Wie Genome Editing strategisch gedeutet wird

Aus der Wissenschaft

Im Diskurs um die Grüne Gentechnik versuchen Befürworter und Kritiker, ihre Interessen und ihre Perspektiven mit Hilfe strategischer Kommunikation zu etablieren. Die Befürworter deuten Genome Editing als natürlich, als Lösung für den weltweiten Hunger und  als Chance für die demokratische Governance von Wissenschaft.

Die Anzahl von Pressemitteilungen, Positionspapieren und Informationsmaterialien zum Thema Genome Editing ist beachtlich hoch, bedenkt man die vergleichsweise kurze Zeit, seit der die neue Technologie entwickelt wurde. Eine besonders große Aufmerksamkeit hat das Genome Editing im Zuge des lang erwarteten Urteils des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zur Regulierung der neuen molekularbiologischen Verfahren im Juli 2018 erhalten.

Mit Hilfe der sogenannten Frameanalyse kann erklärt werden, wie Akteure aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft soziale Ereignisse deuten, kategorisieren und ihnen somit eine Sinnhaftigkeit verleihen. Der Diskurs um Genome Editing ist dabei geprägt von dem Wettbewerb um die Deutungshoheit über Fragen der Potenziale und Risiken der neuen Techniken. Einige zentrale Argumentationslinien seitens der Befürworter werden anhand von drei Frames geschildert.

Natürlichkeitsframe:

Während für Kritiker der «klassischen» Gentechnik der Eingriff in die Natur ein Hauptargument darstellt, versuchen Befürworter des Genome Editing, den Eingriff als möglichst natürlich darzustellen und auf diese Weise das Risiko zu relativieren. Zum Potenzial des Genome Editing schreibt zum Beispiel das Biotechnologieunternehmen KWS Saat SE: «Pflanzen, die so entstehen, könnten auch von selbst in der Natur oder durch klassische Kreuzungs- und Kombinationszüchtung entstehen und sind somit naturidentisch.

Eine gesonderte Regulierung ist nicht notwendig.» In der Diskussion, wie der Begriff des gentechnisch veränderten Organismus definiert werden soll, wird der Natürlichkeitsframe von Befürwortern des Genome Editing genutzt, um die Betrachtung des Endprodukts (ergebnisorientiert) und nicht der Produktherstellung (prozessorientiert) im Diskurs zu etablieren. Dass bisher eine durch Genome Editing induzierte Mutation im Nachhinein nicht von einer natürlichen Mutation unterschieden werden kann, ist dabei der Kern der Argumentation.

Ernährungssicherheitsframe:

In dem seit den 1970er Jahren geführten Diskurs um Grüne Gentechnik ist der Frame der Ernährungssicherheit eine häufig verwendete Strategie von Befürwortern dieser Techniken. Beispielsweise wird in der kontroversen Diskussion um «Roundup» (Glyphosat) die effektivere Bekämpfung von Unkraut als Lösung des Welthungers propagiert.

Auch bei den neuen Züchtungsmethoden wird dieser Frame genutzt. Hier ist es die vergleichsweise schnelle, günstige und einfache Züchtung von resistenten oder ertragreichen Organismen, die zum Beispiel nach Aussage der Direktoren des Max-Planck-Instituts für Pflanzenzüchtungsforschung in Köln aufgrund ihrer höheren Produktivität und Widerstandsfähigkeit ein «enormes Potenzial» bieten würden. Dies gelte «besonders in einer Welt, in der […] die Auswirkungen des Klimawandels auf die Ernteerträge spürbar werden». Oft wird hierbei auf die «schmerzhaft reduzierten Ernten» infolge der Dürre im Sommer 2018 verwiesen, die zum Zeitpunkt der Bekanntmachung des EuGH-Urteils spürbar waren.

Demokratisierungsframe:

Der Verweis auf eine schnelle, günstige und einfache Züchtung resistenter oder ertragreicher Organismen wird von Befürwortern weiterhin genutzt, um Genome Editing als Chance für die demokratische Governance von Wissenschaft zu deuten. Die Argumentation, dass «auch Universitäten und Institute» die neuen Techniken fortan nutzen können, welche «nicht über große Forschungsetats verfügen», findet sich zum Beispiel in den Informationsmaterialien der Bayer AG wieder.

Mit dem Selbstverständnis, die «Wissenschaft aus dem Korsett des etablierten Wissenschaftsbetriebs zu befreien», finden sich Bürgerwissenschaftler (Citizen Science) und Biohacker wie der Biologie Rüdiger Trojok in einer kleinen, aber wachsenden «Do-it-yourself-Biology-Szene» für Experimente mit Genome Editing zusammen. Dies geschieht mitunter mit Hilfe von sogenannten CRISPR-Starter-Kits, welche für wenige hundert Dollar im Internet zu erwerben sind und dazu einladen, zum Beispiel antibiotikaresistente Bakterien zu entwickeln und einen Beitrag für den gesamtgesellschaftlichen Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen darstellen sollen.

Es fällt auf, dass in der Diskussion um Genome Editing neue Frames entstehen (wie der Natürlichkeitsframe und der Demokratisierungsframe), welche im bisherigen Diskurs um Grüne Gentechnik nicht oder weniger stark vorhanden waren. Dies kann als Indiz dafür gewertet werden, dass die Diskussion um Genome Editing einen relevanten Einfluss auf die Art und Weise hat, wie der Diskurs um Grüne Gentechnik geführt wird. Robin Siebert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel/Witzenhausen und Mitglied des Promotionskollegs Ernährungswirtschaft und Technologie, im Rahmen dessen er zu strategischem Framing im Diskurs um Genome Editing forscht.


Robin Siebert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel/Witzenhausen und Mitglied des Promotionskollegs Ernährungswirtschaft und Technologie, im Rahmen dessen er zu strategischem Framing im Diskurs um Genome Editing forscht.

Prof. Dr. Christian Herzig ist Sprecher des Promotionskollegs und leitet das Fachgebiet Management in der internationalen Ernährungswirtschaft an der Universität Kassel/Witzenhausen.

Prof. Dr. Marc Birringer leitet das Fachgebiet für angewandte Biochemie für Ernährung und Umwelt an der Hochschule Fulda.

Die Analyse basiert auf einer laufenden Forschungsarbeit, die gemeinsam von der Universität Kassel/Witzenhausen und der Hochschule Fulda durchgeführt wird. Weitere Informationen finden sich unter: www.uni-kassel.de/go/ewt.

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