Umbau in Hamburg: Operation am offenen Herzen

Umbau in Hamburg: Operation am offenen Herzen

Umbau in Hamburg: Operation am offenen Herzen

15. März 2010
Von Vera Stadie
Bis 2020 will die Hafen- und Industriestadt Hamburg die CO2-Emissionen um 40 Prozent verringern. Die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt kämpft dafür an vielen Fronten.

"Wenn man bedenkt, wie lange all diese Gebäude schon stehen, wird klar, dass wir vor einer immensen Herausforderung stehen". Christian Maaß, Staatsrat der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, zeigt aus dem Fenster des Rathauses auf die umgebenden Häuser. "In Hamburg", sagt er, "hat man, wie überall, seit 200 Jahren buchstäblich auf Öl, Gas und Kohle gebaut. Entsprechend wurde die Infrastruktur ausgelegt".
Doch was uns die Klimawissenschaftler auf den Weg geben, bedeutet nach Ansicht des Staatsrates, dass unsere gebaute Umwelt innerhalb der nächsten 40 Jahre vollständig umgekrempelt werden muss. "Wir sind hier nicht in Masdar-City oder Abu Dhabi, wo Trabantenstädte auf dem Reißbrett entstehen und u. a. auch Hamburger Architekten Städte von morgen planen, die komplett ohne fossile Energien auskommen". Das sei schon schwer genug, "und doch so viel einfacher als der ökologische Umbau am offenen Herzen einer lebendigen Stadt!".
"Funktionierende Anreize zum Einsatz von Wärmedämmung und erneuerbaren Energien werden gebraucht», betont er, die gebe es bisher nur in Ansätzen. Auch bei den Standards für Neubauten sieht er Verbesserungsbedarf. Die rechtlichen Regelungen führten dazu, dass man immer noch Gebäude errichten dürfe, die schon bald zu energetischen Altlasten werden.
Um die Selbstverpflichtungen der Stadt einzuhalten, müssen die CO2-Emissionen im Gebäudebereich um 90 Prozent verringert werden. Bei dem derzeitigen Verbrauch von rund 200 Kilowattstunden pro Quadratmeter pro Jahr kann man sich ausrechnen, wie schwierig das wird. Und immer noch dürfen Gebäude mit einem Energieverbrauch von 60 KWh/m2/a gebaut werden. "Wir müssen schnellstens Passivhaus-Standard erreichen", erklärt der Staatsrat. "Wir wollen in Hamburg testen, was wir auf Bundesebene machen können".
Berlin behaupte, die Anforderungen an Neubauten müssten bundesweit einheitlich geregelt werden. "Wir sehen das anders". Mit der Novelle des Hamburger Klimaschutzgesetzes sei die Stadt 2008 um 30 Prozent strenger gewesen als der Bund. "Dann hat der Bund nachgezogen und jetzt planen wir die nächste Novelle". In Berlin würde man zwar das Gesicht verziehen, "aber geklagt haben die noch nicht".
Auch bei der Energieerzeugung will Hamburg nach vorn. "Dadurch, dass wir als neues städtisches Unternehmen die Firma Hamburg Energie gegründet haben, geht der Umbau schneller voran". Es sei geplant, die Windkraftkapazitäten in den nächsten Jahren mindestens zu verdoppeln, erläutert Maaß. Es werde zwar bei jeder einzelnen Anlage Widerstand geben, "doch ich gehe nicht davon aus, dass der Ausbau an Protesten scheitern wird". Der Staatstrat zeigt auf die vom Rathaus sichtbaren Windräder im Hafen. "Wir treten 2011 als Umwelthauptstadt an, da gehören Windräder zum Stadtbild".
Hamburg Energie will einen zweistelligen Millionenbetrag in erneuerbare Energien investieren. "Es hat sich herausgestellt, dass wir auf den bestehenden Dachflächen große Potenziale zur solaren Erzeugung von Wärme und Strom haben". Die Rahmenbedingungen für die Solarenergie seien durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz im Moment hervorragend. "Wichtig ist, dass die neue Bundesregierung bei den Einspeisevergütungen nicht die Axt anlegt, sondern Vorsicht und Weitsicht walten lässt, so dass auch die Städte Solarenergie wirtschaftlich lohnend erzeugen können". Auf die Frage, warum ein stadteigener Betrieb wie die Hamburger Hochbahn weiterhin Kohle- und Atomstrom beziehe, verweist der Staatsrat auf die laufenden Verträge. Dann kommt er auf seine nächste Baustelle zu sprechen: Die Strom-, Gas- und Wärmeleitungen der Stadt seien im Besitz von Vattenfall. Am interessantesten seien die Fernwärmeleitungen. "Da schlummern riesige Potenziale, um die Nah- und Fernwärme auf erneuerbare Energien umzustellen und die industrielle Abwärme zu nutzen". In Hamburg untersucht man derzeit, welche Vor- und Nachteile es hätte, die Energienetze zurück in die kommunale Hand zu holen.
Auch anderswo in der Hansestadt haben Eigentümer ein Wörtchen mitzureden. Die im schwarz-grünen Koalitionsvertrag vorgesehenen CO2-basierten Landeentgelte für Flugzeuge seien schwierig umzusetzen, gibt Maaß zu, weil der Flughafen zu 49 Prozent in privater Hand sei.
Mit der größten Kupferhütte Europas, einem Stahlwerk und einem Aluminiumwerk ist Hamburg Standort für Betriebe, die sich auf dem Weltmarkt behaupten müssen. Diese hätten große Anstrengungen unternommen, ihren CO2-Ausstoß zu reduzieren, so der Staatsrat, "auch weil wir im Vergleich zu anderen Ländern hohe Energiepreise haben". Deshalb hat die Stadt großes Interesse an einem Kyoto-Nachfolgeabkommen. Käme das nicht zustande, könnten Länder, die sich keinen Einsparverpflichtungen unterwerfen, die Aluminium-, Stahl- oder Kupferindustrie mit billiger Energie locken. "Wir brauchen international gleiche Wettbewerbsbedingungen, damit die effizient wirtschaftenden Hamburger Unternehmen eine Zukunft haben". Wenn die Firmen abwandern, verringern sich zwar die CO2-Emissionen, aber auch die Steuereinnahmen – und die werden für den ökologischen Umbau dringend gebraucht.


Vera Stadie ist Freie Journalistin und Dozentin in Hamburg.


Weitere Hamburger Klimaprojekte
Als europäische Umwelthauptstadt "Green Capital 2011" will Hamburg sich zu einem Spitzenstandort für Klimaschutz und Klimaforschung entwickeln.

  • Bis 2020 soll der lokale CO2-Ausstoß um 40 Prozent, bis 2050 um 80 Prozent gegenüber 1990 reduziert werden. Derzeit sind im Zuge des Hamburger Klimaschutzkonzeptes 120 Projekte in der praktischen Umsetzung, weitere 150 Maßnahmen sind geplant.
  • Im öffentlichen Nahverkehr sollen dieselbetriebene Busse durch Brennstoffzellenhybridbusse und die neue Stadtbahn ersetzt werden. Die Stadtbahn soll mit einem Netz von knapp 50 Kilometern Außenbezirke anbinden und neue Querverbindungen knüpfen. Durch die Einführung der komplett schadstofffreien Stadtbahn werden 50 Prozent mehr Fahrgäste erwartet.
  • Die knallroten Fahrräder von StadtRAD Hamburg mit Leihstationen im gesamten Stadtgebiet wurden vom ersten Tag an überall begeistert benutzt. Die erste halbe Stunde ist kostenlos, das Entleihen für einen Tag kostet 12 Euro.

Green New Deal / Great Transformation

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