In Memoriam Rupert Neudeck

In Memoriam Rupert Neudeck

Rupert Neudeck
Rupert Neudeck, 2012 — Bildnachweise

„Ja, Neudeck, machen Sie das. Und ich bin dabei.“

Rupert Neudeck ist tot. Der langjährige Journalist und Autor wurde vor allem als engagierter Mit-Gründer verschiedener Hilfsorganisationen wie dem Komitee "Cap Anamur - Deutsche Not-Ärzte e.V." bekannt, das er und seine Frau Christel 1979 zusammen mit Heinrich Böll zur Rettung vietnamesischer Bootsflüchtlinge ins Leben riefen. Neudeck erinnerte erst im vergangenen Jahr in einem Gastbeitrag daran,  wie ihn Heinrich Böll nachdrücklich zu diesem Schritt ermutigte - auf seine zweifelnde Frage, ob das Vorhaben eine gute Idee sei, habe ihm Böll umgehend geantwortet:  „Ja, Neudeck, machen Sie das. Und ich bin dabei.“

Seit dieser Zeit organisierten Neudeck und Cap Anamur weltweit humanitäre Hilfe in akuten Krisen wie auch an Orten, die längst aus dem Fokus allgemeinen Interesses verschwunden zu sein schienen: Während des Kosovokriegs und der Nato-Luftangriffe auf Serbien, in Mazedonien oder Albanien, aber auch im Sudan oder in Afghanistan, Kolumbien oder Äthiopien.

Später gründete Rupert Neudeck zusammen mit Anderen das muslimisch-christliche Friedenskorps „Die Grünhelme“, das weltweit fachkundige Freiwillige in Krisengebieten entsendet und in konkreten Projekten den Bau von Häusern, Schulen, Krankenhäusern oder Straßen unterstützt.

Als wacher und kritischer Geist scheute er keine Auseinandersetzung und mischte sich stets auch in die großen gesellschaftlichen Debatten ein, wann immer er es für nötig erachtete – oft auch in schmerzhafter Deutlichkeit für politische Weggefährt/innen.

Im Gedenken an einen unermüdlichen Helfer und einen Freund der Stiftung reproduzieren wir hier eine Rede Heinrich Bölls zur Verleihung des Jens Bjørneboe -Preises anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens des ODIN-Teatret, Holstebro, in Dänemark am 23. Oktober 1984. Heinrich Böll gab den Preis an Rupert Neudeck und Cap Anamur weiter:

"Ich habe seinerzeit spontan zugesagt, als das Odin teatre mir schrieb und bereue das nicht, bereue auch nicht meine Wahl von Rupert Neudeck, eines Menschen, der sich v e r z e h r t in Hilfsaktionen (boat people, Notärzte für Vietnam und Afrika) und der es nicht leicht hat, gegen Bürokratie und Stumpfheit anzugehen.“ (Heinrich Böll an Eugenie Barba, künstlerischer Leiter des Odin Teatre, 25.8.1984)

Rupert Neudeck verkörperte für Böll einen Menschen, dessen Antriebsfeder er im »Tun des Humanen« sah – einen Vertreter der »Poesie des Tuns«.

Poesie des Tuns
Rede zur Verleihung des Jens Bjorneboe-Preises des ODIN-Teatret, Holstebro in Dänemark an Rupert Neudeck am 23. Oktober 1984

    Mitleidend bleibt das menschliche Herz doch fest.
    Hölderlin, "Das himmlische Feuer"

Rupert Neudeck ist 1939 geboren. Er ist 1945 von Danzig unter Umständen, die ich gar nicht beschreiben kann, geflohen - in ein Deutschland, das seine Flüchtlinge und Vertriebenen keinesfalls willkommen hieß, sie schon gar nicht hofierte, wie das heute manchmal geschieht. Ich möchte daran erinnern - wir haben das noch erlebt, meine Frau und ich -, wie verächtlich die deutschen Flüchtlinge, die nach Deutschland kamen, behandelt worden sind.

Es wäre viel an Rupert Neudeck zu loben. Ich tue das nicht. Er hat große publizistische und journalistische Verdienste. Das Wichtigste, was er in den letzten fünf Jahren getan hat, war eine große Aktion zur Rettung der Boat-People im Chinesischen Meer. Auch zur Unterbringung dieser Menschen. Auch ein Komitee hat er gegründet: Not-Arzte, mobile Ärzte, Schwestern, Krankenschwestern, die ohne Honorar in Notgebiete der Welt fliegen und arbeiten. Wobei für uns alle das Überraschende war, wie viele Menschen er mobilisieren konnte, wie viele bereit waren, zu helfen.

Seine letzte Aktivität war die Gründung eines Komitees »Not-Anwälte« für Ausländer, die in der Bundesrepublik Deutschland leben, und auch für solche, die »Asyl« suchen. Menschen, die oft nicht informiert sind über ihre rechtliche Situation und die oft unrechtmäßig des Landes verwiesen werden.

Man hat mich gefragt, warum ich diesen Preis nicht jemandem übergeben habe, der Kunst macht. Ich möchte darauf hinweisen, daß das griechische Wort, von dem das Wort »Poesie« abstammt: "poiein", sehr viele Bedeutungen hat. Nur eine davon und gar nicht die wichtigste heißt dichten und erdichten.

Die wichtigsten Bedeutungen haben mit »Machen« zu tun und mit »Tun«, etwas tun. Ich möchte darauf aufmerksam machen - indem ich diesen Preis gleich an Rupert Neudeck übergebe -- auf die Poesie des »Tuns«.

    Es ist schön, ein hungerndes Kind zu sättigen,
    ihm die Tränen zu trocknen,
    ihm die Nase zu putzen,
    es ist schön, einen Kranken zu heilen.
    Ein Bereich der Ästhetik, den wir noch nicht entdeckt haben,
    ist die Schönheit der Gerechtigkeit.
    Über die Schönheit der Künste, eines Menschen, der Natur
    können wir uns halbwegs einigen.
    Aber - RECHT und GERECHTIGKEIT sind auch schön,
    und sie haben ihre Poesie, wenn sie vollzogen werden.

Und so möchte ich in Rupert Neudeck einen Poeten des Tuns ehren. Ich sage nicht des Handelns, ich sage auch nicht der Tat; Tat hat für uns Deutsche eine merkwürdige Bedeutung. Einen Tuenden, nicht einen Tätigen möchte ich ehren. Jemanden, der weiß was es bedeutet, ein Flüchtling, ein Vertriebener zu sein, unwillkommen zu sein.

Ich möchte seine Motive nicht aufs Psychologische allein beschränken. Ich glaube, daß sie tieferer und höherer Art sind, im Spirituellen, vielleicht sogar im Religiösen liegen.

Als ich gefragt wurde, wem ich wohl diesen Preis übergeben würde, habe ich keine fünf Minuten gebraucht, um auf Rupert Neudeck zu kommen.

Ich möchte noch zwei Sätze sagen, die ich vergessen habe: Es wird uns eingeredet, daß »Mitleiden« in den Bereich der Sentimentalität gehört. Das ist eine Lüge. Mitleiden ist eine ungeheure Kraft, eine große Energie, und auch eine schöpferische Phantasie gehört zum Mitleiden. Es kommen härtere Tage, hat vor Jahren einmal Ingeborg Bachmann gesagt. Ich habe den Eindruck, daß man uns einreden will, die Zeit der »Humanität« sei vorbei, die Zeit des Mitleidens sei vorbei. Harte Herzen brechen leichter als mitleidige Herzen, die eine große Kraft haben. Und ich glaube, Rupert Neudeck hat darauf hingewiesen, daß wir diese Kräfte nicht verkommen lassen dürfen durch Gleichgültigkeit, Resignation, Apathie.

Erstveröffentlichung: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt (Hamburg). - 38. Jg. (1985), Nr. 1 (6.1.1985), S. 21 u.d.T.: »Poesie des Tuns. Preisworte«.

Mit freundlicher Genehmigung der Veröffentlichung durch den Verlag Kiepenheuer und Witsch.

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