Al-Jazeera und die arabischen Revolutionen













Während Al-Jazeera Bilder von den Protesten zeigt, überträgt das ägyptische Staatsfernsehen leere Straßen. Foto: Darren Crape. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.





23. Februar 2011

Leyla Al-Zubaidi, Beirut




Von Layla Al-Zubaidi, Beirut


Die arabischen Revolutionen, die die internationale Gemeinschaft in Erstaunen und die hiesigen Despoten in Furcht versetzen, werden zu einem großen Teil auch in den Medien ausgefochten. Facebook, Twitter und Mobiltelefonnachrichten dienen der Mobilisierung zu Protesten und halten die die Außenwelt auf dem Laufenden.  Sie rücken auch eine neue Generation in den Vordergrund, die diese Kommunikationsmittel und ihre Sprache berherrscht.

Fernsehen bleibt Medium Nr. 1


Die Verbreitung des Internets in der arabischen Welt, ebenso wie Zeitungsauflagen, sind immer noch sehr eingeschränkt. Das einflussreichste Medium bleibt daher das Fernsehen. Seit Januar diesen Jahres ist insbesondere der katarische Nachrichtensender Al-Jazeera im Zentrum des Geschehens. Mit seiner engagierten Berichterstattung hat der Sender die Revolutionen in Tunesien und Ägypten aktiv mit angetrieben. Sobald die Berichterstattung durch Jazeera-Reporter eingeschränkt wurde, sendeten die Protestierenden selbst Videos und Nachrichten an den Sender. Schaltete man zwischen Jazeera und CNN hin und her, wurde der Unterschied überdeutlich: Während die ahnungslosen CNN-Reporter noch bis einen Tag vor dem Rücktritt Mubaraks berichteten, dass nur eine Minderheit der Bevölkerung seinen Abtritt fordere, strahlte Jazeera bereits seit Wochen die Statements der verschiedenen Oppositionsparteien, Blogger/innen, Aktivisten, Arbeitergewerkschaften, Künstler, Analysten, Militärs und Regierungsvertreter in die gesamte arabische Welt und nahm Anrufe von Zuschauern an, die von Marokko bis Irak ihre Solidarität mit der ägyptischen Revolution Ausdruck gaben.

Fernseher und Satellitengeräte haben inzwischen in jeden arabischen Haushalt Einzug gehalten. Da sich ein Großteil der öffentlichen Diskussion im Fernsehen abspielt, spricht man seit einigen Jahren davon, dass die „arabische Couch“ an den Platz der „arabischen Straße“ getreten ist. Als das kleine Golfemirat Katar im Jahr 1996 mit dem arabischen Nachrichtensender Al-Jazeera („Die Insel“) auf Sendung ging, revolutionierte dieser die arabische Medienlandschaft binnen weniger Jahre. Diese war bis dato von staatlichen Fernsehsendern dominiert, die als Regierungssprachrohre vor allem die offizielle Linie verbreiteten. Jazeera hingegen überraschte das arabische Publikum mit qualitativ hochwertigen Nachrichtenprogrammen, Debatten und Talkshows mit Titeln wie „Mehr als eine Meinung“. Zuschaueranrufe wurden unzensiert live gesendet, so dass Jazeera erheblich dazu beitrug, eine pan-arabische öffentliche Diskussionskultur anzukurbeln.



Berichte aus Israel


Jazeera war auch der erste arabische Kanal, der aus Israel berichtete. Während dies in den 1990er Jahren noch als Tabu galt und weithin auf Empörung traf, ist es inzwischen gängige Praxis. Andere Satellitensender folgten dem Erfolgsbeispiel, wie das von Saudi-Arabien gesponsorte Al-Arabiya. Einige Länder wie Syrien und der Irak verboten Satellitenschüsseln zunächst, konnten deren Verbreitung letztendlich jedoch nicht mehr aufhalten. Die kritische Berichterstattung Jazeeras verwickelt Katar regelmäßig in diplomatische Konflikte mit arabischen Regierungen und Jazeera-Reporter werden immer wieder ausgewiesen. Jazeera stellte jedoch nicht nur die arabische Medienlandschaft auf den Kopf, sondern entwickelte sich auch in eine erstzunehmende Konkurrenz für die großen westlichen Nachrichtenkanäle wie CNN und BBC. Spätestens im Irak-Krieg lief Jazeera ihnen mit wesentlich besserem Zugang und aktuellerer Berichterstattung den Rang ab. Während die arabischen Nachrichtensender ihre Informationen zuvor von den westlichen Kanälen bezogen hatten, müssen sich diese sich inzwischen zähneknirschend auf die Berichterstattung von Jazeera verlassen. Jazeera wird immer wieder von westlichen Regierungen als „Sprachrohr des Terrorismus“ attackiert. Die USA ging so weit, das Jazeera-Büro in Baghdad nach der Invasion im Jahr 2003 aus der Luft zu bombadieren und einen Jazeera-Korrespondenten jahrelang in Guantanamo Bay einzukerkern. Bis heute ist Al-Jazeera weithin nicht verfügbar im Kabel- und Satellitennetz der USA, weswegen der Sender eine Kampagne gestartet hat. Auch in der arabischen Welt wird der Sender dafür kritisiert, religiös-konservativen und islamistischen Akteuren zu viel Raum zu bieten und praktisch nie zu Katar selbst zu berichten. Bei aller Kritik an der Politik des Senders genießt er jedoch seit Beginn der arabischen Revolutionen aufgrund seiner Nähe zu den Protestierenden besondere Popularität.

Die Angst der Despoten vor dem Satellitenfernsehen


Die vergangenen Tage zeigten erneut, wie sehr die arabischen Despoten Jazeera fürchten. Die libyischen Autoritäten verwehren Jazeera unter dem Vorwurf des „Zionismus und der Lügen“ den Zugang. Während die Bevölkerung von Flugzeugen aus bombadiert wurde und Söldner Massaker begangen, zeigt das libysche Staatsfernsehen Volkstänze und Musik. Jazeera hat zwar kaum Bilder, sendet jedoch die verzweifelten telefonischen Hilferufe aus den verschiedenen libyschen Städten. Am gestrigen Abend meldete sich das libyische Außenministerium bei Jazeera, um die Nachrichten über Massaker an der libyschen Bevölkerung zu dementieren. Es folgte ein halbstündiger Schlagabtausch zwischen dem Jazeera-Talkmaster und Khaled Kaiim, Sprecher des libyschen Außenministeriums, der immer stärker eskalierte. Der in der Regel ruhige, aber diesmal sichtlich aufgewühlte Talkmaster entgegenete dass Augenzeugenberichte die Massaker bestätigten und fragte wie das libysche Staatsfernsehen Folklore zeigen könne, während die Menschen auf der Straße starben. Der Talkmaster fragte Kaiim zum Abschluss, ob Gaddafi eine Nachricht an sein Volk hätte. Kaiim antwortete, dass Gaddafi wie das Volk ein „Sohn Libyens“ sei. Der Talkmaster, dem sprichwörtlich der Kragen platzte, rief „Das ist doch wohl nichts Neues! Das hören wir jetzt schon seit Jahren! Ich frage noch einmal: Hat dieser Mann seinem Volk irgendetwas zu sagen?“

Testfall Bahrain


Heute morgen gelang es Jazeera schließlich doch, einige Bilder zu übertragen. Diese sind zutiefst schockierend und belegen die Grausamkeit und den Wahnsinn des libyschen Diktators Muammar Gaddafi und seines Clans. Jazeera sägt erneut an dem Stuhl eines Diktators mit. Sich gegen den als auch in der arabischen Welt berüchtigten Gaddafi zu stellen, sollte jedoch kaum schwer fallen. Eine wichtigere Prüfung sind die Proteste in Bahrain. Obwohl die dortige Regierung mit brutaler Gewalt auftritt und politische Dissidenten reihenweise inhaftiert wurden, berichtet Al-Jazeera weitaus weniger engagiert von diesen Ereignissen. Dies mag zum Einen damit zu tun haben, dass der Sender aufgrund der engen Beziehungen zwischen Katar und Bahrain den König von Bahrain nicht aufbringen möchte. Zum anderen gelten die bahrainischen Protestestierenden vielen Beobachtern immer noch als „schiitische Querulanten“, die eine von Iran geprägte Agenda vertreten. Den wichtigsten Test wird Jazeera jedoch spätestens dann zu bestehen haben, wenn es Unruhen in Katar geben sollte. Sollte sich der Sender auch dann auf die Seite derjenigen schlagen, die Demokratie, Partizipation und Meinungsfreiheit einfordern, bedeutete dies eine wirkliche arabische Medienrevolution.


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Al-Jazeera English ist auch über das Internet als Livestream verfügbar:

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Die Autorin Layla Al-Zubaidi ist Leiterin des Regionalbüros Mittler Osten, der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut.





Dossier


Die Bürgerrevolution in der arabischen Welt



Die Massenproteste in Tunis und Kairo haben die alten Regime in Tunesien und Ägypten hinweggefegt. Die Demokratiebewegung in Tunesien und Ägypten hat eine politische Wende herbei geführt, die das Tor zu einer demokratischen Entwicklung in der Region weit aufgestoßen hat. Aus dem Funken ist ein Lauffeuer geworden, in Algerien, Marokko, Jemen, Bahrain, Jordanien und Libyen gehen Bürgerinnen und Bürger auf die Straße und fordern die Machthaber heraus. Die Heinrich-Böll-Stiftung begleitet die aktuellen Entwicklungen mit Analysen, Kommentaren und Interviews: