«Die Menschheit sollte zukünftig weniger unterwegs sein!»

Maßlosigkeit, völlige Entgrenzung und die Unfähigkeit zur Selbstbeherrschung sind das Problem. Es sind die eher Wenigen - eine wohlhabende bürgerliche Mittelschicht - die unsere Werte, unsere Freiheit und unsere Mobilität mit Zähnen und Klauen verteidigen und die Vielen dafür demobilisieren, ausgrenzen und aussperren lassen.

Portrait von Ingolfur Blühdorn
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Die populäre Aussage, die Menschheit säge an dem Ast, auf dem sie sitzt, lässt sich konkretisieren: Ein relativ kleiner, wohlhabender Teil der Menschheit, vornehmlich in den reichen Ländern des globalen Nordens, sägt mit seinen Vorstellungen von Freiheit und Selbstverwirklichung an dem Ast, auf dem ein anderer, sehr viel größerer Teil der Menschheit sitzt – nicht nur im globalen Süden. Entsprechend bedarf auch die Aussage, die Menschheit sollte zukünftig weniger unterwegs sein, der Konkretisierung: Reden wir konkret über die Mobilität, das Freiheitsverständnis und das Berechtigungsbewusstsein, die eine wohlhabende bürgerliche Mittelschicht sich angeeignet und normalisiert hat und die sie nun mit Zähnen und Klauen als ein Grund- und Freiheitsrecht verteidigt – während sie resolut hinter sich die Leiter hochzieht. Und tun wir dies vor dem Hintergrund der Gewissheit, dass auch die übrige Menschheit zukünftig nicht weniger, sondern noch sehr viel mehr unterwegs sein wird – getrieben vom Klimawandel, von sozialer Ungleichheit, Armut, Krieg und der Suche nach Überlebenschancen.

Aufbruch und neue soziale Bewegung waren für das Emanzipations- und 
Demokratisierungsprojekt seit der grünen Gründerzeit immer essentiell: Befreiung aus der Enge und Engstirnigkeit hergebrachter Wertesysteme, Lebensweisen und Lebenswelten. Weg aus dem Dorf; auf in die urbane, transnationale, kosmopolitische Welt. Dabei ging es nie um Armut und Überlebenschancen, sondern um Werte der Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und Selbsterfahrung. Die emanzipatorische Agenda der Mobilisierung und Grenzüberschreitung umfasste auch ökologische Forderungen nach der Wahrung von Grenzen und dem Anerkennen von Endlichkeit. In der Praxis haben die Kinder der Wohlstandsgesellschaft und Bildungsrevolution diese beiden Dimensionen aber nur selten übereingebracht. In der Ehe zwischen Ego und Öko behielt Ersteres fast immer die Oberhand. Herausgebildet haben sich dann hochgradig befreite, mobile und beschleunigte Lebensstile; emanzipiert, entgrenzt und gleichermaßen unfähig wie unwillig, sich Grenzen zu setzen und sie zu respektieren. Diese Werte, diese Freiheit und diese Lebensstile – und gerade auch diese Mobilität – sind nun heilig und stehen unter keinen Umständen zur Diskussion. Die Welt ist mein Erlebnispark, Ressourcenlager und Mülldepot. Darauf habe ich Anspruch.

Diese Mobilität, diese Grenzüberschreitung und dieses Berechtigungsbewusstsein sind aber kein Menschenrecht, sondern hochgradig exklusiv. Zu 
ihren Ermöglichungsbedingungen gehört die Demobilisierung, Eingrenzung und Aussperrung der anderen, der Unberechtigten. Unverzichtbar setzt das eine das andere voraus. Entsprechend sind Grenzziehung, Ausgrenzung und Entmobilisierung das wesentliche Thema unserer Zeit. Die Rechtspopulisten haben das richtig erkannt und bespielen das Thema mit großem Erfolg: anti-egalitär, illiberal, autoritär. Die Verteidiger der emanzipatorischen Tradition rümpfen darüber die Nase, moralisieren gegen den entzivilisierten, regressiven Pöbel – und bleiben den Beweis schuldig, dass ihnen dieses Urteil wirklich zusteht: Schon in den frühen 1970er-Jahren hatten sie die soziale und ökologische Notwendigkeit der Begrenzung erkannt; seither scheitern sie aber an der Aufgabe, diese Begrenzung auf verteilungsgerechte, demokratische und inklusive Weise auszubuchstabieren; und nun verlassen sich die progressiven Mittelschichten zur 
Sicherung ihrer befreiten Lebensstile offenbar auf die regressiven Rechtspopulisten.

Im achten Buch von Platos «Der Staat» wird ausgeführt, dass die Demokratie an der Maßlosigkeit, an ihrer Unfähigkeit, Grenzen zu setzen und einzuhalten, und an den exzessiven Freiheitsforderungen der Vielen zugrunde gehen und in die Tyrannis einmünden werde. Maßlosigkeit, völlige Entgrenzung und die Unfähigkeit zur Selbstbeherrschung sind in der Tat das Problem. Aber nicht primär bei den Vielen, sondern vor allem bei den im Vergleich Wenigen, die unsere Werte, unsere Freiheit und unsere Mobilität mit Zähnen und Klauen verteidigen und die Vielen dafür demobilisieren, ausgrenzen und aussperren lassen.


Ingolfur Blühdorn ist Professor für Soziale Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Lizenz dieses Artikels: CC-BY-NC-ND 4.0

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