Heinrich Böll: "Wir Autoren sind die geborenen Einmischer"

Heinrich Böll: "Wir Autoren sind die geborenen Einmischer"

Sie befinden sich in "Kapitel 8: Einmischung erwünscht (1980 - 1985)".

Auszug aus Heinrich Bölls "Einmischung erwünscht - Schriften zur Zeit", 1973

"Jener erfreuliche Vorgang, den man »weltweite Entspannung« nennt, scheint ausgerechnet denen am wenigsten einzubringen, die unter den verschiedenen politischen Systemen, unter ständigem Risiko der Denunziation oder der Verhaftung am heftigsten dafür eingetreten sind: Schriftsteller, Akademiker, Intellektuelle aller Provenienz.

[...] Schon nicht mehr nur monatlich, immer mehr wöchentlich gehen Amnesty International, dem Internationalen PEN, der Vereinigung Writers and Scholars Informationen über verhaftete, zensurierte, angeklagte Schriftsteller und Intellektuelle zu, von denen jede einzelne Information einen Protest notwendig machen würde.

Es fragt sich nur, ob diese Appelle und Resolutionen, die für Freiheiten plädieren, die als die konventionellen gelten und verfassungsmäßig in den meisten Ländern garantiert sind — ob diese Appelle und Resolutionen in ihrer Einsamkeit noch sinnvoll sind, wenn die Politiker diesen drei Organisationen und den zahlreichen anderen Gruppen und Kreisen, die sich mit Verfolgung und Unterdrückung auf dieser Erde beschäftigen, nicht an die Seite treten.

Immerhin repräsentieren diese Organisationen und Gruppen jene merkwürdig schwer zu definierende Instanz, die man das Gewissen zu nennen pflegt. Es besteht die Gefahr, daß dieses Gewissen zu einer abgestorbenen Blume im Knopfloch verschiedener Ideologien wird, wenn die Politiker nicht begreifen wollen, daß nur sie es sind, die den moralischen Druck in einen politischen verwandeln können, und wenn sie nicht endlich das heuchlerische Konzept der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten aufgeben.

Wer kümmert sich schon an Konferenztischen, wo über Militär- und Wirtschaftshilfe verhandelt wird, [...] um die Hunderte von jungen Männern und Frauen in der Türkei, die durch Folterungen zu Krüppeln werden, in einem Land, wo das Jahresdurchschnittseinkommen bei etwa 600 DM liegt und für Bespitzelungen 2000 bis 3000 DM bezahlt werden. [...]

Wir Autoren sind die geborenen Einmischer, wir mischen uns ein in die Rechtsprechung und Kulturpolitik der Sowjetunion, der CSSR, Spaniens, Indonesiens, [...] in die Volksrepublik China [...] in Kuba und in Mexiko. Das klingt idealistisch, ist es aber nicht. Einmischung ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben. [...]

Ich weiß sehr wohl, daß die Herren Realpolitiker über all das lachen werden: Für sie sind wir wirklich die nützlichen Idioten, die ein paar hübsche Fähnchen schwenken. Sollen sie lachen. [...] Es könnte als mehr oder weniger willkommener Beitrag von Pornographie mißverstanden werden, wenn ich hier einige Vergewaltigungspraktiken schilderte, wie sie von der türkischen Polizei an den Freundinnen, Frauen und Schwestern verhafteter Oppositioneller praktiziert werden. Natürlich darf man sich da nicht einmischen, nur nicht einmischen. [...]

aus:
„Einmischung erwünscht“ von Heinrich Böll
© 1977 by Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln

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