Heinrich Böll: Leben und Werk

Sie befinden sich in "Kapitel 7: Die Terrorismusdiskussion (1973 - 1979)".

1979 erscheint der Roman "Fürsorgliche Belagerung". Mit der Geschichte des Verbandspräsidenten Tolm vergegenwärtigt Böll Erfahrungen und Erlebnisse in der u.a. von Terrorismus geprägten siebziger Jahre.

Auszug aus dem Roman "Fürsorgliche Belagerung", 1979

"Am liebsten hätte er den Rest seines Lebens damit verbracht, den Vogelflug zu beobachten, Tee zu trinken, Käthe beim Stricken zuzusehen, zuzuhören, wenn sie auf ihre wunderbar dilettantische Art »voll«, wie sie es nannte, Beethoven spielte; - und nun hatte er nicht nur das eine, riesige, sinnlose Büro beim ›Blättchen‹, hatte noch ein zweites, riesiges, sinnlos großes, hatte beide »mit seiner Persönlichkeit zu füllen«, und hatte nicht einmal gewußt, daß seine Tochter ein Kind erwartete, mußte das ausgerechnet von Bleibl erfahren, der es ausgerechnet aus den Sportnachrichten wußte; Nachwuchs, wenns auch kein junger Tolm war, nur ein Fischer.

Eins war jedenfalls gewiß: einen jungen Tolm gab es, der hieß Holger und war ihm immer wieder Anlaß zu merkwürdigen erbrechtlichen Überlegungen: wenn sie Rolf als Abtrünnigen, ihn als neugewählten Präsidenten umlegten, blieb für diesen siebenjährigen Jungen als Rolfs direktem Erben ein netter Brocken übrig, für diesen Jungen, den er seit drei Jahren nicht mehr gesehen, mit dem er, als er noch im Plapperalter gewesen war, im Park die Enten gefüttert hatte, wie mit Kit.

Hatte, hatte, hatte - nicht einmal das war mehr als ratsam befunden worden, seitdem neulich einmal eine Ente auf völlig unorganische Weise aus dem Pulk, der das dunkle Wasser so hübsch musterte, ausscherte, aufs Ufer zuschwamm und aus dem Gebüsch der junge Sicherheitsbeamte Hendler hervorstürzte, »Deckung« schrie, »Deckung«, ihn und Kit auf den Rasen herunterriß, sich selbst danebenwarf, während die Ente, die sich später als Holzente erwies, ihren unnatürlichen Weg an einer hervorspringenden Grasnarbe beendete, sich noch unnatürlicher im Kreis zu drehen begann. Dieser Hendler hatte sie für eine schwimmende Bombe gehalten, als Ente getarnt oder in der Ente verborgen.

Glücklicherweise war es ein Irrtum; der aber rief eine umständliche Untersuchung hervor, deren Ergebnis: ein tränenüberströmtes geständiges Küchenmädchen. Sie hatte die Holzente im Keller entdeckt, gesäubert und »auf die Reise geschickt«, zum Spaß, wie sie sagte. Nur mit Mühe war es ihm gelungen, die Entlassung des Mädchens und eine Pressemeldung zu verhindern, auch, weil es ja immerhin eine Idee, ein Einfall war, den jemand hätte aufgreifen können. Seitdem mißtraute er den Enten, fing auch an, den Vögeln zu mißtrauen, die er so gerne und so lange beobachtete.

Gewiß war es doch möglich, ferngesteuerte mechanische Vögel zu entwickeln, die, mit hochexplosivem Stoff gefüllt, plötzlich in den Waagerechtflug übergingen, in ein geöffnetes Fenster flogen, Unheil in ihrer künstlichen Brust, im künstlichen Bauch. Schwalben waren wohl auszuschließen, auch Spatzen, Krähen. - Aber Tauben vielleicht, Stare - Störche, und Wildgänse, ganze Pulks, alle mechanisch, alle mit Unheil gefüllt, und er ließ sich verleiten, ausgerechnet Bleibl gegenüber zu äußern: »Nicht einmal den Vögeln des Himmels kannst du mehr trauen.« Worauf Bleibl antwortete: »Und nicht mehr dem Kuchen, den der Bäcker dir ins Haus bringt.« Ja, seit der Sache mit Pliefgers Geburtstagstorte ließen sie alle Kuchen im Haus backen, wenn nicht gerade unter Aufsicht, so doch unter erheblichen Vorsichtsmaßnahmen."

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