Wir trauern um Kristina Steenbock

Nachruf

Am 14. Oktober 2017 starb Kristina Steenbock, Wegbegleiterin der Heinrich-Böll-Stiftung. Kristina Steenbock war acht Jahre lang Mitglied der Mitgliederversammlung, aus deren Mitte sie von 2000 bis 2008 zur Aufsichtsratssprecherin gewählt wurde. Sie hat all ihr Wissen, ihre Energie und ihren kritischen Geist der Stiftung in einer Phase zur Verfügung gestellt, in der diese ihr Profil noch schärfen und ausbuchstabieren musste.

Kristina Steenbock (17. April 1954 – 14. Oktober 2017)

Auf dem Trauergottesdienst für Kristina Steenbock am 27. Oktober 2017 in Berlin würdigte Klaus Milke (Germanwatch) die Verstorbene. Wir geben seine Rede mit freundlicher Genehmigung wieder und verneigen uns vor Kristina Steenbock.

 

Lieber Werner, liebe Familie von Kristina,

liebe Freundinnen und Freunde dieser starken Kämpferin,

es ist mir eine besondere Ehre hier heute sprechen zu dürfen und mit Euch und Ihnen zusammen Abschied von Kristina zu nehmen. Danke, lieber Werner, für Dein, für Euer Vertrauen. Ich habe mit einigen ihrer Wegbegleiterinnen in den letzten Tagen den Austausch gesucht, was ich hier nun auch einfließen lasse.

Ich bin der Vorsitzende von Germanwatch. Kristina Steenbock war in den Jahren 2005 bis 2010 zweite Vorsitzende von Germanwatch als meine enge und vertraute Kollegin, nachdem sie schon seit 2003 dem Vorstand angehört hatte. Ihr klarer Kompass für Zukunftsfähigkeit, ihr unbestechlicher und doch pragmatischer Blick für mutige und ungewöhnliche Strategien und ihre herzliche und zupackende Kameradschaft begeisterten uns, solange wir uns kannten.

Darf ich mit einer kleinen Geschichte und Dialektik beginnen, die mich am 8. Juli in Hamburg noch einmal aufs engste mit ihr verbunden hat? Es war die 9. Symphonie von Beethoven mit der Ode an die Freude. Sie hat mich mit zwei Krücken, konnte kaum noch laufen, in die Elbphilharmonie begleitet, als dort das umstrittene Konzert für die Mächtigen der Welt, die G20 Heads of State gegeben wurde.

Ausdrücklich waren dazu ja auch BürgerInnen und Zivilgesellschaft eingeladen. Wir saßen in der zweiten Reihe direkt vor dem Dirigenten Kent Nagano. Und zwei Balkone oben hinter uns platzierten sich nach einer langen für Kristina sehr anstrengenden Wartezeit Trump, Putin, Merkel und Macron… Und Kristina genoss aus vollen Zügen. Und sie flüsterte mir kichernd ins Ohr: "Das Konzert ist nicht für die da hinten, das ist für uns und die anderen Akteure der Zivilgesellschaft, die sich für ein anderes Gesicht dieser Welt einsetzen und doch schon sooo viel erreicht haben!" Da mag jetzt die eine oder der andere Widerspruch anmelden. Aber so war Kristina eben…

Was hat sie gekämpft... Nicht nur ab 2011 bis zuletzt um ihre Gesundheit, um ihr Leben und für die Möglichkeit, sich weiter für eine bessere Gesellschaft einsetzen zu können. Nein, ihr politischer Einsatz von früh an war durch Kampf gekennzeichnet. Ob die Pastorenfamilie, in der sie in Hamburg groß wurde, dazu eine Grundlage gelegt hat? Nicht von ungefähr spricht man ja auch von PROTESTANTEN...

Früh war Kristina im Aktionszentrum Unabhängiger und Sozialistischer Schüler (das Pendant zum SDS für die Schülerseite) organisiert. Und das war der Beginn ihrer Politisierung. Und dann die 20 Jahre in der DKP bzw. im MSB Spartakus (und vorher im Marxistischen Schülerbund Hamburg, der Schülerorganisation der SDAJ in Hamburg). Das hat sie doch ganz wesentlich geprägt. In der Fähigkeit, politische Zusammenhänge zu analysieren. In dem Mut, Dinge verändern zu wollen. Und dann im Anschluss in der selbstkritischen Auseinandersetzung mit dieser Zeit. Und in der Abgrenzung von der DKP hin zur neugierigen Bereitschaft, andere anzuhören, mit anderen wirklich und nicht nur taktisch zusammenzuarbeiten. Zu erkennen, dass Geschichte nie unabhängig von Interessen und Systemlogiken verläuft, aber natürlich von Menschen gemacht wird; und eben auch von Unternehmen wie BP und Banken wie der Europäischen Investitionsbank. Beide hat sie übrigens dann später sogar beraten.

Ja, sie war Zeit ihres Lebens eine scharfe Debattiererin. Und aus dieser frühen Zeit stammen auch ihre langjährigsten Freundschaften! Was sie so sympathisch machte, war eben, dass sie ständig dazu gelernt hat und nicht verhärtet wurde, sondern immer neue Perspektiven bereit war einzunehmen. Einfach wunderbar. Kristina hatte immer den Mut zur Grenzgängerin. Sie wollte die Chancen der verschiedenen Logiksysteme, die zur Lösung der Nachhaltigkeitsprobleme zusammenarbeiten müssen, bis an deren Grenzen ausnutzen.

So wechselte sie 1992 nach ihrer Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag zu Greenpeace. Bei Greenpeace war sie zunächst Bereichsleiterin für Wald und Artenvielfalt. Sie war nie stromlinienförmig, war immer diejenige, die auch diskutieren wollte, scharf analysiert hat. Es wurde ihr große Anerkennung zuteil. Kristina sorgte 1997 dafür, dass Greenpeace die Arbeit zu Welthandel wieder
aufnahm und den Fokus auf die Welthandelsorganisation WTO lenkte. „Safe Trade“ war das Greenpeace-Motto, unter dem sie mit anderen KollegInnen an den Demonstrationen gegen die berühmt-berüchtigte WTO-Konferenz in Seattle 1999 teilnahm. Als sie die Leitung der politischen Vertretung von Greenpeace Deutschland inne hatte und Greenpeace International bei der UN in New York vertrat, lernten wir uns kennen und schätzen.

Sie wurde für uns, für das Team von Germanwatch und Stiftung Zukunftsfähigkeit, eine wichtige Ansprechpartnerin, als sie dann als Referatsleiterin für Grundsatzfragen und Ökologie ins Bundeswirtschaftsministerium unter Minister Werner Müller wechselte. Dort bereitete sie unter anderem Deutschlands offiziellen Beitrag zum Weltgipfeltreffen für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg im Jahr 2002 vor.

Viele setzten große Hoffnung in sie, als sie dann zur zweiten Geschäftsführerin der Deutschen Energie-Agentur berufen wurde und mit Partnern aus dem Unternehmens- und Finanzsektor Kampagnen für die Verbesserung der Marktzugänge für erneuerbare Energien und Energieeffizienz-Technologien entwickelte. Auch in dieser Position ließ sie sich nicht verbiegen oder gar als ökologisches Aushängeschild für eine damals und leider auch heute nicht ausreichende Energiepolitik der Bundesregierung nutzen. Bereits im Herbst 2003 trat sie von ihrem Posten zurück.

Kristina hat sich auf vielfältige Weise nicht nur hauptberuflich, sondern auch ehrenamtlich engagiert. Von diesem Engagement hat auch die Heinrich-Böll-Stiftung in besonderem Maß profitiert. Sie war der Stiftung, ihren ökologischen, sozialen und politischen Zielen eng verbunden. Sie war acht Jahre lang Mitglied der Mitgliederversammlung, aus deren Mitte sie von 2000 - 2008 zur Aufsichtsratssprecherin gewählt wurde. Sie hat all ihr Wissen, ihre Energie und Ihren kritischen Geist der Stiftung in einer Phase zur Verfügung gestellt, in der diese ihr Profil noch schärfen und ausbuchstabieren musste. Sie hat - wie mir Barbara Unmüßig, Vorstand der Stiftung, mit der Kristina viele Jahre als Aufsichtsrats-Sprecherin kooperiert hat, sagte - den Horizont der Stiftung erweitert und für ihre Positionen auch Gegenwind in Kauf genommen. Streitbar und klug, dialogorientiert und menschlich und liebenswert. Die Heinrich-Böll-Stiftung dankt ihr von ganzem Herzen für ihr großartiges Engagement. Kristinas positiver Handabdruck, ihr Beitrag für eine gerechtere und sicherere Welt war beeindruckend.  

Wir freuten uns umso mehr, als wir sie für uns gewannen und sie 2003 für den Germanwatch-Vorstand kandidierte und dort das bereits markant-dialogorientierte Profil von Germanwatch maßgeblich weiter entwickelte. Im September 2010 wurde sie dann Geschäftsführerin der neuen Smart Energy for Europe Platform (SEFEP). Diese innovative Plattform von Stiftung Mercator und European Climate Foundation setzte sich für das Ziel ein, europaweit eine zu mehr als 95 Prozent dekarbonisierte, zuverlässige, sichere und vorwiegend aus erneuerbaren Energiequellen gewonnene Stromversorgung vor dem Jahr 2050 zu etablieren. Martin Rocholl von der European Climate Foundation berichtete mir vor ein paar Tagen, dass in dieser Phase in kleiner Runde in ihrem Berliner ECF-Büro die Idee der Agora Energiewende, ohne die die deutsche Energiewende gar nicht vorstellbar ist, als unabhängiger Think Tank geboren wurde. Die wenigsten werden das wissen…

Nachdem sie 2013 bereits krankheitsbedingt die Geschäftsführung bei SEFEP aufgegeben hatte, arbeitete sie einerseits - diesmal als Beraterin - für Germanwatch und wurde gleichzeitig Senior Advisor für den beschleunigten Ausbau der europäischen Stromnetze im Kontext der Renewables Grid Initiative (RGI). Die Renewables Grid Initiative wäre ohne Kristinas Unterstützung nicht entstanden, wie mir ihre Mitstreiterinnen versicherten. In den ersten Jahren hat sie ihr ein Dach über dem Kopf gewährt und auch finanziell die Schritte von einer Idee hin zu einer funktionierenden Organisation ermöglicht, bis zu ihrer Rente hat sie der RGI mit Rat und Tat und ihrem enormen Wissen und Netzwerk aus einem langen und engagierten Arbeitsleben zur Seite gestanden. Kristina hat auch dort gezeigt, was es heißt zu kämpfen und angesichts eines übermächtigen Gegners nicht einfach den Mut zu verlieren, nicht einfach aufzugeben. An vielen sicher schweren Tagen kam sie ‚ganz normal’ und mit einem Lächeln ins Büro – sie hat den Kampf gegen den Krebs nicht verschwiegen, aber sie hat auch nicht zugelassen, dass er das Leben voll dominierte.

Unverdrossen kämpfte sie gegen den Krebs und gleichzeitig für die gemeinsamen politischen Ziele. Ja und sie unterstützte uns bei Germanwatch bis zuletzt, soweit es ihre Krankheit zuließ, durch wichtige und strategische Zuarbeit. Mitte September bedankte sie sich herzlich für die vom gesamten Germanwatch-Team unterzeichnete Grußkarte von unserer Jahresklausur. "Sowas macht gesund!!", schrieb sie.

Es ist dann ganz anders gekommen und ging dann auch erschreckend schnell. Doch für uns wirst Du, liebe Kristina, als klar analysierende Strategin mit Deinem Humor und Deinem Kämpferherz als gute Freundin und so anregende Persönlichkeit lebendig bleiben.

Und Du wirst uns sagen: "Na los, dann macht mal weiter!"