Was bringt der Streit?

Was bringt der Streit?

Was bringt der Streit?

31. Juli 2008
Von Tim Stüttgen
Von Tim Stüttgen

Man stelle sich vor, dass eine Science-Fiction-Autorin ein Buch geschrieben hätte, in dem feministische Diskurse das gesamte gesellschaftliche Feld infizieren würden. Fazit des sicher männlichen Kritikers wäre gewesen, dass der Roman entweder antiquiert oder unrealistisch sei. Nun ist Feminismus zum neuen Buzzword geworden. Wie viele andere erlebe ich auch den Hype um den „neuen“ Feminismus als queerer Aktivist ambivalent. Trotzdem kitzelt es mich in den Fingern, die Korken knallen zu lassen. Eine derartige Sichtbarkeit der Debatte habe ich in diesem Lande selten erlebt.

Die meisten der zur Zeit veröffentlichten Kritiken am Phänomen halten sich mit wenigen, angeblich repräsentativen Positionen auf. Stellvertretend für sie seien die „Alpha-Mädchen“ genannt. Auch ich teile die Ansicht, dass am „neuen Feminismus“ wenig neu oder revolutionär ist. Karriereforderungen, Ausweitung des eigenen Genießens und Networking sind sicher legitime Ansprüche für die junge Frau von heute, doch riechen sie nicht unbedingt nach politischer Radikalität. Das Paradox eines Feminismus, in dem scheinbar nur junge, weiße, mittelständige und attraktive Frauen zu Wort kommen, lässt einen an den Philosophen Michel Foucault denken. Er monierte schon in den Siebzigern, dass die Repressionshypothese, in der Macht pyramidenförmig von „denen da oben“ käme, antiquiert sei. Denn Macht forme auch produktiv: Das Gegenüber der klassischen Repressionskritikerin Alice Schwarzer wäre in diesem Sinne Verena Pooth:  Schönheit, gesellschaftliche Vorteile und lustvolle Unterwerfung unter klassische Klischees benötigen nicht unbedingt mehr „die“ Unterdrückung. Stattdessen zwingt neoliberale Mobilisierung gerade dazu, schön und erfolgreich „glücklich“ zu sein. Frau Pooth diszipliniert sich also schon selbst und mag dies als befriedigend empfinden.

Feministisch heißt erstmal, gründlich zu hinterfragen

Doch anstatt den sexistischen Stereotyp des „bürgerlich-naiven Jugendfeminismus“ zu wiederholen, schlage ich vor, die Begehren junger Feministinnen ernst zunehmen. Wie Simone de Beauvoir einmal gesagt hat, wird man in dieser Gesellschaft erst zu einer Frau – man ist nicht als eine geboren. Demnach muss auch der Feminismus von jeder Frauengeneration neu aktualisiert werden, um auf die Gegenwart zu reagieren. Denn die geäußerten Begehren, die sich nicht auf das Alpha-Mädchentum reduzieren lassen und die ein großes Gefüge verschiedener feministischer Perspektiven zeigen, antworten auch auf Engpässe, die alte Feminismen mitproduziert haben. Feministisch wäre also erstmal, die Oberfläche der Diskussion zu verlassen.

Oben genannte Kritiken, selbst die erfahrener Feministinnen, taugen allzu oft nur als Steilvorlage für Ressentiments, die genauso bürgerlich sind, nur deutlich konservativer, als ihr angeblicher neo-feministisches Gegenüber. Für viele Anti-Feministen meint das F-Wort eh immer nur die Wehwehchen verwöhnter Girlies, die sich nicht so anstellen sollten. Und wenn sie auch noch gesellschaftlich erfolgreich wären (eine Stellung, die bei Männern hingegen als selbstverständlich naturalisiert ist), sollten sie am besten gleich den Mund halten - als sei Feminismus zur Opferpose verpflichtet. Dazu passt eine weitere Anekdote über Alice Schwarzer, die für ihr Lebenswerk viel Ruhm und Respekt verdient, allerdings nicht in den letzten Jahren: Ihre Solidarität mit einer Gruppe CSU-Frauen gegen die auf Magazinfotos sexy abgebildete Gabriele Pauli funktionierte nach der oben beschriebenen Logik. Anstatt die mutige Stoiber-Demonteurin gegen parteiinternes Mobbing zu unterstützen, reichen Latexhandschuhe, um ihr das Hurenklischee unterzuschieben und die Solidarität zu beenden.

Lady „Bitch“ Ray und Charlotte Roche

Manche Positionen des neuen Feminismus, wie die der migrantischen Pro-Sex-Feministin Lady „Bitch“ Ray, sind eine Wohltat, weil sie oben genannte Dualismen ins Absurde führen. Ihre performative Durchquerung der Medienrepräsentation, in der die Vagina den Phallus hat, könnte man glatt mit der Philosophie der Geschlechter-Theoretikerin Judith Bulter lesen: Geschlecht ist Performance – sie kann angeeignet und nach eigenen Regeln genutzt werden. Wenn dabei Herabwürdigendes (wie der Begriff „Bitch“) als Waffe genutzt werden würde, um Vorurteile abzubauen und Handlungsfähigkeiten zu erweitern, wäre dies eine „queere Praxis“.

Genau wie die Aktivitäten von Charlotte Roche könnte man Lady Rays´ Arbeit als neuen Versuch lesen, den Pro-Sex-Feminismus in Deutschland umzusetzen – was in den Achtzigern vom bürgerlichen Mittelstandsfeminismus verhindert wurde. Der Pro-Sex-Feminismus war nicht nur ein seltenes Bündnis homosexueller und heterosexueller Frauen mit verschiedenen Interessen und Klassenhintergründen, insbesondere von Sexarbeiterinnen. Dieses Bündnis wandte sich gegen das „Huren-Stigma“ (Gail Pheterson), bei dem eine sexualisierte Frau entweder dumm oder Opfer sein musste und ihrem biologischen Körper die Verletzlichkeit eingeschrieben war. Hier sprachen die „Huren“ hingegen für sich selbst. Schielt man in die USA oder nach Frankreich, sind viele dieser Positionen sicher mit mehr rhetorischer Schlagkraft oder politischer Konsequenz artikuliert worden – gerade erst wieder im kontrovers diskutierten Buch „King Kong Theorie“ der Autorin Virginie Despentes.

Männer-inklusiver Feminismus als Chance

Ärgerlich ist nicht die Ahistorizität mancher neofeministischer Position, sondern auch die seiner meisten KritikerInnen. Wenn es in den letzten Jahrzehnten feministische Impulse gab, die die Frage nach dem weiblichen Subjekt stellen, kamen diese aus den Pop- und Subkulturen oder den Universitäten. Lesbische Theoretikerinnen haben die Geschlechter-Rollen dekonstruiert und darauf hingewiesen, dass Geschlecht keine biologische Substanz sei und das gesamte Konzept der Geschlechter-Binarität - eine Form der Gewalt. Ihr richtiges Ziel ist es, Identitätskonstruktionen zu hinterfragen und nicht nur für existenzielle Rechte von Transgender zu kämpfen, sondern alle aus dem engen Dualismus von Mann und Frau zu befreien. Dass dies auch einen Männer-inklusiven Feminismus bedeutet, ist keine Drohung, sondern eine Chance. Während Weiblichkeits-Ideologien seit langem ausführlich dekonstruiert wurden, blieb Männlichkeit als naturalisierte Herrschaftsform eingeschrieben. Das ist natürlich Quatsch – auch Männerbilder sind ideologische Konstruktionen – und ein Männer-inklusiver Queer-Feminismus würde helfen, Alternativen zu entwickeln. 

Eine Machtkritik, in der sich Gender mit Rasse und Klasse verbindet

Auch die von jungen Frauen auf der ganzen Welt kollektiv organisierten Ladyfest-Festivals haben sich männlichen Zuschauern geöffnet und aus dem (Differenz-)Feminismus einen queeren gemacht. Sie erinnern daran, dass Gender im Alltag beginnt und seine Veränderung nicht nur Quoten-Regeln, sondern andere Räume braucht, um bessere Geschlechter-Realitäten (er)lebbar zu machen. Dass Feminismus sich dabei auch als lustvoll bejaht, ist kein Hindernis, sondern nur ein weiterer Grund, ihn zu feiern. Insider wissen schon lange, dass die subversivsten Partys derzeit in queeren Kontexten stattfinden. Dort schaffen gerade die prekärsten Subjekte den Spagat zwischen Aktivismus und Lust, Politischem und Persönlichem, Theorie und Praxis. Von ihnen zu lernen, heißt, Feminismus als eine Machtkritikform zu verstehen, in der sich Gender mit Rasse und Klasse verbindet, und neue Praktiken der Anerkennung mit Phantasie und ohne Hierarchie gelebt werden.

Anstatt aus der Feminismus-Debatte ein Konkurrenzgeschäft der Generationen zu bauen oder ihre Teilnehmerinnen zu entmündigen, sollte man sie lieber als Möglichkeit begreifen, Geschlechterpolitik zu radikalisieren. Auch das ist der neue Feminismus. Sonst bliebe nur ein kulturindustrieller Hype – und der kann bekannterweise monatlich durch einen neuen ersetzt werden.

Tim Stüttgen, geboren 1977, ist Performer, Kurator, Queer-Aktivist und Autor. Er studierte Filmwissenschaften in London, freie Kunst in Hamburg und Queer Theorie in Maastricht. 2006 veranstaltete er das Symposium "Post Porn Politics" an der Volksbühne, Berlin; 2008 das Performance Festival "Genderpop" mit dem Goethe-Institut, Athen. Er schreibt u.a. für Taz, Jungle World, Intro, Texte Zur Kunst, Springerin und Spiegel Online. Stüttgen lebt und arbeitet in Berlin.

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