Eine Welt ohne Kohle?

Dr. Frank Umbach auf der Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung. Foto: Stephan Röhl - lizensiert unter Creative Commons.

28. April 2010
Dr. Frank Umbach

Von Dr. Frank Umbach

Deutschland nimmt als größtes EU-Land in jeder Hinsicht eine Schlüsselrolle bei einer ge-meinsamen europäischen Energiepolitik ein. Die früher noch umkämpfte Ausrichtung auf er-neuerbare Energien, eine dezentralisierte(re) Energieversorgung und eine zunehmend de-karbonisierte Energiewelt ist inzwischen sowohl in Deutschland als auch in der EU prinzipiell anerkannt. Die gegenwärtigen energiepolitischen Auseinandersetzungen in Deutschland entzünden sich lediglich bei den Fragen, (1) wie schnell das derzeitige Energieversorgungs-system in diese Richtung umgebaut werden kann, (2) inwieweit Deutschland und die EU die globalen energiepolitischen Trends (unter Beachtung der klimapolitischen Faktoren) berück-sichtigen müssen und (3) inwieweit beim energiepolitischen Dreieck die beiden anderen Fak-toren – neben den umwelt- und klimapolitischen Zielsetzungen - nämlich Versorgungs- und Wettbewerbssicherheit beachtet werden müssen.

Eine Welt ohne Kohle?
Die weltweiten Kohlereserven belaufen sich auf rund 140 Jahre und sind damit weitaus län-ger verfügbar als die konventionellen Öl- und Gasreserven (40 bzw. 60 Jahre). Zudem ist Kohle als der am meisten unterschätzte Rohstoff der Welt bereits das achte Jahr in Folge der weltweit am schnellsten wachsende fossile Brennstoff – ungeachtet aller Klimaschutzdis-kussionen.

Nach zahlreichen neuen Prognosen und Szenarien (IEA, EIA, Kommission, World Energy Council und neuen internationalen Kohlenstudien) droht der größte Anstieg aller fossilen Energieträger auf den Kohlen¬anteil entfallen, der von gegenwärtig 25 auf bis zu 28% bis 2030 zunehmen könnte (IEA-Referenzszenario). In absoluten Zahlen könnte der weltweite Koh-lenverbrauch sogar um nicht weniger als 73% anwachsen. Zugleich gewinnt bei Erdölpreisen von über 70 US-Dollar pro Fass auch die Vergasung (Kohleflözgas – Verwandlung des aus kohleführenden Schichten förderbaren Gases in Flüssiggas) und Verflüssigung von Kohle (CTL) für viele Länder (darunter auch USA, China, Indien u.a.) eine immer größere strategi-sche Bedeutung für ihre zukünftige Energieversorgung.

Eine wesentliche Erklärung findet sich in der Energiepolitik Chinas und Indiens, die als aufstrebende neue wirtschaftliche Großmächte zugleich 40% der Weltbevölkerung ausmachen. Auf diese beiden aufsteigenden Großmächte werden rund 45% des weltweiten Nachfrageanstiegs beim Primärenergieverbrauch entfallen und bis zu vier Fünftel des weltweiten Anstieg des Kohleverbrauchs. Bereits gegenwärtig sind beide Großmächte für etwa 45% der globa-len Kohlennachfrage verantwortlich. Bereits 2006 hat China vermutlich die USA als weltgröß-ter CO2-Emittent abgelöst. Trotz der Weltwirtschaftskrise ist China in 2009 - trotz seiner dritt-größten Kohlereserven der Welt - erstmals auch noch zum Nettoimporteur bei Kohle aufgestiegen.

Bereits gegenwärtig ist für China, Indien u.a. Staaten beobachtbar, dass sowohl die energie-politische Bedeutung der Kohle als auch ihr strategischer Wert für die stoffliche Verwertung in der Chemieindustrie weiter zunimmt. Daher ist für die Zukunft auch nicht ausgeschlossen, dass auch Kohle in der längerfristigen Zukunft zunehmend als „strategischer Rohstoff“ eingestuft werden könnte. Dies gilt insbesondere dann, wenn nach 2030 CCS auch bei der Erd-öl- und Gasförderung Anwendung finden muss, da ansonsten die Zielsetzungen einer min-destens 80%igen Reduzierung der CO2-Emissionen bis 2050 (wie im G8-Rahmen prinzipiell vereinbart) kaum zu realisieren sind. Dann aber dürfte der Preisvorteil der dann wieder billi-geren Kohle (der sich zuvor durch CCS minimiert hat) gegenüber Erdöl und Erdgas erneut zu einer stärkeren globalen Kohlennachfrage führen.

Kohle versus Erneuerbare Energien in EU und Deutschland
Zwar sind die Aussichten für das 20%ige Ziel des Ausbaus der erneuerbaren Energien in der EU-27 bis 2020 von 9% in 2007 inzwischen als gut zu bezeichnen, doch ergibt sich auch dann weiterhin die Frage, woher und wie die übrigen 80% des Energiemix nachhaltig aufgebracht werden. Dieselbe Frage stellt sich auch für Deutschland - auch wenn die neue Bundesregierung am einseitig verkündeten Ziel einer Senkung der CO2 Emissionen um 40% bis 2020 gegenüber 1990 festhält und den Ausbau der erneuerbaren Energien auf bis zu 40% bei der Stromer-zeugung bis 2020 forciert. Bereits der ursprüngliche Ausstieg bei Kernenergie hat in Deutschland zur Folge, dass der Gasanteil von 22 auf mehr 29% bis 2020 zunehmen und damit die Importabhängigkeit vor allem von Russland bzw. einem einzigen Staatsunternehmen (Gazprom) unverhältnismäßig ansteigen würde. Dieser droht mit der Blockade des Baus neuer Braunkohlenkraftwerke und durch den Ausbau der Offshore-Windparks weiter zunehmen. Wie neuere quantitativ-empirische und qualitative Analysen zeigen, haben sich die Energieversorgungsrisiken in den letzten 20 Jahren in Deutschland mehr als verdoppelt. Im internationalen Maßstab sind diese Energieversorgungsrisiken im Rahmen der G-7 Staa-ten mit Ausnahme von Italien nirgendwo höher als in Deutschland.

Ein Verzicht auf Kohle könnte mittelfristig nur durch eine noch größere Gasimportabhängig-keit kompensiert werden. Die Frage, ob Russland gleichzeitig überhaupt das Gas für den künftigen Export kurz- und mittelfristig zur Verfügung hat, wird dabei ebenso wenig themati-siert. Doch Russland sieht sich mit einer Gaslücke als Folge einer nicht-antizipierten stark steigenden Binnennachfrage des heimisch subventionierten Gases und zahlreicher neuer Exportverpflichtungen konfrontiert. Präsident Putin hatte bereits im September 2006 einen verstärkten Ausbau von Kohle- und Kernkraftwerken beschlossen (kürzlich noch einmal bes-tätigt). Im Endeffekt würde so ein deutscher oder europäischer Ausstieg aus der Kohlenut-zung eine höhere Kohlennachfrage und damit höhere CO2-Emissionen in Russland zur Folge haben als wenn Deutschland seine Kohlekraftwerke behält und durch neue effizientere Kraftwerke mit einem wesentlich höheren Wirkungsgrad (<40%) ersetzt. Deutschland hätte dann vielleicht leichter seine nationalen Reduzierungspläne von CO2-Emissions bis 2020 er-füllt, der globalen Klimaschutzpolitik jedoch einen Bärendienst erwiesen. Auch dieses Bei-spiel zeigt, dass nationale energiepolitische Entscheidungen direkte Auswirkungen auf die Energiepolitik anderer Länder und der globalen Klimapolitik haben.

Darüber hinaus zeigt das europäische Forschungsprojekt „NEEDS“ (www.needs-project.org), in das 66 europäische Forschungsinstitutionen und Einrichtungen involviert waren, dass auch bei Ermittlung der „sozialen“ Kosten verschiedener Energieträger bis 2025/2050 – unter Einschluss der abschätzbaren externen (einschl. Kosten von Umwelt- und Klimaschäden) und der privaten Kosten (Preisbildung) -, Kohle (bei Nutzung von Kombi-KW mit integrierter Vergasung/IGCC und GuD-Anlagen mit CCS) überdurchschnittlich gut abschneidet (besser als Biomasse und Photovoltaik; nur schlechter als Offshore-Windkraft und Kernenergie). Dabei wurden die Faktoren der Importabhängigkeiten und Versorgungssicherheit noch nicht einmal berücksichtigt.

Fazit und Perspektiven

  1. So richtig und notwendig der Ausbau der erneuerbaren Energien in einem künftig weitaus dezentralisierteren Energieversorgungssystem ist, so wenig dürfen dennoch nicht die Probleme und Herausforderungen der nationalen, europäischen und globalen Energieversorgungssicherheit und Grundlastsicherung marginalisiert oder gar negiert werden. Die  gewaltigen energie- und klimapolitischen Herausforderungen werden nur durch pragmatische Schritte auf der globalen Ebene lösbar werden. Dabei nimmt der Einfluss vor allem Deutschlands, aber auch der EU und des Westens tendenziell ab, während die energiepolitischen Weichenstellungen außerhalb Europas, vor allem in China, Indien und anderen industriellen Schwellenländern erfolgen wird, wie die gescheiterte Kopenhage-ner Klimakonferenz eindrucksvoll, aber nicht überraschend zeigte.
  2. Technologische Innovationen finden nicht nur bei erneuerbaren Energien statt, sondern auch bei Kernenergie (kleinere, effizientere, sichere und kostengünstigere Reaktoren) und Kohlekraftwerken (z.B. Kombikraftwerke mit einer Endtemperatur von über 700°C mit CCS), wo Deutschland international noch immer eine Technologieführerschaft inne hat. Diese kommt mit wesentlich höheren Wirkungsgraden und Effizienz sowohl der globalen Energiesicherheit wie der weltweiten Klimaschutzpolitik zugute. Auch hierbei ergeben sich für Deutschland künftig große Export¬möglichkeiten, die neben den erneuerbaren Energien einen erheblichen Jobmotor bilden können und gleichzeitig Deutschland inter-national einen größeren Einfluss auf globale energie- und klimapolitische Entscheidun-gen gewähren als wenn Deutschland überall aussteigt.
  3. Die jüngsten Investitionsentscheidungen von Minenbetreibern und internationalen Ener-giekonzernen wie Shell beim Kauf von Rohstoff- und Kohlekonzernen sowie Kohleminen sowie das boomende Geschäft von Kohleflözgas (wie in Australien) und die jüngste Preishausse verdeutlichen, dass ungeachtet der energiepolitischen Entscheidungen in Deutschland und der EU international auch nach 2030 mit „King Coal“ gerechnet werden muss. Allerdings werden die weiteren Innovationen hin zu wesentlich sauberen und effi-zienteren Kohlekraftwerken mit deutlich höheren Wirkungsgraden und Technologieoptio-nen wie CCS entscheidend sein.

Dr. Frank Umbach ist Senior Associate for International Energy Security, CESS, München-Berlin.

Das Webdossier versammelt zum Teil kontroverse Beiträge von Expertinnen und Experten, die an der Konferenz teilnahmen. Die in den Beiträgen vertretenen Meinungen spiegeln nicht zwangsläufig die Sicht der Heinrich-Böll-Stiftung wider.

Dossier

Europäische Energiepolitik

Der Abschied von Kohle, Öl, Gas und Atomkraft ist machbar. Der Übergang ins Zeitalter der Erneuerbaren Energien muss politisch vorangetrieben werden. Es geht um Investitionsanreize und Zukunftsmärkte, um Energiesicherheit und Machtfragen, um technische Innovationen und gesellschaftliches Umdenken.



Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert.
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