Energiestrategien für die Zukunft – Verhindert Atomkraft den nötigen Systemwechsel?

30. September 2010
Von Antony Froggat und Mycle Schneider
Von Antony Froggat und Mycle Schneider

Beitrag aus der Publikation: Schriften zur Ökologie, Band 12: Mythos Atomkraft - Warum der nukleare Pfad ein Irrweg ist

Mycle Schneider und Antony Froggatt analysieren in ihrem Beitrag „Energiestrategien für die Zukunft :
Verhindert Atomkraft den nötigen Systemwechsel?“, ob eine Energiewende in der Stromversorgung Effizienz, Erneuerbare Energien und Atomkraft braucht, brauchen kann, oder ob Atomkraft einen solchen Strukturwandel sogar behindert.
Ausgangslage ihrer Analyse ist folgende These:
Das nächste Jahrzehnt wird für mindestens eine Generation über die Zukunftsfähigkeit, Sicherheit und finanzielle Lebensfähigkeit des Energiesektors entscheiden.
Zumindest folgende Entwicklungen machen einen grundlegenden Wandel des weltweiten Energiesektors erforderlich:

  • Die wachsende Einsicht, dass schnell gehandelt werden muss, um die Risiken des gravierenden Klimawandels zu verringern und die Erkenntnis, wie wichtig hierzu der Beitrag des Energiesektors ist;
  • der wachsende weltweite Energiedienstleistungsbedarf -  vor allem in städtischen Gebieten der sogenannten Entwicklungsländer;
    der weiter zunehmende globale Wettbewerb um klassische Energiequellen - wobei der steigende Bedarf nicht durch neue Vorräte an fossilen Ressourcen gedeckt werden kann und aus umweltpolitischen Gründen nicht gedeckt werden darf;
  • die Notwendigkeit, in den OECD-Ländern große Kraftwerkskapazitäten stillzulegen, da sie entweder das Ende ihrer Lebensdauer erreichen oder neuer Umweltgesetzgebung nicht entsprechen.
  • die rasche Ausschöpfung der gewaltigen Effizienzpotentiale und die beschleunigte Einführung erneuerbarer Energien bedürfen eines radikalen, systemischen Umdenkens, um die effizientesten dezentralen Ansätze entsprechend zu fördern und umzusetzen.

An diesem Scheidepunkt müssen die systemischen Wirkungen unterschiedlicher Energiestrategien von den politischen Akteuren viel besser verstanden werden. Die Hauptthese von Froggatt und Schneider ist:

Atomkraft einerseits und die rapide Steigerung der Energieeffizienz komplettiert durch die beschleunigte, flächendeckende Einführung erneuerbarer Energien andererseits, schließen sich gegenseitig eindeutig aus.
Hierfür gibt es u.a. folgende Gründe, die in dem Beitrag mit zahlreichen internationalen Beispielen belegt werden:
Wettbewerb um begrenztes Kapital. Ein Euro, Dollar oder Yuan kann nur einmal ausgegeben werden. Er sollte deshalb in die Strategie fließen, die Emissionen am umfangreichsten und am schnellsten senkt. Der Beitrag zeigt deutlich:  Atomkraft ist im Vergleich zu den Erneuerbaren nicht nur eine der teuersten, sie ist auch die langsamste Option.
Überkapazitäten vernichten jeden Anreiz für Effizienz. Zentralisierte große Energieeinheiten führen tendenziell zu strukturellen Überkapazitäten. Überkapazitäten lassen keinen Raum für Effizienz.

Flexible komplementäre Kapazitäten sind notwendig. Die Ausweitung erneuerbarer Stromquellen muss durch flexible Mittellastanlagen und intelligentes Lastmanagement ergänzt werden, nicht durch unflexible, große Grundlastkraftwerke.

Stromnetze der Zukunft funktionieren in beide Richtungen. „Intelligente Stromzähler“, „intelligente Haushaltsgeräte“ und „intelligente Netze“ sind im Kommen. Das Konzept ist ein vollkommen neu gestaltetes System, in dem der Nutzer auch eine Erzeuger- und Speicherfunktion erhält. Dies unterscheidet sich radikal vom zentralisierten, vertikalen top-down Ansatz, wie sie bei der Atomkraft charakteristisch ist.

 

Den vollständigen Text können Sie in unseren Schriften zur Ökologie, Band 12: "Mythos Atomkraft - Warum der nukleare Pfad ein Irrweg ist" lesen. 

Antony Froggatt ist Senior Research Fellow am Chatham House in London. Seine Spezialgebiete sind vor allem Klimawandel, EU-Energiepolitik und Atomkraft. Über 20 Jahre lang war er auf dem Gebiet der EU-Energiepolitik für NGOs und Denkfabriken sowie als Berater für europäische Regierungen, die Europäische Kommission, das Europäische Parlament und Unternehmen tätig. Am Chatham House war er Ko-Autor von Studien über Synergien und Konflikte bzgl. der Energie- und Klimasicherheit und der kohlenstoffarmen Entwicklung in China. Kontakt: www.chathamhouse.org.uk

Mycle Schneider arbeitet als unabhängiger internationaler Berater für Energie- und Nuklearpolitik. Gegenwärtig ist er Berater bei dem von USAID finanzierten Programm ECO-Asia zu Energieeffizienz und Energiepolitik. Von 2000 bis 2009 war er Berater des deutschen Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Seit 2004 hat er einen Lehrauftrag im Rahmen des Master-Studienganges International Project Management for Environmental and Energy Engineering an der Ecole des Mines in Nantes (Frankreich). 1997 wurde er zusammen mit Jinzaburo Takagi mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

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