Von Null auf Zwei: Genderarbeit der Heinrich-Böll-Stiftung in Somaliland

Von Null auf Zwei: Genderarbeit der Heinrich-Böll-Stiftung in Somaliland

Bericht

Von Null auf Zwei: Genderarbeit der Heinrich-Böll-Stiftung in Somaliland

Nachbarschaftskomitee, organisiert von NAGAAD

Renate Wilke-Launer

„Wir sind gekommen, um nach einer Zeit der Entbehrungen und Schwierigkeiten in Frieden zu leben“ - so läßt sich das somalische Wort NAGAAD umschreiben. Und genau das wollen die Frauen des Dachverbandes NAGAAD in Somaliland erreichen. Der von keinem Land der Welt bisher anerkannte Staat, bis 1960 Britisch-Somalialand,  hatte 1991 einseitig seine Unabhängigkeit vom krisengeschüttelten Somalia erklärt. Doch ganz friedlich verlief die Entwicklung auch dort nicht.

Als sich die Führer 1996/1997 zur zweiten großen Friedenskonferenz in Hargeisa versammelten, da wollten auch eine Reihe von Frauen mit reden und mit bestimmen. Zumal ja bei dieser Versammlung auch der Präsident und die Parlamentsmitglieder bestimmt werden sollten. 15 von ihnen durften schließlich zuhören. Und sich anhören, dass es Sitz und Stimme in Parlament und Regierung für Frauen schon deshalb nicht geben könne, weil diese ja nach Clan-Proporz gebildet werden. Welchen Clan aber vertritt eine Frau, den ihrer Herkunftsfamilie oder den des Ehemannes?

Kurz nach der Konferenz kam es aber doch noch zu einer weiblichen Interessenvertretung: 30 in Hargeisa tätige Frauengruppen und andere Nichtregierungsorganisationen schlossen sich zum NAGAAD-Dachverband zusammen. Die Heinrich-Böll-Stiftung hat diese Kooperation von Anfang an unterstützt und entscheidende Beiträge zur organisatorischen Infrastruktur von NAGAAD geleistet. Heute ist der Dachverband mit 46 Mitgliedsorganisationen die wichtigste Frauenorganisation in Somaliland.

Gender-Workshops und Genderforen

Ein Informations- und Begegnungszentrum für Frauen auf dem Land war das erste Projekt. NAAGAAD veranstaltet aber auch Kurse, 2008 gab es einen gender-Workshop für Männer und ein Treffen mit Clanältesten, Sultans und Religionsführern, bei dem es um die aus der Clanstruktur resultierenden Hindernisse für die politische Beteiligung von Frauen ging. Seit 2002 lädt NAGAAD auch zu öffentlichen Genderforen an. Mal geht es um Frauen in den Medien, dann um zu frühe Verheiratung, die Rolle von  Frauen in der Politik oder die Auswirkungen von Khat, einer weit verbreiteten, vor allem von Männern, doch vereinzelt auch von Frauen gekauten lokalen Droge. Die Foren sind in der Regel gut besucht, als es 2008 um die komplementären Bemühungen von Frauen und Männern bei der Verbesserung der Lebensbedingungen in ihrer näheren Umgebung ging, kamen durchschnittlich sogar 75 Personen. 

NAGAAD unterstützt Frauen bei der Kandidatur für politische Ämter und arbeitet daraufhin, den Anteil der Frauen in Regierungsinstitutionen zu erhöhen. An der unter Federführung des Familienministeriums mit zivilgesellschaftlichen Organisationen erarbeiteten nationalen Gender-Politik hat NAGAAD wesentlichen Anteil. Sie ist Ende 2008 vom Kabinett beschlossen worden, doch steht die Diskussion in Parlament und Ältestenrat erst noch bevor.

Der Versuch, eine Frauenquote für Wahlen auf lokaler Ebene ins Wahlrecht einzufügen, wurde zwar zunächst vom Repräsentantenhaus angenommen, scheiterte aber später am Ältestenrat. Damit wird es vorerst keine Quote geben. 

Von Null auf Zwei

Mit der politischen Repräsentation von Frauen in Somaliland geht es ohne eine solche Mindestanforderung nur sehr langsam voran. Bei einer Konferenz im Dezember 2007 zum 10-jährigen Bestehen von NAGAAD mit 110 Teilnehmerinnen wurde deutlich ausgesprochen, dass der Übergang zu demokratischen Wahlen die erhofften Erwartungen nicht erfüllt hat. Nach den Lokalwahlen 2002 waren gerade 2 von 320 gewählten Personen weiblich. Und bei den Parlamentswahlen im September 2005 wurden von sieben Kandidatinnen nur zwei gewählt. Während die einen froh über die Steigerung von 0 auf 2 im 82-köpfigen Repräsentantenhaus sind, beklagen andere die mangelnde Solidarität von Frauen bei der Stimmabgabe.

Doch 2009 will eine Frau Bürgermeisterin werden. Khadija Hassan Hussein, Mitarbeiterin des Ministeriums für lokale Entwicklung, Mitglied der Regierungspartei  UDUB und von NAGAAD, will sich um ein Mandat bewerben. „Ich sage den Leuten, dass ich als Frau zu keinem Clan gehöre und deshalb auch nicht darauf aus bin, die Bedürfnisse bestimmter Leute auf Kosten von anderen zu perpetuieren.“

Der Text ist Broschüre "Geschlechterpolitik macht einen Unterschied" der Heinrich-Böll-Stiftung entnommen.

Im Sammelband der Heinrich-Böll-Stiftung "Somalia am Horn von Afrika. Alte Konflikte und neue Chancen zur Staatsbildung", Berlin, April 2008 beschreiben Expertinnen und Experten die Hintergründe der Konflikte in Somalia. Die somalische Feministin Shukria Dini analysiert in ihrem Beitrag die Situation der Frauen und die Geschechterbeziehungen.

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