Elfenbeinküste - das Verschwinden meines Vaters

Elfenbeinküste - das Verschwinden meines Vaters

Elfenbeinküste - das Verschwinden meines Vaters

Foto von Venance Konan
Venance Konan ist promovierter Jurist und heute als Journalist und Autor tätig. Foto: privat.

Von Venance Konan
Ich war ein Jahr und acht Monate alt, als mein Land, die Elfenbeinküste, seine Unabhängigkeit erlangte. Ich habe nicht die blasseste Erinnerung daran. Hingegen erinnere ich mich sehr gut, dass der Tag der Unabhängigkeit während meiner Kindheit der zweite große Feiertag des Jahres war. Es gab Silvester und den Tag der Unabhängigkeit. Wir waren noch keine Christen, daher konnten wir nicht viel mit Weihnachten anfangen. Am Tag der Unabhängigkeit zog man mir meine schönsten Gewänder an und wir gingen uns die Straßenzüge und tanzenden Menschen anschauen, die durch jede Ecke des Kaffs zogen, in dem ich aufgewachsen bin. Es gab weder Strom noch Fernsehen, so dass wir keine wirkliche Ahnung hatten, wie dieser Houphouët-Boigny aussehen soll, den man wie einen Gott verehrte, weil er unserem Land die Unabhängigkeit gebracht hatte.

Als ich fünf Jahre alt war, wurde mein Vater verhaftet. Meine Mutter sagte mir, dass mein Vater und ein paar andere Houphouët-Boigny umbringen wollten. Es handelte sich um das Ereignis, was man « le complot du chat noir » (Die Verschwörung der schwarzen Katze) nennen würde. Houphouët-Boigny behauptete, dass seine Feinde ihn mit magischen Mitteln umbringen wollten, vor allem indem sie eine schwarze Katze opferten. Über das ganze Land hinweg wurden hunderte von Personen festgenommen. Für eine lange Zeit sprach man über meinen Vater nur noch hinter vorgehaltener Hand. Über Houphouët-Boigny sagte man, dass er mystische Kräfte besäße, die es ihm ermöglichten seinen Feinden zu entfliehen. Man erzählte uns insbesondere, dass er die Fähigkeit habe, sich in ein Kind zu verwandeln oder sich gar unsichtbar zu machen. 

Nach einiger Zeit wurde mein Vater wieder frei gelassen und rehabilitiert, nachdem der Präsident zugegeben hatte, dass alles ein großes Missverständnis war. Mein Vater hat ihm niemals verziehen. Bei den ersten freien Wahlen von 1990 war es ihm noch einmal vergönnt, gegen Houphouët-Boigny zu stimmen, bevor er ein Jahr später starb.

Die Unabhängigkeit meiner Kindheit war kurz gesagt die Abwesenheit meines Vaters.

Mehrere Jahre später hatte man den «complot du chat noir» vergessen und redete nur noch vom Erfolg unseres Landes. Bis zum Ende meines Studiums, also bis 1987, lebten wir mit dem Mythos, dass in unserem Land alles viel besser liefe als bei den Nachbarn, dass wir vereint seien. Unter einem gewissen Laurent Gbagbo, der heute unser Land lenkt, beanspruchten wir dann 1990 die Demokratie, mit der Begründung, dass unsere Unabhängigkeit nicht abgeschlossen sei und Houphouët-Boigny ein übler Diktator gewesen sei. Der alte Mann war am Ende seines Lebens angekommen. Solange er noch konnte, klammerte er sich an die Macht, bis er schließlich 1993 starb.

Dieses Jahr feiern wir den 50. Jahrestag unserer Unabhängigkeit. Der Norden unseres Landes ist unter der Kontrolle von Rebellen, Kinder verhungern in den Straßen und seit 10 Jahren wurden keine Wahlen mehr abgehalten. Und unser aktueller Präsident – der gleiche, der auf Leute schießen lässt, die seine Macht anfechten – will uns weis machen, dass die wahre Unabhängigkeit mit dem heutigen Tag beginnt. In der Zwischenzeit hat er sich noch einen Mercedes Maybach gegönnt und fliegt jedes Mal nach Marokko, wenn er Zahnschmerzen hat.

Der Präsident meines Landes auf dem Stuhl eines marokkanischen Zahnarztes, das ist für mich mit meinen 52 Jahren die Unabhängigkeit.  


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Venance Konan (*1958 in der Côte d’Ivoire / Elfenbeinküste) ist Journalist und Autor und hat sein Jura-Studium mit einer Promotion in Nizza abgeschlossen. Er war lange Jahre bei Fraternité-Matin, der größten Tageszeitung des Landes, tätig; er ist heute Mitarbeiter verschiedener Zeitungen und Zeitschriften in seiner Heimat und in Frankreich. Zu seinen literarischen Werken gehören die Romane Les prisonniers de la haine (Abidjan 2003, «Die Gefangenen des Hasses ») und Les Catapila, ces ingrats (Paris 2009, «Die Krabbelkäfer, diese Undankbaren ») sowie u.a. die Erzählbände Robert et les Catapila (Abidjan 2005) und Nègreries (Abidjan 2007).


Dossier

50 Jahre Unabhängigkeit in Afrika

Das Jahr 1960 war für viele Afrikaner/innen ein Jahr der Hoffnungen. 17 Länder erlangten die Unabhängigkeit von den kolonialen Mächten. Das Dossier soll „Blitzlichter“ auf die Länder werfen, die 1960 unabhängig wurden: mit ganz persönlichen Beiträgen. Daneben gibt es Hintergrundartikel von renommierten Autoren aus Deutschland und verschiedenen Ländern Afrikas sowie Auszüge aus den Reden, Schriften und Kurzporträts, die die Aufbruchstimmung von 1960 deutlich machen.

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