Wie fair ist fair genug? — Zwei Klimakonzepte im Vergleich

Wie fair ist fair genug? — Zwei Klimakonzepte im Vergleich

Wie fair ist fair genug? — Zwei Klimakonzepte im Vergleich

Die Theatralisierung der Natur. Überhöhung als Schwanengesang auf die Natürlichkeit. „Kitka River“ aus der Reihe Museum of Nature von Foto-Künstler Ilkka Halso.

11. September 2009
In der Diskussion um ein gerechtes Klimaregime konkurrieren zwei Modelle: Contraction & Convergence (C&C) und Greenhouse Development Rights (GDRs). Die Kontroverse dreht sich um die Fragen: „Fair und/oder durchsetzbar?“ und „Wie fair ist fair genug?“ Aktuell gibt es kaum weitere Denkansätze mit dem Potenzial, auf gerechte Weise Emissionsreduktionen zu erzielen. Die Auseinandersetzung über diese Konzepte ist wichtig, denn es wäre klimapolitisch fatal, wenn Akteure, die sich für anspruchsvolle Ziele einsetzen, auf der konzeptionellen Ebene gespalten wären. Ein Blick auf die Kernelemente beider Konzepte.

Konzept 1: „Contraction & Convergence (C&C) ist politisch leichter umsetzbar und hat das größere Potenzial zu einem globalen Kompromiss.“

Von Katrin Kraus und Konrad Ott, beide Universität Greifswald

Jedes Konzept zur Ausgestaltung eines künftigen Klimaschutzabkommens sollte das Potenzial haben, gefährliche anthropogene Eingriffe in das Klimasystem zu verhindern oder wenigstens zu begrenzen und die finanziellen Lasten der Klimapolitik gerecht zu verteilen. Darüber hinaus sollte es Aussichten haben, unter den derzeitigen weltpolitischen Rahmenbedingungen umgesetzt zu werden, d. h. es sollte annehmbar und machbar sein. So bedingt die Gerechtigkeit eines Konzepts seine Chancen, akzeptiert zu werden, was wiederum eine Voraussetzung für seine Umsetzung ist. Hingegen könnte ein womöglich ausgesprochen gerechtes Konzept sich als praktisch nicht durchsetzbar herausstellen und damit auch keine positiven Umwelteffekte sichern. Die vier Kriterien zu seiner Beurteilung – Effektivität, Gerechtigkeit/Fairness, politische Akzeptanz und politische Machbarkeit – stehen im Wechselverhältnis zueinander.

C&C wurde Anfang der 1990er-Jahre vom Global Commons Institute (GCI) konzipiert. C&C schreibt die Vorgehensweise vor, nach der ein globales Klimaschutzabkommen verhandelt werden sollte. In einem ersten Schritt muss das Stabilisierungsniveau für die Konzentration von Treibhausgasen vereinbart werden. Das globale Emissionsbudget, welches sich durch diese Obergrenze ergibt, wird im zweiten Schritt langfristig aufgeteilt und zwar so, dass ein Konvergenzjahr vereinbart wird, in dem die Pro-Kopf-Emissionsrechte aller Länder ungefähr übereinstimmen. Ein wesentliches Element von C&C ist also eine Übergangszeit, in deren Verlauf sich die globalen Emissionen kontinuierlich verringern (contraction) und die Emissionsrechte der einzelnen Länder, die anfangs in Höhe der tatsächlichen Emissionen zugeteilt werden, sich auf ein einheitliches Pro-Kopf-Niveau annähern (convergence). Am Ende der Übergangszeit, d. h. im Konvergenzjahr, erhält jedes Land die gleiche Zuteilung pro Kopf der Bevölkerung.

Weiterhin schlägt das Institut einen globalen Emissionshandel und ein Stichjahr vor, ab dem die weitere Bevölkerungsentwicklung auf die globale Allokation keinen Einfluss mehr haben sollte. Letzteres ist vorgesehen, um keine Anreize zu Programmen zur Förderung von Geburten zu geben. Das Konzept teilt somit unter einem festzulegenden Schutzziel die verbliebenen Emissionsberechtigungen egalitär auf. Akzeptiert man das 2° C-Ziel, so dürfte die Konvergenz auf höchstens zwei Tonnen CO2-Emissionen pro Kopf und Jahr hinauslaufen. Dies bedeutet für die Industrieländer eine Reduktion um achtzig Prozent (Deutschland) oder neunzig Prozent (USA) gegenüber 1990 oder einen massiven Zukauf von Lizenzen, wovon arme Länder mit geringen Pro-Kopf-Emissionen profitieren könnten.

Das Konzept der Greenhouse Development Rights (GDRs) wurde 2004 vorgestellt. Folgende Elemente sind für GDRs zentral:

  1. Zunächst spezifizieren GDRs einen Notfall-Emissionspfad, der sich an neuen alarmierenden Forschungsergebnissen orientiert und der die globale Erderwärmung mit hoher Wahrscheinlichkeit auf 2° C begrenzt. Dabei sollten die globalen CO2-Emissionen 2013 ihren Scheitelpunkt erreichen, um danach jährlich um bis zu sechs Prozent zu sinken. 2050 würden sie achtzig Prozent unter dem Niveau von 1990 liegen.
  2. GDRs definieren eine globale Entwicklungsschwelle mit einer Einkommensgrenze von jährlich 7500 US-Dollar Kaufkraftparität. Personen mit geringerem Einkommen erkennen GDRs ein Individualrecht auf Entwicklung zu, d. h. diese per definition Armen müssen keinen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Individuen mit höherem Einkommen, d. h. die globale Konsumentenklasse, sollen die Kosten des Klimaschutzes (Emissionsminderung und Anpassung) tragen. Die intranationale Einkommensverteilung wird zur Grundlage der globalen Lastenverteilung.
  3. Die Lastenteilung wird über einen sog. Verantwortungs-Fähigkeits-Index bestimmt. Fähigkeit wird als Einkommen oberhalb der Entwicklungsschwelle definiert, Verantwortung über die kumulativen Emissionen seit 1990, die auf Einkommen oberhalb der Schwelle zurückgehen. Beide Elemente werden gewichtet und zum Index verrechnet.
  4. Der Verantwortungs-Fähigkeits-Index ergibt für Industrienationen Reduktionspflichten, die in wenigen Jahren über hundert Prozent liegen. So wäre die EU 2030 verpflichtet, 140 Prozent zu reduzieren. Industrienationen haben die doppelte Minderungspflicht – im eigenen Land und in ärmeren Ländern. Die Belastungen für sie sind dadurch höher als bei C&C.
  5. Zur Umsetzung des Konzepts werden zwei Möglichkeiten in Betracht gezogen. Die erste beinhaltet einen globalen Emissionshandel auf der Basis nationaler business as usual (BAU)-Emissionspfade, die in regelmäßigen Abständen überarbeitet und ausgehandelt werden. Die zweite basiert auf einer regelmäßigen Schätzung der globalen Emissionsreduktions- und Anpassungskosten. Die ermittelten Kosten sollen mit Hilfe des Verantwortungs-Fähigkeits-Index aufgeteilt und innerhalb einzelner Länder mittels einer Klimaeinkommenssteuer eingetrieben werden. Auf globaler Ebene sollten diese Gelder einem Klimawandelfonds zur Finanzierung von Reduktions- und Anpassungsmaßnahmen zugeführt werden. GDRs teilen im Unterschied zu C&C keine knappen Emissionsberechtigungen zu, sondern verteilen die Lasten der Bekämpfung des Klimawandels einschließlich der notwendigen Anpassung. Deren Kosten können aufgrund des Querschnittcharakters von Anpassungsprogrammen allerdings nahezu beliebig gesteigert werden.

Ergebnisse des Vergleichs beider Konzepte

Beide Konzepte erheben unterschiedliche Ansprüche und haben unterschiedliche Reichweiten. Während die Autoren von GDRs die Klimakrise in Verbindung mit der Armutskrise lösen wollen, beschränkt sich C&C auf die Lösung des Klimaproblems. Armutsbekämpfung ist hier eher eine erwünschte Nebenwirkung. Während GDRs den Verantwortungs-Fähigkeits-Index auf Emissionsminderung und Anpassung anwenden wollen, bezieht sich C&C nur auf Emissionsminderung. Insofern ist C&C unvollständig. Im Folgenden werden für jedes Kriterium die Ergebnisse des Vergleichs zusammengefasst.

Politische Machbarkeit. Unter dem Kriterium der politischen Machbarkeit ist C&C deutlich im Vorteil, da hier lediglich die Beantwortung von zwei Fragen erfordert wird (Stabilisierungsziel und Dauer des Übergangszeitraums). So ist C&C im Vergleich zu GDRs einfacher verhandelbar. In einem GDRs-Regime müssen dagegen viele Einzelfragen verhandelt werden, etwa die Höhe der Entwicklungsschwelle, das Jahr, ab dem die Verantwortung für vergangene Emissionen beginnt, Formel und Gewichtung zur Berechnung des Verantwortungs-Fähigkeits-Index. Vor allem die regelmäßige Erstellung und Verhandlung von nationalen BAU-Szenarien vermindert die Transparenz des GDRs-Konzepts und erhöht die erforderliche Datenmenge. Die Einfachheit von C&C korrespondiert mit geringen Datenanforderungen (Bevölkerungszahl und nationale Emissionen), so dass C&C leichter bewältigt werden könnte. In einem C&C-Regime besteht langfristige Planungssicherheit für alle Staaten.

Gerechtigkeit. Zur ethischen Rechtfertigung von C&C ist es notwendig, die Speicherkapazität der Atmosphäre für Treibhausgase als Gemeingut anzusehen. Unter der Annahme, dass bei derartigen Gütern die Gleichverteilung die intuitiv attraktivste Lösung ist – worin sollte ein höheres moralisches Anrecht partikularer Gruppen bestehen? – wird eine egalitäre Verteilung bevorzugt. Die Begünstigung von Ländern mit hohen Emissionen, welche die Übergangszeit impliziert, kann ethisch gebilligt werden, weil diese Länder zur Umstellung ihrer Infrastruktur und Lebensweise Zeit brauchen. In Bezug auf das Differenzprinzip kann man feststellen, dass bei C&C zumindest die ärmsten Länder keine eigenen Beiträge zum Klimaschutz leisten müssen und die Erlöse aus dem Emissionshandel verteilen können.

Die Autoren von GDRs sehen die Atmosphäre ebenfalls als Gemeingut an, fordern aber statt gleicher Emissionsrechte Gleichheit bezüglich des Rechts auf Entwicklung. Dabei betonen sie, dass sie dieses Recht als ein Recht auf menschliche Entwicklung verstehen und nur zur leichteren Berechnung des Verantwortungs-Fähigkeits-Index menschliche Entwicklung auf ihre ökonomische Dimension reduzieren. GDRs implizieren eine globale Umverteilung vorhandener Einkommen: Alles Einkommen über der Entwicklungsschwelle darf zur Finanzierung des globalen Klimaschutzes herangezogen werden. Die vorausgesetzte Notstandsethik rechtfertigt es für GDRs, dass oberhalb der Entwicklungsschwelle kein Recht besteht, erwirtschaftetes Einkommen zu behalten. Die ökonomischen Konsequenzen von GDR sind schwerer abschätzbar als die von C&C.

Politische Annehmbarkeit. In den vergangenen Jahren wurde C&C von Bundeskanzlerin Merkel, der EU und mehreren Entwicklungsländern befürwortet, GDRs hat bislang kein Staat akzeptiert. Bei C&C müssen Entwicklungsländer mit niedrigen Pro-Kopf-Emissionen keinen Beitrag zum Klimaschutz leisten, sie können über die Erlöse aus dem Emissionshandel frei verfügen. Entwicklungsländer mit Pro-Kopf-Emissionen nahe am globalen Durchschnitt müssen allerdings schon rasch von ihrem BAU-Entwicklungspfad abweichen bzw. Emissionsrechte zukaufen.

GDRs fordern, die reichen Bewohner der Entwicklungsländer sollen eigene Beiträge zum Klimaschutz leisten, damit ihre Emissionen nicht im Durchschnittsverbrauch untergehen. Diese Forderung ist schlüssig, könnte aber quer zu Realitäten stehen, da die Wohlhabenden auch politisch einflussreich sind und die Beiträge der Schwellenländer von der breiten Bevölkerung aufgebracht werden.

Beide Konzepte verlangen den Industrienationen beträchtliche finanzielle Zahlungen ab. Da C&C keine genauen Zielwerte vorgibt, enthält es Spielräume, die es den Industrienationen ermöglichen könnten, dem Konzept zuzustimmen. Ein ferner liegendes Konvergenzdatum und ein höheres Stabilisierungsziel reduzieren beispielsweise die Last der Staaten mit hohen Pro-Kopf-Emissionen.

Im Fall von GDRs gilt es zu bedenken, dass die geforderte doppelte Verpflichtung für die reichen Länder schwindelerregende Höhen erreichen könnte.

Sicherung positiver Umwelteffekte. Ein Unterschied zwischen beiden Konzepten ist, dass C&C bezüglich des Stabilisierungsniveaus neutral ist, wohingegen GDRs einen ambitionierten Emissionsreduktionspfad vorschreiben. Es ist aber zu bezweifeln, dass ein GDRs-Regime höhere Emissionsreduktionen erzielen kann als ein C&C-Regime, da GDRs drei gravierende Risiken beinhalten:

  1. C&C hat den Vorteil, dass es relativ schnell umgesetzt werden könnte, GDRs sind kompliziert und umfassen kontroverse Detailfragen, die zeitaufwändig verhandelt werden müssen. Die Dringlichkeit einer ehrgeizigen Klimapolitik, die von GDRs betont wird, wird hierdurch konterkariert.
  2. Während bei C&C die begrenzte Speicherkapazität der Atmosphäre zentral ist und sich das ökonomische System nur im Rahmen dieser natürlichen Grenze entwickeln darf, wird bei GDRs nationalen Entwicklungsambitionen Priorität eingeräumt und erst in einem weiteren Schritt versucht, diese mit den natürlichen Grenzen in Einklang zu bringen.
  3. Das GDRs-Konzept nimmt verfügbares Geldeinkommen als Maßstab für ein Leben in Würde und billigt jedem Erdenbürger das Recht auf die Ressourcen zu, die nötig sind, um ein Leben als Mitglied der globalen Konsumentenklasse zu führen. So viel auch von nachhaltigem Konsum die Rede sein mag, faktisch ist der Lebensstil der globalen Mittelschicht energie- und ressourcenintensiv und als Hauptverursacher der Klimamisere nicht von jedem der derzeit knapp 6,8 Milliarden Erdenbürger dauerhaft praktizierbar. Ein globales GDRs-Regime läuft Gefahr, in den Entwicklungsländern Infrastrukturprojekte zu legitimieren, die dazu dienen, den westlichen Lebensstil flächendeckend einzuführen. Mit den Grenzen ökologischer Tragfähigkeit wäre das nicht zu vereinbaren.

Fazit

Unsere Ausführungen zeigen, dass GDRs bei allen Kriterien schlechter abschneiden. Im Vergleich zu GDRs ist C&C politisch leichter umsetzbar, hat das größere Potenzial zu einem globalen Kompromiss, beruht auf weniger anfechtbaren ethischen Grundlagen und hat größere Potenziale, langfristig das öffentliche Bewusstsein und Verhalten zu ändern. Insgesamt ist C&C das zu bevorzugende Konzept. Das Bild einer geteilten Welt, das im GDRs-Framework im Vordergrund steht, mag zwar die heutige Realität treffend beschreiben, vermag aber keine langfristige Vision aufzuzeigen, um die Kluft zwischen Arm und Reich, Nord und Süd zu überwinden. Hingegen evoziert C&C das Bild einer globalen Gemeinschaft, die sich unter wachsendem Problemdruck zu einer sorgsamen und nachhaltigen Bewirtschaftung des Klimasystems zusammenschließt. C&C sollte aber dem Umstand stärker Rechnung tragen, dass herkömmliche Entwicklungspfade über steigendes Wirtschaftswachstum und den Verbrauch fossiler Energie für viele Länder in Zukunft kaum noch möglich sein werden. C&C sollte die Verpflichtung der reichen Länder anerkennen, den Ärmeren bei der Anpassung beizustehen – und zwar nicht aus Gründen der Barmherzigkeit, sondern der Gerechtigkeit.


Der Artikel greift zurück auf die Diplomarbeit, die Katrin Kraus 2009 an der Universität Greifswald vorgelegt hat: „Contraction & Convergence and Greenhouse Development Rights: A critical comparison between two salient climateethical concepts.“

Konzept 2: „Das Greenhouse Development Rights-Modell ist das gerechteste Modell der Lastenteilung.“

Von Tilman Santarius

In den internationalen Klimaverhandlungen wird derzeit über Emissionsminderungsziele verhandelt, um eine gefährliche Störung des Klimasystems noch zu vermeiden. Was ist der jeweils „faire Beitrag“ aller Länder? Wie viele Emissionen sollen Deutschland und die EU, Japan und die USA, China, Indien und die Entwicklungsländer jeweils vermeiden? Und welchen Finanzbeitrag sollen sie aufbringen, um einen gerechten Beitrag zur Lösung des globalen Problems zu leisten? Zig Vorschläge für eine so genannte Lastenteilung wurden in den letzten Jahren vorgelegt. Manche davon sind offensichtlich gerechter als andere.

Am Anfang aller Gerechtigkeit stehen die Menschenrechte. Sie anzuerkennen ist die Grundlage aller Gerechtigkeit; sie umzusetzen muss das erste und höchste Ziel einer gerechtigkeitsfähigen Politik sein. Der Schutz der Menschenrechte ist das Leitmotiv, anhand dessen das Greenhouse Development Rights-Modell (GDRs) die Verteilung der globalen Lasten definiert.

Zunächst definiert das GDRs-Modell eine Beteiligungsschwelle. Menschen, egal ob in Süd und Nord, die über ein Einkommen unterhalb dieser Schwelle verfügen, müssen ihre kargen Mittel nicht für die Lösung des globalen Klimaproblems opfern. Die genaue Höhe dieser Beteiligungsschwelle ist natürlich verhandelbar. Orientierung können empirische Studien liefern, die untersucht haben, ab welchem Einkommen die übelsten Plagen der Menschheit wie Hunger, Unterernährung, Analphabetismus, chronische Krankheiten usw. verschwinden. Erst dann kann annäherungsweise von der Realisierung der grundlegenden Menschenrechte gesprochen werden. Eine solche Beteiligungsschwelle kann bei rund 7500 Dollar Kaufkraftparität pro Mensch und Jahr veranschlagt werden.

Menschen in Süd und Nord, die über ein Einkommen oberhalb dieser Schwelle verfügen, sollten sich an der Lösung des globalen Klimaproblems beteiligen. Auf der Basis ihrer historischen Verantwortung für den Klimawandel – das ist die Summe der kumulierten Pro-Kopf-Emissionen seit 1990 – und ihrer jeweiligen Fähigkeit – das ist die Summe aller Einkommen oberhalb der Beteiligungsschwelle – kann für alle Länder berechnet werden, welchen Lastenanteil sie tragen sollen. Industrieländer wie Deutschland, in denen über 95 Prozent der Menschen ein Einkommen oberhalb der Beteiligungsschwelle beziehen und die zudem vergleichsweise emissionsintensive Lebensstile pflegen, sollen einen größeren Beitrag leisten als die meisten Entwicklungsländer, in denen nur ein kleiner Teil der Bevölkerung über ein Einkommen oberhalb der Beteiligungsschwelle verfügt.

Die Anforderungen

Was sind die Ergebnisse des GDRs-Modells? Die USA als reichstes und emissionsintensivstes Land müssen knapp ein Drittel der globalen Verantwortung tragen, die EU folgt mit rund einem Viertel. Davon fällt auf Deutschland ein Anteil von 5,2 Prozent. China als weltweit bevölkerungsreichstes und im Vergleich aller Entwicklungsländer mittlerweile recht emissionsintensives Land kommt auf einen Anteil von 7,4 Prozent. Insgesamt tragen die Industrieländer einen Anteil von rund drei Viertel und die Entwicklungsländer rund ein Viertel der globalen Last.

Gut fünf Prozent Anteil an der globalen Verantwortung für Deutschland – das klingt zunächst wenig radikal. Wenn aber ausgerechnet wird, wie viel Emissionsreduktionen dieser Anteil für Deutschland bedeutet, wenn das 2°-Ziel eingehalten werden soll, offenbart sich ein drastisches Bild: Deutschlands fairer Beitrag wäre eine Reduktion von 84 Prozent seiner Emissionen bis 2020 gegenüber dem Niveau von 1990! Es ist offensichtlich, dass dieses Ziel in der kurzen Zeit nicht durch Klimaschutzmaßnahmen ausschließlich innerhalb von Deutschland erreicht werden kann. Aber das ist auch nicht nötig. Das GDRs-Modell definiert lediglich, dass Deutschlands fairer Anteil an den globalen Anstrengungen 84 Prozent Minderung ist. Ein wesentlicher Teil dieses deutschen Minderungsziels wie auch der vergleichbar hohen Minderungsziele anderer Industrieländer kann durch Emissionsreduktionen im Ausland realisiert werden.

Aus dem GDRs-Modell resultiert eine doppelte Verpflichtung der Industrieländer: nämlich ihre inländischen Emissionen deutlich zu verringern und darüber hinaus in erheblichem Umfang Reduktionen in Entwicklungsländern zu unterstützen. Erst mit der doppelten Verpflichtung der wohlhabenden Länder wird es möglich sein, ambitionierte Klimaschutzziele weltweit zu verfolgen und gleichzeitig das Recht auf ein Leben in Würde für alle Menschen zu sichern.

Zunächst stellt sich die Frage, ob dies eine vollkommen unrealistische Forderung ist. Ein Blick auf die Kosten verrät, dass die Aufgabe durchaus zu bewältigen wäre. Was würde es kosten, wenn die Bundesrepublik im Jahr 2020 mit Hilfe des Emissionshandels die Hälfte ihres GDR-Minderungsziels, also knapp 350 Megatonnen CO2, im Ausland realisieren würde? Bei geschätzten 60 Euro pro Tonne CO2 im Jahr 2020 beliefen sich die Kosten auf 24 Milliarden Euro. Das sind zwar keine peanuts. Aber horrend erscheint diese Summe angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, auch nicht. Allerdings werden sich nicht alle Emissionsreduktionen im Süden über den Emissionshandel erschließen lassen; andere Mechanismen und Instrumente müssen entwickelt werden, um eine umfangreiche globale Kooperation voranzutreiben.

Konzeptvergleich

Gegenüber dem Modell Contractions & Convercence (C&C), welches die globale Last nach dem Prinzip gleicher Pro-Kopf-Emissionsrechte verteilen möchte, stellt sich das GDRs-Modell in mehrfacher Hinsicht als gerechter dar. Erstens verteilt es die Last auf der Basis von „gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten und Fähigkeiten.“ Damit entspricht es dem wichtigsten Kernprinzip der internationalen Klimapolitik. C&C hingegen ignoriert dieses Prinzip.

Eine Verteilung nach gleichen Pro-Kopf-Rechten mag zwar gerecht klingen. Warum aber sollen Menschen, die bisher kaum zum Klimawandel beigetragen haben, in der Zukunft nur genauso viele Emissionsrechte erhalten wie jene, die schon seit langem einen treibhausgasintensiven Wohlstand pflegen? Ihnen müssen mehr Emissionsrechte zugestanden werden, damit sie das Menschenrecht auf ein Leben in Würde zunächst einmal verwirklichen können. Eine Gleichbehandlung von Ungleichen ist weder gerecht noch stellt sie Chancengleichheit her.

Für das C&C-Modell ist es heute schlicht zu spät. Als das Global Commons Institute das Modell Anfang der 1990er-Jahre entwickelte, wurde noch davon ausgegangen, dass eine Verteilung nach gleichen Pro-Kopf-Rechten den Armen noch ein Wachstum ermöglichen würde. Inzwischen wurde die Atmosphäre weiter mit Treibhausgasen aufgefüllt und zwar schneller als je zuvor in der Geschichte. Zugleich haben die Klimawissenschaftler herausgefunden, dass tiefere Einschnitte als angenommen vonnöten sind, wenn die gefährliche Schwelle von 2° globaler Erwärmung nicht überschritten werden soll: 2050 dürfen nur noch rund eine Tonne CO2 pro Kopf emittiert werden. Da die durchschnittlichen Pro-Kopf-Emissionen der Entwicklungsländer bereits heute bei über zwei Tonnen liegen, müssten sie nach dem C&C-Modell sofort beginnen, ihre Emissionen absolut zurückzufahren. Ist es aber gerecht, dass arme Menschen, die kaum eine Möglichkeit haben, in Klimaschutz zu investieren, und zudem das Problem gar nicht verursacht haben, bereits eine Minderungslast tragen müssen? Sollten nicht jene Menschen auf der Welt, die über die Mittel verfügen und den Zugang zu modernsten klimafreundlichen Technologien haben, den Armen ihre Last abnehmen?

Fazit

Selbst wer Gerechtigkeit hintanstellt, wenn die Chancen auf politische Umsetzung dadurch steigen, wird vom C&C-Modell nicht überzeugt. Alle Anzeichen sprechen dagegen, dass die Entwicklungsländer sich in Kopenhagen auf ein Abkommen einlassen werden, das ihnen schon bald absolute Emissionsreduktionen aufbürdet. Wer diese Forderung erhebt, riskiert, dass Kopenhagen scheitert. Stattdessen steht die doppelte Verpflichtung der Industrieländer, nach der sie Minderungsaktivitäten in den Entwicklungsländern unterstützen sollten, längst im Mittelpunkt der gegenwärtigen Klimaverhandlungen.

Zugegeben, ob diese Unterstützung das Ausmaß erreichen wird, welches das Greenhouse Development Rights-Modell fordert, steht in den Sternen. Darüber dürfte in den Hinterzimmern während der letzten Nacht in Kopenhagen entschieden werden, wenn die Anliegen der Gerechtigkeit wohl nicht mehr im Mittelpunkt stehen …


The Greenhouse Development Rights Framework: The Right to Development in a Climate Constrained World.
A report by Paul Baer, Tom Athanasiou, Sivan Kartha and Eric Kemp-Benedict. Published by the Heinrich-Böll-Stiftung, Christian Aid, EcoEquity and the Stockholm Environment Institute. Revised 2nd edition! Berlin 2008, 112 pages

Titelbild Böll.Thema Ausgabe 2/2009

Böll.Thema Ausgabe 2/2009 - Klimawandel und Gerechtigkeit

„Während die Industrieländer vorangehen müssen, sind die Zeiten vorbei, in denen die Schwellen- und Entwicklungsländer die Hände in den Schoß legen dürfen. Alle Länder müssen Klimaschutz betreiben, egal, wie arm sie sind – dies schon allein aus Eigennutz. Außerdem lassen sich etliche Klimaschutzmaßnahmen aufs Beste mit Armutsreduktion verbinden – man denke nur an Solarkocher, um die Abholzung für Brennholz zu vermeiden, oder den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel, um allen gleichermaßen Mobilität zu ermöglichen. Dennoch ist klar: Die meisten Entwicklungsländer können und sollen in Kopenhagen noch keine Verpflichtungen eingehen.“ - Lili Fuhr und Tilman Santarius, Heinrich-Böll-Stiftung

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