Keine Rückkehr zu den Energiestrategien der Vergangenheit !

Rebecca Harms
Rebecca Harms in Brüssel. Foto: Gerhard Richter. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons-Lizenz

5. März 2010
Von Rebecca Harms

Von Rebecca Harms

Über einige Grundannahmen zur Energie- und Klimapolitik scheint man sich über Parteigrenzen hinweg prinzipiell einig zu sein. So hat sich die EU mehrfach dazu bekannt, die Erderwärmung auf zwei Grad im Vergleich zu vorindustriellen Verhältnissen zu begrenzen. Katastrophale Folgen des Klimawandels sollen so vermieden werden. Die Industrienationen müssen demzufolge ihre Emissionen an Treibhausgas bis 2020 im Vergleich zu 1990 um 25 bis 40 Prozent und bis 2050 um 80 bis 95 Prozent reduzieren. In einer Welt, in der immer mehr Nationen um begrenzte Ressourcen konkurrieren, ist man sich außerdem einig, dass eine zu starke Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen für die heimische Energieversorgung von Nachteil ist. Es herrscht jedoch Uneinigkeit darüber, auf welchem Weg Klimaschutz am besten erreicht und die Abhängigkeit von Importen verringert werden kann.

Kein Platz für Kohle und Atom

Wir Grünen haben dazu klare Vorstellungen. Sowohl für den Klimaschutz als auch für Sicherheit der Versorgung ist eine schnelle Abkehr von den Ideen der Vergangenheit notwendig. Zukunftsfähige Energieversorgung muss auf die sparsame Nutzung sauberer erneuerbarer Energien setzen. Kohle und Atom haben in einer nachhaltigen und damit risikoarmen Energieversorgung keinen Platz.

Die Atomlobby jedoch wittert Morgenluft. Seit Jahren wird die Klimadebatte genutzt, um eine Renaissance der Atomkraft herbeizureden. Die Realität sieht allerdings anders aus. In den letzten vier Jahren wurden in Europa 16 Reaktoren stillgelegt. Nur ein Kraftwerk ging in der gleichen Zeit in Betrieb – in Rumänien, nach 25 Jahren Bauzeit. Die, seit Tschernobyl, einzigen beiden Neubauprojekte in Westeuropa entwickeln sich zu Millionengräbern. In Finnland ist der Neubau um drei Jahre verzögert, die veranschlagten Kosten werden um 55 Prozent überschritten.

Atomkraft: Tschernobyl und Asse

Auch wenn die negative Haltung zur Atomkraft etwas nachzulassen scheint, ist wegen der finanziellen Risiken und der günstigeren
Alternativen mit einer massiven Zunahme von Atommeilern nicht zu rechnen. Zudem hat sich an den Risiken, die mit dieser Technologie verbunden sind, nichts geändert. In der Tat sind sie heute deutlicher als je zuvor. Die Gefahr katastrophaler Unfälle, wie 1986 in Tschernobyl, besteht nach wie vor. Der GAU im deutschen Forschungsendlager Asse ruft in Erinnerung, dass die Endlagerung von Atommüll weltweit ungelöst ist. Und: Militärischer Missbrauch kann nie ausgeschlossen werden.

Abgesehen von diesen großen Gefahren, ist die Atomkraft als Brückentechnologie in das Zeitalter der erneuerbaren Energien ungeeignet – auch wenn Angela Merkel immer wieder das Gegenteil behauptet. Unflexible Kraftwerke für die Grundlast vertragen sich nicht mit einem hohen Anteil erneuerbarer Energien am Netz. Da Atomkraftwerke rund um die Uhr Strom produzieren, der ins Netz eingespeist werden muss – auch dann, wenn Wind- oder Sonnenenergie im Überfluss zur Verfügung stehen – wird das Wachstum der erneuerbaren Energien dadurch begrenzt. Damit die schwankende Verfügbarkeit der erneuerbaren Energien ausgeglichen werden kann, braucht es schnell startende Kraftwerke und Regelenergie. Die grundlegende Entscheidung zwischen Neuem und der Technik von gestern muss heute getroffen werden. Weder technisch noch ökonomisch ist es sinnvoll, beide Pfade gleichzeitig zu verfolgen.

Atomkraft und erneuerbare Energien unvereinbar

Dies gilt auch für den Neubau von Kohlekraftwerken. Durch den hohen CO2-Ausstoß der Kohleverstromung entsteht aber noch ein weiteres Problem. Entscheidungen, heute zu investieren, werden  die Emissionen der EU noch im Jahr 2050 prägen, da bestimmte Kraftwerkstypen eine Lebensdauer von mehreren Jahrzehnten haben. Wer heute in den Bau von CO2-Schleudern investiert, bereitet den klimapolitischen Misserfolg für das Jahr 2050 vor. Die aktuellen Pläne, neue konventionelle Kohlekraftwerke zu bauen, lassen sich nicht mit dem Ziel vereinbaren, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Auch ist es nicht hilfreich, es ist sogar sehr gefährlich, das Heil im Versprechen der CO2-Abscheidung zu suchen und damit die Kohleverstromung als sauber zu verkaufen. Bis heute ist unklar, ob diese Technologie jemals das halten wird, was sie verspricht. Die erfolgreiche sichere Lagerung von CO2 ist nicht überzeugend untersucht.

Wir dürfen uns nicht länger an die schmutzigen und gefährlichen Technologien der Vergangenheit klammern. Wir müssen heute mutig in eine saubere und nachhaltige Energiezukunft investieren, die auf Einsparung, Effizienz und Erneuerbarkeit basiert. In vielen Bereichen sind bereits große Erfolge zu verzeichnen. Während die Atomindustrie mit einer Explosion der Kosten und Verzögerungen kämpft und ein Kohleprojekt nach dem anderen aufgegeben wird, hat sich der Anteil der erneuerbaren Energien in Europa seit dem Jahr 2000 verdoppelt. Die Produzenten erneuerbarer Energien in Deutschland gehen davon aus, bis 2020 an die 47 Prozent des Strombedarfs decken zu können.

Erneuerbare Energien und mehr Effizienz

Das Energiesystem der Zukunft muss auf der sparsamen, intelligenten und effizienten Nutzung sauberer Energieformen basieren. Die Verschwendung von Energie aus gefährlichen und schmutzigen Kraftwerken muss ein Ende haben. In einigen Ländern befinden wir uns schon auf einem guten und global gerechteren Weg dahin. Beim Wandel hin zu neuen Technologien und Strategien der Energieversorgung zu zögern oder abzuwarten, gefährdet das Klima, verstärkt Abhängigkeiten und atomare Risiken. Wir Grünen setzen darum weiter auf erneuerbare Energien und Effizienz. Dieser Weg garantiert nicht nur, dass unsere Energieversorgung sauber und nachhaltig wird, er lässt auch neue Industrien wachsen und schafft zukunftsfähige, sichere Arbeit.

Rebecca Harms ist Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europäischen Parlament.

Das Webdossier versammelt zum Teil kontroverse Beiträge von Expertinnen und Experten, die an der Konferenz teilnahmen. Die in den Beiträgen vertretenen Meinungen spiegeln nicht zwangsläufig die Sicht der Heinrich-Böll-Stiftung wider.

Dossier

Europäische Energiepolitik

Der Abschied von Kohle, Öl, Gas und Atomkraft ist machbar. Der Übergang ins Zeitalter der Erneuerbaren Energien muss politisch vorangetrieben werden. Es geht um Investitionsanreize und Zukunftsmärkte, um Energiesicherheit und Machtfragen, um technische Innovationen und gesellschaftliches Umdenken.


Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert.
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