„Ich bin da und kämpfe für Frauenrechte“

von
Sibel Kekilli mit Nebahat AkkocSibel Kekilli (rechts) mit der Preisträgerin Nebahat Akkoc am 6. März 2015. Urheber/in: Stephan Röhl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Als Nebahat Accok am 6. März 2015 den Anne-Klein-Frauenpreis verliehen bekam, hielt Sibel Kekilli die Laudatio. Jana Prosinger sprach mit ihr über den Kampf für Frauenrechte, Feminismus und ihre bisherigen Rollen als Schauspielerin.

Jana Prosinger: Frau Kekilli, am Freitag, den 6. März 2015, hat die Frauenrechtlerin Nebahat Akkoc den Anne-Klein-Frauenpreis erhalten. Sie waren die Laudatorin.

Sibel Kekilli: Ja, ich habe mich sehr über die Anfrage, die Laudatio zu halten, gefreut. Denn vor ein paar Monaten wurde ich gefragt, ob ich eine Dokumentation über eine Person machen möchte, die ich bewundere. Nach einigen Gesprächen mit Terre des Femmes, die ich seit 2004 unterstütze, kamen wir auf Nebahat Akkoc. Sie ist eine unglaublich starke und faszinierende Frau, die seit mehr als 35 Jahren für Menschen- bzw. Frauenrechte kämpft.

Nebahat Akkoc hat die Organisation KAMER gegründet, …

die in 23 Städten Südost- und Ostanatoliens Niederlassungen hat, um dort Frauen in Dörfern, Kleinstädten und Städten dabei zu unterstützen, sich von Gewalt in der Familie zu befreien und ihre traditionellen Rollen zu verändern bzw. sich davon zu lösen. In Anatolien  so eine Aufklärungsarbeit zu leisten, ist extrem schwierig. Weil dort die Traditionen, im Vergleich zu beispielsweise Istanbul, besonders tief verankert sind und viele Frauen von klein auf keine Bildung genießen dürfen. Das bedeutet, dass gegen viel mehr Widerstände angekämpft werden muss, die vor allem von Männern ausgehen. Das Vertrauen dieser Frauen zu gewinnen, erfordert wirklich Mut und Respekt.

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat den Anne-Klein-Frauenpreis nun zum vierten Mal verliehen. Der erste Preis ging an Nivedita Prasad aus Deutschland, Dozentin und Aktivistin für Frauen- und Menschenrechte. 2013 verlieh die Stiftung den Preis an Lepa Mladenovic, eine feministische Aktivistin und Intellektuelle aus Serbien. Die vorletzte Preisträgerin war Imelda Marrufo Nava, Mexikanerin, die sich besonders für die Strafverfolgung des Feminizids und geschlechterbasierter Gewalt einsetzte. Wie verstehen Sie den Preis in einer Gesellschaft wie in Deutschland?

Dass solche wichtigen Arbeiten auf der ganzen Welt ihre verdiente Aufmerksamkeit und Unterstützung bekommen müssen, auch fernab von Mexiko oder der Türkei.

Die Stiftung erhofft sich mit dem Preis auch eine Schutzwirkung für die Preisträgerinnen. Im Fall der mexikanischen Preisträgerin hat das sehr gut funktioniert.

Je mehr Aufmerksamkeit diese Projekte bekommen, desto besser ist es für die Menschen, weil sie in ihrem Kampf gegen Gewalt und für Menschenrechte bestärkt werden und es so zu einem öffentlichen Thema wird. Dann schauen umso mehr Menschen etwas genauer hin.

Fahren Sie auch in die Türkei, um sich dort einzubringen? Gerade gingen dort Männer in Miniröcken auf die Straße, nachdem ein Busfahrer versucht hatte, ein Mädchen zu vergewaltigen.

Ich finde es wichtig, dass dort Menschen, Frauen, aber auch Männer gegen so ein schreckliches Verbrechen auf die Straße gehen. Bei den Gezi-Park-Protesten habe ich mit Fatih Akin zusammen ein Foto von uns mit der Bezeichnung „Capulcu“ (deutsch: Plünderer, Marodeur) gepostet, auch wenn ich leider wegen Dreharbeiten nicht persönlich dabei sein konnten, so wollte ich doch zumindest eine kleine Unterstützung leisten. Vor ein paar Jahren bin ich mit der Tierschutzorganisation PETA in die Türkei gefahren, um dort auf die schreckliche Situation von Straßenhunden aufmerksam zu machen. Bis heute werden die Hunde dort gequält und gefoltert.

Online-Proteste wie dieser sind gerade in der Türkei ein bewährtes Mittel. Was halten Sie von Facebook, Twitter und Co als Protestform?

Ich bin da zwiegespalten. Einerseits finde ich es gut, weil man damit schneller Unterstützung und Aufmerksamkeit generieren kann. Andererseits wird so etwas dann auch gerne mal zu einer Modeerscheinung.

Man könnte sagen: Ihre Filme sind auch eine Art von Protest.

Zumindest sorgen sie für Diskussionen und regen zum Nachdenken an. Hoffe ich zumindest.

Ist für Sie die Auswahl Ihrer Rollen eine Art politisches Statement?

Nein, so suche ich mir meine Rollen nicht aus. Aber ein Film wie etwa „Die Fremde“ war gut, um eben gewisse Diskussionen auszulösen und später auch Terre des Femmes als Unterstützerorganisation mit einzubeziehen.

Sie spielen oft ziemlich heftige Rollen: Vergewaltigung, Prügel, Tod des eigenen Kindes. Bei welcher Szene waren Sie froh, dass Sie sie nur gespielt haben?

Sie sagen ja auch, ich „spiele“ nur eine Rolle. Zum Glück. Menschen im echten Leben haben da leider oft weniger Glück, wenn sie so etwas durchmachen müssen. Deshalb versuche ich mit Respekt an solche Szenen ran zu gehen.

Viele Männer sagen: Gleichberechtigung ist doch schon erreicht. Was antworten Sie denen?

Wer das sagt, der lügt. Ich sehe es in der Filmbranche, wo alles sehr männerlastig ist. Und überall sonst auch. Im Journalismus beispielsweise. Über eine Schauspielerin, die im selben Format oder Film mitspielt, wird ganz anders geschrieben als über den männlichen Kollegen. Es ist immer ein latenter Sexismus und ein Macho-Gehabe dabei. Bei vielen Männern beobachte ich dieses "hier bin ich der Chef"-Verhalten. Frauen müssen meist zurückstecken und mehr kämpfen, um gesehen zu werden.

Manche Dinge wären sicher einfacher, wenn Sie ein Mann wären.

Als Kind wollte ich immer ein Junge sein – das kam wahrscheinlich durch die Kultur und dadurch, dass es den Jungen immer viel besser ging. Man sieht es ja auch heutzutage, die Jungs dürfen eher raus, dürfen mehr machen. Mädchen werden früh so erzogen, dass sie sich benehmen müssen. Aber: Ich bin eine Frau und bin froh, dass ich eine Frau bin.

Hat der Kampf der Feministinnen nichts erreicht, wenn wir heute noch über so etwas sprechen müssen?

Feminismus und Feministinnen klingt immer so negativ in unserer Gesellschaft. Frauen müssen einfach weiterhin für ihre Rechte einstehen. Viele Feministinnen, die damals gekämpft haben, haben auch nicht immer alles richtig gemacht. Trotzdem haben sie viel und vor allem wichtige Vorarbeit geleistet.

Würden Sie sich selbst als Feministin bezeichnen?

Da ich gerade gesagt habe, dass ich mit dem Begriff Feminismus nicht wirklich viel anfangen kann, eher nein. Ich kämpfe für Frauenrechte, ja.

Für was sollten junge Frauen heute eintreten?

Das ist keine Generationsfrage. Für sich stehen, egal in welchem Alter. So sein, wie man ist. Eine Frau ist eine Frau und sie sollte genauso selbstbewusst auftreten wie ein Mann es darf.

Hatten Sie Vorbilder?

Sie werden jetzt lachen, ich fand als Kind Mohammed Ali immer toll, weil er seinerzeit sehr politisch war und nie Angst hatte. Und immer das gesagt hat, was er gedacht hat

Anne Klein, die den Preis der Heinrich-Böll-Stiftung geschenkt hat, war Politikerin und Feministin. Was würden Sie Anne Klein fragen, wenn sie noch am Leben wäre? Sie ist ja 2011 mit 61 Jahren verstorben.

Ob sie jemals das Gefühl hatte, dass es einfacher gewesen wäre, wenn sie ein Mann gewesen wäre.

Was macht Sie zur Zeit wütend?

Die Politik in der Türkei etwa. Dass die Unterdrückung der Menschen, allen voran die der Frauen, dort eher stärker wird als schwächer.

Was würden Sie sich wünschen, das sich in der Türkei ändert?

Mehr Aufgeklärtheit, mehr Meinungsfreiheit, nicht so viele Zensuren, nicht so viele Verbote. Je mehr man verbietet, je mehr man etwas unterdrückt, desto mehr kommt es raus. Auf eine schlechte Art und Weise.

Nervt es Sie manchmal, dass Sie oft mit den türkischen Befindlichkeiten in Verbindung gebracht werden, in eine Rolle gesteckt werden?

Ja, ab und an. Denn ich empfinde das auch als eine Art Rassismus und eine Form von Diskriminierung. Ich bin hier geboren, ich habe einen deutschen Pass. Ich habe nie gesagt, dass ich meine türkischen Wurzeln verleugne. Warum muss ich mich immer erklären?

Haben Sie das Gefühl, dass sich durch Ihre letzten Rollen etwas geändert hat? In „What a man“ spielen sie Nele, im „Tatort“ Sarah Brandt.

Ich glaube schon, dass eine Deutsche zu spielen oder gar keinen Hintergrund zu erwähnen, dass das einer der Anfänge der Veränderungen war. Vor zehn Jahren wäre das nicht möglich gewesen. Aber ich hatte auch Journalisten, die bei dem Film "What a man" nicht richtig hingeguckt haben und gesagt haben: „Sie spielen ja wieder eine Türkin." Und bei Sarah Brandt, meiner Tatortrolle, bekomme ich nach vier Jahren immer noch die Frage gestellt: „Wer hatte die Idee, dass Sie eine Deutsche spielen?"

Wenn Sie jetzt Pegida, Anti-Islamdemos mitbekommen, fühlen Sie sich dann fremd in Deutschland?

Ich möchte diesen Leuten keine Aufmerksamkeit schenken. Ich find es gut, dass es auch eine Gegenbewegung gibt, aber ich möchte darüber nicht reden, weil ich wirklich denke, die verdienen meine Aufmerksamkeit nicht.

All rights reserved.

Neuen Kommentar schreiben