Gemeinsam bekommen wir es hin

Die Republik verändert sich, und die Grünen müssen sich noch weiter öffnen: Katharina Schulze und Jan Philipp Albrecht plädieren für breite Bündnisse, mehr Präsenz vor Ort und Räume, in denen Menschen sich einbringen können.

Jan Philipp Albrecht: Wenn ich mir die Entwicklung im Land anschaue, sehe, wie Grüne zuletzt auch wieder Wahlen gewonnen haben, etwa in Baden-Württemberg oder München –, dann fällt mir auf, dass die Vielfalt an Biografien, Alter und sexueller Orientierung in politischen Ämtern zunimmt. Bald könnte dann auch endlich eine Frau Bundespräsidentin oder auch bayerische Ministerpräsidentin werden, beides wäre ja überfällig. Wie siehst du das: Ist Vielfalt im Amt heute schon die neue Normalität, ist die Vielfalt in der Demokratie angekommen? 

Katharina Schulze: Ich würde sagen: Wir sind auf dem Weg – aber noch nicht am Ziel. Es ist ermutigend, zu sehen, dass Menschen zunehmend Persönlichkeiten wählen, die für etwas stehen: für Erfahrung, Haltung und konkrete Ideen. Und ja, die Vielfalt unserer Gesellschaft findet langsam ihren Weg in Parlamente und Regierungen. Aber solange wir Vielfalt noch extra erwähnen müssen, ist sie noch keine Selbstverständlichkeit. Genau daran müssen wir weiter arbeiten. Und ich finde, gerade wir Grüne zeigen: Vielfalt ist kein Risiko – sie ist eine demokratische Stärke. 

Albrecht: Ja, wenn ich auf die Grünen, aber auch auf die anderen Parteien blicke, habe ich schon den Eindruck, dass sie sich mit einer Vielfalt im Nahbereich noch schwertun. Vielfalt im Allgemeinen gerne, aber im Konkreten dann vielleicht doch noch nicht, könnte man sagen. Hier prägt eine sozialstrukturell und gesellschaftskulturell homogene Gruppe das parteiliche Selbstverständnis. Und wenn grüne Politik dann breite gesellschaftliche Mehrheiten überzeugt, dann haben manche Sorge, dass dieser Erfolg die eigene politische Identität beschädigen könnte. Heißt: Auch wenn das Verlangen der Menschen nach einer starken, breit aufgestellten politischen Kraft Mitte-Links sicher da ist, gilt es offenbar noch Überzeugungsarbeit zu leisten. Wie findet die Partei den Mut dafür, das ganze Land, die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite in den Blick zu nehmen und Vielfalt auch bei sich selbst zu begrüßen? 

Schulze: Dieser Mut entsteht, wenn wir begreifen: Unsere Stärke liegt gerade darin, unterschiedliche Menschen für gemeinsame Werte zu gewinnen. Unsere Tradition zeigt doch: Grüne Politik war immer dann besonders wirksam, wenn sie Bündnisse geschmiedet hat. Breite Allianzen sind kein Verrat am grünen Kern – sie sind seine konsequente Weiterentwicklung und führen dazu, dass wir unsere Ideen umsetzen können. Und das ist doch unser Anspruch! Das gelingt uns in der Praxis auch immer wieder, auch in Bayern, wo wir ja noch in der Opposition sind. Ich denke dabei an unsere erfolgreichen Bürger- und Volksentscheide, wie z.B. »Rettet die Bienen«, das erfolgreichste Volksbegehren in Bayern für mehr Artenschutz.

Albrecht: Jetzt müssen wir allerdings berücksichtigen, wie stark die globalen Ereignisse die Menschen verunsichern. Das spüren wir ja selbst alle am eigenen Leib, das verfolgen wir aber auch in der Stiftung, im Inland und in unseren Büros weltweit, sehr genau, die Unsicherheit ist überall, die Zuversicht schwindet. Umso wichtiger, die Arbeit und Gemeinschaft vor Ort zu stärken. Es geht um Initiativen in Nachbarschaftszentren, Vereinen, Bibliotheken, Jugendhäusern oder direkt auf Plätzen und Straßen. Also genau dort, wo die Folgen politischer Entscheidungen spürbar werden, etwa bei steigenden Mieten, bröckelnder Infrastruktur oder fehlenden Begegnungsräumen. 

Schulze: Genau, und gleichzeitig müssen wir diese lokalen Aktivitäten immer in Verbindung mit einem größeren Zielbild bringen. Es geht um mehr als nur Engagement, es geht auch um eine gemeinsam getragene Republik als Schutzraum, als Handlungsraum der Bürgerinnen und Bürger. Der entscheidende Punkt ist: Menschen müssen wieder erleben, dass ihr Engagement einen Unterschied macht – für sich selbst und für die Gemeinschaft.

Menschen müssen wieder erleben, dass ihr Engagement einen Unterschied macht – für sich selbst und für die Gemeinschaft.

Albrecht: Das ist zentral, das mit der Selbstwirksamkeit. Dazu gehört aber auch, dass wir unser Land modernisieren müssen, und das an vielen Stellen zugleich. Das kann nicht »die Politik« zentral steuern und alleine umsetzen. Große Veränderungen wie die Energie- und Wärmewende sind immer auch Gesellschaftsprojekte, und die sind nur zu stemmen, wenn viele das mittragen. Ob uns allen diese Modernisierung gelingt, wird sehr davon abhängen, wie wir den Gedanken einer Republik-Erneuerung mit Leben und Leidenschaft füllen. Dabei geht es uns um eine liberale, vielfältige Demokratie. Aber statt die eigene Individualität in Abgrenzung zur Gemeinschaft zu sehen, müssen wir sie endlich wieder in Zuwendung zu ihr verstehen. 

Schulze: Und genau dafür müssen wir den Republik-Gedanken ausbuchstabieren und konkret machen. Das beginnt im Alltag: mit Werkstätten, offenen Treffen, Initiativen in Stadtteilen oder Genossenschaften – überall dort, wo Menschen mitmachen, sich einbringen und mitentscheiden können. Entscheidend ist, dass die Menschen merken: Ich weiß, was ich konkret tun kann. Und ich bin damit nicht allein. Zusammen bekommen wir es hin, das ist ganz wichtig. 

Albrecht: Da kann ich dir nur zustimmen. Konkret heißt das aber für uns als politische Strömung auch, die Arbeit im Wahlkreis, bei den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort, wieder höher zu gewichten als die Verbändearbeit in der Hauptstadt. Und dass wir Menschen mit Lebensgeschichten außerhalb der Politik stärker einbinden müssen. Und es wird sicher auch heißen, die Kunst des Kompromisses zu üben, anstelle einer reinen Lehre. So entsteht mehr direkte Verbindung zwischen lokalem Tun und gesellschaftlicher Veränderung: Menschen erleben, dass ihr Engagement Teil eines größeren Ganzen ist – und dass kollektive Selbstwirksamkeit real und erfahrbar wird. 

Schulze: Genau, diesen republikanischen Geist brauchen wir auch im politischen Wettbewerb der demokratischen Parteien untereinander. Kooperation ist die stärkste Antwort auf diejenigen, die spalten und verunsichern. Die demokratische Mitte hat mehr Gemeinsamkeiten, als sie sich oft eingesteht. Unser Ziel muss sein: diese gemeinsame Basis größer zu machen – nicht kleiner. Das erwarten übrigens auch die Menschen von uns. Sie wollen Lösungen für die Probleme und nicht einen Wettbewerb, wer schuld daran ist, warum wieder irgendwas nicht funktioniert.

Albrecht: Wir wissen beide: Klingt einfach, ist aber sehr anspruchsvoll. Dafür braucht es mehr, auch interne Räume zum strategischen Austausch, zur gegenseitigen Information, zur Rollenklärung und zur kooperativen Erarbeitung von gemeinsamen Antworten progressiver Kräfte von Links bis in die Mitte hinein. Um das zu erreichen, dürfen wir nicht mehr vor dem nächsten Zielkonflikt zurückschrecken, sondern müssen Ort und Akteur für die Aushandlung neuer Kompromisse sein. Es gilt, das Gemeinsame zu verhandeln, auszutarieren und dann aber auch mit Gestaltungsfreude umzusetzen!


Katharina Schulze ist seit 2013 Mit­glied des Bayerischen Landtags und vertritt als direkt gewählte Abgeordnete den Wahlkreis München-Milbertshofen. Als Fraktions­vorsitzende der Grünen-Fraktion ist sie zugleich die demokratische Oppositionsführerin im Landtag.

Jan Philipp Albrecht ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Zuvor war er als Landesminister in Schleswig-Holstein (2018-2022) und Abgeordneter im Europäischen Parlament (2009–2018) für Bündnis 90/Die Grünen aktiv.

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