„Bei mir ist jeder Flüchtling willkommen“ - Alexander Solschenizyn und Heinrich Böll

„Bei mir ist jeder Flüchtling willkommen“ - Alexander Solschenizyn und Heinrich Böll

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„Bei mir ist jeder Flüchtling willkommen“ - Solschenizyn und Böll


Zurück in Russland: Alexander Solschenizyn 1994 in Wladiwostok. Foto: Evstafiev.
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4. August 2008
Von Markus Schäfer

„Bei mir ist jeder Flüchtling willkommen, egal ob er aus einem kommunistischen Land kommt oder als Kommunist aus einem nichtkommunistischen Land. Wenn Alexander Solschenizyn kommt, dann erhält er bei uns Tee, Brot und Bett.“ (Heinrich Böll, zit. im General-Anzeiger Bonn, 14. Februar 1974)

Böll wurde zuerst von Lew Kopelew in einem auf den 21. November 1962 datierten Schreiben auf Solschenizyn, „so heißt der neue Autor“, aufmerksam gemacht. Kopelews Hinweis galt Solschenizyns im November 1962 in der Zeitschrift Nowyj mir veröffentlichter Erzählung Ein Tag aus dem Leben des Iwan Denissowitsch (dt. 1963), die Böll, wie er am 8. Mai 1963 an Kopelew schrieb, in der bei Rowohlt erschienenen Übersetzung auf seiner Fahrt nach Irland gelesen hat („… meine herzlichen Grüße an Solschenizyn. Das Buch hat mich sehr bewegt und tief beeindruckt“).

Persönlich lernten sich Solschenizyn und Böll während Bölls Reise in die Sowjetunion 1972 kennen. Bei dieser Gelegenheit übergab Solschenizyn, wie später auf einer Pressekonferenz in Paris von ihm öffentlich gemacht, Böll ein für den Fall seiner Verhaftung vorbereitetes Testament, das von Böll in die Bundesrepublik geschmuggelt und an Solschenizyns Anwalt übermittelt wurde.

Zu Solschenizyn geäußert hatte sich Böll bereits ab 1968. In diesem Jahr erschien sein Vorwort zur Übersetzung von Solschenizyns Roman Krebsstation. 1969 folgte die erste, dem Roman Erster Kreis der Hölle gewidmete und im Merkur unter dem Titel Die verhaftete Welt erschienene Rezension. (Siehe ferner die Rezensionen Leiden, Zorn und Ruhe. Über Alexander Solschenizyns Erzählungsband „Im Interesse der Sache“ sowie Man muß immer weitergehen. Alexander Solschenizyn und sein Lagerbuch „Archipel Gulag“ und den im gleichen Jahr publizierten Essay Die himmlische Bitterkeit des Alexander Solschenyzin).

Große öffentliche Aufmerksamkeit erhielt die Bekanntschaft der beiden im Zusammenhang mit der Verhaftung Solschenizyns am 12. Februar 1974, kurz nachdem dessen Dokumentation über das sowjetische Lagersystem Archipel Gulag in Westeuropa veröffentlicht worden war. Böll reagierte darauf als Präsident des Internationalen PEN mit einem Protesttelegramm an den Parteichef der KPdSU, Leonid Breschnew. Einen Tag nach seiner Verhaftung wurde Solschenizyn aus der UdSSR ausgebürgert und in die Bundesrepublik ausgeflogen, da er den Wunsch geäußert hatte, zunächst Böll besuchen zu wollen. Nach einem zweitägigen Aufenthalt in Bölls Haus in Langenbroich/Eifel reiste Solschenizyn am 14. Februar 1974 nach Zürich weiter.

Auch nach Solschenizyns Ausbürgerung widmete Böll den Publikationen des mit ihm befreundeten Autors weitere Besprechungen (u. a. 1974 Die unbequeme Hoffnung auf eine geistige Wende. Über Alexander Solschenizyn, „Drei Reden an die Amerikaner“ und 1975 Die Eiche und das Kalb. Über Alexander Solschenizyn und äußerte sich zu ihm in mehreren Interviews, ausführlich in einem mit dem Kölner Literaturkritiker Heinrich Vormweg 1976 geführten Gespräch Solschenizyn und der Westen. Ferner veröffentlichte Böll 1978 seinen Gruß an Solschenizyn zu dessen 60. Geburtstag (11. 12. 1978) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Diesem folgte 1983 sein Geburtstagsgruß, das Gedicht Für Alexander S. zum 65. Geburtstag.


Markus Schäfer ist Mitarbeiter des Heinrich-Böll-Archivs in Köln.

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