Rede für Anne Klein auf der Gedenkfeier der Heinrich-Böll-Stiftung

6. Juli 2011

Heinrich-Böll-Stiftung
Berlin, den 21.Mai 2011 

Rede von Michaele Schreyer

Liebe Barbara,

liebe Freundinnen und Freunde, liebe Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter von Anne Klein.

„Wenn wir aber schließlich zu der Gewissheit kommen, dass wir sterben müssen und alle anderen fühlenden Wesen ebenso, entsteht ins uns ein glühendes, fast herzzerreißendes Gefühl für die Zerbrechlichkeit und Kostbarkeit jedes Augenblicks und jedes Lebenswesens, und daraus kann sich ein tiefes, klares und grenzenloses Mitgefühl für alle Lebewesen entwickeln.“

Dieses Zitat ist aus einem tibetischen Buch.

Anne Klein war voll dieses Mitgefühls. Sie war voller Empathie für Menschen, voller Verbundenheit und Bewunderung der Natur, voller Lebensfreude. 

Jede, jeder, der oder die sie in verschiedensten Zusammenhängen erleben konnte, hat dies erfahren und hat erfahren können, wie Anne andere – uns – Kraft geben und ermutigen konnte

-   in der Blüte ihres Lebens

-   und selbst im Angesicht ihres Lebensendes.

Ich durfte ihren letzten, ihren 61. Geburtstag am 2. März mit feiern. Als ich hinfuhr, war ich – wie viele andere – voller Ängste, dass es eine sehr traurige Begegnung würde. Aber dann geschah das Verblüffende: Anne hat ihren Gästen mit diesem Geburtstagsfest nicht nur eine wunderschöne positive Erinnerung geschenkt, sondern bei der Abreise nach diesem Fest, nach diesem letzten Geburtstagsfest fühlten wir uns gestärkt, voller neuer Energie.

Anne hat es vermocht – selbst todkrank – durch ihre Wertschätzung des Augenblicks und durch ihre Freundschaft uns Energie und Kraft zu vermitteln.

Wir sind nur sehr, sehr kurz Gast auf Erden. Die Vergänglichkeit macht das Leben umso wertvoller.

Im Angesicht der Vergänglichkeit stellen wir die Fragen: Welche Spuren hinterlassen wir in unserer Lebenszeit? Wie wirkt sich unser Leben auf andere aus? Eine gesellschaftlich-kulturelle Frage und eine ganz persönliche, individuelle Frage.

Werden wir als Gesellschaft mehr Wissen hinterlassen, wie Kriege geführt werden oder mehr Wissen über friedliches Zusammenleben? Wird das Erbe, das wir als heutige hiesige Gesellschaft hinterlassen, das Welterbe des Atommülls sein, als Last für mehr als tausend kommender Generationen oder werden wir auch Wissen hinterlassen, wie eine große Weltbevölkerung im Einklang mit der Natur leben kann?

Und welche Spuren hinterlassen wir individuell?

Renate Künast, Heide Pfarr, Jutta Wagner haben soeben aufgezeigt, wie viele Spuren Anne hinterlässt durch ihr kraftvolles, leidenschaftliches Wirken, durch das sie Frauen ermutigte und unterstützte, gegen Diskriminierung, Unterdrückung, Gewalt zu kämpfen.

Diese Ermutigung und Unterstützung soll als ihr Erbe – so hat es Anne verfügt – weitergegeben werden.  

Anne Klein hat der Heinrich-Böll-Stiftung eine sehr großzügige Schenkung gemacht, um zukünftig – 15 Jahre lang – einen mit 10 000 € hoch dotierten Frauenpreis, den Anne-Klein-Frauenpreis zu verleihen.

Dies ist eine große Ehre für die Heinrich-Böll-Stiftung und ich spreche für die gesamte Stiftung, aber insbesondere auch im Namen von Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Und wir danken Anne Klein für das Vertrauen.

Es war wohl nicht allein ihr Beweggrund, die Heinrich-Böll-Stiftung mit dieser schönen Aufgabe zu betrauen, dass die Stiftung die grün-nahe Stiftung ist. Es war sicher auch ihre intensive Erinnerung und Bewunderung für Petra Kelly, die sie in einem Gespräch die größte Feministin nannte, die sie kannte. Vor allem war es aber wohl die feministische Politik, die feministischen Analysen und Diskurse, die seit Gründung der Heinrich-Böll-Stiftung ihren festen Platz in der  Inlands- und Auslandsarbeit der Stiftung haben, die Annes Vertrauen begründeten.

Frauen sind weltweit besonderer Diskriminierung und Gewalterfahrung ausgesetzt. Gleiches gilt für alle, die nicht in die heterosexuellen Normen passen. Es gehört zum Leitbild der Stiftung gegen Diskriminierung, Gewalt, Ausbeutung, Unterdrückung Stellung zu beziehen und weltweit Netzwerke mit diesem Leitbild zu knüpfen und zu unterstützen. Anne war immer wieder begeistert davon, mit welch starken Frauen die Stiftung hier und weltweit zusammenarbeitet.

Mit dem  „Anne-Klein-Frauenpreis“ soll das Frauen-Lebenswerk von Anne Klein, das auf der politischen wie juristischen Ebene dem Kampf um die Durchsetzung von Frauen- und Freiheitsrechten gewidmet war, gewürdigt und fortgesetzt werden.

„Der Preis wird“  - ich zitiere aus dem Schenkungsvertrag -

„an Frauen aus dem In- und Ausland verliehen, die durch herausragendes Engagement im In- und/oder Ausland für die Verwirklichung von Geschlechterdemokratie, Beseitigung von Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes oder der geschlechtlichen Identität besondere Verdienste erworben haben. Diese Verdienste werden insbesondere durch Aktivitäten zur Förderung von Frauen und Mädchen in der Wissenschaft, durch die Förderung und Unterstützung von Innovationen in Technologie, Wissenschaft und Umwelt und/oder durch politische Aktivitäten mit dem Ziel, Freiheit, Menschen- und Frauenrechte zu verwirklichen und umzusetzen, nachgewiesen. Die Preisträgerin soll sich vor allem durch Zivilcourage, Tapferkeit, Widerstand - auch im politischen Bereich -  auszeichnen und sich im Rahmen dieser ihre Aktivitäten möglichst nachweislich für Frauen und Mädchen engagiert haben.“

Das Lebenswerk von Anne Klein durch Verleihung eines feministischen Preises zu würdigen und fortzusetzen – welche schöne Aufgabe, welch schöner Gedanke.

Der Gedanke des Fortwirkens ist tröstlich –

er war für Anne tröstlich als es immer unabänderlicher wurde, dass sie so früh aus dem Leben scheiden wird;

er ist tröstlich für uns Trauernde, die so gerne Anne Klein in ihrer Heiterkeit, ihrem Charme, ihrem Engagement, ihrer Energie noch viele Jahre erlebt hätten.

Wir haben den Trost, dass in jedem Jahr – in zeitlicher Nähe zum Internationalen Frauentag am 8. März – und damit auch in zeitlicher Nähe zu ihrem Geburtstag – Anne durch die Verleihung des Preises weiterhin anderen Frauen Unterstützung und Ermutigung geben wird.

Ich darf Euch, ich darf Sie im Namen der Heinrich-Böll-Stiftung schon heute einladen zur ersten Verleihung des Anne Klein Frauenpreises im nächsten Jahr.