Mehr Mobilität mit weniger Verkehr

Kommentar

Moderne Mobilität setzt auf intelligent vernetzte und ineinandergreifende Verkehrsangebote. Die Zahl der Autos muss reduziert werden, mit klugem Ordnungsrecht und Preissignalen. Damit sich mehr Menschen frei, individuell und sicher bewegen können.

Grafik aus dem Mobilitätsatlas 2019
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An Mobilitätsstationen lassen sich viele Angebote kombinieren – alternativ auch zu bisherigen reinen Pkw-Parkplätzen

Mobilität ist Freiheit: In ländlichen Regionen, über Ländergrenzen hinweg und selbst innerhalb von Großstädten. Mobil sein zu können, ist notwendige Voraussetzung für ein freies und selbstbestimmtes Leben, für Teilhabe und Mitgestaltung der Gesellschaft. Wer heute über gesellschaftliche Teilhabe spricht, muss über die Mobilität von morgen nachdenken. Wie also planen wir die Mobilität der Zukunft und wie sichern wir in Zukunft Mobilität für alle Menschen? Vieles spricht dafür, Mobilität als ein öffentliches Gut zu verstehen, dessen Angebot und Zugänglichkeit der Staat für alle Bürgerinnen und Bürger gewährleisten muss. Das bedeutet keineswegs, dass jeder „öffentliche“ Verkehrsträger in staatlicher Hand liegen sollte. Öffentliche Verkehrsunternehmen können und müssen im Verbund mit privaten Anbietern ihr Angebot erweitern und verbessern. Viele tun das bereits, man denke zum Beispiel an den Berliner „BerlKönig“. So werden öffentliche Unternehmen zu Changemakern der Verkehrswende: wenn sie sich vom klassischen Beförderer zum Mobilitätsdienstleister als „Regie- und Orchestrierungsinstanz“ wandeln (Canzler/Knie).    

Die Mobilität der Zukunft muss nachhaltig, abgasfrei, lärm- und unfallarm sein

Der Übergang vom individuellen Verkehr zur individuellen Mobilität stellt hohe Anforderungen an nachhaltige und soziale Umgestaltung, gerade wenn es darum geht, ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung zu ermöglichen. Dazu gehören neben der Klimaneutralität auch Umwelt- und Ressourcenschutz sowie die Minimierung gesundheitlicher Belastungen durch Lärm, Abgase und Unfälle. All das betrifft vor allem Menschen in Städten. Für deren Lebensqualität und gesellschaftliche Teilhabe ist es wichtig, dass es öffentliche Räume mit hoher Aufenthaltsqualität gibt: Spielplätze, Parks oder gut gemachte Fußgängerzonen – Orte, an denen sich Menschen gern aufhalten, wo sie sich begegnen und unterhalten. Doch gerade in Großstädten werden diese Orte verdrängt durch immer neue (Auto-)Straßen, Parkplätze und Flächenerschließungen. Millionen von parkenden Autos verstellen öffentliche Plätze und verstopfen die Straßen. Der massenhafte Autoverkehr verringert die Lebensqualität im öffentlichen Raum unserer Städte erheblich.

Lebenswerte Städte, gut vernetzte Regionen

Die meisten Menschen wollen möglichst komfortabel, schnell und sicher an ihr Ziel gelangen. Mit welcher Form der Mobilität das gelingt, ist eigentlich zweitrangig. In Großstädten steht dafür inzwischen ein breites Verkehrsangebot bereit. Dank digitaler Vernetzung wird die Nutzung immer bequemer – drei Klicks, ein Swipe und man weiß, wie man am besten ans Ziel gelangt. Öffentliche Verkehrsunternehmen erweitern in Kooperation mit branchenerfahrenen Unternehmen ihr Angebot mit On-Demand-Shuttles oder dem guten alten Fahrrad, vulgo: Bike Sharing. Aber sowohl die Kapazität wie auch die Qualität des ÖPNV müssen weiter erhöht werden. Die Grenzen zwischen Individualverkehr und Sammelverkehr werden fließend. Damit erweitert sich die individuelle Bewegungsfreiheit – zumindest in der Stadt.

In ländlichen Regionen dagegen wird das Auto vorerst wichtig bleiben. Aber auch hier kann hohe individuelle Mobilität mit weniger Verkehr geschaffen werden. Dazu muss der Ausbau von Bahn und Bus, die intermodale Verknüpfung von verschiedenen Verkehrsträgern und die Elektromobilität samt Ladeinfrastruktur finanziell gefördert und politisch vorangetrieben werden. Auch automatisierte Shuttles, etwa für die berühmte letzte Meile von der Mobilitätsstation bis zur Haustür, könnten perspektivisch zu individueller Bewegungsfreiheit in infrastrukturschwachen Regionen beitragen.

Die Verkehrswende ist eine politische Aufgabe

Nachhaltige Mobilitätspolitik braucht politische Mehrheiten. Auf kommunaler Ebene, zum Teil auch auf Landesebene ist viel in Bewegung gekommen – vom Planungskonzept der „lebenswerten Stadt“ über den Fahrradtransport in überregionalen Zügen bis zu Elektrobussen im Stadtverkehr. Bundespolitische Signale fehlen. Große Blowups mit dem Konterfei des amtierenden Ministers am Tag der Offenen Tür können über die fehlenden Entscheidungen in zentralen Fragen der Verkehrswende nicht hinwegtäuschen. Anstatt dem Veränderungswillen einer breiten Bevölkerungsmehrheit verkehrspolitisch attraktive und zukunftsweisende Angebote zu machen, wird das System gefüttert, das gerade an sein Ende kommt: Die Lobby in den Konzernzentralen der Autohersteller hat die Entwicklungen auf den internationalen Märkten hin zu mehr Elektromobilität und integrierten Mobilitätsdienstleistungen erst verlacht und dann verschlafen. Es ist noch nicht ausgemacht, ob die hiesigen Autohersteller im Wettlauf um das „Smartphone auf Rädern“ in Zukunft punkten werden. Je länger politische Unterstützung für den Wandel verzögert wird, umso schmerzhafter werden die ökonomischen und sozialen Auswirkungen sein. Zeitdruck wird kein guter Ratgeber sein. Die Gefahr, dass die deutsche Autoindustrie zum Zulieferer chinesischer oder amerikanischer Internetkonzerne degradiert wird, die auch Mobilität anbietet, wächst. Deshalb muss jetzt gehandelt werden, unternehmerisch, aber vor allem politisch. Die Verkehrswende ist eine großartige Zukunftserzählung, die viele unentdeckte Möglichkeiten für mehr Lebensqualität, soziales Miteinander und neue Mobilität bietet. Diese Chance darf nicht verspielt werden.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Tagesspiegel Background.