Jahresbericht 2001 der Heinrich-Böll-Stiftung

Aus der Reihe

VORWORT DES VORSTANDES

POLITISCHE BILDUNG ZWISCHEN DEM 11.SEPTEMBER UND DEM 26.AUGUST

Kein Ereignis der letzten Jahre hat unsere internationale Bildungsarbeit so schlagartig und umfassend beeinflußt wie die Terrorakte vom 11.September sowie die darauf folgende Erklärung des „Bündnisfalls“ im Rahmen der NATO und die militärische Intervention in Afghanistan, zumal diese Ereignisse sowohl innerhalb der Stiftung wie bei unseren Partnern in aller Welt auf ein geteiltes Echo stießen. In einer Gesprächsreihe sind wir schon unmittelbar nach den Anschlägen in den USA den Interpretationen und den Auswirkungen dieses Ereignisses auf die Weltpolitik nachgegangen. In unserem Internetauftritt www.boell.de haben wir ein umfangreiches Dossier „Nach dem 11.September“ eingerichtet, das Berichte, Analysen und Hintergründe bietet. Parallel zu den Petersberger Gesprächen, bei denen der Fahrplan zur Errichtung einer post-Taliban Regierung festgelegt wurde, veranstaltete die Stiftung die erste Konferenz zur Entwicklung der Zivilgesellschaft in Afghanistan. Die Heinrich-Böll-Stiftung wird sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten am Aufbau einer Zivilgesellschaft in Afghanistan beteiligen – und zwar vor allem in den Bereichen Frauenförderung, Medien und Bildung. Gute Kontakte gibt es schon länger; u.a. machte das Feministische Institut der Stiftung im Jahr 2000 mit einer Veranstaltung auf die Situation der Frauen und Mädchen in Afghanistan aufmerksam.

Weiterhin ganz oben auf unserer Agenda steht der „World Summit on Sustainable Development“, der am 26.August in Johannesburg beginnt. Die zehntägige Konferenz wird zehn Jahre nach dem Weltgipfel in Rio de Janeiro zeigen, ob das Konzept einer nachhaltigen Entwicklung im kommenden Jahrzehnt eine Chance hat. Der Konflikt um das Kyoto-Protokoll zur Eindämmung der Treibhausgase hat gezeigt, wie brüchig das Fundament der globalen Umweltpolitik ist. Dennoch bietet die Bilanz des letzten Jahrzehnts seit dem Aufbruch der Weltkonferenz von Rio de Janeiro 1992 auch positive Aspekte: Eine Reihe internationaler Umweltabkommen sind in Kraft getreten oder befinden sich auf dem Weg, und an Umweltpolitik kommt kein Staat der Erde mehr vorbei. Das gilt auch für Unternehmen, die es mit ökologisch aufgeklärten Kunden zu tun haben.

Die Stiftung hat schon vor gut zwei Jahren mit den Vorbereitungen auf den Johannesburg-Gipfel begonnen. Wir haben regionale NGO-Koalitionen unterstützt, zahlreiche Veranstaltungen durchgeführt und eine viel beachtete Publikationsreihe aufgelegt, um die Diskussion über die Ziele internationaler Nachhaltigkeits-Politik für Johannesburg und darüber hinaus voranzubringen. Das herausragende Dokument dieser Bemühungen ist das Jo’burg Memo, ein rund 80seitiges Memorandum zum Weltgipfel in Johannesburg. Es ist das Produkt einer fast zweijährigen Zusammenarbeit einer internationalen Redaktionsgruppe aus Wissenschaftlern, Politikern und NGO-Aktivisten. Wir möchten auch an dieser Stelle den Autorinnen und Autoren um den Koordinator des Projekts, Wolfgang Sachs, herzlich für ihre anregende Arbeit danken. Das Memorandum liegt bisher in deutscher, englischer und spanischer Fassung vor und wird in zahlreiche weitere Sprachen übersetzt. Fortgesetzt wurde auch die eigens für den Gipfel aufgelegte Schriftenreihe World Summit Papers. Im Internet bieten die beiden Adressen www.worldsummit2002.org und www.joburgmemo.de umfangreiche Informationen.

Ein besonderer Höhepunkt eines an Veranstaltungen reichen Jahres 2001 war die Konferenz „Gut zu wissen. Links zur Wissensgesellschaft“. Wissen ist zur entscheidenden Produktivkraft moderner Ökonomien geworden. Es ist der Rohstoff des 21.Jahrhunderts. Der Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft erfaßt Arbeitswelt und Beruf, das gesellschaftliche Leben und die politische Kultur. Lebensbegleitendes Lernen wird zu einem Muß. In dem Maße, in dem Wissen zum Schlüssel für die Verteilung von Berufs- und Lebenschancen wird, rücken Bildung und Weiterbildung ins Zentrum sozialer Gerechtigkeit. Es ist ein verheerendes Attest für unser Bildungssystem, daß es wie kaum ein anderes in den industrialisierten Ländern soziale Ungleichheit verstärkt. Die zahlreichen Referentinnen und Referenten der Konferenz „Gut zu wissen“ erörterten die Perspektiven und Konzeptionen für eine „Wissensgesellschaft“, die umfassende Partizipation, soziale Gerechtigkeit, Modernisierung, Kreativität und Verantwortlichkeit verbindet. Das Buch zur Konferenz erscheint im Herbst. Die Heinrich-Böll-Stiftung wird das Thema „Wissensgesellschaft“ weiter in seinen mannigfaltigen Facetten bearbeiten und lädt interessierte Experten, Initiativen und Organisationen zur Zusammenarbeit ein.

Zwei Länder aus der großen Zahl, in denen wir uns in Zusammenarbeit mit über 200 Projektpartnern engagieren, sollen hier genannt werden. Das eine Land ist der Iran. Nach der großen Konferenz im April 2000 setzt die Stiftung ihr Engagement für diese Region des Mittleren Ostens mit kleineren Initiativen, u.a. einem monatlichen Iran-Dossier, fort. Ziel ist u.a. die Entwicklung eines zivilgesellschaftlichen deutsch-iranischen Dialogs zur Unterstützung von Reformbestrebungen im Iran und einer Qualifizierung der Diskussion um Islam und Moderne. Das andere Land ist China. Hier kooperiert die Stiftung u.a. mit dem chinesischen Architektenverband und der Berliner Initiative „Stadtkultur International“ in einer Dialog-Reihe zu Fragen der Stadtentwicklung. Außerdem unterstützen wir ein Frauenzentrum in Peking, das Forschung und Beratung zur Situation der Frauen in den rapiden sozialen Umbrüchen in China bietet. Im Herbst vergangenen Jahres gab es eine gelungene Dialogveranstaltung in Peking: „Europa und Asien – Perspektiven multilateraler und bilateraler Zusammenarbeit“ mit der Chinese Association for International Understanding. Gleichzeitig setzen wir unsere langjährige Zusammenarbeit mit dem tibetischen Exil zur Bewahrung der kulturellen Traditionen des tibetischen Volkes fort.

Die Grüne Akademie, unsere Denkwerkstatt zu politischen und kulturellen Fragen der Zeit, hat sich einen neuen Schwerpunkt gesetzt: die Wissensgesellschaft. Auch dies zeigt, welch großen Stellenwert für unsere Arbeit dieses Thema mit all seinen Facetten in den nächsten Jahren haben wird. Der Höhepunkt in der Arbeit des Feministischen Instituts war im vergangenen Jahr die Konferenz „feminist_spaces. Diskurse, Communities, Visionen“. Diese Veranstaltung spürte den feministischen Räumen im weltweiten digitalen Netz nach, analysierte die dortigen neuen Auseinandersetzungen und Erkenntnisse, Perspektiven und Gemeinschaften – und untersuchte die Risiken der virtuellen Kommunikation. Das Buch zur Konferenz erscheint im Herbst. Zur Nachwuchsförderung hat das Studienwerk der Heinrich-Böll-Stiftung im Jahr 2001 seine Anstrengungen vor allem durch Promovierendenkolloquien mit den Themen „Perspektiven und Konsequenzen technischer Innovation“ sowie „Globalisierung“ erhöht. Im gleichen Zeitraum war es möglich, den Pool an Vertrauensdozentinnen bzw. -dozenten erheblich zu vergrößern. Auch ihnen sei an dieser Stelle einmal herzlich für ihr Engagement gedankt.

Eine Information noch in eigener Sache: Seit dem 1.April 2002 hat die Leitung der Stiftung eine neue Struktur und teilweise auch neue Gesichter. Der Vorstand ist verkleinert worden und besteht nur noch aus zwei Personen: Ralf Fücks ist geblieben, Barbara Unmüßig ist neu dazugekommen. Administrative, finanzielle und personelle Angelegenheiten liegen nun in der Obhut einer Geschäftsführung, zu der Dr. Birgit Laubach bestellt worden ist.

Weitere Aspekte und Details unserer Arbeit des vergangenen Jahres finden Sie in den einzelnen Kapiteln dieses Jahresberichts wieder; darin stellen wir Ihnen weitere exemplarische Veranstaltungen, Projekte und Partnerschaften vor. Angesichts unseres stetig wachsenden Engagements im Ausland produzieren wir nun gleichzeitig auch eine englische Fassung unseres Jahresberichts – wenn auch in knapper Form.

Zum Schluß wie immer ein Wort des Dankes an unsere „Ehrenamtlichen“. Mit den Mitteln des Förderkreises wird die Heinrich-Böll-Stiftung in die Lage versetzt, Einzelpersonen zu unterstützen und Projekte dort zu fördern, wo eine Unterstützung mit öffentlichen Mitteln versagt bleibt – z.B. konnte so ein „musikalisches Mahnmal“ für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung realisiert werden. Im September 2001 fand in Köln zum ersten Mal eine Jahresversammlung des Förderkreises statt – und zwar in Verbindung mit einer öffentlichen Veranstaltung zum Thema „Wieviel Staat braucht die Kultur?“ Über den Förderkreis hinaus wird die Stiftung maßgeblich vom ehrenamtlichen Engagement in Mitgliederversammlung und Aufsichtsrat, Fachkommissionen und Fachbeiräten sowie im Frauenrat getragen. Dafür möchten wir uns bedanken, ebenso bei den Freundinnen und Freunden von Bündnis 90/Die Grünen, die unsere Arbeit unterstützen und begleiten.

Berlin, im Juni 2002

Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Ralf Fücks
Barbara Unmüßig
 

Produktdetails
Veröffentlichungsdatum
Juli 2002
Herausgeber
Heinrich-Böll-Stiftung e.V.
Seitenzahl
64
Lizenz
Alle Rechte vorbehalten.
Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort des Vorstandes
  • Nachhaltige Entwicklung und Internationale Strukturpolitik
  • Zukunft der Arbeit und des Sozialen
  • Geschlechterdemokratie und Frauenpolitik
  • Migration und Demokratische Partizipation
  • Menschenrechte, Zeitgeschichte und Zukunft der Demokratie
  • Kunst, Kultur und Neue Medien
  • Bildung und Wissenschaft
  • Studienwerk
  • Feministisches Institut
  • Grüne Akademie
  • Archiv Grünes Gedächtnis
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