Ausstellungseröffnung: "nochnichtmehr - Handeln im unmarkierten Raum"

Ausstellungseröffnung: "nochnichtmehr - Handeln im unmarkierten Raum"

Ausstellungseröffnung: "nochnichtmehr - Handeln im unmarkierten Raum"

Ausstellung: Berlin, 10. September – 10. Oktober 2009

10. September 2009
Ralf Fücks
Ralf Fücks
Berlin, 9. September 2009
 
Die Gruppenausstellung nochnichtmehr geht gleich auf zwei schöne Zufälle zurück: 

  • zum einen präsentierten Kai Bauer und Andreas Meyer-Brennenstuhl ihre ersten Überlegungen zu einem Zeitpunkt, als auch wir darüber nachdachten, wie man den Kollaps des realen Sozialismus vor 20 Jahren auf eine nicht rein retrospektive Weise behandeln könnte. Dabei entstand die Idee, über diese konkrete historische Situation hinaus nach Übergängen von einem gesellschaftlichen Aggregatszustand in einen anderen zu fragen.

  • Gleichzeitig passt die Chiffre nochnichtmehr ganz wunderbar auf die Situation unseres neuen Domizils hier in der Schumannstraße, wo wir seit gut einem Jahr ständig neue Nutzungskonzepte und Veranstaltungsformate ausprobieren und darüber auch immer neue Möglichkeiten dieser Architektur entdecken. Für den Kurator und die beteiligten Künstler ergab sich so eine Chance, das Thema des unmarkierten Raums innerhalb einer offenen Raumsituation zu bearbeiten. Einige der gezeigten Arbeiten sind konsequenterweise ortsspezifisch erdacht und umgesetzt worden. 

Dass man im Super-Gedenkjahr 2009 keine weitere historisierende Ausstellung machen wollte, war also schnell Konsens zwischen den Partnern. Spätestens mit dem Kollaps des Kasinokapitalismus im letzten Herbst bekam die Auseinandersetzung mit Umbruchssituationen und sich daraus ergebenen Handlungsoptionen eine höchst zeitgemäße Dimension. 
Das Projekt nochnichtmehr zielt also auf Situationen, in denen eine bisherige Konstellation zu Ende geht und das Neue noch im Fluss ist. Es geht um Zäsuren, Übergänge, um noch nicht fixierte Verhältnisse und Möglichkeitsräume. Das kommt uns sehr entgegen: die Böll-Stiftung versteht sich genau als ein solcher Raum, in dem mögliche Zukünfte erkundet werden, die mehr sind als eine bloße Verlängerung des Status quo. 

Provisorische Zustände, Übergänge zwischen einer alten und einer neuen Ordnung öffnen Chancen für Kreative aller Arten: für Künstler, Unternehmer und politische Akteure. Die Berliner Kunstszene zehrt bis heute von den Freiräumen – und der Energie – die durch den Kollaps der DDR freigesetzt wurden. Dass die Stadt immer noch im Umbruch ist, dass sich hier ganz unterschiedliche Lebenswelten, politische Kulturen und Traditionen treffen, macht gerade den Reiz Berlins aus. 

Seit der Finanzkrise reden wir nicht nur anders über die Weltwirtschaft, sondern auch über das Kunstsystem. Der „Marktwert“ von Künstlern ist nicht mehr der Dreh- und Angelpunkt, an dem sich künstlerischer Erfolg misst. Es geht wieder stärker um  Kategorien wie „Relevanz“ oder „Öffentlichkeit“, die sich in der Interaktion zwischen Künstlern, Publikum und Kritik herausbilden. 

Im aktuellen Themenheft „Thesen zur Gegenwartskunst“ der Zeitschrift Texte zur Kunst heißt es dazu: „Mit der Krise der Finanzmärkte und (…) dem vorläufigen Ende des ‚Booms’ der Gegenwartskunst verbindet sich allerorten die ominöse Hoffnung, dass es nun ‚endlich’ wieder um ‚Inhalte’ geht. Was aber sind diese viel beschworenen Inhalte? Was steht ‚nach der Krise’ für die Akteure des Kunstfeldes auf dem Spiel? Wie verändert sich ihre Perspektive?“

nochnichtmehr macht eine prekäre Zeit des Übergangs selbst zum Thema. Viele der gezeigten Arbeiten operieren mit Feinjustierungen an der eingeschliffenen Wahrnehmung. Plakative Antworten auf die großen  politischen Fragen wird man hier vergeblich suchen – die Plakate, die in Andreas Mayer-Brennenstuhls Dekonstruktion des Brandenburger Tors zu sehen sind, vermitteln eher paradoxe, jedenfalls verblüffende Botschaften. Statt einer Zeitdiagnostik, die vom Feldherrnhügel der Erkenntnis aus operiert, ist der Anspruch der Ausstellung wohltuend tiefer gehängt: Es geht ihr um Irritationen und Verschiebungen, teilweise auch um konfrontative Gesten, die das Gewohnte in neuem Licht erscheinen lassen und neue Perspektiven eröffnen.  

In diesem Sinne eint das „Unbehagen an der eingefriedeten Kultur”, wie es die Künstlerin Alice Creischer einmal nannte, die Ambitionen von politischer Bildung und künstlerischer Praxis. Auch wenn beide Disziplinen sich auf unterschiedliche Weise mit dem Leben und der Welt auseinandersetzen, könnte man sich vielleicht darauf einigen, dass ihnen ständig an neuen Blickrichtungen, neuen Denkanstößen gelegen sein muss. Alice Creischer wird übrigens, neben anderen Gästen, am 10. Oktober ein Symposium mit uns bestreiten, mit dem das Projekt nochnichtmehr abgeschlossen wird. 

Die Ausstellung findet parallel zur Hochsaison unseres Konferenzbetriebs statt. Dieses Neben-, Mit- und Durcheinander von Kunst und politischen Debatten ist zwar eine logistische Herausforderung, aber zugleich eine Chance auf überraschende Begegnungen und Bezüge. Für ein internationales Publikum der Ausstellung ist jedenfalls gesorgt.
Ich will ich es bei diesen eher assoziativen Bemerkungen bewenden lassen. Wie Sie wissen, sind bei solchen Vorhaben immer eine Menge Leute involviert, denen es zu danken gilt:

  • Zuvorderst dem Kurator der Ausstellung, Kai Bauer, und allen beteiligten Künster/innen für ihre Bereitschaft, sich auf die Bedingungen eines Konferenzgebäudes einzulassen

  • Unserem KuK-Team mit Jan Engelmann, Cristina Gómez Barrio, Karin Lenski und Johannes Leidenberger für ihren unermüdlichen, passionierten Einsatz in den letzten Monaten – dieses Projekt ist beileibe nicht unser erster Ausflug in die Welt der bildenden Künste, aber der bisher Ambitionierteste.

  • Dem Tagungsbüro der Böll-Stiftung für die Toleranz und die Anstrengung, eine raumgreifende, vierwöchige Ausstellung mit dem „heißen Herbst“ des Veranstaltungsbetriebs in Einklang zu bringen. 

  • Last but not least: Jörg Luxath, Oliver Gerds und Birgit Lengers vom Deutschen Theater für ihre sehr unkomplizierte Nachbarschaftshilfe trotz der nahenden Spielzeiteröffnung – wir hoffen, uns sehr bald einmal bei Ihnen revanchieren zu können!

Vielen Dank also an Sie alle – und der Ausstellung viel Erfolg!

Ralf Fücks ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Er publiziert in großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen, in internationalen politischen Zeitschriften sowie im Internet zum Themenkreis Ökologie-Ökonomie, Politische Strategie, Europa und Internationale Politik.

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