PARK(ing)day Battle: Mach was aus deinem Parkplatz!

PARK(ing)day Battle: Mach was aus deinem Parkplatz!

PARK(ing)day Battle: Mach was aus deinem Parkplatz!

Kunstaktion oder Konsumkritik, eine lokale Bürgerinitiative oder Stadtmarketing?

31. August 2009
Von Paula Marie Hildebrandt
Von Paula Marie Hildebrandt

Am 18. September 2009 ist World PARK(ing) Day in Berlin: Die Gruppe REPAIRBERLIN hat zur Aktion „Stadt zum Selbermachen“ aufgerufen. Mitmachen kann jede/r! Für einen Nachmittag entstehen auf Parkplätzen spontane Parks, eine Cocktailbar („drink statt drive“), eine Tanzinsel und eine Sonnenbank.

Passanten sind eingeladen, sich niederzulassen, mitzuspielen und für die coolste Idee der PAR-Kings und -Queens zu voten. Auf einem Fragebogen können sie ihre Vorschläge für eine alternative Nutzung des öffentlichen Raums formulieren: Was gibt es in Ihrer Umgebung, das Ihnen nicht gefällt? Was fehlt in unserer Stadt und was wollen Sie ändern? Die Ergebnisse werden von den Agenten von REPAIRBERLIN noch am gleichen Tag veröffentlicht und sind am Wochenende im Fahrgastfernsehen der Berliner U-Bahn, dem „Berliner Fenster“, nachzulesen.

Ursprünglich vom Künstlerkollektiv REBAR aus San Francisco erfunden, findet der PARK(ing) Day als ein Open-Source-Experiment weltweit Nachahmer. Ziel der Aktionen ist es, auf andere zeitgemäße Gestaltungs- und Nutzungskonzepte des öffentlichen Raums hinzuweisen: Lieber barfuß auf Rasen laufen, spielen und sich unterhalten, anstatt Autos zu parken. Denn letztendlich gilt noch immer der von Agitprop-Slogan von Reclaim the Streets  „Autos können nicht tanzen“.

Gebrauchsinformationen für die „Do-It-Yourself“ - die Stadt zum Selbermachen

Diese Aktion ist nur ein Beispiel des gegenwärtigen Trends zur „Do-It-Yourself“-Stadt. In Toronto malt ein URBAN REPAIR SQUAD („Reparatur-Trupp“) Fahrradwege und in Montreal lädt das Canadian Centre for Architecture dazu ein, sich mit konkreten „TOOLS FOR ACTION“ zu bewerben. Weltweit, von Riad bis Buenos Aires, beteiligen sich Hunderte von Projekten mit temporären Fußballplätzen oder mobilen Gärten aus Müllcontainern. In Paris restauriert die Gruppe „LES UNTERGRUNTHER“ bei illegalen Nacht-und-Nebel-Aktionen verwahrlostes Kulturgut. Nicht nur in London verschönern GUERILLAGÄRTNER_INNEN ihre Umgebung. Im Juni 2009 gab es den ersten „CARROTMOB“ in Berlin-Kreuzberg: Mit den Einnahmen eines Aktionsshoppings kann der Besitzer des Multikulti-Spätkaufs jetzt seine C02-Bilanz verbessern. Dass in den verschiedensten Städten über Stadt und Partizipation nachgedacht und urbanistische Experimente unternommen werden, ist vor allem ein Zeichen des Umbruchs, der Neuorientierung und der Wandelbarkeit demokratischer Partizipation.

Bereits in den 60er und 70er Jahren boomte Kunst im öffentlichen Raum und partizipatorische Kunstpraxen in vielfältigen Spielarten von politischer Aktionskunst, Happening, Community Arts, Kommunikationsguerilla oder konkreter Intervention. Spontan inszenierte Begegnungen an diversen Orten, so genannte „Flash“ oder „Smart mobs“, waren vor allem in den 1990er Jahren populär und werden immer weiter entwickelt. Die New Yorker Initiative „Improv Everywere“ hat eine Emailliste mit 13.000 Personen. Neue Informations- und Kommunikationstechnologien mit Websites, Blogs, Emailverteilern, Facebook und Twitter ermöglichen eine immer schnellere und effektivere internationale Vernetzung und Organisation. Nicht nur lassen sich Bilder und Erfahrungsberichte problemlos und zeitnah überall verbreiten, Gebrauchsanleitungen für die „Do-It-Yourself“-Stadt werden kollektiv als Open-Source-Projekt mit einer Creative-Commons-Lizenz und strikten Anti-Copyrights-Gesetzen weiterentwickelt: Frei nach dem Motto: „Mach mit, mach´s nach, mach´s besser!

Foto: Paula Hildebrandt

Eine beiläufige Form des Engagements?

Reformstau, Demokratiedefizit und Politikverdrossenheit –  die aktuelle öffentliche Debatte in Deutschland ist gekennzeichnet von Zweifeln an der Gestaltungs- und Problemlösungskompetenz der großen politischen Institutionen. In der Diskussion über Effektivitäts- und Legitimitätsprobleme staatlichen Handelns hat die politische Dimension zivilgesellschaftlichen oder bürgerschaftlichen Engagements wieder größere Aufmerksamkeit gewonnen. Politisches Engagement –  also politisches Interesse und Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen – gilt als notwendige Voraussetzung funktionsfähiger Demokratien. Auch wenn der zunehmende Vertrauensverlust in die Politik und Politiker sicherlich zu einem Teil einer Überschätzung ihrer Handlungsspielräume geschuldet ist, wird derzeit vielfach eine umfassende Neudefinition von Politik gefordert, die mehr ist als repräsentative Entscheidung und bürokratische Exekution.

Viele der herkömmlichen Orte der Politik – seien es Parteien, Bürgerinitiativen, das Ehrenamt oder ein lokales Agendaforum oder aber eine NGO – mit ihrem teilweise karitativen Charakter, internen Hierarchien, dem oftmals begrenzten Themenzuschnitt sowie einer gewissen Tendenz zur Verwissenschaftlichung und Bürokratisierung, bieten nicht immer eine attraktive Plattform.
 
Aktionen wie der „PARK(ing) Day“ oder der „Carrotmob“ zeigen, dass die Diskussion über das gute Leben und eine zukunftsfähige Entwicklung aktuell bleibt und dass es ein Bedürfnis nach einem anderen, zeitgemäßen Umgang mit politischen Themen gibt — ganz ohne offiziellen Auftrag. Fernab tagespolitischer Aufgeregtheiten und parteipolitischer Debatten findet sich eine Szene junger Aktivisten und Aktivistinnen: temporär, flüchtig, spaßorientiert, pragmatisch und nicht ideologisch. Sie fragen nach der Wirksamkeit gängiger Stadtplanungs- und Beteiligungsmodelle - durch Inszenierung, Zuspitzung, Übertreibung von Realität.

Können diese Aktionen einen Beitrag zu nachhaltiger Politik leisten?
 
Auffällig ist, dass diese Gruppen weniger den Anspruch formulieren, substanziell und mithin strukturverändert neue Arbeits- oder Beteiligungsformen zu organisieren. Vielmehr geht es darum, spielerische Situationen zu schaffen, in denen die Teilnehmenden Anerkennung und Wertschätzung erfahren. Es geht darum, Möglichkeiten eines sinnvollen Tätigseins aufzuzeigen und zu Eigeninitiative zu ermutigen. Als temporäre oder performative Ereignisse unterlaufen sie bewusst den gesellschaftlichen Anspruch einer Verwertbarkeit, eröffnen hingegen individuelle und kollektive Erfahrungen und Kommunikationen. Und es ist vielleicht genau diese „ökonomische Mangelerscheinung“ ohne einen direkten Gebrauchswert, diese vielleicht zufällige Funktionalität, die ihren Charme ausmacht. Für eine begrenzte Zeitspanne erschaffen die Aktionen neben einem konkreten Mehrwert (der Stadtgarten, der Fahrradweg, das restaurierte Pantheon) als produktive Irritation (Teil)-Öffentlichkeiten und wirken damit im Sinne des politischen Agenda-Setting als „Politikflüsterer“ oder „Wegweiser“.

Ob und inwieweit die Initiativen über ein freundliches Zeitgeistphänomen hinaus einen konkreten nachhaltigen Beitrag leisten können, wird auch davon abhängen, ob es gelingt, flüchtige Begegnung und symbolische Aktion mit der öffentlich-administrativen Ebene in Verbindung zu bringen. Als illustrative Beispiele können hier die Aktionen „Die Kinder von Don Quichotte“ oder die Wohnungsbesichtigungspartys von „Le Jeudi Noir“ dienen. Diese machten nicht nur auf das Schicksal von Obdachlosen oder die Absurdität der Pariser Mietmarkts aufmerksam, sie führten darüber hinaus ganz konkret zu legislativen Konsequenzen und der Bereitstellung von Wohnraum für sozial schwächere Gruppen.

Kein Fazit. Weitermachen! Mitmachen! Besser machen!

Das Changieren zwischen Kunst und Sozialem, Kultur und Politik gegenwärtiger Initiativen ist sicherlich auch Ausdruck eines Pragmatismus, sich nicht festlegen zu wollen und sich nur temporär und in kleinen Formaten zu verpflichten. Überhöhte Ansprüche und Wirkungsdiskussionen verfehlen den eigentlichen Sinn und Beitrag kultureller Interventionen als produktive Irritation. Künstlerische, persönliche und gemeinwohlorientierte Ziele müssen sich dabei nicht ausschließen. Interventionen sind per definitionem flüchtig und klein im Verhältnis zur Monumentalität der Stadt und der breiten politischen (Medien-)Öffentlichkeit. Man muss sie suchen und finden wollen.

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