«Unser Land ist geheilt»

Ein Abkommen erkennt das tradi­tionelle Wissen der Khoikhoi und San über die Rooibus-Pflanze an und verpflichtet, sie an den Einnahmen zu beteiligen.

Ein Glas mit Roiboos-Tee

«Unsere Würde ist wieder­her­gestellt im Land unserer Vorfahren. Unser traditionelles Wissen um die Nutzung der Rooibos-Pflanze wurde anerkannt. Unsere Gemeinschaften sind glücklich und das Land ist geheilt.» Stanley Petersen, Khoikhoi-Aktivist und Verhandler

Die Vermarktung der Rooibos- oder Rotbusch-Pflanze ist ein ­lukratives Geschäft. Im Jahr 2018 exportierte Südafrika mehr als sieben tausend Tonnen Rooibos – knapp ein Drittel davon nach Deutschland. Fast ebenso viel wurde im Land selbst konsumiert. Der ­Gesamtwert der Rooibos-Produktion betrug in dem Jahr über 720 Millionen Rand oder knapp 50 Millionen Euro.

Dass die millionenschwere Industrie ihre Gewinne tatsächlich dem traditionellen Wissen der Khoikhoi und San zu verdanken hat, wurde zum ersten Mal offiziell in einer Studie bestätigt, die das südafrikanische Umweltministerium 2014 in Auftrag gab. Dennoch bedurfte es weiterer aufwändiger Verhandlungen, bis sich im vergangenen Jahr der nationale Rat der Khoi und San mit Vertreter/innen der südafrikanischen Roiboos-Industrie auf ein Abkommen ­einigten, das ihr traditionelles Wissen anerkennt. Und das die ­Firmen verpflichtet, Khoi und San über Generationen an den Einnahmen aus der Vermarktung der Roiboos-Pflanze zu beteiligen.

Die Übereinkunft bedeutet nicht nur finanzielle Vorteile für die Khoi und San. Sie ist auch ein wichtiger Schritt, die Würde dieser Gemeinschaften anzuerkennen und wiederherzustellen. Aber auch für den Erhalt der Biodiversität: Wenn Menschen oder Gruppen anerkannt und auch finanziell dafür belohnt werden, dass sie über besonderes Wissen an natürlichen genetischen Ressourcen verfügen, sind sie auch eher geneigt, diese weiterhin zu schützen.

Bereits seit langem wird das traditionelle Wissen insbesondere indigener Gemeinschaften im Prinzip anerkannt. Aber erst mit dem 2014 verabschiedeten Nagoya-Protokoll gibt es einen verbindlichen internationalen Rechtsrahmen für Staaten, den Zugang und die Nutzung genetischer Ressourcen fair und ausgewogen zu regeln. Mit der Anerkennung der Rechte und des traditionellen Wissens der Khoikhoi- und San-Gemeinschaften durch die gesamte südafrikanische Rooibos-Industrie ist ein historischer Schritt gelungen, der Vorbildwirkung auch für andere Länder und Industrien haben könnte.

Unterstützt wurden die Khoikhoi- und San-Gemeinschaften von Natural Justice: Lawyers for Communities and the ­Environment, einer Organisation, die seit vielen Jahren dafür arbeitet, dass das Nagoya-­Protokoll in Südafrika und anderen Ländern des Kontinents umgesetzt wird.


Katrin Seidel arbeitet seit fast 14 Jahren bei der Heinrich-Böll-Stiftung und leitet seit 2019 das Büro Kapstadt – Südafrika, Namibia, Simbabwe. Vorher war sie Büroleiterin in Nairobi und Phnom Penh.

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