Heide Pfarr zur Gedenkfeier für Anne Klein

5. September 2011

Rede von Heide Pfarr

Anne war eine von den acht Senatorinnen im Rot-grünen Senat 1989/90, der erstmals eine Mehrheit von Frauen aufwies. Ich darf hier für uns sieben Verbliebene sprechen. Die Frauenmehrheit war nicht die einzige Besonderheit. Leider immer noch recht einzigartig war das Verhältnis der Senatorinnen untereinander, ein solidarisches und freundschaftliches Verhältnis, an dem Anne einen prägenden Anteil hatte. Unser Hexenfrühstück war Ausdruck dieser Beziehung, und für Anne und für uns andere bedeutete es Absicherung und Unterstützung.

Anne und ich haben nur eine verhältnismäßig kurze Zeit in der Landesregierung von Berlin gesessen, aber im Rückblick kommt es mir lang vor. Das liegt zum einen daran, dass dies die Zeit der Wende war, so viel passierte und wir uns im Mittelpunkt der Welt fühlten. Das liegt aber auch daran, dass die Freundschaft, die den Senatorinnen aus der gemeinsamen Arbeit im Senat und vor allen Dingen aus unserem hexischem Miteinander erwuchs, die Zeiten überdauerte.

Ich will jetzt nicht all die vielen politischen Vorhaben und die beachtlichen Erfolge aufzählen, die Anne als Senatorin hatte. Wichtiger ist mir heute, von Anne als Frau, als Kollegin, als Mitstreiterin und als Mithexe zu sprechen.

Ich glaube, Anne hatte es von allen Senatorinnen am schwersten. Ungemütlich war es sowieso, für die Alternative Liste im Senat zu sitzen, die sich selbst eigentlich weiterhin in der Opposition wähnte und ständig und mit Lust ihren Vertreterinnen im Senat auf die Finger zu klopfen versuchte. Aber Anne hatte darüber hinaus ein Ressort, das damals in der politischen Öffentlichkeit und auch in den Medien noch heftig um Akzeptanz kämpfen musste. Anne stürzte sich in dieser Herkulesarbeit mit Verve und Lust. Ich halte mich selbst frauenpolitisch nicht für feige, aber ich war und bin voller Bewunderung für die Entschlossenheit und den ungewöhnlichen Mut, den Anne im Amt der Senatorin aufbrachte.

Denn sie packte ja nicht nur an, was alle von diesem Senatsressort sowieso erwarteten oder verbreitet befürchteten. Sondern sie drehte große Räder, ohne sich immer der Unterstützung im Senat oder im Abgeordnetenhaus sicher sein zu können. Sie zögerte nicht einmal, wenn sie genau wusste, welch mächtiger Widerstand ihr auch aus Koalitionskreisen entgegenschlagen würde. Ein Gleichstellungsgesetz zu entwerfen bringt immer finster entschlossene Gegenwehr hervor. Es wird nicht gemütlich, wenn man als offen lesbisch lebende Senatorin ein Referat für gleichgeschlechtliche Lebensweisen einrichtet. Und der Bundesrat, in dem auch Anne sich für frauenpolitische Themen einsetzte, wie zum Beispiel die Behandlung des Abtreibungsrechts im Einigungsvertrag, dieser Bundesrat war auch keine sehr trauliche Umgebung für eine kämpferische Feministin.

Ich erinnere mich noch, wie wir beim Hexenfrühstück ein wenig verzagt auf Anne warteten, weil sie für eines ihrer Vorhaben mal wieder in der Presse angegriffen worden war, keine ausreichende Unterstützung seitens der Frauenbewegung bekommen hatte (das kam allzu oft vor) und durchaus gewärtigen musste, dass im Senat auch der Regierende Bürgermeister lautstark seine Zweifel anmelden würde. Und dann erschien: Anne, klein, schmal, mit hoch gestelltem Kragen, blitzenden Augen, sprühend vor Kampfeslust und drauf und dran, uns schon vorweg die durchschlagende Wirkung ihrer Argumente vorzuführen. Da wirkte Anne immer so jung auf mich – bis zuletzt schien sie mir jung, viel viel jünger als die wenigen Jahre, die uns trennten.

Ich glaube, dass eine liebenswürdige Art von Naivität, ja von Weltfremdheit Anne überaus hilfreich war. Denn sie konnte sich wohl einfach nicht vorstellen, dass man und durchaus auch frau auf einer eigenen abweichenden Einschätzung beharrte. Noch weniger zog sie ins Kalkül, dass politische Kungelei, Intrigen und männliches Machtgehabe im Stande sein sollten, ihre Argumente vom Tisch zu fegen. Und mir schien, dass sie derlei nicht einmal immer bemerkte, es gar nicht wahrnahm. Das war gut, denn so konnte sie Situationen durchstehen, die verletzend und auch verletzend gemeint waren. Unverdrossen argumentierte sie auf der rationalen Ebene, auch wenn die gar nicht angesagt war. Und so überstand sie alles – wie mir schien – persönlich unbeschädigt.

Ich weiß nicht, dazu war ich ihr denn doch nicht nahe genug, woher Anne ihre Kraft, ihren Mut, und ja, so habe ich es wahrgenommen, diesen ihren existenziellen Optimismus und die daraus gespeiste Fröhlichkeit nahm. Für uns als ihre Mitsenatorinnen und Mithexen war diese Stärke wunderbar; es fiel so leicht, mit ihr solidarisch zu sein und sie in ihren wichtigen und richtigen feministischen Anliegen zu unterstützen. Auch in der Zeit danach, in der wir uns ja immer wieder trafen, haben wir Annes hitzige Redebeiträge und ihre wärmende und umfassende Liebenswürdigkeit genossen. Wir werden sie sehr sehr vermissen.