Heinrich Böll: Leben und Werk


Heinrich Böll: Leben und Werk

Kapitel 9: Tod einer Instanz

Posthum erscheint der wenige Wochen vor Bölls Tod abgeschlossene Roman Frauen vor Flußlandschaft. In Dialogen und Selbstgesprächen der Romanfiguren entwirft Böll einen ebenso resignierten wie radikalen Blick auf die Bonner Republik.


Frauen vor Flußlandschaft, 1985

Wenn ich zu diesem Plukanski fahre, muß ich immer an mich halten, damit meine Wut mich nicht übermannt, ich nicht die Herrschaft über das Lenkrad verliere, gegen einen Baum, eine Laterne fahre oder ein anderes Auto ramme. Wohl möglich, daß ich ihn eines Tages erwürge, dieses Nichts, nicht einmal ein Heuchler ist er, sondern er ist nur, wie er ist: nichts. Sie nennen ihn Apfelwange, und tatsächlich ist seine Haut auf eine unbezahlbare Weise telegen. Eine Maskenbildnerin hat mir mal zugeflüstert: Den braucht man gar nicht zu schminken, der ist immer geschminkt. Er sieht immer aus wie ein gesunder Apfel, der im nächsten Augenblick reif vom Baum fallen oder gepflückt wird, so richtig marktappetitlich, das blonde Haar inzwischen silbrig, dicht, und auch heute noch, wo er auf die fünfundfünfzig zugeht, sieht er aus wie ein Junge, in dessen Fußballmannschaft man gerne mitgespielt hätte. Er kann sogar schelmisch lächeln, und Grübchen hat er auch. Es ist nie genau analysiert worden, wieviel Stimmen er bringt, sicher ist: er bringt genug, und laut Analyse einiger Publikumsäußerungen halten ihn die meisten für einen Adeligen der sein »von« aus demokratischer Bescheidenheit abgelegt hat. Dabei ist er neben mir einer der wirklichen Proleten in unseren Reihen. Sein Vater war ein versoffener Braunkohlenarbeiter, seine Mutter eine Schönheit von zweifelhaftem Ruf, die Trägheit und Ehrgeiz auf eine rare Weise zu verbinden wußte, und in unklaren, mit wissendem Lächeln geschmückten Andeutungen weiß sie Hinweise unterzuschmuggeln, die die Vermutung bestärken, daß Apfelwange, Hans Günter Plukanski, aus einer frühen Liebschaft mit einem Baron stamme, dem das Herz brach, weil er sie nicht heiraten konnte, und sie nahm dann den Bergarbeiter Plukanski, um das Kind der Liebe zu legitimieren. Tatsächlich wurde Plukanski fünf Monate nach ihrer Hochzeit mit Jürgen Plukanski geboren. Ich habe das alles recherchiert, weil ich beauftragt wurde, die Wahlkampfbroschüre für ihn zu verfassen. In einem teuren Altersheim, wo ich die heuchlerische alte Zicke mehrmals besuchte, war sie ganz Dame, mit englischem Teegeschirr, hübschen Möbeln, echten Klunkern, hatte sich ein Air von Unnahbarkeit geschaffen, das jedes Gespräch von ihrer Seite als Herablassung erscheinen ließ.

aus:
„Frauen vor Flusslandschaft“ von Heinrich Böll
© 1985 by Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln


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