Südasiens nukleare Verweigerungshaltung

Agni-II Mittelstreckenrakete auf der Republic Day Parade in Neu Delhi, Indien, am 26. Januar 2004.
Foto: Anytonio Milena. Dieses Foto steht unter einer Creative Commons-Lizenz

14. September 2009
Von Pervez Hoodbhoy
Von Pervez Hoodbhoy

Auch wenn sie vielleicht nicht gegeneinander antreten, sind Indien und Pakistan doch in einem ausgewachsenen atomaren Wettrüsten begriffen. Sie sind heute die einzigen beiden Länder der Welt, die ihre Vorräte an spaltbarem Material offiziell aufstocken.

Diese Entwicklung läuft der anderer Staaten, die auf nukleare Abrüstung setzen, entgegen, und so fürchten sie das Heraufziehen internationaler Vereinbarungen. Bevor das Unvermeidliche eintritt, wollen sie zumindest ihre Atomwaffenprogramme so weit wie möglich vorantreiben.

Sprechen wir zunächst über mein Heimatland, Pakistan

Zu dem hoch angereicherten Uran aus Tausenden Zentrifugen im Kahuta-Labor gesellt sich nun der Ausstoß dreier Plutonium produzierender Reaktoren am Standort Khushab. Es gibt keinen zivilen Verwendungszweck für dieses Plutonium. Zwei Reaktoren sind bereits in Betrieb, ein dritter befindet sich im Bau. Ziel ist es, leichtere, aber noch tödlichere Bomben zu bauen. Die genaue Anzahl pakistanischer Atomsprengköpfe und Einsatzmittel ist ein gut gehütetes Geheimnis, doch in der aktuellen Ausgabe des Bulletin Of The Atomic Scientists wird ein früherer Spitzenbeamter des amerikanischen Geheimdiensts CIA mit den Worten zitiert: „[Die Pakistaner] brauchten etwa zehn Jahre, um die Zahl ihrer Kernwaffen von zirka fünfzig auf hundert zu verdoppeln.“ Pakistan hat die Versuche der Genfer Abrüstungskonferenz, die Produktion spaltbaren Materials zu begrenzen, erfolgreich blockiert und behauptet, dies sei aufgrund des indischen Kernwaffenarsenals erforderlich.

Das sind schlechte Nachrichten für Pakistaner wie mich, die sich seit über 25 Jahren gegen das einheimische Atomwaffenprogramm einsetzen. Meine indischen Freunde und Kollegen – die das Atomwaffenprogramm ihres Landes mit viel größerem Einsatz bekämpften – sind noch kläglicher daran gescheitert, ihren eigenen nuklearen Moloch zu stoppen.

Indien gibt sich längst nicht mehr mit Uran- oder Plutoniumbomben zufrieden, sondern strebt ein komplettes thermonukleares Arsenal an. Wie bekannt, ist eine thermonukleare (oder auch Wasserstoff-) Bombe wesentlich komplexer und kann tausend Mal so potent sein wie die relativ simplen Spaltungsbomben, die von Indien 1974 und von Pakistan 1998 getestet wurden. Hochentwickelte Waffen erfordern Feinabstimmung, um ihr volles Zerstörungspotenzial zu entfalten – Frankreich musste 22 Kernwaffentests durchführen, um die nötige Perfektion zu erzielen.

In der vergangenen Woche wurde der Ruf nach neuen Tests in Indien lauter. In einer dramatischen Erklärung legte K. Santanam, ein hoher indischer Beamter, der bei dem Test in Pokhran 1998 mit wichtigen Aufgaben betraut gewesen war, offen, dass Indiens Wasserstoffbombentest im Mai 1998 bei Weitem nicht so erfolgreich verlaufen war, wie bisher stets behauptet. Er bestätigte damit, was Experten in der ganzen Welt seit Langem wussten – die Bombe hatte nicht so funktioniert, wie sie sollte.

Doch warum damit elf Jahre später an die Öffentlichkeit gehen?

Ein inneres Bedürfnis, reinen Tisch zu machen, wird wohl kaum der wahre Grund gewesen sein. Santanams „Gewissensbeichte“ ist mit dem Siegel der Zustimmung der aggressivsten Kernwaffenbefürworter Indiens – darunter P. K. Iyengar, A N. Prasad, Bharat Karnad und Brahma Chellaney – versehen. Indem man dem früheren Test Aussagekraft abspricht, hofft man, weitere Tests zu erzwingen.

Wird eine ausreichend starke Stimmung zugunsten neuer Versuche erzeugt, gerät die moderate Regierung von Premierminister Manmohan Singh mit Sicherheit unter Druck, wann immer eine Unterzeichnung des Kernwaffenteststopp-Vertrags durch Indien zur Debatte steht. Santanams Eröffnung wurde von der Befürchtung angetrieben, dass Präsident Obama in seinem Bestreben erfolgreich sein könnte, dem Vertrag – der 1999 durch den US-Senat so gut wie beerdigt wurde – neues Leben einzuhauchen, was ein weltweites Ende der Kernwaffentests nach sich zöge. Mit anderen Worten – die Uhr läuft.

Doch sind dies bei Weitem nicht die einzigen unheilvollen Entwicklungen

Indien hat mit der See-Erprobung eines atombetriebenen U-Boots mit der Fähigkeit zum Abschuss von ballistischen Raketen unter Wasser begonnen. Das Atom-U-Boot hat eine Verdrängung von 7000 Tonnen und ist das erste einer geplanten Flotte von insgesamt fünf. Im Jahr 2008 stand Indien in der Rangliste der Militärausgaben bereits auf Platz zehn in der Welt, doch damit nicht genug. Im Juli 2009 verkündete Indiens Verteidigungsminister A. K. Antony, dass das Militärbudget für 2009-2010 um nicht weniger als 50 Prozent auf schwindelerregende 40 Milliarden US-Dollar erhöht werden soll – etwa das Sechsfache der militärischen Ausgaben Pakistans.
Was sollte Pakistan angesichts des von Indiens neuer wirtschaftlicher Stärke befeuerten Rüstungswettlaufs tun? Und was kann der Westen unternehmen? Bevor Handlungsalternativen analysiert werden, sollte man Indiens Motive mit kühlem Kopf hinterfragen und die Bedrohungen, denen sich Pakistan sowohl extern als auch intern ausgesetzt sieht, einzeln betrachten.

Indiens Motive für den Rüstungswettlauf

Auch wenn Pakistaner es ungern zugeben, geht es Indiens nuklearen Planern um eine Stellung als Großmacht, nicht um einen Wettbewerb mit Pakistan. Dass Pakistan über Kernwaffen verfügt, wird zwar als störend angesehen, ist aber allenfalls eine nachrangige Erwägung. Indiens neu entdeckter aggressiver und gefährlicher Nationalismus sucht aktiv nach neuen Rivalen und Feinden auf globaler Ebene. Dazu könnten bald auch seine jetzigen Alliierten Russland und die Vereinigten Staaten zählen. Fürs Erste richtet sich das Augenmerk jedoch auf das benachbarte China.

Ein Beispiel: In einem in diesem Monat erschienenen Artikel wagt Bharat Verma, der den Falken zuzurechnende Herausgeber der einflussreichen Indian Defence Review, die absurde Vorhersage, dass China Indien noch vor dem Jahre 2012 angreifen werde und der indischen Regierung daher nur drei Jahre zur Vorbereitung blieben. Er behauptet, dass ein verzweifeltes Beijing darauf aus sei, „Indien die letzte Lektion zu erteilen und damit Chinas Vorherrschaft in Asien in diesem Jahrhundert zu sichern“, und dass China auf ein Endspiel hinarbeite, das in der „unumstößlichen Überzeugung der Kommunisten, dass die chinesische Rasse sogar Nazideutschland bei Weitem überlegen sei“ begründet liege. Vermas Schlussfolgerung: Indien müsse sich bis an die Zähne bewaffnen.

So abartig diese Argumentation auch sein mag, kann Pakistan doch eine gewisse Beruhigung daraus schöpfen, zeigt sie doch, dass die treibende Kraft hinter Indiens Aufrüstung seine Obsession mit China ist und nicht die Pakistan gegenüber empfundene Feindseligkeit oder der muslimische Faktor. Mit einer sechsfach kleineren Wirtschaftsleistung kann Pakistan es sich nicht leisten, mit Indien gleichzuziehen, und sollte sich stattdessen auf existenzbedrohende Probleme wie sein ungebremstes Bevölkerungswachstum, den Terrorismus, der das öffentliche Leben Pakistans dramatisch verändert hat und die Spannungen zwischen den einzelnen Provinzen, die das Land auseinanderzureißen drohen, konzentrieren.

Europa und die Vereinigten Staaten können Pakistan dabei Unterstützung leisten, sollten aber vor allem ihren eigenen Rüstungsindustrien, die die beiden Protagonisten so bereitwillig mit militärischer Ausstattung versorgen, Zügel anlegen. Indiens Aufrüstung verdient eine schärfere Verurteilung als die Pakistans. Die unnötige Militarisierung führt naturgemäß zu Spannungen und zieht gleichzeitig dringend benötigte Ressourcen von den tatsächlichen Bedürfnissen der indischen Bevölkerung ab. Andererseits gibt es keinen Grund für Pakistan, eine indische Invasion zu fürchten. Es muss seine Anstrengungen stattdessen darauf konzentrieren, islamistische Terrorgruppen, von denen es einige am eigenen Busen genährt hat und die neben innerpakistanischen auch Ziele in Indien angreifen, unschädlich zu machen.

Pervez Hoodbhoy ist Professor für Kernphysik an der Quaid-e-Azam-Universität in Islamabad.

Der Artikel ist zunächst in leicht veränderter Form in Rheinischer Merkur vom 10.09.2009 erschienen.

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