"Bulliger Druckaufbau"

16. März 2010
Von Sun Xiaohua

Yingli Green Energy, eine Erfolgsgeschichte aus der chinesischen Solarbranche

"Wir sind erfreut, die Zusammenarbeit von Yingli und dem tschechischen Unternehmen CTP bekanntzugeben. Sie repräsentiert den Fortschritt, den wir bei der Erkundung des tschechischen Marktes erreicht haben". Fünf MW Photovoltaik-Module sollen noch im letzten Quartal 2009 nach Tschechien gehen. Konzernchef und Gründer Miao Liansheng geht in seiner Ankündigung am 26.August 2009 davon aus, dass ein neuer Wachstumszyklus für Solarprodukte bevorsteht. "Die Finanzierungsbedingungen verbessern sich, der europäische Markt erholt sich" Und Yingli ist dabei.
Knapp einen Monat später, am 22.September 2009, ist Yingli erneut in den europäischen Medien präsent. "Wir fühlen uns sehr geehrt, die erste chinesische Firma zu sein, welche die angesehenste finanzielle Auszeichnung auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien entgegennehmen darf". Bryan Li, Finanzchef von Yingli, bedankt sich in London für den "Global Renewable Energy Award", einen Preis, der gerne auch als "Grüner Oscar" bezeichnet wird.
Yingli wurde in den letzten Wochen als eine der "vielversprechendsten Firmen auf dem Energiesektor" genannt, eine der "erfolgreichsten chinesischen Firmen", eines der "aussichtsreichsten asiatischen Unternehmen". Die Finanznachrichten schreiben von einem "bulligen Druckaufbau", einem bevorstehenden "gewaltigen Ausbruch".
Yingli Green Energy, das ist eine nur kurze Geschichte, aber eine Erfolgsgeschichte: Gegründet wird die Firma 1998, 2003 beginnen die Produktion und der Verkauf von Solarmodulen. Schon 2006 hat sich der Umsatz verdoppelt. 2007 geht Yingli an die New Yorker Börse, wo die Firma unter dem Kürzel YGE gelistet ist. 2008 verdoppeln sich Produktion und Verkauf noch einmal. Im Oktober gibt der Konzernchef bekannt, dass das Unternehmen mit 180 000 Kilowatt sein Umsatzziel für 2009 vorzeitig erreicht hat.
Und Chinas Regierung spielt mit: Auf zehn Prozent der gesamten Energie soll der Anteil der Erneuerbaren in der Volksrepublik bis 2010 erhöht werden, auf 15 Prozent bis 2020. Das Finanzministerium stellte im Juli eine staatliche Beteiligung an Investitionen in Höhe von 50 Prozent bei Solarkraftprojekten von einer Kapazität von über 500 Megawatt in Aussicht. Auf dem nationalen Terrain drängt Yingli, als Nummer zwei direkt hinter Suntech Power Holdings, kraftvoll nach vorne.
Anfang des Jahres war Chinas Solarbranche aufgeschreckt worden: Mit umgerechnet rund 6,7 Cent pro Kilowattstunde gab das Unternehmen Yingli Green Energy gemeinsam mit der SDIC Huajing Power Holdings ein unerhört niedriges Angebot für ein neues Zehn-Megawatt-Photovoltaik-Kraftwerk ab. Es sollte in Dunhuang in der sonnenreichen Provinz Gansu gebaut werden.
Die meisten Bieter waren mit ihrem Angebot zwar ebenfalls unter 19 Cent (das ist der Durchschnittspreis pro kWh in Deutschland) geblieben, aber der Preis von Yingli schockierte die Konkurrenten. Den Zuschlag erhielt letztendlich eine andere Firma, die rund zehn Cent je Kilowattstunde geboten hatte, doch Konzernchef Miao hatte sich mit dem Coup den Ruf eines neuen industriellen Wunderkindes eingehandelt. Die Provinzregierung von Gansu sicherte Yingli Green Energy und SDIC Huajing Power Holdings zu, dass sie das nächste Photovoltaik-Kraftwerk errichten dürften.
Song Dengyuan, Technikvorstand von Yingli Green Energy, meint: "Das niedrige Preisangebot von Yingli hat seinerzeit für Kontroversen gesorgt, weil manche Branchenvertreter bezweifelten, dass man unter diesen Bedingungen kostendeckend arbeiten und Gewinne erwirtschaften kann. Berechnungsgrundlage für diesen Preis war jedoch die Produktionskapazität, die Yingli 2010 haben wird. Bis dahin wird das Unternehmen seine multikristallinen Polysilizium-Ingots und Wafer nämlich in Eigenfertigung herstellen."

Lange Zeit war Chinas Solarmodulproduktion zur Deckung ihres Polysiliziumbedarfs auf Importe angewiesen. 2008 hat die chinesische Solarenergiebranche für die Wafer-Herstellung fast 20 000 Tonnen Polysilizium verbraucht, von denen gerade einmal ein Fünftel von einheimischen Anbietern stammte.
Für Yingli wie auch für andere Akteure im Solarsektor ist die Selbstversorgung mit Polysilizium ein wichtiges Ziel. Denn die Importabhängigkeit ist der Grund, warum Yingli nach wie vor rote Zahlen schreibt. Und das, obwohl das Unternehmen dank der Aufträge mit einem Gesamtvolumen von 100 Megawatt, die es auf der Solartechnik-Messe Intersolar in München angenommenen hat, voll ausgelastet ist.
Konzernchef Miao hat das ehrgeizige Ziel, den Einspeisepreis bis 2011 auf etwa 9,7 Cent pro Kilowattstunde zu senken – ein Ziel, das viele Experten erst 2013 für erreichbar halten. Außerdem prognostiziert der gelernte Betriebswirt, dass Yinglis Produktionskapazität im Jahr 2012 1,4 Millionen Kilowatt erreichen könnte – dank einer lückenlosen industriellen Prozesskette. Yinglis Produkte und Dienstleistungen decken die komplette Wertschöpfungskette in der Photovoltaikindustrie ab – von der Fertigung von multikristallinen Polysilizium-Ingots und Wafern, Photovoltaikzellen, -modulen und -systemen bis hin zur Installation der fertigen Anlagen. Das ist ein Bruch mit dem common sense westlicher Unternehmensberater, welche üblicherweise die Beschränkung auf Kernkompetenzen und damit die Auslagerung und den Zukauf von Produktionselementen empfehlen.
Abnehmer der unter dem Markennamen "Yingli Solar" verkauften Module sind Anlagenbauer und Vertriebspartner weltweit – darunter in Deutschland, Spanien, Italien, Südkorea, Belgien, Frankreich, China und den USA. Die Schweizer Privatbank Sarasin, bekannt für Investitionen in den Ökobereich, sieht für das nächste Jahr ein "überdurchschnittliches Wachstum im Solarbereich" voraus, insbesondere für die außereuropäischen Märkte: 130 Prozent in China, 100 Prozent in Indien und den USA. "Nachdem die Branche 2009 auf ein Nullwachstum heruntergebremst worden ist, wird für die nächsten Jahre mit einer kräftigen Belebung gerechnet".
Investitionen von 300 Milliarden Euro, die in China für 2011 bis 2015 vorgesehen sind, entsprechen gegenüber den fünf Jahren zuvor (2006 bis 2010) mehr als einer Verdopplung. Diese drastische Erhöhung hat Analysten überrascht. "Die Verdopplung des Budgets liegt über unseren Erwartungen", so Yan Biao, ein Analyst von Century Securities Co. Die gesamte Umweltindustrie dürfte seiner Meinung nach profitieren. Doch trotz des kräftigen Aufschwungs bleibt Sonnenenergie in China zwar vielversprechend, aber Kohle und andere fossile Energieträger werden bis auf Weiteres die wichtigste Energiequelle bleiben.

Sun Xiaohua ist leitende Journalistin bei China Daily, einer der Tageszeitungen Chinas, die auch auf Englisch erscheinen. Seit vielen Jahren berichtet sie über Umwelt- und Klimathemen u. a. von den UN-Klimakonferenzen, aus der Arktis und aus den westlichen Provinzen Chinas.

Übersetzung: Andreas Bredenfeld

Green New Deal / Great Transformation