch eine andere Perspektive einzunehmen. Die
Entstehung des Nationalstaates vor 220 Jahren in der Französischen Revolution
war ja nicht mit ethnischem oder kulturellem Pathos verknüpft. Das kam erst
später. Es ging vielmehr darum, dem Verfügungsanspruch der Königs-Dynastie über
den Staat jenen der Grande Nation entgegenzusetzen, die zugleich die vielen
kleinen nations einschließen sollte. Damals sprachen 20% der Bevölkerung
Französisch, und was folgte, war ein massiver, mit Mitteln der Bürokratie, der
Schule, aber auch manifester Gewalt durchgesetzter Homogenisierungsprozess. In
der Vendée kam es dabei zu einem Massaker, das heute gelegentlich als
Völkermord eingestuft wird. Das heute in Frankreich, Deutschland oder Italien
zu beobachtende Ausmaß an Homogenität ist alles andere als natürlich und
mindestens mit erheblichem Druck, meist mit manifester Gewalt erkauft. Beides
gilt es zu bedenken, wenn das Bild ethnisch homogener Nationalstaaten völlig
unhistorisch auf andere Regionen der Welt projiziert wird: die Frage, wem der
Staat „gehören“ soll und die homogenisierende Tendenz von Nationalstaaten sowie
ihre Modifikationen.
Eine Tendenz zur sprachlichen und kulturellen
Assimilation ist dem Nationalstaat offenbar eingeschrieben. Doch ist sie kein
unausweichliches Schicksal. Gegenwärtig wird besonders in Südafrika auf
verschiedenen Ebenen darüber debattiert, wie die Vielfalt der Sprachen, aber
auch der (vorgeblich) traditionalen Institutionen in den 1994 neu gegründeten
Nationalstaat integriert werden kann. Das Konzept der Nation erscheint so als
wesentlich offener, als häufig angenommen wird. Gerade Südafrika zeigt, dass
damit auch überaus ernste Probleme verbunden sein können. Die gewalttätigen
fremdenfeindlichen Ausbrüche im April und Mai 2009 reklamierten eine Abgrenzung
auch im Hinblick auf Ansprüche an den Staat, die „Südafrikaner“ klar von
„Ausländern“ unterschied. Wenige Kommentatoren bemerkten, dass der Jahre zuvor
viel bemühte inner-südafrikanische Gegensatz zwischen „Xhosa“ und „Zulu“ jetzt
anscheinend keine Rolle spielte. Dies unterstreicht einmal mehr, dass ethnisch
kodierte Konflikte nicht zuletzt aus ganz spezifischen Situationen und
Konstellationen entstehen und zuspitzen: Grenzziehungen und Identifikationen
wechseln und verschieben sich in unterschiedlichen Konstellationen, und
unterschiedliche Identifikationsmöglichkeiten werden dementsprechend aufgegriffen
und radikalisiert. Das bedeutet nicht, dass sie etwa gänzlich fiktiv wären,
doch ihre Bedeutung und damit auch ihre Form unterliegen situativer
Veränderung.
Staat, Herrschaft, Krise
Die Bilanz der
Nationalstaaten in Afrika fällt 50 Jahre nach der großen Welle der
Unabhängigkeit widersprüchlicher aus als ein eindimensionaler Afro-Pessimismus
nahelegt. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Hoffnungen auf eine
nachholende Entwicklung bitter enttäuscht wurden. Erst recht gilt dies für den
grundsätzlichen Umbau zu einer gerechteren Gesellschaft, den sich nationale
Befreiungsbewegungen einmal auf ihre Fahnen geschrieben hatten, um die böse
Erbschaft des Kolonialismus wahrhaft zu überwinden. Die Schuld an diesem
Scheitern gegenüber den selbst gesteckten Zielen tragen sicherlich zu großen
Teilen jene, die staatliche Führungspositionen besetzt und oft genug nicht mehr
bewirkt haben als jenen bloßen Wechsel in der Hautfarbe der Herrschenden, den
bereits Frantz Fanon beklagte. Die Nutzung des Staates als Mittel zur privaten
Aneignung ist hier von zentraler Bedeutung. Unverkennbar hat aber auch das
internationale Umfeld eine wesentliche Rolle gespielt: Afrikanische Eliten
wurden im Kalten Krieg funktionalisiert, neokoloniale Macht- und Kontrollansprüche
durchgesetzt und die Orientierung der afrikanischen Volkswirtschaften auf den
Export von Primärprodukten festgeschrieben, mit allen Folgen geringer
Beschäftigungs- und Qualifikationseffekte im eigenen Land und großer Risiken
durch Nachfrage- und Preisschwankungen auf dem Weltmarkt; die problematischen Export
Processing Zones können dies bestenfalls relativieren.
Die Krisen Afrikas sind
durchaus real, und ihre Profiteure sitzen ebenso gut in den lokalen
Regierungspalästen wie in den Zentralen transnationaler Konzerne. Diejenigen,
die sich um ihres Überlebens willen mit den Folgen herumzuschlagen haben,
verfolgen dabei eine Vielzahl von Strategien. Zu den verschiedensten
Aktivitäten im informellen Sektor und in der Subsistenzproduktion kommt die
Nutzung unterschiedlicher Chancen zur Absicherung in einer oft permanent
prekären Lage. Die Patronage eines Mächtigen oder die Zugehörigkeit zu seiner
Klientel können hier entscheidend sein. In diesem Rahmen gewinnen neben anderen
Möglichkeiten auch ethnische Identifikationen ihre Bedeutung und ihre Brisanz.
Das gilt vornehmlich bei Konflikten um Ressourcen und Einfluss bis hin zur
Besetzung entscheidender staatlicher Positionen. Derlei ethnische
Identifikationen lassen sich aber auch trefflich dazu mobilisieren, die
Konkurrenz um die Verfügung über die Schaltstellen staatlicher Macht zu
organisieren und bei Bedarf entlang scharf gezogener Konfrontationslinien zu
forcieren.
Nach wie vor sind Wirtschaftszusammenhänge und
Chancen der Aneignung in Afrika überwiegend nach außen orientierten und von
externen Akteuren abhängig. Der Zugriff auf die zentralen staatlichen Instanzen
ist daher gleichbedeutend mit der Sicherung wesentlicher Möglichkeiten zur
kollektiven und persönlichen Bereicherung. In den dadurch bedingten, oft
erbitterten Konkurrenzkämpfen bleibt Ethnizität ein wichtiges, jedoch
keineswegs das einzige Mobilisierungsinstrument.


